Silke Jahn-Popov (Frau 3), Young Chan Cho (Mann 2), Tom Quaas, Peter Lewys Preston (Montague „Monty“ Navarro), Jennifer Jennifer (Frau 1), Michael Simmen (Mann 3), Norman Sengewald (Mann 1), Jacqueline Treydel (Frau 2) © André Leischner
Silke Jahn-Popov (Frau 3), Young Chan Cho (Mann 2), Tom Quaas, Peter Lewys Preston (Montague „Monty“ Navarro), Jennifer Jennifer (Frau 1), Michael Simmen (Mann 3), Norman Sengewald (Mann 1), Jacqueline Treydel (Frau 2) © André Leischner

Liebe, Mord und Adelspflichten (seit 03/2024)
Gewandhaus, Zwickau

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Wer schon einmal die Idee gehabt hat, die missliebige Verwandtschaft auf elegante Weise um die Ecke zu bringen, der findet in dem 2012 uraufgeführten, bitterbös-schwarzhumorigen Musical mit dem etwas sperrig wirkenden deutschen Titel “Liebe, Mord und Adelspflichten” von Robert L. Freedman (Buch und Gesangstexte) und Steven Lutvak (Musik und Gesangstexte) zahlreiche Anregungen. Cusch Jungs flotte Inszenierung des skurrilen Stoffes gerät auch dank seines präzise agierenden und brillant singenden Casts bei der Premiere in Plauen zum umjubelten Publikumserfolg.

Nach und nach beißen acht Mitglieder der britischen Adelssippe D’Ysquith ins Gras. Lastet auf der Familie ein böser Fluch oder trachtet ein eiskalter Serienkiller den sechs Lords und zwei Ladys nach dem Leben? Hinter den wie Unfälle wirkenden Unglücksfällen steckt tatsächlich menschliches Kalkül. Allerdings hilft der Täter nur etwas nach, wenn sich die Opfer aufgrund ihrer eigenen Trotteligkeit mehr oder weniger selbst ins Jenseits befördern. So stürzt zum Beispiel der beschwipst-bigotte Priester Ezekiel bei einer Besichtigungstour vom Turm seiner Kathedrale, wird der tuntige Imker Henry von einem ganzen Bienenvolk zu Tode gestochen und die abgetakelte Möchtegern-Schauspielerin Salomé erschießt sich auf der Theaterbühne mit einem “aus Versehen” mit echter Munition geladenen Gewehr.

Urheber für diese und alle weiteren fünf mysteriösen Todesfälle ist Monty Navarro, der per Zufall erfährt, dass auch in seinen Adern das blaue Blut der D’Ysquith-Sippe fließt. Nach einer unstandesgemäßen Liebesheirat wurde seine Mutter Isabel, Tochter von Lord Maximilian D’Ysquith von ihrer Familie verstoßen. Als dieses Geheimnis nach ihrer Beerdigung zutage kommt, beschließt Sohn Monty, dieses Unrecht zu rächen und selbst in der Erbfolge an die erste Stelle aufzurücken. Winken doch Ansehen und Wohlstand, was auch seiner Beziehung zu Luxusweibchen Sibella zuträglich wäre. Aus Berechnung ehelicht diese einen reichen Mann, hält sich ihre Jugendliebe Monty allerdings weiterhin als Liebhaber. Kompliziert wird es, als Monty sich in seine Verwandte Phoebe D’Ysquith verliebt, die allerdings hinter ihm in der Erbfolge steht und sich somit außerhalb der Meuchel-Gefahrenzone befindet.

Erzählt wird die Story als Rückblende. Monty, inzwischen nach dem Ableben der anderen Familienmitglieder zum 9. Grafen von Highhurst aufgestiegen, wartet in einer Gefängniszelle auf seine Hinrichtung und nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch seine Memoiren. Dem Inhaftierten wird der Mord am letzten Lord D’Ysquith zur Last gelegt, der bei einem Abendessen mit Blausäure aus dem Weg geräumt worden ist. Allerdings war nicht Monty der Attentäter und wird folglich freigesprochen. Wie dieses etwas mit der Brechstange herbeigeführt wirkende Happy End zustande kommt und welche Paarkonstellation sich um Montys Herz durchsetzt, soll hier allerdings nicht gespoilert werden.

