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Die badische Landesbühne zeigt mit „Heute Abend: Lola Blau“ eine schlagkräftige Inszenierung, deren Kernaussagen über ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung des One-Woman-Musicals aktueller sind denn je. Vor allem Laura Brettschneiders intensive Darstellung geht unter die Haut.
Georg Kreislers Chason-Musical weist zahlreiche autobiographische Elemente in seiner Handlung auf, die auf die fiktive Entertainerin Lola Blau übertragen wurden: Jung und hoffnungsvoll stellt sich die jüdische Sängerin ihren ersten Engagements, findet sich nach ihrer Flucht aus Österreich und der Ausweisung aus der Schweiz in ihrem großen Traum als Showstar in den USA wieder und droht, in den vielen Tücken und Sackgassen des von ihr zuerst so vergötterten Showbusiness zu versinken. Auch die Verfolgung und Ermordung ihres Volks in Hitlers Nazideutschland hinterlassen tiefe Spuren in ihrem Geist. Als sie nach dem Krieg in ihre Heimat Wien zurückkehrt, muss sie hoffnungslos erkennen, dass sich an der Gesinnung ihrer Mitmenschen im Grunde nichts geändert hat – der zerstörerische Hass auf alles, was fremd ist, droht sich von vorne abzuspielen. Bleiern schwer endet die Geschichte und spiegelt die aktuelle Lage, so ziemlich genau 80 Jahre nach Kriegsende, eindringlich, erdrückend und herzzerreißend.
Lucia Beckers Bühnen- und Kostümbild sind gleichermaßen spartanisch wie geschmackvoll gehalten. Die sehr reduzierte Szenerie besteht aus einem Rahmengerüst, in das ein roter Showvorgang gespannt ist, welcher von der Protagonistin genutzt wird, um Szenenübergänge und die zahlreichen Gesangsauftritte der Lola Blau zu mimen. Ein riesiger Koffer ist das Hauptrequisit der Inszenierung, den Brettschneider für zahllose eindrückliche Bilder nutzt: Als Bett mimt der Koffer das Refugium der zusammenbrechenden Lola, als metaphorisches Gewicht des Lebens schleppt sie ihn mal mühselig vor sich her, schleudert ihn mal befreiend von sich. Nicht selten stellt er auch das Bühnenpodium für Lolas Showeinlagen dar. Diese reduziert ausgestattete Bühne nutzt Brettschneider bis in den letzten Millimeter und nicht selten überschreitet sie die Grenzen und macht das Auditorium zur erweiterten Spielfläche. Immersiv, teilweise beengend klaustrophobisch und mitreißend ist Brettschneiders Nähe für das Publikum. Über die Geschichte verteilt ändert sich das Äußere der Lola vom artigen Mädel im Nadelstreifanzug zur leicht schmierigen, verruchten, lasziven Showdiva, die aber gleichzeitig immer zynischer und abgebrühter wirkt. Diese graduelle Verwandlung, die sie mittels Lidschatten, Haargel und Anpassungen ihres Kostüms vornimmt, passieren stets vor den Augen des Publikums. Brettschneider ist zu jedem Zeitpunkt dem Blick der sinnbildlichen Gaffer ausgesetzt und wirkt so in ihrer Rolle der Lola Blau allzu oft genötigt, ihre Geschichte erzählen zu müssen: Wie eine Aufziehpuppe, deren Gewinde wieder und wieder aufgezogen wird, damit sie weiter tanzen kann. Ein starkes Sinnbild für die Maschinerie des Showbusiness, das neben den omnipräsenten gesellschaftskritischen Aspekten einen weiteren großen Fokus dieser Erzählung darstellt.
Udo Schweikerts Ton und Marco Wörles Beleuchtung unterstreichen die beklemmenden Szenenbilder, die dramaturgisch von André Becker in Ulrich Cyrans hochemotionaler Inszenierung hervorragend herausgearbeitet wurden. Das Spiel mit mal hoffnungsvoll scheinendem, mal getrieben und verhörend wirkendem Licht und erdrückender Dunkelheit, gespenstisch hallenden Worten und glockenklarem Sopran lassen den Zuschauer schlucken, bleiern schwer atmen und nach den wenigen federleichten Momenten in Lolas Leben lechzen. Cyran holt aus dem schlaglichtartigen Buch große Bilder und bleibende Impressionen heraus, die das Publikum zu verdauen hat.
Oliver Taupp, der musikalische Leiter der Inszenierung, spielt gefühlvoll am Klavier; Konstantin Malikin am Cello verleiht den Chansons von Georg Kreisler eine emotionale, oft tragische Tiefe, die zu Tränen rührt. Zusammen entlocken die beiden Musiker der Partitur jeden kleinsten Hauch von Gefühl; jeder Schwer- und Hochmut der Protagonistin ist aus der Orchestrierung herauszuhören.
Laura Brettschneider ist eine Naturgewalt. Mit nie enden wollender Energie verkörpert sie Lola Blau mit jeder Faser ihres Seins. Gleichermaßen nahbar wie entrückt, sympathisch wie befremdlich gelingt ihr der Wechsel zwischen Lola und ihren zahlreichen, zumeist antagonistisch gesinnten Wegbegleitern. Mit einer unglaublich intensiven Körpersprache und einer blitzschnell wechselnden Haltung wirbelt sie freudig über die Bühne, um im nächsten Moment geradezu fassungslos machende Kälte zu offenbaren. Ihre Stimme ist wie für Kreislers Chansons gemacht, mal im klassischen Liedersopran und mal mit kraftvollen Belts und fast schon rebellischen Riffs erweckt sie jedes Lied so zum Leben, das Nummer für Nummer ein in Erinnerung bleibendes Highlight wird. Jedem Wort des oftmals elegante Boshaftigkeit zelebrierenden Librettos entlockt Brettschneider Bedeutung, die auf das Auditorium ungefiltert übergeht. Mit allen Höhen und Tiefen des Lebens und dem gesamten Spektrum menschlicher Emotionen, vermischt mit surrealem, zum Teil obskur-groteskem Spiel beweist sie Schauspielqualitäten, die großen Bühnenveteranen gleicht. Nicht zuletzt bemerkenswert ist auch ihr tänzerisches Können, das sie so eindrucksvoll und bedeutungsaufgeladen auf die Bretter bringt, als sei ihr Körper selbst die Hauptrequisite der Geschichte. In so jungen Jahren eine derart nuancierte und berührend intensive Charakterdarstellung zu meistern, spricht für das ausufernde Bühnentalent Brettschneiders.
Ein Stück, das Elemente behandelt, die in unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage zum Erinnern und Handeln ermahnt, sollte per se bereits auf jedem Spielplan begrüßt werden – das Kammermusical „Heute Abend: Lola Blau“ der badischen Landesbühne allerdings ist auch aus künstlerischer und darstellerischer Sicht eine unbedingte Empfehlung.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Inszenierung | Ulrich Cyran |
| Musikalische Leitung | Oliver Taupp |
| Ausstattung | Lucia Becker |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| Lola Blau | Laura Brettschneider |
| Klavier | Oliver Taupp |
| Cello | Konstantin Malikin |
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| TERMINE | |||||||||
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| keine aktuellen Termine |
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| TERMINE (HISTORY) | |||||||||
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