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Tipp der Redaktion
Literatur-Musical

Lotte

Die Leiden des jungen Werther


© Bernd Deck
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Fast ist es ja schon eine Mode, historische Musicals am Originalort entstehen zu lassen. Und so kam 2012 in Wetzlar die Idee auf, Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werther", das als Folge von Ereignissen entstand, die der Schriftsteller 1772 in Wetzlar erlebte, zu einem Musical zu verarbeiten.

(Text: mr)

Premiere:10.07.2015
Derni├Ęre:04.09.2022


Doch es ist keine 1:1-Adaption des ber├╝hmten Briefromans geworden. Wie der Titel schon andeutet, steht im Musical nicht Werther selbst, sondern Lotte im Mittelpunkt. Die Geschichte wird aus ihrem Blickwinkel erz├Ąhlt: Verlobt mit dem bodenst├Ąndigen, besonnenen Albert, lernt sie auf einem Ball den Juristen Werther kennen, der das genaue Gegenteil ihres Verlobten darstellt. Voller ungew├Âhnlicher Gedankenspiele sucht er seinen Weg im Leben, ohne sich zu sehr um Konventionen zu k├╝mmern. Sein Gebaren, mit dem er sich auch gerne mal zum Trottel macht, st├Â├čt sie zwar vor den Kopf, doch genauso fasziniert es sie auch und so l├Ąsst sie sich auf eine n├Ąhere Bekanntschaft mit ihm ein. Auch Albert und Werther freunden sich an, und so entsteht f├╝r eine gewisse Zeit eine M├ęnage-├á-trois, die auf Dauer nicht gutgehen kann.

© Bernd Deck
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Bemerkenswert ist der Schluss, den sich das Kreativteam zurecht gelegt hat. Hier erschie├čt Lotte Werther, woraufhin Albert alle Anzeichen f├╝r diese Tat vertuscht. Eine eigenartige Wendung ÔÇô kennt doch jeder Werther als einen der ber├╝hmtesten Selbstm├Ârder der Literaturgeschichte... Doch innerhalb des Musicals macht es durchaus Sinn; Lotte wird ausgesprochen emanzipiert gezeigt und mit dieser Tat nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand statt Werther die Entscheidung zu ├╝berlassen, was aus dieser Dreiecksbeziehung wird. Ein modernes provokantes Ende, das zum Nachdenken anregt!

© Bernd Deck
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Ein ganz gro├čer Pluspunkt dieses Musicals ist die spannende, abwechslungsreiche und gehaltvolle Musik: Werthers Lied "Mehr zu sein" beispielsweise ist eine ├╝berschw├Ąnglich verspielte Arie, die f├╝r Werthers ├╝bersch├Ąumende Gedanken angesichts all der Wunder der Natur genau den richtigen Ton findet. Im krassen Gegensatz dazu steht Alberts ruhiges, klar aufgebautes Lied "Morgen". Beide Songs entwickeln sich zum Ende zu Duetten mit Lotte: Wenn sie dazu st├Â├čt, ver├Ąndert sich in beiden F├Ąllen auch die Melodie: Werthers Lied wird ein wenig ruhiger; auch musikalisch holt sie ihn also aus seinem Gedankengespinst. Alberts Lied dagegen erh├Ąlt erst mit ihrem Einsatz eine leicht verspielte Note; seine Welt wird durch sie also bunter und leichtf├╝├čiger. Und so kreiert Komponist Marian Lux ├╝ber den Abend immer wieder farbenreiche Stimmungen, in denen die Zuh├Ârer schwelgen k├Ânnen.

© Bernd Deck
© Bernd Deck

Kein Wunder angesichts der vielf├Ąltigen Partitur, dass auch die vorz├╝gliche Band mit sichtlichem Spa├č bei der Sache ist ÔÇô ganz besonders, wenn die Musiker bei dem swingenden "Willkommen in Wetzlar", das vom Conf├ęrencier-Trio immer mal wieder angestimmt wird, richtig losgrooven k├Ânnen.

Dazu hat Kevin Schr├Âder Texte geschrieben, bei denen es sich lohnt genau zuzuh├Âren, um in Lottes und ganz besonders Werthers Welt richtig eintauchen zu k├Ânnen.