Es muss allerdings verraten werden, dass dem Theater Plauen-Zwickau mit der erst dritten Inszenierung dieses Musicals in Deutschland eine absolut sehens- und hörenswerte Produktion gelungen ist. Ein Vater dieses Erfolgs heißt Cusch Jung. Der Musical-Spezialist zündet mit kreativen Einfällen ein wahres Gag-Feuerwerk und setzt in seiner Inszenierung ganz auf das richtige Timing, Witz und liebevoll gezeichnete Charaktere. Der morbide Spaß entgleitet ihm zu keinem Zeitpunkt in die Untiefen des Klamauks und schnurrt einem Schweizer Uhrwerk gleich als schwarzhumorige Komödie über die Bühne. Gleichzeitig nutzt Jung das Stück auch für Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen mit seinem Standesdünkel im England des frühen 20. Jahrhunderts. Der Regisseur zeichnet dafür die nach und nach aus dem Weg geräumten Mitglieder der D’Ysquith-Familie gegenüber dem “Emporkömmling” Monty so herablassend, narzisstisch und unsympathisch, dass ihnen im Zuschauerraum niemand eine Träne nachweint.

Dafür fließen zuhauf Lachtränen, denn die dahingeschiedenen Lords und Ladys werden allesamt von nur einem Darsteller verkörpert. Tom Quaas ist ein brillanter Komiker mit einer immensen Bühnenpräsenz und schlüpft im fliegenden Kostümwechsel in atemberaubendem Tempo in seine schrulligen Charakterrollen. Da jede seiner Figuren über eine eigene Persönlichkeit verfügt, verzeiht man Quaas kleinere Abstriche im Gesang.

Die Aufführung ist beileibe keine One-Man-Show, denn auch der restliche Cast ist auf den Punkt besetzt. Allen voran glänzt Peter Lewys Preston als Monty. Er zeigt einen glaubhaften Wandel vom netten Jungen von nebenan zum charmanten Gentleman-Halunken mit Ambitionen zum überheblichen Erben. Auch der gesanglich sehr anspruchsvollen Partie ist der Darsteller mühelos gewachsen ist. Prestons Solo “Ich will dich wie du bist” gehört zu einem der gesanglichen Höhepunkte der Show.

Ebenfalls gastverpflichtet ist Elena Otten, die – ganz in knalligem Pink gewandet – Sibella zunächst als verwöhnt-arroganten Barbie-Verschnitt zeichnet. Mit ihrem klaren, verführerischen Sopran betört sie nicht nur ihren Geliebten. Dass sie für Montys neue, adelige Liebe Phoebe nicht freiwillig das Feld räumen will, zeigt sie nicht nur in der herrlichen Slapstick-Szene, in der die Rivalin in ein Schäferstündchen platzt.

Mit Elisabeth Birgmeier ist auch diese Rolle hochkarätig besetzt. Die Sopranistin glänzt mit zackig gesungenen Koloratur-Spitzen in ihren walzerseligen, ganz zu einer Aristokratin passenden Songs im Operetten-Stil. Darstellerisch wandelt sich ihre Phoebe von der schüchternen Haushälterin ihres schwulen Bruders zu einer selbstbewussten Frau, die ebenfalls bis aufs Messer um ihre Liebe kämpft.

