Izabella Radić (Diana Deveraux), Clarke Ruth (John P. Wintergreen), Maya Blaustein (Mary Turner) © Christian Schuller
Izabella Radić (Diana Deveraux), Clarke Ruth (John P. Wintergreen), Maya Blaustein (Mary Turner) © Christian Schuller

Wintergreen for President! (Of thee I sing) (2025)
Stadttheater, Gießen

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Was bei der Uraufführung 1931 vor allem eine Parodie auf den New Yorker Bürgermeister war, sowie eine übertriebene Satire in der Darstellung eines Wahlkampfs mit Populismus statt politischer Themen und dem Blick auf einen fremdgelenkten, ungeeigneten US-Präsidenten, sieht man heute mit völlig anderen Augen. Lange Zeit war das Musical von den Spielplänen verschwunden. Die europäische Erstaufführung war sogar erst 2006 in Linz, in Gießen läuft das Musical jetzt erstmals in Deutschland. Es schien außerhalb der USA inhaltlich nicht mehr relevant und die Wenigsten kannten sich mit den dortigen politischen Gepflogenheiten aus. Heute ist das anders. Allerdings ist „Wintergreen for President (Of Thee I Sing)“ nicht in allen Belangen in die heutige Zeit übertragbar – der Präsident ist nämlich recht sympathisch.

John P. Wintergreen kommt müde von der Arbeit, geht schlafen und träumt einen seltsamen Traum: Beim Parteitag einer Partei, von der auch die Mitglieder nicht wissen, wie sie eigentlich heißt und wofür sie steht, wirft er bei der Suche nach einem Präsidentschaftskandidaten seinen Namen in den Ring – und wird gewählt. Das Wahlkampfthema soll „Liebe“ sein, das würde schließlich die meisten Menschen beschäftigen. Werbewirksam organisiert man einen Schönheitswettbewerb, bei dem eine Ehefrau für Wintergreen und damit eine künftige First Lady gefunden werden soll. Wintergreens Beraterstab kürt die Südstaaten-Schönheit Diana Devereaux zur Siegerin. Doch Wintergreen entscheidet sich für Mary Turner, die blitzsaubere Sekretärin des Wettbewerbs, die gar nicht teilnimmt. Sie hat ihn mit ihrem Karottenkuchen bezaubert. Wintergreen gewinnt die Wahl und zieht ins Weiße Haus. Doch Diana Devereaux will ihre Niederlage nicht eingestehen. Sie ist schließlich die illegitime Tochter eines illegitimen Sohns eines illegitimen Neffen von Napoleon, somit Französin, und zettelt eine diplomatische Krise an, die fast in einen Krieg mündet.

Regisseur Philipp Grigorian hat die Original-Handlung in einen Traum-Rahmen verpackt. Damit kann er in noch mehr Absurditäten abtauchen, als es die Handlung ohnehin vorsieht. So setzt sich Wintergreens strippenziehender Beraterstab aus einem JD-Vance-Doppelgänger, einem Mann, der aussieht wie der „Kentucky Fried Chicken“-Gründer Harland D. Sanders, einem Ronald-McDonald-Clown mit den manischen Zügen des Jokers, einem nerdigen Vertreter des Silicon Valley und einem animalischen Mann in Wolfsgestalt zusammen. Er verschiebt den Fokus des Originals weg von der nicht mehr verständlichen Parodie auf die damalige New Yorker Kommunalpolitik hin zu heute relevanteren Themen und reichert den Dialog mit Bemerkungen über Bitcoins, Zölle, Grenzschließungen, Abtreibung und Wokeness an. 

Zwar verzichtet Grigorian auf Holzhammer-Humor, sehr hintersinnig ist seine Herangehensweise allerdings nicht – dafür aber recht lustig. Auch dass das Wahlvolk sich aus verschiedenen Gruppen, aus denen die US-Bevölkerung besteht, zusammensetzt – augenzwinkernd klischeehaft von der deutschen Frau im Dirndl bis zu Asiaten – ist eine schöne Idee. 

Grigorian zeichnet auch für das Bühnenbild verantwortlich. Auf der Drehbühne sind kreisförmig angeordnet verschiedene Spielorte angedeutet, in dessen Zentrum ein Podest für Wahlkampfreden oder den Schönheitswettbewerb steht. Im zweiten Akt stellt ein etwas verlorenes Rechteck das Innere des Weißen Hauses dar, das aber in den Szenen mit dem französischen Botschafter einfallsreich bespielt wird. Anna Abalikhinas Choreografien nutzen das, was an tänzerischem Potenzial im Ensemble steckt. Anne-Elise-Minetti legt als Miss Benson, Angestellte im Weißen Haus, eine beachtliche Steppnummer hin. Eigentlich tanzt sie zusammen mit ihrem Kollegen Sam Jenkins, doch Max Koltai musste in dieser Rolle für den erkrankten Tim Stolberg kurzfristig einspringen. Deswegen gibt es in der besuchten Vorstellung nur eine entschlackte Version des Tanzes zu sehen.

