In wenigen Tagen fällt der letzte Schleier der „Elisabeth“-Tour im Festspielhaus Neuschwanstein. Wer die Tour besucht hat, hat ihn wahrscheinlich als Tod erlebt: Lukas Mayer.
Im Interview mit der Musicalzentrale sprach Lukas über seine bisher wichtigste Rolle. Er schenkte uns Einblicke in seine künstlerische Arbeit und stellte sich reflektiert und selbstbewusst mit viel Leidenschaft für seinen Beruf und die Kunst dar. So wird deutlich, warum Lukas Mayer so tief berührt – und manchmal auch polarisiert. Mit 26 Jahren hat er mit dem Tod in „Elisabeth “ und Jesus in „Jesus Christ Superstar“ bereits mindestens zwei Rollen interpretiert, von denen andere Künstler lange nur träumen. Dankbar und bescheiden blickt er zurück – und hält bewusst inne.
Du hast den Tod in „Elisabeth“ mittlerweile über 200 Mal gespielt. Was bedeutet dir diese Rolle?
[schwärmerisch] Da muss ich ausholen! Ich war schon ein Kind, das sich dauernd verkleiden und jemand anders sein wollte. Frühe Theaterbesuche mit der Familie haben meine kindliche Phantasie zusätzlich beflügelt: Mit elf Jahren habe ich Pia Douwes in „Rebecca“ gesehen und – es war um mich geschehen! Damals habe ich entschieden: Ich will unbedingt Musicaldarsteller werden! Dieses ganze Kunze-Levay-Universum fing an, sich für mich aufzutun. „Elisabeth“ begleitet mich seitdem. Ich sage immer: Das ist der Soundtrack meiner Kindheit und Jugend, weil es mich wirklich so eng begleitet hat. Es war ein absoluter Full-Circle-Moment, als ich diese Rolle bekam und mit diesen tollen Leuten zusammen spielen durfte.
2013 habe ich Annemieke [van Dam, Amn. d. Red.] in Wien als „Elisabeth“ gesehen und an der Stage Door ein Bild mit ihr gemacht. Sie wurde schließlich meine erste Elisabeth, als ich in China in der Rolle debütierte. Seitdem ich diese Rolle spiele, gibt es immer wieder Momente, in denen ich mich kneifen will, weil ich nicht glauben kann, was gerade passiert: Ich betrete die Semperoper, habe dort eine Solistengarderobe, komme auf die Bühne und denke: „Jetzt darf ich den Tod in „Elisabeth“ an Deutschlands schönstem Opernhaus spielen.“ Genau das sind diese Momente!
Deine Reise als Tod in „Elisabeth“ hat vor fast einem Jahr in China begonnen. Im Januar geht ihr mit der Wiederaufnahme erneut nach China. Was bedeutet dir das?
Ich freue mich sehr, dass ich nochmal in dieser Rolle in China auftreten darf, gerade weil ich dort mein Rollendebüt hatte, das für mich mit so vielen Emotionen verbunden war.
Es gibt so viele Menschen, die diese Show sehr lieben. Da ich mich selbst dazuzähle, war mir klar, dass ich ein großes Erbe antrat! Kollegen, die vor mir diese Rolle gespielt haben, haben Riesenkarrieren gemacht. Nun war ich auf einmal beides: Fan und Darsteller! Meine Motivation und mein Ehrgeiz waren sehr groß!
Ich lebe in Wien. Dort haben wir geprobt, ganz nahe den Originalschauplätzen der Geschichte, die wir erzählen. Dann ging es ans andere Ende der Welt auf ein großes Abenteuer, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde.
Ich wusste vor unserer Reise nach China nicht, dass „Elisabeth“ dort ein solches popkulturelles Phänomen ist und die Menschen das Stück genauso lieben wie wir hier! Ich habe eine große Verbundenheit gespürt, obwohl ich so weit weg war. Es kamen Hunderte von Zuschauern an die Stage Door! Annemieke und ich wurden oft im Café angesprochen und plötzlich waren ganz viele Leute um uns herum, die uns erkannt hatten. Wir wurden mit Geschenken überhäuft. Das ist mir an sich nicht wichtig – das war nie Grund, warum ich diesen Beruf machen wollte. Aber das ist die Art der Menschen dort, ihre Wertschätzung zu zeigen. Das kannte ich bisher nicht.
Ich war sehr froh, dass ich Annemieke an meiner Seite hatte, die schon in über 1000 Shows Elisabeth gespielt hatte und die Ruhe selbst war. Sie war für mich ein großer Halt. Wir sind seitdem gute Freunde! Für mich war alles sehr aufregend: Jeder Stein, jeder Stuhl – alles machte mir klar, dass ich am anderen Ende der Welt war. Und dann durfte ich dort die Geschichte erzählen, die mich seit meinem elften Lebensjahr begleitet.
