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Komödie

Hairspray

Niemand stoppt den Beat!


© Manja Herrmann
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Ein bereits zur Pause vor Begeisterung tobendes Publikum kann sich nicht irren: Das treffend inszenierte "Hairspray" überzeugt mit einem tollen Cast und quirliger musikalischer Umsetzung. Gut gemachte Unterhaltung mit einer klaren Botschaft: Wer 'was Großes werden will, der braucht große Träume!

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:05.11.2022
Dernière:11.05.2023
Showlänge:165 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Tracy Turnblad versteht die Welt nicht: "Warum können wir nicht alle gemeinsam im Fernsehen tanzen?" Ihre Lieblingssendung, die "Corny Collins Show", beharrt auf einem konsequent konservativ-rassistischem Weltbild: Auf der Mattscheibe sind üblicherweise nur weiße College-Kids zu sehen. Als großes Zugeständnis an Schwarze gilt der monatliche "Negro Day", an dem sie im Studio allerdings unter sich bleiben müssen. Eine Mischung der Menschen verschiedener Hautfarben gilt Anfang der 1960er Jahre in den USA als absolutes Tabu.

© Manja Herrmann
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Tracy ist diese Schwarz-Weiß-Denkweise schon deshalb fremd, weil sie als übergewichtiges Pummelchen nicht dem Schönheitsideal der Mehrheitsgesellschaft entspricht und deshalb gemobbt wird. Dennoch beharrt sie selbstbewusst auf ihren Prinzipien und findet im Laufe der Handlung nicht nur ihr privates Liebesglück, sondern wird auch zur "Miss Teenage Hairspray 1962" gekürt und vereint im Finale schwarze und weiße Kids im gemeinsamen Tanz.

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Das funktioniert leider nur in der schönen, bunten Musical-Welt, sodass Diskriminierung, Hass und Hetze gegen vermeintlich Andersartige auch 60 Jahre später noch erschreckend aktuell sind. Die von Iris Limbarth konzipierte und von Toni Burkhardt auf die Bühne gebrachte Inszenierung unterstreicht diese Aktualität, indem sie vor der Pause bei der Anti-Diskriminierungs-Demonstration mit einem Protest-Schilder auf die aktuelle "Black Lives Matter"-Bewegung verweist.

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Selbstverständlich kommt auch das unterhaltende Element nicht zu kurz. Regisseur Burkhardt hat ein gutes Händchen in der Personenführung, legt ein enormes Tempo vor, lässt aber auch - wie beim Song "Ohne dich" - Raum für ruhigere Momente. Seine solide, werkgetreue Inszenierung punktet besonders mit ihren liebevoll gezeichneten Charakteren und auf den Punkt genau gesetzten Pointen.

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Für die schnellen Szenenwechsel hat Britta Lammers einen minimalistischen Bühnenraum geschaffen, in dessen Hintergrund über einem vierstufigen Podest ein sich öffnender Graffiti-Prospekt für unterschiedliche Perspektiven sorgt. Zwei links oder rechts einfahrende Metall-Kuben deuten Tracys Zuhause oder andere Spielorte an. Einschwebende Versatzstücke lassen zum Beispiel die Turnhalle oder das Studio der "Corny Collins Show" entstehen. Somit ist genug Platz für die Massenszenen und Tänze, die Sabine Arthold rasant choreografiert. Das große Gesangs-Ensemble aus Solisten und den Mitgliedern des Opernchores glänzt hier ebenso wie natürlich die Tänzerinnen und Tänzer der hauseigenen Ballettcompagnie.

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Heike Korns farbenfrohes Sixties-Kostümbild unterstreicht optisch die Unterschiede zwischen Weißen und People of Color: Petticoats, Schlips und Kragen auf der einen Seite, karierte Kleider, T-Shirts, Chinohosen und Turnschuhe auf der anderen. Für die großen Show-Momente gibt es raffiniert geschnittene Roben mit einem Rausch aus Pailletten und Federn.

