Im Oktober 2025 feiert das neue Musical „Maria Theresia“ seine Uraufführung im Ronacher Wien. Vor kurzem präsentierten die Vereinigten Bühnen Wien das Leading Team sowie den Cast und gaben einen ersten Ausblick auf die Musik. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit Autor Thomas Kahry über die Entstehung des Stücks zu sprechen. Im Interview erklärt er, dass es um weit mehr geht als eine bloße Geschichtsstunde auf der Bühne – und erzählt von Recherchen, kreativen Entscheidungen und der Herausforderung, aus dem Leben einer der prägendsten Frauenfiguren Europas ein berührendes Musical zu formen.

Wie bist du an die Figur Maria Theresia herangegangen – als historische Persönlichkeit oder als Bühnenfigur mit dramaturgischer Freiheit?
Beides. Am Anfang stehen immer intensive Recherche. Ich versuche so viel als möglich über die Person und die Zeit zu lesen, damit ich ein klares Gesamtbild bekomme. Wenn das geschafft ist, verlässt man diesen Pfad aber wieder, und blickt auf die breite Palette an spannenden Themen, die für ein dramatisches Stück nutzbar sind. Und man fragt sich: Was davon ist heute noch berührend und wo kann man eine Brücke zur Gegenwart schlagen?
Bei diesem Projekt war mir der enge Austausch mit unseren Dramaturginnen Elisabeth Gruber und Carola Schiefke sowie im Vorfeld auch mit meinen externen Beraterinnen sehr wichtig, um die Figur auch aus historisch-feministischer Sicht differenziert zu betrachten. Danach entscheidet man sich, worauf man das Licht der Aufmerksamkeit richten will. Da wird es dann auch manchmal schmerzhaft, weil man sieht, was man alles NICHT erzählen kann. Das Tolle ist aber, dass hier die Kreativität und künstlerische Freiheit beginnt. Musical – vor allem im Long-Run – ist ja kein Geschichtsreferat. Es soll in erster Linie berühren.
Um das zu erreichen, verdichtet man die Ereignisse, erfindet Neues und interpretiert die Geschichte emotional um. Auch mit den exakten Lebensdaten der Personen nimmt man es dann oft nicht ganz genau. Das Ziel ist kein Wikipedia-Eintrag, sondern ein Werk mit Relevanz. In diesem Sinne knüpfen wir an die Tradition großer Theaterklassiker, aber auch Musicals wie „Evita“ oder „Hamilton“ an, und werden vielen historischen Motiven zwar gerecht, interpretieren andere aber ganz bewusst neu, um sie für ein heutiges Publikum greifbarer zu machen. Richtig glücklich würde es mich jedoch machen, wenn die Zuschauer*innen aus der Show kommen und in den Geschichtsbüchern nachlesen, um zu sehen was Realität und Fiktion ist. Wenn wir das schaffen, haben wir was richtig gemacht!
Welche Themen oder Stationen ihres Lebens standen für dich im Zentrum der musikalischen Erzählung – und warum gerade diese?

© Thomas Kahry privat
Christian Struppeck hatte schon zu Beginn den Wunsch, dass sich das Stück mit einem längeren Zeitraum im Leben von Maria Theresia beschäftigen soll. Bei dem Blick auf den größeren Lebensbogen fand ich vor allem den Konflikt mit Friedrich von Preußen ungeheuer spannend: dieses Duell zweier Menschen, die sich gegenseitig herausgefordert und geprägt haben. Was mich daran besonders fasziniert: Beide haben mit den klassischen Geschlechterrollen gekämpft. Maria Theresia musste sich in einem Amt behaupten, das man ihr nicht zugetraut hat – weil sie eine Frau war. Und Friedrich, bei dem viele Historiker von homoerotischen Neigungen ausgehen, war ursprünglich sehr musisch und hochsensibel veranlagt, wurde aber auf brutalste Weise zum Krieger erzogen. Dass sich zwei so gegensätzliche Figuren gerade in diesen inneren Kämpfen ähneln – das war für mich unglaublich faszinierend und es wurde in gewisser Weise zum Herz des Stücks. Das ist natürlich auch ein sehr heutiges Thema: Wie sehr wir alle unter den patriarchalen Strukturen und den Rollenbildern leiden, die uns von außen zugeschrieben werden.