Ich sehe es als großes Geschenk, dass ich diese Rolle, die mir so viel bedeutet, danach in Deutschland, meiner Heimat, spielen durfte.
Als im Raum stand, ob ich diese zweite China-Tour machen möchte, musste ich nicht überlegen. Ich glaube, dass es eine ganz neue Erfahrung für mich wird, da ich jetzt weiß, wo die Rolle in mir lebt. Ich freue mich darauf, mich auf dieses Abenteuer drumherum noch einmal neu und anders einlassen zu können.
Du sagst, du weißt, wo die Rolle in dir lebt. Was meinst du damit?
Live-Theater ist lebendig und verändert sich immer. Es ist nie etwas Stabiles. Die Rolle hat sich über die Zeit natürlich weiterentwickelt.
Vor meinem Rollendebüt hat mich Sylvester Levay ins Schloss Schönbrunn eingeladen: Er hat seine ursprünglichen Gedanken zum Stück mit mir geteilt. Ich konnte ihn alles fragen! Er gab mir einen Rahmen, um mir die Rolle zu eigen zu machen. Als großer Fan der Show wollte ich natürlich, dass die Zuschauer ihre „Elisabeth“ wiedererkennen – was sie sowohl an der Show, als auch an der Rolle des Todes lieben.
Ich durfte Uwe [Kröger], Máté [Kamarás] und Mark [Seibert] kennenlernen und finde es verrückt, dass ich jetzt Teil dieser Riege bin, die diese ikonische Rolle gespielt hat. Zunächst musste ich beiseite schieben, wie ich die Rolle bereits kannte. Ich wollte meine eigene Interpretation kreieren – ganz so, als wäre es ein komplett neues Stück.
Ich habe den Tod nie als den Bösen wahrgenommen, sondern eher als Formwandler. Mir ist wichtig, dass er flexibel und fluide ist – nicht gut oder böse. Er adaptiert sich von einem auf den anderen Moment, je nachdem, mit wem er spricht, in welcher Situation er ist. Elisabeth gegenüber deckt er eine große Bandbreite ab: vom Liebhaber über den schlimmsten Feind, bis hin zum besten Freund. Das macht ihn so komplex. Das hier ist mein Versuch, etwas zu verkörpern, wovon keiner weiß, wer oder was es ist: Jemand, der eine klare Aufgabe hat und daran scheitert, weil er zum ersten Mal dem Gefühl von Liebe begegnet. Er weiß das gar nicht einzuordnen. Seine üblichen Strategien funktionieren nicht.
Mit jeder Elisabeth und in jedem Theater ist es immer wieder völlig anders diese Rolle zu spielen. Zuletzt habe ich mit Celena [Pieper] mit meiner siebten Elisabeth gespielt. Was aber immer gleich geblieben ist: Wenn die ersten Töne des Prologs erklingen, bin ich jedes Mal ehrfürchtig, dass ich Teil des Ganzen sein darf.
Das Verständnis vom Tod ist in Fernost ein anderes als hier. Rufst du, wenn du dort spielst, etwas Zusätzliches ab, das du in deine Interpretation einfließen lässt?
Das ist kein bewusster Vorgang während der Vorstellung, aber auf jeden Fall in meiner Vorbereitung auf die Rolle. Ich habe viele Medien gesichtet, Museen besucht und so meine Vorstellungen zur Thematik erweitert. Diese Vorbereitung hat aber keinen Anfang und kein Ende, weil der Tod Teil des Lebens ist: Meine Großeltern habe ich jeweils früh verloren oder gar nicht erst kennengelernt. Ich habe während der Pandemie ein halbes Jahr in einem Altersheim gearbeitet. Ich denke viel an die Gespräche mit den alten Menschen, die sich mit dem Tod konfrontiert sahen. Ich versuche durchlässig zu bleiben und hoffe, dass meine Erfahrungen und Vorbereitungen meine Darstellung bereichern, ohne dass ich auf der Bühne denke: ”Ich bin gerade in China und hier glaubt man an Wiedergeburt.“
Das Thema Tod berührt die Menschen emotional sehr tief, so auch deine Interpretation der Rolle. Du wirst somit für viele Menschen zur Projektionsfläche oder zur Zielscheibe. Wie gehst du damit um?
Mein Handwerk und die Arbeit im Theater bedeuten mir sehr viel! Als Künstler ist man permanent Kritik ausgesetzt. Das beschäftigt mich natürlich, aber das nehme ich in Kauf. Gleichgültigkeit fänd ich wirklich dramatisch! Mir ist es lieber, eine eindeutige Meinung hervorzurufen. Das ist der Grund, warum ich Theater mache: Ich möchte die Menschen erreichen, ihnen Geschichten erzählen, die sie berühren und verändern; etwas aufzeigen, in dem sie sich selber erkennen – oder eben nicht.