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Dass auf dem Besetzungszettel bei den Rollen von Tracy und ihrer Mutter Edna die Namen von Ensemble-Mitgliedern stehen, die sonst in großen Opernpartien zu Hause sind, ist alles andere als eine Notlösung - im Gegenteil! Victoria Kunze überrascht in Gesang und Tanz so sehr, dass man kaum glauben kann, dass sie keine Ausbildung als Musicaldarstellerin hat. Ihre klassisch geschulte Stimme nimmt sie stark zurück, funkelt aber in den Höhen wie bei "Glocken klingen hell" oder der "Good Morning Baltimore"-Reprise im zweiten Akt. Tracy ist vom ersten Moment an die große Sympathie-Trägerin der Show, die Kunze mit facettenreichen Spiel und dynamischen Tanzschritten bis ins Finale grandios ausfüllt. Respekt!

Als Reminiszenz an die Dragqueen Divine, die in dem dem Musical zugrunde liegenden Film von 1988 als Edna Turnblad auftritt, wird die Mutterrolle auch in der Bühnenfassung traditionell mit einem Mann besetzt. Mit dem Bassisten Ulrich Burdack steht ein weiterer sensationell guter Darsteller aus dem Hausensemble auf der Bühne. Nicht nur seine imposante optische Erscheinung, die durch Absatzschuhe noch stärker betont wird, empfiehlt ihn für diese Rolle. Burdack spielt die weibliche Seite keck und mit viel Humor aus und gibt die Figur in keiner Sekunde der Lächerlichkeit preis. Edna ist hier eine wahre Familien-Glucke, die immer wieder mit ihrem rabenschwarzen, vollen Bass komische Glanzlichter setzt. Zu einem Höhepunkt der Show gehört zweifellos das gefühlvolle Duett von Edna und Ehemann Wilbur "Du bist zeitlos für mich", bei dem Schauspieler Kay Krause als geradezu schmächtiger Scherzartikelverkäufer einen gute Kontrapart gibt.

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Als dritte starke Frauenfigur steht mit Deborah Woodson als kämpferische Motormouth Maybelle eine wahre Stimm-Granate auf der Bühne. Mit ihrer gewaltigen, souligen Gospelstimme übertrumpft sie akustisch scheinbar mühelos Ensemble-Gesang, Musikbegleitung und ein wild applaudierendes Publikum. Zu Recht gilt Woodson als die deutschsprachige Idealbesetzung dieser Rolle. Mit Malcom Quinnten Henry als Seweed J. Stubbs, Vanessa Weiskopf als Little Inez, Antoine Banks-Sullivan (Ensemble), Jamie-Lee Uzoh (Ensemble) und den drei Dynamites-Girls Louisa Heiser, Sharon Isabelle Rupa und Nicole Rushing stehen weitere stimmstarke, ausgebildete, schwarze Musicaldarstellerinnen und -darsteller auf der Bühne, die der Inszenierung Authentizität geben.

© Manja Herrmann
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Boshana Milkov als Velma von Tussle und Julia Lindhorst-Apfelthaler als ihre Tochter Amber sind zwei knallgelb gewandete Giftspritzen und bilden die Speerspitzen der Rassismus-Bewegung. Milkov gibt mit ihrem satten Mezzosopran dem Song "Velmas Rache" eine jazzige Note, "Sie ist ekelig" ist Lindhorst-Apfelthalers gesungener Rachefeldzug gegen die verhasste Tracy, die ihr schließlich auch noch den zunächst unter ihrem Pantoffel stehenden Freund Link abspenstig gemacht hat. Andrew Irwin befreit sich in dieser Rolle als Duckmäuser und gefällt stimmlich im Schmachtfetzen "Ich und du". Karsten Zinsers arrogant angelegter Corny Collins sieht aus wie Barbies Ken und gefällt im Song "Hairspray" mit Sprühdosen-Begleitung.