Die beeindruckende und h├Âchst unterhaltsame Inszenierung von Christoph Drewitz bespielt den gesamten Lottehof. Dabei handelt es sich um den Hof vor dem Geburtshaus der Charlotte Buff ÔÇô dem realen Vorbild der Lotte in Goethes Roman. Gerade diese Authentizit├Ąt macht diese Auff├╝hrung zu etwas ganz Besonderem. Zentraler Spielort ist eine von drei gro├čen Kastanien beherrschte Terrasse. Ein k├╝nstlich aufgebautes B├╝hnenbild braucht es hier nicht. Rechts von den Zuschauern steht das Lottehaus, dessen Eingangst├╝r der meist genutzte Auf- bzw. Abgangsort ist. Gespielt wird aber nicht nur auf der Terrasse: Die Darsteller stehen mal kurzzeitig hinter den Zuschauern, laufen die Auffahrt hinauf, bewegen sich immer wieder durch das Publikum und auch die Sitzecke vor dem Lottehaus wird gerne mitgenutzt.
Gerade einmal sechs Darsteller sind es, die diesen Abend mit kaum einer Verschnaufpause bestreiten. Allesamt Musical-Profis ÔÇô dass ihre Stimmen sitzen, muss eigentlich kaum erw├Ąhnt werden. Doch sie alle investieren Leidenschaft und man merkt ihnen, genau wie den Musikern, die Freude und das Feuer f├╝r diese besondere Produktion deutlich an.

© Bernd Deck
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Im Zentrum dabei stehen nat├╝rlich Lotte und Werther: Anne Hoth zeigt ein vielschichtiges Portr├Ąt der Titelheldin. Zuerst einmal emanzipiert, manchmal fast schon burschikos, auf der anderen Seite ÔÇô wie sollte es anders sein ÔÇô auch eine ganz verletzbare und verletzte Seele. Die ├ťberforderung mit der Entscheidung f├╝r einen der beiden M├Ąnner, also im Endeffekt die klassische Wahl `Kopf oder Herz` spielt Hoth hervorragend heraus. Auch Werther wird durch Oliver Arno zu einem faszinierenden Charakter. Wenn er ├╝ber seine (im positiven Sinne) eigenartigen Gedankenwelten philosophiert, ist es eine Freude, Arnos intensive Mimik und Gestik zu beobachten. Und immer wieder l├Ąsst der Darsteller subtil mitschwingen, wie dicht der labile Werther sich bei allem Enthusiasmus an der Grenze zur Schwermut oder gar zum Irrsinn befindet. Bei beiden Hauptdarstellern m├Âchte man fast von der "Rolle ihres/seines Lebens" sprechen.

© Bernd Deck
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Dagegen hat es David Wehle schwer: Albert ist in diesem Dreieck einfach der vern├╝nftige Langweiler. Auch Wehle investiert an diesem Abend so viel Gef├╝hl wie m├Âglich, die Rolle gibt schlicht nicht so viel her. Karen Helbing, Ekaterini Tsapanidou und Tobias Weis sind viel mehr als Nebendarsteller. Auch sie stehen fast st├Ąndig im Rampenlicht, mal als Lottes Geschwister, dann als Cousinen, Weis als Lottes Vater oder alle drei als Nachbarn und als Conf├ęrencier-Trio. Dabei zeigen sie sich unglaublich flexibel, oft reicht beim Sprung von einer Figur in eine andere die Zeit nicht einmal f├╝r einen Kost├╝mwechsel, so dass viele Ver├Ąnderungen nur durch Mimik, Gestik und Stimme hervorgebracht werden.

So perfekt das Musical eigentlich auf den Lottehof angepasst ist, bleibt trotzdem zu hoffen, dass sich weitere Theater des St├╝ckes annehmen. Das Material ist einfach zu gut, als dass es nach dieser Spielzeit in der Schublade liegen bleiben d├╝rfte.

(Text: Michael Rieper)



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Kreativteam

MusikMarian Lux
Buch und LiedtexteKevin Schroeder
RegieChristoph Drewitz
Musikalische LeitungMartin Niklas Spahr
ChoreografieDavid Hartland
B├╝hneMiriam Reinhardt
Raphael Schumann
Kost├╝meVerena Polkowski
Lichtdesign Phil Kong


Besetzung

LottePamina Lenn
WertherPatrick Adrian Stamme
AlbertDavid Wehle
Lenchen
Konstanze u. a.
Ekaterini Tsapanidou
Erna
Karoline u. a.
Eva Maria Bender
Fritz
Medicus u. a.
Tobias Weis


Frühere Besetzungen? Hier klicken



Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Bernd Deck
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


31133
Werther mal ganz anders

28.06.2016 - Musical, wie es sein soll: Draussen, authentisch, eigene Geschichte bzw. Bearbeitung und gro├čartige Darsteller. Anne Hoth ist in Traum und die beiden Herren, die um Lottes Gunst buhlen bleiben lange ├╝ber den Abend hinaus im Ged├Ąchtnis. Danke an Oliver Arno (Werther) und an David Wehle (Albert), an das ganze Ensemble und an Christoph Drewitz, dessen Regie und Nutzungskonzept des historischen Ortes diesen Abend zu einem Kunstwerk werden l├Ąsst. Hier stimmt alles. Mindestens.

Hirsch (4 Bewertungen, ∅ 3.8 Sterne)


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Besetzung

Ausstattung

Ein kleines Juwel! Viele tolle Einzelkomponenten (Musik, Buch, Inszenierung, Ensemble, Spielort) f├╝gen sich zu einem gro├čartigen, intelligenten Musical.

26.06.2016

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