Die Figur der mysteriösen Miss Shingle, die Montys adelige Herkunft aufdeckt und damit die Handlung ins Rollen bringt, ist in dieser Inszenierung mit einem Tenor besetzt. Warum das so ist, bleibt unklar, allerdings spielt und singt Marcus Sandmann diese Rolle so überzeugend, als wäre sie ihm auf den Leib geschrieben worden. Abgerundet wird die hervorragende Besetzung durch jeweils drei männliche und weibliche Solisten aus dem Opernchor in vielen kleinen Rollen. In der besuchten Premiere bestechen Jennifer Jennifer, Jacqueline Treydel, Silke Jahn-Popov, Norman Sengewald, Michael Simmen und Paul Ham mit enormem Spielwitz und schöne Stimmen. Kostümbildnerin Karin Fritz hat nicht nur für sie unzählige elegante Roben, Hüte und Schuhe entworfen, die bestens die Mode Anfang des 20. Jahrhunderts im britischen Empire widerspiegeln.

Auch den vielen Spielorten mit ihren rasanten Szenenwechseln wird Fritzs’ Bühnengestaltung gerecht. Auf dem teilweise überbauten Orchestergraben spielen mit wenig Mobiliar links die Szenen in der Gefängniszelle, rechts die Szenen im familieneigenen Bank-Kontor. Auf der Bühne begrenzen zwei parallele Spiegelwände mit Türen links und rechts die Spielfläche, die von einer rückwärtigen Projektionsfläche dominiert wird. Hier illustrieren Videos auch in ungewöhnlichen Perspektiven geschickt die Handlungsorte, die durch wenige Versatzstücke ergänzt werden.

Apropos Orchestergraben: Hier sitzen die Musiker der Clara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau und empfehlen sich unter dem schwungvollen Dirigat von Michael Konstantin als aufmerksame wie souveräne musikalische Begleitung. Allerdings zählen die Kompositionen von Steven Lutvak nicht zur ersten Garnitur des Genres Musical. Zwar huldigt seine Partitur Dreivierteltakt, spanischer Volksmusik, Exotik und Jazz, allerdings fehlt ihr ein veritabler Ohrwurm.

Nicht nur diejenigen, die ein Faible für Unterhaltung der makaberen Art haben, sollten sich unbedingt Tickets für die Vorstellungen in Plauen und Zwickau sichern. Hier wird sehenswertes Musical abseits der ausgelatschten Spielplan-Pfade geboten und Totlachen ist garantiert.

Buch und Gesangstexte von Robert L. Freedman, Musik und Gesangstexte von Steven Lutvak – Nach dem Roman “Israel Rank” von Roy Horniman | Deutsch von Daniel Große Boymann

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungMichael Konstantin
InszenierungCusch Jung
AusstattungKarin Fritz
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Montague „Monty“ NavarroPeter Lewys Preston
Miss ShingleMarcus Sandmann
Sibella HallwardElena Otten
Phoebe D’YsquithElisabeth Birgmeier
9 weitere Mitglieder der D’Ysquith-FamilieTom Quaas
Frau 1Manja Ilgen
Jennifer Jennifer
Frau 2Viktorija Narvidaité
Jacqueline Treydel
Frau 3Silke Jahn-Popov
Alena Kazantseva
Mann 1Norman Sengewald
Dietmar Wölker
Mann 2Young Chan Cho
Paul Ham
Mann 3Alkaios Papanagis
Michael Simmen
OrchesterClara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE
Sa, 14.09.2024 19:30Gewandhaus, ZwickauWiederaufnahme
Fr, 04.10.2024 19:30Vogtlandtheater, Plauen
Do, 10.10.2024 19:30Vogtlandtheater, Plauen
So, 27.10.2024 18:00Vogtlandtheater, PlauenDernière
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE (HISTORY)
So, 03.03.2024 16:00Vogtlandtheater, PlauenPremiere
So, 24.03.2024 18:00Vogtlandtheater, Plauen
Sa, 06.04.2024 19:30Gewandhaus, ZwickauStandort-Premiere
▼ 3 weitere Termine einblenden (bis 22.05.2024) ▼
Zur Zeit steht die Funktion 'Leserbewertung' noch nicht (wieder) zur Verfügung. Wir arbeiten daran, dass das bald wieder möglich wird.
Overlay