Marianne Larsen © Christian Hartmann
Marianne Larsen © Christian Hartmann

"Theater lernen im Theater von Theatermachern – besser geht es nicht!" Marianne Larsen im Interview

Wenn Marianne Larsen über Musical spricht, spürt man sofort: Hier ist jemand mit echter Leidenschaft für das Genre. Nach vielen Jahren auf der Bühne widmet sie sich heute mit genauso viel Engagement der Ausbildung junger Talente an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Im Gespräch mit uns erzählt sie, worauf es in der Ausbildung ankommt – und verrät ganz nebenbei auch, welches Stück der aktuelle Jahrgang dieses Jahr auf die große Bühne des Prinzregententheaters in München bringt.

Abschlussproduktion 2016: „Big Fish“ Ensemble
© Lioba Schöneck

Frau Professor Larsen, Sie selbst haben eine beeindruckende Bühnenkarriere hinter sich – wie prägt Ihre eigene Erfahrung als Darstellerin Ihre Arbeit mit den Studierenden?

Das beeinflusst mich natürlich sehr! Einerseits ist meine eigene Karriere ein großer Teil meiner Expertise. Anderseits habe ich es von Anfang an als meine Aufgabe gesehen, mich immer vorwärts zu bewegen und die Musical-Branche quasi alltäglich zu durchleuchten. Es ist ein sich wahnsinnig schnell veränderndes Genre. Man muss für die Arbeit mit den Studierenden ständig informiert bleiben. Ich bin sehr gerne am Puls der Zeit, auch wenn ich selbst (fast) nicht mehr auf der Bühne stehe.

Der Studiengang Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding genießt einen exzellenten Ruf. Was macht die Ausbildung in München besonders?

Danke für das Kompliment! Auf jeden Fall ist die Praxisnähe in unserer Ausbildung ungeheuer wichtig. Mindestens einmal im Jahr sind unsere Studierenden Teil einer Theaterproduktion.

Abschlussproduktion 2019: „American Idiot“ mit Florian Koller (Tunny), Edward R. Serban (Johnny), Alexander Sichel (Will), Ensemble © Lioba Schöneck

Da an der Bayerischen Theaterakademie August Everding auch andere Studiengänge, wie beispielsweise Regie, Dramaturgie oder Maskenbild vertreten sind, haben die Studierenden quasi ab Tag 1 Kontakt mit anderen Theaterberufen. Auch bei der täglichen Arbeit mit den technischen Gewerken erlernen sie wichtige Verhaltensregeln im Theaterbetrieb.

Wie schaffen Sie es mit Ihrem Team, auf die individuellen Stärken der Studierenden einzugehen und sie gleichzeitig auf den heutigen Musicalmarkt vorzubereiten?

Spätestens ab dem 4. Studienjahr werden unsere Studierenden sehr individuell gefördert. Die ersten drei Jahre dienen dem Erlernen des Handwerks. Wer danach merkt, dass er/sie sich spezialisieren möchte, kann sich – soweit wir die Mittel haben – weiterbilden. Wir ermöglichen, dass sich die Studierende vielseitig auszuprobieren können. Zum Beispiel, dass sie Stücke konzipieren, schreiben und komponieren oder sich selbst in den Bereichen Choreografie, Regie, Ton und Licht erproben können. Außerdem versuchen wir auch instrumentale Fähigkeiten zu fördern und weiterzubilden. Wir sind der Meinung, die Anforderung des heutigen Musicalmarkts heißt ‚Vielseitigkeit‘. Wer breit aufgestellt ist, kann sich auf dem Markt auch breiter präsentieren.

Abschlussproduktion 2023: „Once Upon a Mattress“ mit Tim Morsbach (Königin), Mats Visser (Prinz Arglos) © Lioba Schöneck

Immer wieder übernehmen Absolventinnen und Absolventen Ihres Studiengangs große Rollen in renommierten Produktionen – zuletzt Mats Visser in „Romeo und Julia“ in Berlin. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Ich freue mich natürlich! Wenn unsere Studierende solche Erfolgserlebnisse haben, bekommen meine Kolleg:innen und ich ein großes Gefühl von Sinnhaftigkeit. Dieses Gefühl stellt sich aber bei jedem Erfolg unsere Studierende ein, nicht nur bei ‚Blockbuster-Produktionen‘. Wenn ein Student oder eine Studentin es schafft, in diesem wunderbaren Beruf seinen oder ihren Traum zu leben, macht mich das sehr glücklich!