Bei einem so dichten historischen Stoff: Wie hast du die Balance zwischen Fakten, Emotion und Unterhaltung gefunden?
Mir ist beim Schreiben immer am wichtigsten, dass die Handlung wie ein Fließband läuft. Und jede Szene muss für mich – ganz subjektiv – etwas erzählen, was mich ehrlich begeistert oder bewegt. Sei es emotional, dramaturgisch oder thematisch. Ich bilde mir ein, dass dann automatisch Spannung, Unterhaltung und Tiefe entsteht, wenn das gelingt… Die historischen Fakten sind immer die Grundlage, aber sie kommen nur dann zum Einsatz, wenn sie die Handlung voranbringen. Das ist manchmal wirklich tragisch, weil man so viel Faszinierendes herausgefunden hat, das man im Stück niemals erzählen wird. Andere Fundstücke kann man aber nutzen, um Dinge auf individuelle Weise zu sagen. Dann liefern die historischen Fakten den direkten Zündstoff für Emotion und Unterhaltung. Die Versuchung, zu viel anzubringen, ist aber immer riesig. Ebenso riesig ist dabei leider das Risiko sich zu verzetteln. Denn dann läuft das Stück Gefahr, den Fokus und den Zug nach vorne zu verlieren. Bedauerlicherweise stimmt Aristoteles goldene Theaterregel meistens: Wenn etwas der Geschichte nicht dient, sollte es raus.
Die Presseankündigung spricht von ‚epischer Dramatik‘ – was bedeutet das konkret für den Aufbau des Buchs?
Das geht eigentlich im Idealfall Hand in Hand. Denn die ersten Jahre der Regierungszeit von Maria Theresia waren von ungeheurer Dramatik geprägt. Sie kam als junge Frau auf den Thron und ganz Europa ist über sie hergefallen, weil sie als leichte Beute erachtet wurde. Niemand hat gedacht, dass sie lange überleben wird. Doch sie blieb standhaft, verteidigte ihr Reich und wuchs mit jeder Herausforderung. Inmitten der größten Bedrohung brachte sie auch noch den Thronfolger auf die Welt.
Diese Dramatik spiegelt sich nicht nur in der Handlung, sondern natürlich vor allem auch in der Musik. Sie trägt diese großen Konflikte und emotionalen Wendepunkte auf packende Weise in sich. Und alle Gewerke, von der Bühne über Licht, Kostüme etc. bis hin zu den genialen Choreografien von Jonathan Huor unterstützen das. In der szenischen Umsetzung werden Regisseur Alex Balga und die VBW wirklich ganz großes Kino liefern! Da darf man sich auf atemberaubende, epische Momente gefasst machen, die ideal zu den bewegten historischen Ereignissen passen.
Was hat dich persönlich an Maria Theresia so fasziniert, dass du ihr Leben als Musical erzählen wolltest?

© Stefanie J. Steindl
Ich war überglücklich und ungeheuer dankbar, als Christian Struppeck dieses Thema an mich herangetragen hat und mir ermöglicht hat, über diese faszinierende historische Person zu schreiben! Es war natürlich seine Idee und Initiative, aber hätte ich es mir aussuchen dürfen, ich glaube ich hätte tatsächlich auch „Maria Theresia“ als Musicalthema für die VBW gewählt.