Abgerundet wird der positive Eindruck durch die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Tonio Shiga. Dies fällt insbesondere zu Beginn des zweiten Aktes auf, wenn der Klangkörper bei noch geschlossenem Vorhang spielt und in die Gefängnis-Szene überleitet. Aus dem Graben klingt stets ein satter Sound von knackigen Bläsersätzen, schwirrenden Geigenklängen und kraftvollen Drum-Passagen, die jedoch nie die Szenerie überlagern.

© Manja Herrmann
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Es ist immer wieder schön, wenn kommunal finanzierte Theater den Mut haben, ein Musical nicht nur halbherzig irgendwie auf die Bühne zu bringen, sondern mit viel Know-how und einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller Gewerke des Hauses eine rundum gelungene Produktion auf die Beine stellt. Riesenjubel und Zugabe-Rufe nach dem finalen "Niemand stoppt den Beat"!

(Text: kw)



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Kreativteam

Buch von Mark O’Donnell und Thomas Meehan / Musik von Marc Shaiman / Liedtexte von Scott Wittman und Marc Shaiman / Basierend auf dem New Line Cinema Film, Drehbuch und Regie von John Waters / Deutsche Fassung von Jörn Ingwersen
(Dialoge) und Heiko Wohlgemuth
(Songs).


Musikalische LeitungTonio Shiga
InszenierungskonzeptIris Limbarth
InszeneriungToni Burkhardt
BühneBritta Lammers
KostümeHeike Korn
ChoreografieSabine Arthold


Besetzung

Tracy TurnbladVictoria Kunze
Edna TurnbladUlrich Burdack
(Tetje Mierendorf)

Wilbur TurnbladKay Krause
(Johannes Simons)

Corny CollinsKarsten Zinser
Link LarkinAndrew Irwin
(Tobias Joch)

Penny PingletonSydney Gabbard
Prudy Pingleton
Sportlehrerin
Gefängnisaufseherin
Iris Wemme-Baranowski
Amber von TussleJulia Lindhorst-Apfelthaler
Velma von TussleBoshana Milkov
Motormouth MaybelleDeborah Woodson
Seaweed J. StubbsMalcolm Quinnten Henry
Little InezVanessa Weiskopf
The DynamitesLouisa Heiser
Sharon Isabelle Rupa
Nicole Rushing
Mr. Pinky
Harriman F. Spritzer
Patrick Ruyters
(Johannes Osenberg)

Gefängniswächter
Schuldirektor
Róbert Tóth
Corny Collins´KidsJacopo Bellani
Deborah D´Aversa
Melissa Festa
Volodymyr Fomenko
Giulia Girardi
Lidia Melnikova
Pau Pérez Piqué
Ming-Hung Weng
Motormouth KidsAntoine Banks-Sullivan
Renan Carvalho
Jamie-Lee Uzoh
EnsembleAntoine Banks-Sullivan
Jamie-Lee Uzoh
Popchor 1Katharina Diegritz
Lilian Giovanini
Basak Ceber
MacKenzie Gallinger
Vladimir Marinov
Patrick Ruyters
Popchor 2Elena Zehnoff
Yvonne Blunk
Vladimir Marinov
Róbert Tóth
Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven

Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven

Ballettcompagnie des Stadttheaters Bremerhaven

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Statisterie des Stadttheaters Bremerhaven





Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Manja Herrmann
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


32296
Mit dieser Inszenierung steckt das Stadttheater Bremerhaven so manches größere Haus in die Tasche!

10.01.2023 - Jedes kleinere Mehr-Sparten-Haus kennt diese Probleme bei der Besetzung eines Musicals aus dem hauseigenem Ensemble: Der Sopran kann wunderbar singen aber weniger gut tanzen. Der Schauspieler spielt sich ´nen Wolf, hat´s aber nicht so mit dem Singen. Und der Ballett-Tänzer kann nichts außer tanzen, tanzen und nochmals tanzen. Hinzu kommt ein in die Jahre gekommener Opernchor, dessen Mitglieder auch für die div. Nebenrollen herhalten müssen. Und das Philharmonische Orchester schmachtet sich zwar durch Puccini & Co., doch alles, was nach den 60er Jahren komponiert wurde, gilt als schnöde Populärkultur. Mit Biegen und Brechen würde man so noch eine halbwegs solide „My Fair Lady“ auf die Bretter zimmern, doch der Intendant schielt auf die neueren Werke des Genres, die vor Pop, Jazz und Soul nur so strotzen. Das Stadttheater Bremerhaven kennt diese Probleme…

