Johannes Schwärsky (Sweeney Todd), Gabriela Kuhn (Mrs. Lovett) © Matthias Stutte
Johannes Schwärsky (Sweeney Todd), Gabriela Kuhn (Mrs. Lovett) © Matthias Stutte

Sweeney Todd (2025 - 2026)
Theater Krefeld und Mönchengladbach gGmbH, Krefeld

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In Roland Hüves Inszenierung des Musical-Thrillers von Stephen Sondheim nach dem Buch von Hugh Wheeler stehen opernerfahrene Darsteller und Darstellerinnen auf der Bühne, die dem düsteren Stoff eindrucksvoll Leben einhauchen. Bühnenbild und Kostüme überzeugen mit einer stimmigen, treffend morbiden Gestaltung. Der Opernchor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach bringt eine stimmgewaltige Präsenz ein, die dramatisch von den Niederrheinischen Philharmonikern unter der Leitung von Sebastian Engel getragen wird. Einziger Wermutstropfen ist die teilweise schrille Abmischung des Chores.

Im Programmheft beschreibt Roland Hüve das Selbstverständnis seiner künstlerischen Verantwortung darin, aufzuzeigen, wie Gewalt entstehen und sich in einer Spirale verselbstständigen kann. Am Beispiel des einst rechtschaffenen Familienvaters Benjamin Barker, der nach schwerem Unrecht zum rachsüchtigen Sweeney Todd wird, schildert Hüve einen tragischen Prozess: Die Gewalt, die Barker erlitten hat, wird von ihm, bis hinein in eine entfesselte Blutgier, fortgesetzt. Auch Figuren wie die verarmte Mrs. Lovett oder die dem zunächst vor allem emotionalen Missbrauch ihres Ziehvaters ausgesetzte Johanna sind Teil dieser gesellschaftlichen Abwärtsspirale. Der Ursprung des Unheils liegt im Machtmissbrauch des gesellschaftlich höher gestellten Richters Turpin, als er Lucy Barker vergewaltigt, nachdem er ihren Mann ins Exil geschickt hat. Doch auch Turpin wird nicht nur eindimensional dargestellt: Szenen der Selbstgeißelung deuten auf eine zerrissene Persönlichkeit unter der Oberfläche des Bösen hin, nachdem er sich eine aufkommende Begierde gegenüber der eigenen Ziehtochter eingesteht. Schließlich sucht er jedoch eine moralische Lücke, um seinen Trieben nachgehen zu können.

Sondheims vielschichtige Partitur, bestehend aus Arien, Folk- und Jazzelementen sowie Tanzrhythmen, stellt nicht nur an das Orchester unter der Leitung von Sebastian Engel große Anforderungen, sondern auch an die Tontechnik. Während das Orchester und das Ensemble musikalisch überzeugen, stößt die Technik des Hauses an ihre Grenzen: Chorpassagen klingen oft zu schrill, überdecken das Orchester, sodass sowohl Hörgenuss als auch Textverständnis beeinträchtigt werden. Regie und musikalische Leitung begegnen diesem Manko teils mit dem Weglassen von Begleitmusik in Dialogszenen sowie mit einem reduzierten Einsatz des Chores. Die musikalischen Leitmotive der Verzweiflung, Rache, Erinnerung und Vorahnung unterstreichen dennoch atmosphärisch präzise den Handlungsverlauf.

Die Solisten und Solistinnen meistern die anspruchsvollen Arien, die typisch für das zwischen Musical, Operette und Oper angesiedelte Werk sind, ausnahmslos mit Bravour.

Das Bühnenbild von Lena Brexendorff zeigt ein zweistöckiges, in blutrot gestaltetes Gebäude auf einer Drehbühne. Durch bloßes Umdrehen entstehen fließend neue Schauplätze. Ein kleiner Patzer beim Premierenauftritt: Der berühmte Barbierstuhl funktioniert beim ersten Einsatz nicht – das Publikum leidet mit, jubelt jedoch umso lauter, als der Mechanismus beim nächsten Versuch gelingt.

Auch bei den Kostümen setzt Brexendorff deutliche Akzente. Der Chor, der neben seiner musikalischen auch eine narrative Funktion einnimmt, ist in zerfetzte, blutrot verschmierte Lumpenkleidung gehüllt. Die Hauptfiguren sind ihrer sozialen Stellung und Gesinnung entsprechend ausgestattet. Wer mit dem Stück vertraut ist, erkennt die Rollen bereits beim Prolog „Vernehmt das Los von Sweeney Todd. Todds blendender Rivale Pirelli tritt schillernd auf – im Ganzkörperanzug mit Tattoo-Look, Glitzerumhang und passender Geldbörse. Sweeney Todd und Mrs. Lovett erscheinen ärmlich und zerlumpt, in Schwarz gekleidet. Die Figuren außerhalb der Fleet Street tragen individuelle Kostüme: Turpin einen Anzug mit roten Akzenten, Anthony Hope Seemannskleidung, Johanna ein mit Blumen geschmücktes Kleid.

Die Protagonisten stechen jedoch nicht nur durch ihre Kostümierung hervor: Johannes Schwärsky gestaltet einen Sweeney Todd, der zunächst wenig Charisma ausstrahlt, seiner Figur aber große emotionale Tiefe verleiht – vor allem in seinen Soli. Besonders berührend ist die Szene, in der er einen Familienvater bedient, sich selbst in ihm erkennt und ihn schließlich verschont.

Gabriela Kuhn zeigt als Mrs. Lovett ein facettenreiches Spiel – schmeichelnd, einfältig, grausam. James Park bringt als Anthony Hope Leichtigkeit und Hoffnung in die düstere Szenerie. Antonia Busse überzeugt stimmlich als Johanna und harmoniert hervorragend mit Park. Pascal Schürken als Tobias Ragg zeigt eine tief verstörte Figur – umso tragischer ist es, dass ausgerechnet er am Ende als Deus ex machina fungiert, eingreift und den Serienmörder umbringt. Susanne Seefing verleiht der Bettlerin ebenfalls etwas Krankes und Morbides. Matthias Wippich als Richter Turpin und Markus Heinrich als Büttel Bamford überzeugen als diabolisches Duo; und zwar so überzeichnet, dass man sie fast nicht ernst nehmen kann. Wippich brilliert mit seiner Arie an “Johanna“. Arthur Meunier bringt als Adolfo Pirelli durch sein treffsicheres Spiel als schillernder Hochstapler Humor ins Spiel.

Die Inszenierung des Sondheim-Klassikers am Stadttheater Mönchengladbach ist atmosphärisch dicht, musikalisch ambitioniert und darstellerisch stark. Einziger Wermutstropfen bleibt die schwächelnde Tontechnik, aber mit etwas Nachsicht lässt sich ein starker Theaterabend genießen.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungSebastian Engel
InszenierungRoland Hüve
Bühne & KostümeLena Brexendorff
ChorMichael Preiser
DramaturgieUlrike Aistleitner
 
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CAST (AKTUELL)
Sweeney ToddJohannes Schwärsky
Anthony HopeJames Park
BettlerinSusanne Seefing
Mrs. LovettGabriele Kuhn
Richter TurpinMatthias Wittich
Johanna BarkerAntonia Busse
Büttel BamfordJohannes Heinrich
Adolfo Pirelli / Mr. FoggArthur Meunier
Tobias RiggPascal Schürken
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 07.06.2025 19:30Theater, MönchengladbachPremiere
Di, 10.06.2025 19:30Theater, Mönchengladbach
Do, 19.06.2025 19:30Theater, Mönchengladbach
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