Mehr als zwanzig Jahre nach der Erstaufführung ist das Kiez-Musical „Heiße Ecke“ mit etwa zwei Millionen Zuschauern eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiktheaterproduktionen. Die Show von Regisseur und Schmidts Tivoli-Besitzer Corny Littmann ist auch heute noch aktuell und birgt ein Sammelsurium an schrillen Kiez-Persönlichkeiten, denen ein talentiertes Ensemble Leben einhaucht.
Flaniert man über die Hamburger Reeperbahn und begibt sich zum Spielort des mittlerweile beinahe fünfzehn Jahre laufenden St. Pauli-Musicals „Heiße Ecke“, erlebt man innerhalb kürzester Zeit das, was einen später auf der Bühne des kleinen Kult-Clubs in Reinkultur erwartet: Prostituierte und ihre Freier, unzählige Junggesellen- oder Junggesellinnen-Abschiede, Touristen, die unkontrolliert durch die Gegend irren und auch den ein oder anderen Ureinwohner mit frecher Hamburger Schnauze.
Vermutlich ist genau das das Erfolgsgeheimnis der seit 2003 laufenden Revue-Show von Schmidt-Theater-Gründer Corny Littmann: Er präsentiert seinen Kiez en détail – teils überzeichnet, teils durch den Kakao gezogen, aber immer mit einem Fünkchen Wahrheit und einem Augenzwinkern. So bietet die Show einen gelungenen Einblick für Touristen, hat aber auch urkomische Momente für das einheimische Publikum parat, da beinahe wöchentlich neue Details, Witze oder tagesaktuelle Themen in die Dialoge eingearbeitet werden. Hinzu kommt die unterhaltsame Musik von Martin Lingnau, die von Ballade über Mitschunkel-Lied bis hin zum an einen James Bond-Song erinnernden „Komm Baby“ vieles bietet.
An jedem Abend stehen neun Darsteller auf der kleinen Bühne des Schmidts Tivoli, die in über fünfzig unterschiedliche Rollen schlüpfen. Eines haben alle Rollen gemeinsam; sie finden allesamt ihren Weg an den Hamburger Imbiss „Heiße Ecke“, den Namensgeber der Show.
Das Herausstellen einzelner Rollen bzw. Personen ist aufgrund der Rollendiversität relativ schwierig. Allerdings bietet der Part der Imbiss-Besitzerin Margot (u. a. Kathi Damerow) besonders viele Gelegenheiten, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen, denn mit ihrer überzogenen Langsamkeit und dem losen Mundwerk wird die Rolle zum Abziehbild der Hamburger Kiez-Lebensart.
Ebenso nehmen die drei Pinneberger Pitter, Mikie und Frankie (u. a. Kai Bronisch, Stefan Leonard, Heiko Fischer) durch ihre plumpe Art die Zuschauer für sich ein. Ihre vielfältigen Auftritte, bei denen sie betrunken über die Bühne taumeln, sorgen immer wieder für Szenenapplaus.
Einziger Wermutstropfen der sehr lebendigen und für die Darsteller anstrengenden Kostüm- und Rollenwechsel ist die Tatsache, dass man gegen Ende aufgrund der Vielzahl an Charakteren als Zuschauer ein wenig den Überblick verliert und sich teilweise fragt, wie die Personen miteinander verbandelt sind.
Der Ablauf der Show erinnert ein wenig an eine Nummernrevue – es gibt einzelne Szenen am Imbiss, die meist mit einem Lied beendet und durch einen Fade-out deutlich voneinander abgegrenzt sind. Das ist zwar im Laufe des Abends sehr vorhersehbar, funktioniert aber bei einer solchen Erzählweise, die von den Witzen der Einzelszenen lebt, bestens. Auch das angesprochene „Updaten“ der Szenen im Laufe der Jahre gelingt durch diese Herangehensweise recht einfach und unkompliziert. Auffällig wird die Aktualität beispielsweise, wenn am Imbiss über das benachbarte Stage-Operettenhaus gesprochen wird und die Gags stets an das darin aktuell laufende Stück angepasst sind.