…NICHT! Hier formte Regisseur Toni Burkhadt gemeinsam mit Choreografin Sabine Arthold aus den hauseigenen Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten in Kombination mit Gästen ein so homogenes Ensemble, dass sich die scheinbaren Schwächen zu Stärken wandelten. Burkhardts Inszenierung setzt auf Tempo: Leerlauf scheint hier nicht existent. Dafür sorgt er für fließende, beinah filmartige Übergänge. Doch er erlaubt seinem Ensemble auch die leisen, emotionalen Momente, die zum Kreieren glaubhafter Charaktere so wichtig sind. Arthold setzt in ihren tänzerischen Bewegungsabläufen auf zeittypische Elemente der Sixties. Sie lässt die Nicht-Tänzer*innen neben den Profis sehr gut aussehen. Dank ihrer gelungenen Choreografie bilden die Künstler*innen aus den unterschiedlichen Sparten eine homogene Einheit. Abgerundet zu einem gelungenen Gesamtkonzept wird die Inszenierung durch das wandlungsfähige Bühnenbild von Britta Lammers, in dem die Künstler*innen in den herrlich bunten Retro-Kostümen von Heike Korn agieren dürfen.

Doch nun: WELCOME TO THE 60’s!

Baltimore 1962: Die pummelige Schülerin Tracy Turnblad lebt mit ihrer übergewichtigen Mutter Edna, die aufgrund ihrer Figurprobleme alle ihre Träume und Hoffnungen aufgegeben hat, und ihrem Vater Wilbur, der einen schlecht laufenden Scherzartikelladen besitzt, sehr einsam. Ihre einzige echte Freundin ist die Außenseiterin Penny Pingleton, die von ihrer Mutter permanent unterdrückt und bevormundet wird. Tracys größter Traum ist es, in der Corny-Collins-Show mitzutanzen, der angesagtesten Show des Lokalfernsehens, in der nur die beliebtesten Teenager der Stadt tanzen. Außerdem hat sie sich vorgenommen, die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl zu gewinnen. Während ihre Mutter skeptisch ist und Angst hat, dass ihre Tochter wegen ihres Aussehens verspottet wird, unterstützt ihr Vater sie und macht ihr Mut, dass man seine Träume verwirklichen soll. Als sie dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres Selbstbewusstseins tatsächlich an der Show teilnehmen darf, wird sie – gerade wegen ihres Aussehens und ihrer Natürlichkeit – über Nacht zum Vorbild für viele Teenager, die sich mit ihr identifizieren. Sie verliebt sich in den Star der Show, den jungen Sänger Link Larkin, der auf seinen großen Durchbruch wartet und darum eine kamerataugliche Zweck-Beziehung mit der arroganten Amber von Tussle hat. Durch ihre neugewonnenen Freunde Seaweed, seiner kleinen Schwester Inez und deren Mutter Motormouth Maybelle erfährt Tracy von den vielfältigen Repressalien, denen farbige Menschen ausgesetzt sind. Ihre neue Berühmtheit nutzt sie zu einer Kampagne gegen die Trennung von Schwarzen und Weißen in der Corny-Collins-Show, was Amber von Tussle und ihre Mutter Velma zu verhindern versuchen. Dann geht die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl in ihre entscheidende Runde. Amber von Tussle ist siegessicher, doch in letzter Sekunde taucht Tracy auf und wendet – mit Unterstützung ihrer Eltern und Freunde – die Wahl zu ihren Gunsten…!

