Paul Michael Stiehler (Paul), Julia Kathinka Philippi (Paula) © Thilo Beu
Paul Michael Stiehler (Paul), Julia Kathinka Philippi (Paula) © Thilo Beu

Die Legende von Paul und Paula (seit 02/2024)
Schauspielhaus, Bonn

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Die liebevolle Inszenierung von „Die Legende von Paul und Paula“ im Schauspielhaus Bad Godesberg erweist sich als eindringliches Plädoyer für die Liebe und dafür, den eigenen Weg unbeirrt zu gehen – gerade auch fernab gesellschaftlicher Konventionen. Für Musicalliebhaber kommt jedoch die Musik etwas zu kurz.

Das zwölfköpfige Ensemble macht deutlich, wie entscheidend der Zusammenhalt im Theater ist: Trotz erkennbar krankheitsbedingter, stimmlicher Beeinträchtigung am Abend der besuchten Vorstellung zeigt die Protagonistin Julia Kathinka Philippi die Leidenschaft ihrer Figur in besonderer Intensität auf. Getragen werden sie und das Gelingen der Vorstellung durch eine entsprechende Umverteilung der Songs, während Philippi vor allem körperlich und szenisch präsent bleibt und ihre Rolle weiterführt. Ein anspruchsvolles Unterfangen, dem alle Beteiligten ihren Möglichkeiten entsprechend zuspielen.

„Die Legende von Paul und Paula“ weist eine spannende historisch-politische Dimension auf, deren Kenntnis für das heutige Publikum im Schauspielhaus Bad Godesberg jedoch nicht Voraussetzung ist, um sich emotionale Kraft der Geschichte zu erschließen. Der Stoff wurde 1973 erstmals in der DDR als Kinofilm umgesetzt und politisch kritisch beäugt, da er von einem Leben jenseits ostdeutscher Konventionen im sozialistischen Staat erzählt. Dennoch bescherte der Film der Geschichte Ulrich Plenzdorfs einen großen gesamtdeutschen Erfolg. Auch der gleichnamige Roman wurde ein Bestseller. Gespickt mit zahlreichen bekannten deutschen Popsongs – von Gundermann über BAP bis Rio Reiser – bringt das Theater Bonn nun einer eigenen Bühnenfassung der „Legende“  auf die Bühne.

Paula und Paul leben nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, doch ihre Wege kreuzen sich zunächst lange nicht. Paula, alleinerziehende Mutter einer Tochter, schlägt sich mit Nebenjobs durch. Auf einer Kirmes trifft sie Colly, verliebt sich und wird schwanger. Zeitgleich gehen Paul und Ines eine sachlich-nüchterne Beziehung ein, die in einer Ehe mündet. Paulas Ärztin, Pauls Ehefrau, rät Paula nach der Geburt ihres zweiten Kindes dringend von einer weiteren Schwangerschaft ab, da diese lebensgefährlich wäre. Als Paula unbeschwert mit ihrem kleinen Eddy nach Hause zurückkehrt, erwischt sie Colly mit einer anderen Frau im Bett. Wieder ist sie allein, nun mit zwei Kindern. Lebenshungrig versorgt sie ihre kleine Familie und lernt auf einer Party schließlich Paul kennen, der immer noch unglücklich verheiratet ist. Zwischen Paula und Paul entflammt eine leidenschaftliche Liebe. Paul, der Frau und Sohn nicht verlassen möchte, bleibt jedoch zögerlich. Der ältere Herr Saft hingegen, der Paula schon lange Avancen macht, scheint ihr und ihren Kindern Sicherheit zu bieten. Erst als eines ihrer Kinder stirbt, wird Paul wach und beginnt, um Paula zu kämpfen. Sie wird erneut schwanger. Der Gefahr trotzend bringt Paula ihr drittes Kind zur Welt.

Musikalisch begleitet wird das Stück von einer dreiköpfigen Band unter der musikalischen Leitung von Philip Breidenbach. Der schlichte Bandaufbau ist am linken Bühnenrand plaziert. Die bekannten Popsongs sind für diese reduzierte Besetzung arrangiert und entfalten eine zarte Wirkung: Das Spiel der Band bleibt stets feinfühlig, verspielt und leicht. Die Musik dient weniger als dramaturgischer Motor denn als atmosphärischer Spiegel der Gefühlswelt der Figuren, die sie sensibel unterstreicht.

Das Bühnenbild von Tom Musch besteht aus einem Halbrund mit fünf Drehtüren, die schnelle Szenenwechsel sowie Auf- und Abgänge ermöglichen: Kiosk, Kirmesbuden, Paulas Zuhause und Pauls Garage gehen dabei fließend ineinander über, einem filmischen Schnitt ähnlich. Die Ausstattung ist bewusst schlicht und reduziert. So bleibt die Konzentration des Publikums bei den Emotionen und individuellen Entwicklungsbögen der Figuren sowie ihren Beziehungen zueinander.

Die Kostüme nach einer Auswahl von Nini von Selzam entsprechen zeitloser Alltagskleidung, die den Charakter der jeweiligen Figuren noch unterstreichen: So geht Paula stets mit kurzem Rock und Glitzeroberteil durchs Leben, Paul in einer spießig wirkenden Cargohose und Hemd.

