Christian Schöne steht nicht nur als Musical-Darsteller im Rampenlicht – seine Vielseitigkeit bringt auch abseits der Bühne spannende Projekte hervor. Neben seinen regelmäßigen Engagements auf den deutschen Musicalbühnen – zuletzt etwa in „Nuremberg ’45“, einem Musical, das sich mit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, oder in den Spotlight-Musicals „Robin Hood“ und „Die Päpstin“, in denen Schöne seine Rollen bei den Uraufführungen kreierte – war er unter anderem Teilnehmer der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Sein neuestes Projekt ist der Pop-Act „NEONGALAXIE“, für den er gemeinsam mit zwei Gesangskollegen im Februar die erste Single gleich in zwei Versionen (Deutsch/Englisch) recorden wird. In unserem Interview gewährt er uns Einblicke in seinen Arbeitsprozess sowie seine Entscheidungskriterien bei der Annahme eines Engagements und spricht über Traumrollen und zukünftige Projekte, die ihn sowohl persönlich als auch künstlerisch herausfordern.
Gerade hast du die Spielzeit von „Nuremberg 45“ beendet. Auf den ersten Blick sind die Nürnberger Prozesse ein ziemlich ungewöhnliches Thema für ein Musical. Deine Rolle des „Will“ ist in dem Stück eine ziemlich komplexe und vor allem emotional aufgeladene Figur. Wie gehst du an so eine Figur heran und welche Bedeutung hat es für dich, historische Themen wie die Nachkriegszeit in einem Musical zu behandeln?
Die direkte Nachkriegszeit ist eine außergewöhnliche und geschichtsträchtige Epoche. Bei einem Musical wie „Nuremberg 45“ geht es aber vor allem darum, die Emotionen und die Ehrlichkeit der Figuren in den Vordergrund zu stellen. Die Umstände mögen sich unterscheiden, aber Themen wie Liebe, Zweifel und Traumatisierung bleiben universell. Meine Rolle des Will legt den Fokus auf diese Themen und beleuchtet seine Traumata schon im ersten Akt sehr deutlich. Das bietet eine besondere Tiefe und Relevanz, die ich spannend finde.
Ich verstehe, dass es immer wieder Diskussionen darüber gibt, ob ernste historische Themen wie die Nachkriegszeit oder auch die Zeit des Nationalsozialismus für Musicals geeignet sind. Aber warum eigentlich nicht? Theater und Musical bieten die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die uns emotional berühren und zugleich zum Nachdenken anregen. Es geht nicht nur um die Darstellung von Leid, sondern auch um Hoffnung, Menschlichkeit und die Frage, was wir aus der Geschichte lernen können. Genau darin liegt der Auftrag des Musicals und des Theaters – nicht zur Anspruchslosigkeit beizutragen, sondern Perspektiven aufzuzeigen.
Wie bist du zu dieser Rolle gekommen? Und wie gestaltest du deinen Arbeitsprozess, wenn du mit einem noch nicht finalen Skript und wenig Vorwissen in ein Projekt einsteigst?
Bevor es in die Endproben ging, gab es drei Skriptfassungen, soweit ich weiß. Persönlich habe ich nur die dritte Fassung zu Gesicht bekommen. Ganz am Anfang des Projekts wurde mir die Rolle angeboten. Ich habe einige musikalische Auszüge und kurze Textpassagen erhalten, musste aber zunächst absagen, da wir uns in den Konditionen zunächst nicht einig wurden. Das passiert öfter in diesem Geschäft – am Ende ist es immer auch eine wirtschaftliche Abwägung zwischen Kunst und Vernunft.
Es war aber irgendwie Schicksal: Kurz nachdem ich eine größere Produktion, bei der ich lange gezögert hatte, endgültig absagte, kam eine E-Mail. Man fragte mich, ob ich nicht doch bereit wäre, die Rolle zu übernehmen. Diese Nachricht erreichte mich, während ich an einem Bahngleis stand – nicht etwa, um mich auf selbiges zu werfen , sondern weil ich unterwegs war. In dem Moment dachte ich: „Die Weichen stellen sich gerade neu. Das soll so sein.“ Also habe ich zugesagt.
Zu dem Zeitpunkt hatten die Proben schon begonnen, und ich musste mich direkt in die Rolle einarbeiten – mit dem Skript in der Hand und einer Menge Material, das ich noch nicht kannte. Das Thema und die Figur haben mich aber sofort gepackt. Ich bin allerdings kein Typ, der vorab tief recherchiert. Früher habe ich das gemacht – bei Rollen wie Heinrich Raspe oder beim Anastasius in „Die Päpstin“, aber ich habe festgestellt, dass das Wissen aus der Recherche selten direkt in der Inszenierung ankommt. Für mich ist es wichtiger, mit einem guten Skript zu arbeiten, alles frisch zu lesen und auf dieser Basis ein Psychogramm der Figur zu entwickeln.