Mich hat vor allem fasziniert, wie sie als Frau in eine Rolle geraten ist, für die sie niemals vorgesehen war und auf die sie niemand vorbereitet hat. Und wie sie sich dennoch behauptet hat. Sie war mutig, standhaft, unermüdlich. Und sie wollte wirklich etwas bewirken: für ihr Land, für die Zukunft, für die Menschen. Sie hat versucht, nicht für ihr Ego, sondern im Sinne einer Dienerin des Volkes zu regieren. Und ich finde dieses Motiv ist eigentlich DAS Thema der Stunde! Denn besonders heute, wo wir leider wieder mit so vielen männlichen Führungsfiguren konfrontiert sind, die mehr für sich selbst regieren als für ihr Volk, wirkt das geradezu visionär. Natürlich war auch Maria Theresia alles andere als fehlerfrei – aber man spürt, dass sie ihre Aufgabe mit Haltung angegangen ist. In diesem Punkt erinnert sie mich auch irgendwie an Elizabeth I. – auch sie war für den Thron nicht vorgesehen und hat ihrem Land in einer schwierigen Zeit Stabilität gegeben. Und das mit Weitblick und Verantwortungsgefühl.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Komponisten Dieter und Paul Falk – inwieweit habt ihr gemeinsam an der musikalischen Dramaturgie gearbeitet?
Die Zusammenarbeit war traumhaft – auch mit dem Liedtexter Jonathan Zelter. Da kann ich gar nicht genug Positives darüber sagen! Christian Struppeck hat hier wirklich mit tollem Instinkt ein unglaublich harmonisches Team zusammengestellt und wir haben großartig miteinander gearbeitet. Dieter und Paul waren musikalisch absolut offen für alle Wünsche und haben die musikalische Dramaturgie immer der Erzählung angepasst. Dafür bin ich als Autor unsagbar dankbar! Sie waren auch unermüdlich bereit alle Vorschläge und Wünsche – auch die dümmsten – auszuprobieren, sodass wir uns Schritt für Schritt zu unseren Idealversion herantasten konnten. Oft haben wir gemeinsam überlegt: Welche musikalische Farbe braucht diese Szene? Was ist die emotionale Temperatur? Und sie haben das dann mit unfassbarem Instinkt und unglaublichem Tempo umgesetzt. Das ist ein Geschenk – wenn Komponisten wirklich verstehen, was die Szene braucht, und dann auch den Mut haben, es umzusetzen. Selbst wenn das Produzentenherz dann manchmal leidet, weil man einen in sich geschlossenen Hit kompositorisch wieder aufmachen oder abändern muss.
Gab es Szenen oder Momente, bei denen sich erst im Zusammenspiel mit der Musik die finale Form gefunden hat?
Ja, definitiv. Es gab zwar immer eine szenische Vorlage – aber oft hat die Musik alles nochmal verändert. Manchmal erzählt ein Song plötzlich so viel, dass kein gesprochener Text mehr nötig ist. Oder eine Szene bekommt erst durch die Musik ihren wahren emotionalen Kern.
Es gab auch Momente, wo wir dachten: Das funktioniert im Dialog gut – bis die Musik kam. Und plötzlich war klar: Das muss in den Sprechgesang übergehen oder ganz gesungen werden. Diese Flexibilität im Prozess war großartig. Es war ein ständiges Pingpong zwischen Szene, Musik und Regie – und genau so muss es auch sein, wenn ein Musical wirklich ganzheitlich lebendig entstehen soll.

Wie eng war der Austausch mit Jonathan Zelter bei der Entwicklung der Liedtexte – entstanden Lyrics eher auf Basis deiner Szenen oder umgekehrt?
Sehr, sehr eng – und der Austausch war wirklich toll! In unserem Stück fließen Dialoge und Liedtexte oft nahtlos ineinander, da mussten wir ständig in Absprache sein. Jonathan hat auch viel bei den dialogischen Texten mitgearbeitet und ich immer wieder bei den gesungenen Texten. Vor allem, wenn es in Richtung des dialogischen Sprechgesangs ging. Das war wichtig, damit im Endeffekt alles organisch ineinandergreift. Und natürlich war es auch in diesem Prozess so, wie es beim Musicalschreiben immer ist: Manche Dialogzeilen landen plötzlich im Song – und manche Liedtexte im Dialog. Zu Beginn gab es bereits sechs Songs, die vor meiner Zeit in Absprache mit Christian Struppeck entstanden sind – die habe ich dann in angepasster Form in die Handlung integriert. Alle anderen Texte wurden aber absolut auf Basis der Szenen entwickelt und oft mehrfach überarbeitet, bis sie wirklich exakt zur Sequenz und zum Erzählfluss gepasst haben.