Ein inszenatorischer Coup gelingt Regisseur Roland Riebeling mit dem Durchbrechen der vierten Wand: Als Paul und Paula sich davonstehlen, um gemeinsam ins Theater zu gehen, mischen sie sich unter die Zuschauer:innen und sprechen diese direkt an. Publikum und Hauptfiguren erleben gemeinsam eine kurze Beethoven-Konzertszene, wodurch deutlich wird, dass die Geschichte von Liebe, Leidenschaft und der Flüchtigkeit des Glücks nicht abstrakt bleibt, sondern jede:n betreffen könnte. Die Nähe zu den Figuren verstärkt die emotionale Beteiligung des Publikums.

Philippis Paula ist trotz aller Emotionalität weder naiv noch einfältig gezeichnet. Sie kennt ihren eigenen Wert und vermittelt diesen auch ihren Kindern. Mit Leidenschaft, Enthusiasmus und zugleich von Schuldgefühlen geprägt, verleiht Philippi ihrer Paula eine breite emotionale Palette. Zwischenzeitliche Hustenattacken werden von ihr und dem Ensemble selbstverständlich in Spiel und Erzählung integriert. In ihren verbleibenden Solonummern weicht sie teils in Sprechgesang aus und trägt ihre Rolle so konsequent weiter.

Ihr Spielpartner Paul Michael Stiehler zeichnet Paul treffend linkisch sowohl in der Beziehung zu Paula als auch zu Ehefrau Ines und seinem Sohn Michael. Hin- und hergeworfen zwischen innerer Zerrissenheit und emotionaler Zurückhaltung, gewinnt er im direkten Kontakt mit dem Publikum spürbar an Authentizität und schafft es, trotz des Wankelmuts seiner Figur, Sympathie für Paul zu wecken und aufrechtzuhalten.

Mira Wickert überzeugt als Ines mit einer bewusst unterkühlten Darstellung ihrer Figur und Klarheit im Gesang. Riccardo Ferreira zeigt sich als Colly und in weiteren Nebenrollen durchaus wandelbar, dennoch zeugt sein Spiel von nur wenig Leidenschaft. Ferreira unterstützt die Band gesanglich mit seinem warmen Timbre, unter anderem bei „Ohne dich“. Janko Kahles stellt mit dem Abdecken der Figuren des alkoholkranken Schwiegervaters Pauls und Herrn Safts die eigene Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Nüchtern ergibt er sich dem Schicksal des gut situierten Mannes, der dennoch alleine bleibt („Verdamp lang her“).

Hervorzuheben ist das differenzierte Spiel der drei Kinderdarsteller, die am besuchten Vorstellungsabend auf der Bühne stehen: Anastasia Schröder erlebt als Ulrike den Verlust ihres jüngeren Bruders und die wechselnden Männer an der Seite ihrer Mutter, Marian Schlesingers Eddy stirbt bei einem Unfall, und Michael, gespielt von Julian Letzel, ist der Grund, weshalb seine Eltern ihre unglückliche Ehe fortführen. Allen drei jungen Darstellern gelingt es, ihrer jeweiligen Figur ein entsprechendes Profil zu verleihen.

„Die Legende von Paul und Paula“ geht im Theater Bonn am Standort Bad Godesberg bereits in die Wiederaufnahme, die sowohl das Stück als auch die herzerwärmende Inszenierung absolut verdienen.

 
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KREATIVTEAM
InszenierungRoland Riebeling
Musikalische LeitungPhilip Breidenbach
BühneTom Musch
KostümeNini von Selzam
 
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CAST (AKTUELL)
PaulPaul Michael Stiehler
PaulaJulia Kathinka Philippi
InesMira Wickert
CollyRiccardo Ferreira
Herr Saft / SchwiegervaterJanko Kahle
UlrikeAnastasia Schröder
Mette Pfeiffer
MichaJulian Letzel
Mats Pfeiffer
EddyMarian Schlesinger
Julian Letzel
SteffiMette Schneider
Stefanie Ostheimer
Live-MusikPhilip Breidenbach
Holger Dieffendahl
Nico Stallmann
 
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CAST (HISTORY)
PaulPaul Michael Stiehler
PaulaJulia Kathinka Philippi
InesImke Siebert
CollyRiccardo Ferreira
Herr Saft / SchwiegervaterJanko Kahle
UlrikeAnastasia Schröder
Mette Pfeiffer
MichaThomas Hoschek
Mats Pfeiffer
EddyMarian Schlesinger
Julian Letzel
SteffiMette Schneider
Stefanie Ostheimer
Live-MusikPhilip Breidenbach
Mike Roelofs
Nico Stallmann
  
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TERMINE
Fr, 13.03.2026 19:30Schauspielhaus, Bonn
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 23.02.2024 19:30Schauspielhaus, BonnPremiere
Mi, 28.02.2024 19:30Schauspielhaus, Bonn
Fr, 08.03.2024 19:30Schauspielhaus, Bonn
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