Wenn ich dann noch Fragen habe, gehe ich direkt auf die Regie oder Dramaturgie zu. Klar, manchmal muss man auch im Nachhinein noch recherchieren. Aber im Musical-Bereich kommt es viel mehr darauf an, die Rolle zu fühlen und das Material sinnvoll umzusetzen.
Und wie gehst du im Gegensatz dazu bei der Vorbereitung auf eine Rolle vor, wenn das Stück bereits existiert. Ist es schwierig, die Balance zwischen Inspiration durch Vorgänger und deiner eigenen Interpretation der Figur zu finden?
Ich fühle mich in beiden Situationen wohl, aber es ist tatsächlich so: Wenn mir eine Rolle angeboten wird, bei der das Stück schon existiert, schaue ich mir das in 95 % der Fälle an – entweder live oder durch Mitschnitte. Diese bekomme ich dann entweder direkt vom Team oder manchmal auch über Fan-Kreise, in denen solche Aufnahmen kursieren.
Natürlich schaue ich dann, wie mein Vorgänger die Rolle angelegt hat. Aber wenn man mich lässt und die Arbeit es zulässt, bringe ich immer meine eigene Handschrift mit ein. Ich versuche selten, jemanden nachzuahmen. Wenn ich etwas wirklich gut finde, übernehme ich das vielleicht, aber ich versuche nicht, es genauso zu machen wie jemand anderes.
Natürlich gibt es Ausnahmen, zum Beispiel bei großen Produktionen, in denen jede Geste und jedes Timing exakt vorgegeben sind. Dann muss man sich natürlich daran halten. Aber ansonsten mache ich es so, wie ich es empfinde. Natürlich wird man von dem, was man gesehen hat, beeinflusst – das bleibt nicht aus. Aber ich gehe nicht mit dem Anspruch heran, einen Hybrid aus meinem Vorgänger und mir zu schaffen. Ich mache es erst einmal auf meine Weise.
Welche Kriterien sind für dich besonders wichtig, wenn du vor der Entscheidung stehst, ein Angebot für ein Engagement anzunehmen oder nicht?
Da spielt natürlich auch ein Stück weit wirtschaftliches Denken mit hinein. Aber vor allem sehe ich mich als Künstler. Es gibt für mich einen Unterschied zwischen Künstler:innen und Darsteller:innen. Darsteller:innen können das Kostüm oft schneller in den Schrank hängen und direkt in ihr Privatleben wechseln. Das merkt man schon daran, wie schnell sie nach der Vorstellung abschalten können oder wie sie sich vorbereiten. Manche kommen knapp vor der Vorstellung ins Theater, lassen sich schnell schminken, spielen ihre Rolle und sind direkt danach wieder weg.
Bei mir ist das anders. Ich komme meist großzügig früher ins Theater, schminke mich – wenn möglich – selbst, stimme mich auf die Rolle ein, kontrolliere meine Requisiten und die Bühne. Nach der Vorstellung schleiche ich mich langsam aus dem Theater aus, das ist für mich ein Ritual. Künstler:innen haben oft diese innere Flamme – dieses Bedürfnis, etwas zu erschaffen und es danach wieder zu hinterfragen oder sogar zu zerstören. Das ist ein Tanz zwischen Zweifel, Hinterfragen und dem Zulassen von Triumphen. Das ist etwas, was Künstler:innen emotional anders verarbeiten, zumindest meiner Erfahrung nach.
Und um auf die Frage zurückzukommen: Wenn mir ein Angebot gemacht wird, prüfe ich mehrere Dinge. Gibt es einen Tonträger, oder wird einer erstellt? Mir persönlich ist das wichtig, weil ich finde, dass ein Tonträger nicht nur für die Vermarktung des Stücks, sondern auch für meine eigene künstlerische Weiterentwicklung hilfreich ist. Dann schaue ich, wer im Kreativteam dabei ist – mit wem möchte ich gerne arbeiten? Reizt mich die Idee oder das Stück selbst? Kann ich mich damit identifizieren?