Hattet ihr von Anfang an eine gemeinsame Vision für den Ton und Stil des Musicals oder hat sich das im Prozess entwickelt?
Das hat sich im Prozess entwickelt. Als ich dazukam, hatten Dieter, Paul und Jonathan, wie gesagt, schon erste Songs geschrieben – die wirkten teilweise noch etwas verspielter und flockiger. Als wir das dann mit meiner Geschichte verbunden haben, wurde es insgesamt ein bisschen ernster, dramatischer, etwas darker – und die musikalische Sprache hat sich entsprechend weiterentwickelt. Wir haben die bereits vorhandenen Lieder teilweise auch nochmal angepasst, damit sie stilistisch zum Gesamtbild passen. Christian hat als kreativer Entwickler natürlich stilistisch auch großen Einfluss genommen und gemeinsam mit Alex Balga und den beiden Dramaturginnen, die den Prozess fortlaufend begleitet haben, am Gesamtstil geschliffen. So haben wir auf dem Weg teils recht individuelle und neue Erzählweisen gefunden, die man in Wien, glaube ich, so noch nicht gehört hat. Am Ende ist daraus, finde ich, eine sehr schöne Mischung geworden: eingängige Melodien, Raps, emotionale Songs und starke musikalische Ensemblenummern. Ein tolles Gleichgewicht zwischen Ohrwurm, temporeicher Erzählweise und Tiefgang.
Was war dir im Dialog mit dem Kreativteam besonders wichtig, um Maria Theresias Geschichte glaubwürdig und packend zu erzählen?
Vor allem ein offener, ehrlicher Austausch – und den hatten wir zum Glück durchgehend. Jede Meinung war willkommen, jede Perspektive wurde gehört. Das war extrem respektvoll und produktiv. Dieter und Paul haben mit riesigem musikalischem Gespür dazu beigetragen, die Dinge, die uns allen wichtig waren, zum Klingen zu bringen. Vor allem Jonathan und ich waren oft intensiv mit dem Feilen an der Geschichte und der Erzählform beschäftigt. Wir waren in vielen sozialen und thematischen Fragen sehr auf einer Wellenlänge – das hat uns stark verbunden und daran sind wir auch im Prozess gewachsen. Wir hatten gewisse Themen in der Erzählung, die uns sehr wichtig waren und um die wir auch im Entwicklungsprozess gekämpft haben. Das war innerhalb des Kreativteams sehr easy, aber nach und nach kommt ja dann das ganze große Leading-Team dazu – Intendant, Regie, die beiden Dramaturginnen, Choreografie, Produzent usw…. Da gibt es dann natürlich auch unterschiedliche Meinungen und Themen, über die man länger diskutiert. Das Gute ist aber, dass wir immer zu einem Konsens gefunden haben und dass es Christian und Alex im Endeffekt auch immer ernst genommen haben, wenn uns etwas wirklich ganz zentral wichtig war. So hat jeder seinen Teil beigesteuert, dass wir diese Geschichte nun mit Tiefe, Spannung und viel Emotion auf die Bühne bringen können.
Lieber Thomas, wir fangen schon im Sommer an, die Daumen zu drücken: zuerst für die Uraufführung von „Augustin“ beim Musicalsommer Amstetten, wo du ja ebenfalls das Buch geschrieben hast, dann für das große Open-Air-Konzert mit Frank Wildhorn in Wien für das du als Produzent stehst – und natürlich für den krönenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Abschluss mit der Premiere von „Maria Theresia“ im Herbst. Vielen Dank dir für die spannenden Einblicke!
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