Theater nehme ich grundsätzlich als Teamsport wahr. Alle, die im Theater arbeiten, wissen, was der jeweils andere zu tun hat. Alle möchten, dass dabei am Ende das Bestmögliche herauskommt. Darin liegen ganz viel Verständnis und Wertschätzung füreinander. Ich fühle mich als Teil einer tollen Community. Mit Bettina [Mönch], meiner aktuellen Spielpartnerin, bin ich beispielsweise seit Jahren eng befreundet. Ich habe ein tolles Freund:innen-Netz, das mich auffängt, wenn nötig. Meine Familie ist jedoch mein größter Rückhalt: Die Unterstützung war immer uneingeschränkt und die Liebe bedingungslos. Dafür bin ich unendlich dankbar!
Du bist dir dessen, was du tust, sowie deiner Wirkung als Künstler sehr bewusst. Nimmst du eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahr – und wenn ja, worin liegt diese in deinen Augen?
Unbedingt! Es gibt natürlich viele Dinge in der Welt, die mir Sorgen machen. Gerade als junger, queerer Mensch hoffe ich, dass wir als Gesellschaft überall die richtige Abzweigung nehmen. Theater kommt aus dem Bedürfnis der Katharsis und ist ein Spiegel der Gesellschaft. Ich glaube alle Formen des Theaters können die Horizonte der Menschen erweitern.
Ich engagiere mich außerdem gerne für Kinder: Da sind beispielsweise die Kinderburg in Wien und der Lichtblicke e.V.. [Der Verein unterstützt Familien nach Schicksalsschlägen wie dem Ausbruch einer Krebserkrankung bei einem Kind.] Dafür habe ich kürzlich ein Lied im Studio aufgenommen.
Aus deinen Worten spricht viel Leidenschaft, aber auch eine gewisse Bescheidenheit. Worin siehst du deine Stärken als Künstler?
Bescheidenheit und Selbstbewusstsein schließen sich für mich nicht aus: Ich bin sehr diszipliniert und ehrgeizig und weiß, was ich tun muss, um achtmal die Woche eine gute Show zu liefern. Gleichzeitig habe ich ein tolles Team um mich herum, das mich dabei unterstützt: Meine Gesangslehrerin Prof. Noelle Turner, mein Kreativteam, meine Freund:innen, meine Familie. In mir ist aber auch nie der elfjährige Junge verschwunden, der vor Begeisterung für diesen Beruf platzt!
In welchen Stücken oder Rollen würdest du dich selbst gerne erleben?
[lacht] Das ist die schwierigste Frage überhaupt! Alles aufzuzählen, was mich interessiert oder bis hierher inspiriert hat, würde den Rahmen sprengen. Ich habe gelernt, dass ich Dinge auf mich zukommen lassen muss. Die schönsten Erfahrungen lassen sich nicht planen. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich mit 24 Jahren mein Rollendebüt als Jesus in „Jesus Christ Superstar“ geben würde oder mit 26 auf ein Jahr als Tod in „Elisabeth“ zurückblicke! Das sind Dinge, die ich nicht habe kommen sehen, die mich aber heute unheimlich stolz machen!
Du hast bei einem Kinofilm („Ein fast perfekter Antrag“) mitgemacht, der nächstes Jahr anläuft…
Ja, meine Rolle war zwar sehr klein, aber ich freue mich ganz arg! Ich würde gerne mehr drehen. Das macht mir großen Spaß!
Du bist also auf unterschiedlichen Ebenen künstlerisch unterwegs. Kannst du dir vorstellen irgendwann etwas eigenes zu schreiben?
Das kann ich noch nicht beantworten, weil aktuell meine Lust und meine Leidenschaft für das Darstellen so sehr brennen! Ich glaube, solange dieser Durst nicht ein bisschen gestillt ist, kann ich darüber gar nicht nachdenken.
Wie geht es für dich weiter, wenn in Füssen das letzte Mal „der Schleier fällt“, bevor es im neuen Jahr nach China geht?
Bis dahin habe ich ein paar Monate ein bisschen mehr Luft. Neben ein paar Konzerten wie dem „Mitternachtsball“ möchte ich mir Zeit nehmen, sacken zu lassen, was im letzten Jahr passiert ist. Ich war überhaupt nicht zu Hause, habe acht Shows die Woche gespielt, war tourbedingt nur auf Reisen. – Wahrscheinlich bin ich mental noch irgendwo in Peking. [lacht]
Wie geht es für dich weiter, wenn auch in Fernost „Der letzte Tanz“ getanzt ist?
Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nichts sagen. Aber demnächst berichte ich gerne mehr.
Lieber Lukas, danke für deine Zeit und deine Einblicke in deine Arbeit im Endspurt der Deutschlandtour von “Elisabeth”! Wir von der Redaktion wünschen dir ein tolles Tourfinale und freuen uns auf deine Neuigkeiten! Bis bald!
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