Natürlich spielen auch praktische und finanzielle Aspekte eine Rolle. Wie sind die Konditionen? Kann ich meinen Hund mitbringen? Das ist nicht immer möglich, und ich verstehe das, aber es beeinflusst meine Entscheidung. Für andere sind es vielleicht Kinder oder andere private Faktoren, die sie berücksichtigen müssen.
Am Ende frage ich mich: Bringt mich die Rolle weiter? Reizt mich der Stoff? Gibt es einen Tonträger? Stimmt das Finanzielle? Wenn am Ende mehr Minuspunkte als Pluspunkte zusammenkommen, sage ich ab. Aber eines bleibt immer: Es gibt keine Garantie. Jedes Engagement ist eine Chance, und auch wenn es Risiken gibt, bin ich jemand, der lieber wagt.
Weil du es gerade angesprochen hast: Mit welchen Kreativköpfen würdest du in Zukunft gerne zusammenarbeiten und was würde dich an diesem Zusammenarbeiten reizen?
Andreas Gergen und Christian Struppeck sind zwei Namen, die bei mir sofort in den Sinn kommen, wenn ich gefragt werde, mit wem ich gerne zusammenarbeiten würde. Mit Andreas hatte ich schon einige Berührungspunkte, zum Beispiel bei „Die 3 Musketiere“, allerdings in einer Schauspielrolle, in der ich gesanglich nicht so viel zeigen konnte. Bei „Luther – Das Pop-Oratorium“, bei dem er ebenfalls Regie führte, war ich in einer Cover-Position, in der ich nur als Ersatzmann viele Rollen abdeckte, aber nicht so präsent war, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte.
Andreas Gergen hat in der Vergangenheit meine Art, eine Rolle zu durchdenken und mich inhaltlich mit einem Stück auseinanderzusetzen, sehr geschätzt. Das hat mich motiviert, da er mir auch zutraute, perspektivisch selbst in den Bereich der Regie zu gehen. Das ist ein Ziel, das ich für die Zukunft definitiv in Betracht ziehe. Christian Struppeck hingegen ist jemand, dessen Arbeit ich schon lange bewundere, auch wenn ich bisher keine direkte Verbindung zu ihm hatte. Es wäre spannend, herauszufinden, wie unsere Arbeitsweisen zusammenpassen und welche Projekte wir gemeinsam entwickeln könnten. Ich bin von Natur aus ja ein streitbarer Charakter, jemand, der vielschichtige Rollen und herausfordernde Projekte bevorzugt. Solche Konstellationen, in denen man sich gegenseitig inspiriert und neue Impulse setzt, finde ich besonders reizvoll.
Zudem gibt es noch viele weitere Namen in der Branche, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Aber es braucht immer auch den richtigen Moment, die passenden Projekte und natürlich eine gewisse Offenheit für gegenseitiges Vertrauen und Zusammenarbeit. Networking ist nicht unbedingt meine Stärke, und ich habe oft geglaubt, dass mein Können auf der Bühne ausreicht, um andere zu überzeugen. Doch ich habe über die Jahre gelernt, dass der persönliche Austausch und der Aufbau von Beziehungen genauso wichtig sind, um als Künstler nachhaltig erfolgreich zu sein.
Gibt es bestimmte Traumrollen, die Du noch auf deiner Bucket-List stehen hast?
Oh ja, die gibt es! Kommerziell gesehen habe ich drei absolute Traumrollen. Ganz oben auf meiner Liste steht „Jesus“ in „Jesus Christ Superstar“ – und ich meine wirklich „Jesus“, nicht „Judas“. Diese Rolle hat auch altersbedingt eine gewisse Dringlichkeit, also hoffe ich, dass es bald klappt und ich bin hierzu auch schon in einem recht weit gediehenen Austausch. Außerdem träume ich davon, den Graf von Krolock in „Tanz der Vampire“ zu spielen. Ich glaube, ich wäre ein wirklich charismatischer Graf! Und auf Stadttheater-Ebene würde ich sehr gerne den Dr. Henry Jekyll in „Jekyll & Hyde“ übernehmen, aber zeitlich hat das bisher leider noch nicht geklappt.“
Aber mein Blick auf Traumrollen allgemein hat sich im Laufe der Zeit verändert. Traumrollen entwickeln sich oft unerwartet. Lohnenswerte Rollen winken oft hinter mancherlei Ecken, die auch Erfüllung und Erfolg bringen können. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Rolle als King John in „Robin Hood“. Ich hätte nie gedacht, dass diese Rolle, die auf so verschlungenen Pfaden zu mir kam, so erfolgreich wird. Ursprünglich war ich zwar Teil der ersten Readings gewesen, danach dann aber für den Regisseur nicht die erste Wahl. Nach einem kreativen Hin und Her während des Entstehungsprozesses wurde ich dann aber letztendlich doch besetzt. Diese Arbeit hat mir viel kreative Freiheit gelassen – und am Ende war ich sogar für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert. Das hat mich überrascht und begeistert.
