Die Londoner West-End-Inszenierung des Musical-Hits „Sister Act“ tourt aktuell in einer deutschsprachigen Version durch Deutschland und Österreich. Sämtliche Kreative der britischen Originalfassung zeichnen sich ebenfalls für diese Showslot-Inszenierung verantwortlich. Tourbedingt sind nur kleine Abstriche gegenüber der West-End-Produktion zu verzeichnen. Darüber trösten die absolut hochkarätige Besetzung und die Live-Musik der 8-köpfigen Band jedoch spielend hinweg.
Die Handlung ist aus der Filmvorlage von 1992 bekannt: Nachtclubsängerin Deloris van Cartier beobachtet, wie ihr Lover und Gangster-Boss Curtis einen Mord begeht und taucht im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms im Orden der Lieben Frau des Ewigen Schmerzes unter. Deloris mischt den Nonnenchor ordentlich auf und verleiht dem Orden öffentliches Ansehen, wovon auch Curtis Wind bekommt.
Seit der Uraufführung der Musicaladaption 2006 wurde „Sister Act“ bereits unzählige Male auf die Bühne gebracht. Diese Inszenierung unter der Regie Bill Buckhursts setzt jedoch völlig neue Maßstäbe – sowohl an eine Produktion von „Sister Act“ als auch an Tour-Inszenierungen eines Musicals.
Rein optisch findet sich hier ein Abbild der Londoner Inszenierung wieder: Das Set-Design nach Morgan Large wird bestimmt durch die Fensterrose, die das Bühnenbild in der Tiefe begrenzt und je nach Stimmung in entsprechende Farben getaucht ist. Scheinwerfer sorgen dafür, dass der Eindruck entsteht, es fiele tatsächlich Sonnenlicht durch ein Kirchenfenster. Die Tontechnik nach Tom Marshall spielt in Szenen, die in der Kirche stattfinden mit Hall und Echo, sodass auch akustisch der Eindruck entsteht, man befinde sich in einem Kirchenschiff.
Das weitere Bühnenbild ist optisch äußerst eindrucksvoll und dennoch auf ein Nötigstes an Requisiten beschränkt. Szenenwechsel finden rasch durch bewegliche Aufbauten statt, die teilweise durch schlichtes Umdrehen der Objekte das Polizeibüro in die Skyline von Philadelphia verwandeln. Kluge Ideen der Regie fügen auch die Verfolgungsjagd des Fahrradtaxis als Fluchtfahrzeug von Deloris wunderbar in die Geschichte ein. Ohne jede künstliche Länge bleibt die Story stets im filmischen Fluss.
Large erzielt ebenfalls durch Auswahl und Gestaltung der Kostüme eine stimmige Wirkung: Der Herrenmode der späten 1970-er-Jahre entsprechend ist die Gangsterbande mit Plateausohlen, Cord- und Schlaghosen sowie psychedelisch wirkenden Mustern ausstaffiert. So wirken die Figuren optisch wie moralisch der ansonsten zeitlosen, völlig stilvollen und ästhetischen Inszenierung entrückt. Insbesondere die paillettenbesetzten Showkostüme sorgen im Finale für eine glamouröse Atmosphäre.
Das starke Tanzensemble verbreitet mit den schwungvollen Choreographien von Alistair David pure Lebensfreude im Namen des Herren! Von einer Tanzeinlage zur nächsten steigern sich Tempo und Power, die im Finale schließlich ihren Höhepunkt erreichen („Lass die Liebe herein“).
Die stimmungsvolle Partitur Alan Menkens wird mit all ihren Ohrwürmern live von einer achtköpfigen Band unter der Leitung von Stephen Brooker aus dem Off der Bühne eingespielt, was der Show noch mehr Lebendigkeit verleiht. Auch all jene, denen das Stück bereits bekannt ist, dürfen sich auf musikalische Überarbeitungen freuen. Viele Songs sind neu arrangiert und klingen im Elektropop- bzw. Hip-Hop-Stil besonders modern: Die Wandlung der einzelnen Mitglieder des Nonnenchores ebenso wie der Figur der Deloris wird somit musikalisch untermalt: Während der Chorprobe rappt Sylvia Moss als Schwester Mary Lazarus deutlich frecher als aus bisherigen Inszenierungen gewohnt und die Elektrobeats in den Reprise-Nummern am Ende des zweiten Aktes machen Deloris´ Wendung auch akustisch erfahrbar.
Die durchgehend hochkarätige Besetzung stellt mit ihren starken Interpretationen der Songs einen besonderen Hörgenuss sowie eine blendende Unterhaltung sicher. Die Darsteller füllen ihre Rollen mehr als aus, fegen sowohl in Gesang als auch im Spiel kraftvoll über die Bühne und treiben die Story kunstvoll wie leidenschaftlich voran, ohne dabei affektiert zu wirken. Aus dem Cast stechen einige Darsteller besonders heraus.
Denise Lucia Aquino stellt eine hervorragende Besetzung der Deloris dar. Stimmlich gewaltig mit enormem Volumen schmettert („Zeig mir den Himmel“, Reprise-Nummern) und haucht sie soulig ihre Texte dem Publikum entgegen („Schütz´die Show“, „Sister Act“) und nimmt den Zuschauer mit auf ihren Pfad des Wandels.
Femke Soetenga beeindruckt sowohl im Spiel der gestrengen Mutter Oberin als auch durch emotionsgeladenen Gesang („Mir bleibt wohl keine Wahl“). Souverän kontert sie beim Auftritt im biederen Nachtkleid dem Catcalling eines übermütigen Zuschauers und sichert sich die Anerkennung des Publikums.
Theodor Reichardt gibt einen unnachahmlich witzigen Monsignore O’Hara zum Besten und wirbelt nur so über die Bühne.
Melanie Kastaun brilliert mit ihrer Interpretation der stimmgewaltigen wie quirligen Schwester Mary Patrick.
Janina Maria Wilhalm überzeugt durch souveräne Stimmführung und zeichnet anschaulich die Entwicklung der Postulantin Schwester Mary Robert zur selbstbewussten Ordensschwester nach.
Sylvia Moss verleiht ihrer Figur der betagten Schwester Mary Lazarus durch Schrullen wie überspitze Cholerik und einen anzüglichen Tanzstil eine sehr humorige Note.
Alexander Di Capri als stärkster männlicher Performer des Abends hat sichtlich Freude an der Darstellung des Schurken Curtis Jackson. Seine Auftritte leben von seinem starken Ausdruck und seiner wandelbaren Singstimme von warm umschmeichelnd bis schneidend kalt.
Lorenzo Di Girolamo verkörpert Eddie Fritzinger in dessen Entwicklung vom zunächst schüchternen Cop zum leidenschaftlichen Liebhaber sehr authentisch und besticht durch sein warmes Timbre.
Die Showslot-Inszenierung von „Sister Act“ wird zu Recht vom Publikum gefeiert. Auch Zuschauer, die das Stück bereits kennen, dürfen gespannt sein auf neue humorige Momente sowie überarbeitete Dialoge und sollten die „Sister-Act“-Tour auf keinen Fall verpassen!
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