Ich glaube, ich durfte auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven noch nie ein so großes Ensemble erleben, das sich aus Künstlern aller Sparten incl. Gäste zusammensetzte: Da waren die wunderbaren Tänzer*innen des Balletts, die agilen Sänger*innen des Opernchores und die entzückenden Kids des Kinderchores. Einem Chor der griechischen Antike gleich sorgten Louisa Heiser, Sharon Isabelle Rupa und Nicole Rushing als The Dynamites verführerisch rotgewandet für einen authentischen Motown-Sound. Schauspieler Karsten Zinser lieferte ein kleines humoristisches Kabinettstückchen als selbstverliebter Corny Collins. Iris Wemme-Baranowski überzeugte als rustikale Gefängnisaufseherin ebenso wie als psychopathische Prudy Pingelton. Sydney Gabbard warf sich als quirlige Penny Pingleton mit Leidenschaft in die Arme ihres Seaweed, den Malcom Quinnten Henry mit geschmeidigem Körper und ebensolcher Stimme zum Leben erweckte. Vanessa Weiskopf gefiel in der liebenswerten Rolle der kleinen Schwester Inez. Getoppt wurden die beiden allerdings durch ihre Bühnenmutter Motormouth Maybelle: Debrorah Woodson verkörpere diese Rolle schon bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Köln und hat sie so sehr verinnerlicht, dass jede Geste, die Mimik und jedes Wort ganz natürlich erschienen. Den Song Ich weiß, wo ich war gestaltete sie zu einer berührenden Hymne, die das Publikum für einen Moment still innehalten ließ, bevor Woodson mit einem frenetischen Applaus belohnt wurde.

Mezzo Boshana Milkov als Velma von Tussle sonderte mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit ihre rassistischen Plattitüden ab. Bei der Interpretation der Songs, die sie mit Grandezza darbot, spürte man deutlich ihre Liebe zum Jazz. Ganz als Mini-Me einer übermächtigen Mutter schlüpfte Schauspielerin Julia Lindhorst-Apfeltahler in die Rolle der Amber von Tussle und ließ hinter der schönen Fassade des blonden Dummchens einen willensstarken (nur leider fehlgeleiteten) Geist durchblitzen. Beiden Künstlerinnen gelang das Kunststück, den jeweiligen Part nicht eindimensional böse erscheinen zu lassen, sondern auch den schrägen Humor aus der Rolle herauszukitzeln.

Tenor Andrew Irwin schmachtete sich als umschwärmter Teeny-Star Link Larkin hingebungsvoll durch seine Songs und amüsierte mit überkandidelten Star-Attitüden, indem er z. Bsp. immer wieder seine Haartolle kokett zurück warf. Doch sobald die Scheinwerfer erloschen waren, kam der sympathische Junge von Nebenan zutage, der seine Zweifel und Ängste nicht verbergen konnte, und in den sich Tracy verständlicherweise verlieben musste.

Seit 1988 beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem Genre Musical: Einige Werke haben für mich einen herausragenden Stellenwert und sich einen besonderen Platz in meinem Herzen erobert. Da verspüre ich immer, wenn ich ins Theater gehe, eine gewisse Unsicherheit aus Angst, die jeweilige Inszenierung würde diesem Werk nicht gerecht werden. Ähnlich geht es mir mit einigen Rollen, die oberflächlich das pure Entertainment versprechen, aber unter der glitzernden Oberfläche eine wichtige Botschaft transportieren. Eine dieser Rollen ist Zaza aus LA CAGE AUX FOLLES, die andere Rolle ist Edna aus HAIRSPRAY. Beiden Rollen ist gemein, dass ein Mann in Frauenkleider schlüpft: Es besteht durchaus die Versuchung, dem „Affen Zucker zu geben“ und dem Klamauk zu frönen. Oder die Rolle wird wertschätzend behandelt, ohne dass die unterhaltenen Aspekte vernachlässigt werden. Regie und Darstellung wandeln da auf einem schmalen Grat zwischen Trash und Ernsthaftigkeit. Die Fallhöhe kann dabei enorm sein.