Beim Schauspiel hätte Regisseur Grigorian hier und da das Tempo anziehen dürfen. Die Szene, in der Mary Wintergreen mit ihrem Karottenkuchen bezaubert, ist beispielsweise recht zäh geraten. Das liegt aber auch an Clarke Ruth, der Wintergreen etwas steif und unbeholfen spielt. Auch wenn es im Grunde zur Figur passt, nimmt ihm das Bühnenpräsenz. Der Bassist aus dem Opernensemble verfügt aber über eine warme Singstimme, die durchaus gefällt, und sich leicht und beweglich den Gershwin-Songs anpasst. 

Ein ähnliches Problem hat die Sopranistin Maya Blaustein als Mary Turner. Ihre Figur, ein Tradwife-Postergirl, ist so porentief rein und von den Autoren ohne Ecken und Kanten gezeichnet, dass sie trotz schönen Gesangs blass bleibt. 

Die interessanteren Figuren sind wie so oft die „Bösewichte“. Diana Devereaux ist zwar genauso klischeehaft angelegt wie Mary Turner, doch als verführerischer Vamp im Glitzerkleid hat Izabella Radić viel mehr darstellerische Möglichkeiten. Auch stimmlich trumpft die Schauspielerin etwas mehr auf und darf auch mal einen jazzig-rauen Ton anschlagen. Die fünf Drahtzieher im Hintergrund fallen allein schon durch die Kostüme von Moritz Haakh auf. Ben Janssen als Francis X. Gilhooley, der Mann im Wolfspelz, sticht durch seine tierische Körpersprache aus dem Quintett hervor, Nikolaus Nitzsche als Ton angebender JD-Vance-Verschnitt Matthew Arnold Fulton durch seinen profunden Bariton. 

Die komischste Rolle hat Tomi Wendt als tattriger, offensichtlich an Joe Biden angelehnter Vizepräsident Alexander Throttlebottom inne. Er irrt durch die Handlung, weil sich niemand an ihn, geschweige denn seinen Namen erinnert und ihn keiner in seine Aufgaben einweist. 

„Wintergreen for President (Of Thee I Sing)“ war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung des Musicals. Es war eines der ersten, das sich weg von einer inhaltlich mal mehr, mal weniger verbundener Aneinanderreihung von Songs hin zu einem handlungsmotivierten Stück bewegte. Das Buch von George S. Kaufman und Morrie Ryskind bekam sogar den Pulitzer-Preis als bestes Drama – eine hohe Ehre für die damals noch junge Gattung Musical. Auch der Komponist George Gershwin ging mit seinem Bruder Ira, der die Liedtexte beisteuerte, hier neue Wege. Die Songs sind in die Geschichte eingebunden und bringen sie voran. Es wird auch mehr gesungen als in früheren Werken und der Chor übernimmt eine wichtige dramaturgische Rolle. Dass er sich dabei an den satirischen Operetten Jacques Offenbachs und den komischen, hart an Albernheit grenzenden Opern-Operetten-Mischlingen von Gilbert & Sullivan orientierte, ist nicht zu überhören. Sehr schön, wie er sich selbst auf den Arm nimmt und bei jedem Auftritt des französischen Botschafters sein Werk „An American in Paris“ zitiert. Auch wenn es in „Wintergreen“ keinen richtigen Hit gibt, ist die Musik eingängig und flott. Vladimir Yaskorski findet mit dem Philharmonischen Orchester Gießen dafür den richtigen Tonfall zwischen Broadway-Sound und parodistischem Operettenklang.

Ob sich „Wintergreen“ nun einen Platz im deutschen Theater-Repertoire erobert, bleibt abzuwarten. Verdient hätte es die überraschend aktuelle Polit-Parodie auf jeden Fall – und Gershwins Werke sind generell beschämend selten zu erleben. Deshalb: Wintergreen auf deutsche Bühnen!

 
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KREATIVTEAM
Musik und GesangstexteGeorge Gershwin
Ira Gershwin
BuchGeorge S. Kaufman
Morrie Ryskind
DeutschRoman Hinze
Musikalische LeitungVladimir Yaskorski
Regie, BühnePhilipp Grigorian
KostümeMoritz Haakh
ChoreografieAnna Abalikhina
 
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CAST (AKTUELL)
John P. WintergreenClarke Ruth
Mary TurnerMaya Blaustein
Diana DeverauxIzabella Radić
Alexander ThrottlebottomTomi Wendt
Francis X. GilhooleyBen Janssen
Senator Carver JonesNils Eric Müller
Louis LippmanDavíd Gaviria
Miss Benson / Senator of MassachusetsAnne-Elise Minetti
Sam JenkinsTim Stolberg
Max Koltai [05.06./ 07.06./ 08.06.]
Matthew Arnold FultonNikolaus Nitzsche
Senator Robert E. LyonsLukas T. Goldbach
Französischer Botschafter / TouristenführerLevent Kelleli
Vorsitzender Richter des Höchsten GerichtsAntje Tiné
SenatsschreiberinNatascha Jung
ArztVepkhia Tsiklauri
RoseMarie Lindstrøm
Gustavo de Oliveira Leite
ChorOpernchor des Stadttheaters Gießen
MusikPhilharmonisches Orchester Gießen
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 30.05.2025 19:30Stadttheater, GießenPremiere
Do, 05.06.2025 19:30Stadttheater, Gießen
Sa, 07.06.2025 19:30Stadttheater, Gießen
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