„Heiße Ecke“ ist eine sehr unterhaltsame Show. Sie lebt von Stereotypen, spielt mit den Auffälligkeiten des Hamburger Kiezes und präsentiert dessen Bewohner sehr anschaulich und unterhaltsam. Gemixt mit ins Ohr gehender Musik, guten Darstellern und dem Charme des Schmidts Tivoli, in dem man während der gesamten Show mit Getränken und Essen versorgt wird, bietet sich ein spaßiger Musical-Show-Revue-Abend, den man beschwingt und mit guter Laune verlässt
Unsere Rezension der Produktion 2009 von Jan-M. Studt:
Corny Littmanns Imbisscrew serviert dem Publikum an der „Heissen Ecke“ vierundzwanzig in kleine Szenenhäppchen komprimierte Stunden Leben rund um den fiktiven Imbiss an der Reeperbahn.
An der „Heissen Ecke“ trifft sich, was man vom Kiez so erwartet: Huren, Zuhälter, Hehler, Touristen und Polizisten. Die verschiedenen Charaktere wirken zum Teil etwas schablonenhaft – hier hätte Autor Thomas Matschoß dem Kiez, der ja immerhin vor der Haustür liegt, vielleicht doch etwas originellere Figuren abringen können.
Pointierter kommen da andere Charaktere wie das „Mamma-Mia-Musicalzuschauer-Ehepaar“ daher: Die gesungenen Schimpfkanonaden der spiessigen Ehefrau (genial: Carolin Spieß) bringen Leben in die (Wurst-)Bude.
Die Musiknummern hinterlassen generell einen sehr guten Eindruck. Zu den weiteren Highlights des Abends zählen der Aufmacher „Reeperbahn“ (eine der wenigen Ensemblenummern) und ganz besonders die Multi-Musical-Parodie der eher ambitionierten als talentieren Musical-Anwärter, die unvermittelt die Bühne stürmen.
Beim Gesang liefern die Darsteller durch die Bank solide (wenn auch nicht umwerfende) Qualität ab und laufen bei den mehrstimmigen Parts – von denen es gerne mehr hätte geben können – zu Höchstform auf. Schade, das gerade an diesen Stellen die Sprachverständlichkeit zu kurz kommt – aber vielleicht kann die Tontechnik diese Probleme noch Ausbügeln.
Das siebenköpfige Tivoli-Orchester unter der Leitung von Martin Lingnau, hinter dem stimmungsvollen aber statischen Bühnenbild gut versteckt, liefert die passende Sättigungsbeilage mit dem nötigen Pfeffer. Lediglich das Solo des Excstasy-dealenden Werbefritzen hätte frischere Sounds vertragen können.
Die neunköpfige Cast arbeitet sich wacker durch immerhin fünfzig(!) verschiedene Rollen und schafft es dabei, den einzelnen Chrakteren Leben und Charme einzuhauchen, soweit es der episodische Aufbau des Stückes erlaubt.
Wie im echten Imbiss: An der „Heissen Ecke“ bekommt man was für sein Geld. Reinschauen lohnt sich – und kleinere Mängel verzeiht man bei symphatischen Darstellern und kleinen Preisen gern.
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion? Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Mehrere Begriffe ohne Anführungszeichen = Alle Begriffe müssen in beliebiger Reihenfolge vorkommen (Mark Seibert Hamburg findet z.B. auch eine Produktion, in der Mark Müller und Christian Seibert in Hamburg gespielt haben). "Mark Seibert" Wien hingegen findet genau den Namen "Mark Seibert" und Wien. Die Suche ist möglich nach Stücktiteln, Theaternamen, Mitwirkenden, Städten, Bundesländern (DE), Ländern, Aufführungsjahren...