Voller Erleichterung spürte ich schon bei ihrem ersten Erscheinen, dass Edna hier am Stadttheater Bremerhaven bei Regisseur und Darsteller in den allerbesten Händen ist. Ein respektvolles Raunen gepaart mit einem überraschten Auflachen waren im Publikum zu vernehmen, als Bass Ulrich Burdack (O-Ton: „ein 2 Meter großer 3 Zentner-Mann“) zum ersten Mal hinter dem Bügelbrett in Erscheinung trat. Burdack verzichtete wohltuend auf eine übertriebene Feminisierung in der Stimme: Er blieb seiner Stimmlage Bass treu, was in manchen Dialogen zur Erheiterung des Publikums führte. Seine Edna ist eine Matriarchin, die pragmatisch die Geschicke der Familie lenkt. Von ihren eigenen Träumen hat sie sich verabschiedet. Dabei wirkt sie durchaus nicht verbittert: Das Leben hatte eben anderes mit ihr vor, und mit diesem Leben hat sie sich arrangiert. Und so bügelt und wäscht sie sich „eine Wölfin“ zum Wohle ihrer Lieben. Doch tief in ihrem Inneren versteckt sich sowohl die Revoluzzerin, die Ungerechtigkeiten vehement mit vollem Körpereinsatz bekämpft, als auch das junge Mädchen, das nach wie vor in ihren Wilbur verliebt ist. Schauspieler Kay Krause bildet zu Ulrich Burdacks Edna einen wunderbaren Gegenpart: Sein Wilbur ist ein ältlicher Harlekin, der sich seine kindliche Freude an den Kuriositäten in seinem Scherzartikelladen (und des Lebens) bewahrt hat, dem Schicksal vorbehaltlos gegenübertritt und seine Edna bedingungslos so liebt wie sie ist. Das gemeinsame Duett Du bist zeitlos für mich entpuppte sich als rührende Liebeserklärung, bei dem Burdack und Krause munter das Tanzbein schwangen, sich ihrer Liebe versicherten und voller Stolz auf ihre Tochter Tracy blickten.

Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mich schon in so mancher Rolle des Opern-Repertoires und sang dort die Koloraturen ihrer Partien immer makellos. Als Tracy nahm sie ihre klassische Stimme bescheiden zurück, doch brillierte in den Songs auch in den höchsten Tönen. Zudem tanzte sie sich mit überschäumender Energie die Seele aus dem Leib und gestaltete ihre Rolle mit einer überzeugenden Natürlichkeit, gepaart mit einer immensen Freude am Spiel, die sich über den Orchestergraben hinweg auf das Publikum übertrug. Ihre Tracy Turnblad ist ein wahrer Sonnenschein mit dem Herz am rechten Fleck. Bravo!

„Bravo!“ möchte ich auch dem musikalischen Leiter Tonio Shiga zurufen, der das Philharmonische Orchester zur Höchstleitung anheizte und für einen süffigen Sound sorgte. Die mitreißende Musik mit ihrer Mischung aus R&B, Motown und Rock’n’Roll bahnte sich aus dem Orchestergraben heraus ihren Weg zuerst ins Ohr über das Herz direkt in die Füße, um dort für ein permanentes Wippen zu sorgen. Auf meinem Gesicht nistete sich ein seliges Dauergrinsen ein, und ich konnte mich beim fulminanten Schlussapplaus dem Ruf des Ensembles nur anschließen:

YOU CAN’T STOP THE BEAT!

Henry Higgins (12 Bewertungen, ∅ 4.3 Sterne)


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Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Großer Aufwand - Riesenwirkung: Hier gelingt ein Musical-Meilenstein dank eines wohl dosierten Cast-Mixes aus Mitgliedern des Haus-Ensembles und Gästen, einer soliden Inszenierung und einem satten Sixties-Sound. Einfach toll!

06.11.2022

 Termine
Sa08.04.19:30 Uhr
Großes Haus (Bremerhaven)
So30.04.15:00 Uhr
Großes Haus (Bremerhaven)
Do11.05.19:30 UhrDernière
Großes Haus (Bremerhaven)


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