Und gibt es Rollen, die du sofort wieder annehmen würdest?
Unbedingt! „Sweeney Todd“ ist so eine Rolle. Früher hätte ich mich nicht an Sondheim herangetraut, aber nachdem ich Sweeney (2024, Theater am Hagen /Straubing) gespielt habe, weiß ich, wie erfüllend das ist. Diese Rolle gibt einem so viel Energie – ich gehe von der Bühne und habe mehr Energie als vorher, und das Publikum auch. Genau das ist für mich Theater!
Gibt es bereits Pläne, über die Du schon sprechen kannst?
Es gibt einige spannende Projekte. Ich kehre im Sommer zu „Robin Hood“ zurück. Dort habe ich die Rolle des König John in der Uraufführung gespielt und das darf ich jetzt wieder machen; in einigen Shows übernehme ich auch die Rolle des Guy von Gisbourne was mich sehr freut. Und ich werde wieder Anastasius in „Die Päpstin“ spielen. Diese Rolle ist für mich ein Geschenk. In einer Neuinszenierung darf ich sie noch einmal ganz neu entdecken. Es ist wunderbar, dass mir das Kreativteam erneut dieses Vertrauen schenkt.
Siehst du dich jetzt immer komplett auf der Bühne? Oder könnte es auch sein, dass du irgendwann mal den Seitenwechsel wagst und etwas anderes im Musical oder auch in einem ganz anderen Bereich machen wirst?
Es gibt tatsächlich weniger große, alte Rollen. Gerade die Hauptrollen, die auch altersmäßig besetzt werden, gibt es nicht mehr so viele. Viele Darsteller sind jahrelang in ein bestimmtes Fach verhaftet gewesen, zum Beispiel als der jugendliche Held oder der Sonnyboy. Der Zug ist dann irgendwann abgefahren. Ich bin zum Glück als Charakterdarsteller unterwegs und kann in viele verschiedene Rollen schlüpfen. Das ist ein großes Glück, weil mir die Vielfalt an Rollen und die Möglichkeit, mich zu verändern, immer noch offensteht. Aber ich mache mir auch Gedanken darüber, ob ich irgendwann nicht mehr nur aus dem Koffer leben möchte.
Konkrete Optionen, die ich in Betracht ziehe, sind zum Beispiel die Arbeit im Synchronbereich, was aber schwierig ist, weil viele Synchronstudios erwarten, dass man sich ganz von der Bühne verabschiedet. Es gibt auch die Möglichkeit, als freier Dozent tätig zu sein, und da habe ich bereits Erfahrungen gesammelt. Ich wollte mich aber immer ganz der Bühne widmen.
Regiearbeit reizt mich auch sehr. Ich habe ein gutes Gespür für Dramaturgie, für die Logik und den Ablauf von Szenen und für die emotionale Tiefe der Rollen. Ich habe in der Vergangenheit auch zahlreiche Workshops mit anschließenden Showcases organisiert sowie geleitet und alle Bereiche eines Theaterstücks kennengelernt – von Lichtplänen bis hin zu dramaturgischen Entscheidungen. Wenn ich irgendwann die Möglichkeit hätte, eine eigene Regiearbeit zu machen, würde ich das sehr gerne ausprobieren. Aber der Weg dorthin ist nicht einfach, weil man oft als Regieassistent anfängt und sehr jung ist, was nicht immer gut ist, und die Bezahlung ist auch nicht besonders hoch. Da sind wir dann natürlich auch wieder bei den wirtschaftlichen Überlegungen. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich das kann und weiß, dass es eine Herausforderung ist, die ich annehmen würde, wenn sich die Gelegenheit bietet.
Lieber Christian, die Zeit mit dir vergeht wie im Flug. Vielen Dank für die spannenden Einblicke in deine Herangehensweise an neue Rollen und deine stetige künstlerische Weiterentwicklung. Für die Zukunft wünschen wir dir viele aufregende Projekte – sei es als „Jesus“, als „Graf von Krolock“ oder vielleicht irgendwann auch auf dem Regiestuhl. Wir sind sicher, dass sich die richtigen Türen zur richtigen Zeit öffnen! Zunächst wünschen wir dir viel Erfolg und vor allem viel Spaß bei deinen Engagements in Fulda!
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