Welche Rolle spielt die enge Zusammenarbeit mit Bühnen und Regieteams für die Ausbildung?

Eine unabdingbare Rolle! Ich bin vielleicht ‚old-school‘, wenn ich behaupte, dass Kunst immer noch Handwerk ist und deswegen in der Werkstatt gelernt werden muss. Das ist meine Überzeugung: Theater lernen im Theater von Theatermachern – besser geht es nicht!

Wie hat sich das Musical-Studium in den letzten Jahren verändert – etwa im Hinblick auf neue Strömungen oder die Erwartungshaltung der Branche?

Puh… leider ist dies ein abendfüllendes Thema. Die Bologna-Reform hat alle Kunsthochschulen in einem Dilemma getrieben. Bachelor-Master-Konzepte nach rein theoretischen Formeln zu entwickeln, bringt Probleme mit sich und der Prozess des Studierens ändert sich.

Abschlussproduktion 2016: „Big Fish“ mit Nicolo Soller (Don Price), Julia-Elena Heinrich (Hexe), Claudio Gottschalk-Schmitt (Zacky Price) © Lioba Schöneck

Dieser Umstand ist dem Markt – so vermute ich – eher egal. Die Branche an sich entwickelt sich am Rand – oder vielleicht auch aus der Mitte, das ist Ansichtssache – der Gesellschaft. Das macht ja auch dieses Genre so unglaublich spannend! Es ist immer in Bewegung.

Ich denke, wir reagieren aufeinander. Die Branche kann nicht realisieren, was bei Darstellenden handwerklich nicht möglich ist. Und die Künstler:innen müssen sich weiterbilden, um den Anforderungen des Markts gerecht zu werden. Die Ausbildung endet quasi nur theoretisch nach vier Jahren. Die Weiterbildung ist ein Lebensprojekt.

Ein Höhepunkt jedes Jahrgangs ist sicher das Abschlussprojekt. Welche Funktion erfüllt diese Produktion für die angehenden Musicaldarstellerinnen und Musicaldarsteller?

Unser Abschlussprojekt auf der großen Bühne im Prinzregententheater ist schon alleine deshalb ein Highlight, weil drei Jahrgänge zusammen auf der Bühne stehen, sich gegenseitig halten und inspirieren. Es ist eine Master-Kür in Teamarbeit. Zu dieser Produktion laden wir auch immer ein renommiertes Kreativteam ein, damit die Produktion unter professionellen Maßstäben realisiert wird. Das ist für uns alle eine sehr spannende Zeit.

Können Sie uns schon verraten, welches Stück in diesem Jahr auf dem Spielplan steht?

„The Addams Family“.

Oh wie spannend! Eine Show mit großem Ensemble, schrägem Humor und ikonischen Figuren. Warum haben Sie sich mit dem aktuellen Jahrgang gerade für dieses Musical entschieden?

Das Abschlussstück zu finden, ist sozusagen die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wir ‚casten‘ ja nicht ein Lieblingsstück, sondern wir suchen nach einem Stück, in dem sich die 6-8 Master-Studierenden optimal präsentieren können. Ich suche das Stück zusammen mit den Master-Studierenden und meiner Produktionsleiterin Agnes Wiener aus. Das führt oft zu sehr überraschenden Entscheidungen. Man braucht viel Humor – und den habe ich!

Was wünschen Sie sich für Ihre Absolventen, wenn sie nach dem Abschluss den nächsten Schritt auf die großen Bühnen wagen?

Abschlussproduktion 2024 „Mozart!“ Ensemble © Lioba Schöneck

Lebe deinen Traum! Und immer im Auge behalten, dass wir ’nur‘ Theater machen, aber das mit voller Leidenschaft. Wir sind sehr wohl gesellschaftsrelevant!

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Professor Larsen – wir sind gespannt auf die schräge Welt der Addams Family und freuen uns auf die nächste Generation Musicalprofis, die von München aus die Bühnen im Sturm erobern wird.

 
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