Ensemble © BHF/Johannes Schembs
Ensemble © BHF/Johannes Schembs

A Chorus Line (seit 06/2024)
Stiftsruine, Bad Hersfeld

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Der Broadway-Klassiker “A Chorus Line” ist eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten, in Deutschland aber wegen der straffen Lizenzbestimmungen eher selten zu sehen. Den Bad Hersfelder Festspielen ist es jedoch gelungen, sich die Rechte für eine große deutschsprachige Inszenierung zu sichern, die in der Freilichtsaison 2024 als der große Headliner in der Stiftsruine gespielt wird. Melissa Kings großartige Choreographien und das fantastisch tanzende Ensemble machen einen Besuch lohnenswert.

Die wenig komplexe Handlung des Musicals basiert auf den Lebenserinnerungen der damaligen Erstbesetzungen der Broadway-Uraufführung: Es wird der knallharte Alltag des Musicaldarsteller-Daseins anhand einer schonungslosen Audition erzählt, in der die Casting-Teilnehmer für ein Tanzmusical als Ensemble vorsprechen. Die Zahl an Teilnehmern und Teilnehmerinnen schrumpft mehr und mehr, sodass am Ende von etwa 18 Bewerbern noch acht Verbliebene für die Show ausgewählt werden, nachdem jede und jeder von ihnen vor dem Casting-Direktor und Choreographen einen Seelenstriptease hinlegen musste. Bei der großen Shownummer im fertig gecasteten Musical verschwimmt die mühsam hervorgelockte Individualität des Ensembles wieder zu einer glitzernden Einheit – der Teufelskreis des Business beginnt von vorne.

Karin Fritz kreiert für Melissa Kings Version des Klassikers ein simples, aber umso eindrucksvolleres Bühnenbild: Große, drehbare Spiegelwände versetzen direkt in einen Tanzprobe-Saal und vermitteln das beengende Audition-Setting glasklar. In Szenen, in denen die Akteure privat und verletzlich auftreten, werden die Spiegel zu schwarzen Wänden umgedreht, die die einzelnen Darsteller in klaustrophobisches Dunkel tauchen. Die Gerüste, an denen die drehbaren Spiegelwände angebracht sind, können auch als ganzes verschoben werden – so wird mit Perspektiven gespielt und ein dynamisches Bühnengeschehen entsteht. Außerdem kann das Ensemble auf diese Spiegelkästen steigen, um eine erhöhte Spielebene zu eröffnen, die ebenfalls abwechslungsreiche visuelle Momente kreiert.

Conny Lüders Kostüme kleiden die einzelnen Darsteller mit Individualität und situativ perfekt passend ein – das große Highlight sind dabei natürlich die glitzernden Showroben am Ende des Stücks, die das große Ensemble als funkelnde Masse erscheinen lassen und einen echten Wow-Moment kreieren. Pia Virolainens Lichtsdesign ist dynamisch und differenziert: Einzelne, sich in ihren Monologen überschlagende Figuren werden in Windeseile mit unterschiedlichen Stimmungen, oftmals fast schon dissoziierend in den Fokus gesetzt, um im nächsten Moment wieder im Jetzt-Moment der Audition zu erscheinen. Dabei hält sich Virolainens Licht punktgenau an die Rhythmik und den dramaturgischen Aufbau des Stücks und ist so ein integrales Element der beeindruckenden Visualität der Produktion. Das für ein Open-Air-Musical erfreulich groß und differenziert besetzte Orchester umrahmt die Handlung musikalisch einwandfrei und gelangt auch dank der gut austarierten Tontechnik akustisch sauber bis in die letzten Reihen.

Die großen, verschiebbaren LED-Wände, die am Anfang des Stücks zentral stehen und später die Bühnenseiten flankieren, werden durch Eric Dunlaps Videos mit Leben gefüllt. So werden zu Beginn die Castingteilnehmer in einer Warteschlange vor der Stiftsruine gezeigt – schon hier wird durch Close-Ups die Anspannung und Nervosität spürbar. Als das Ensemble dann ohne großen Opener ganz unprätentiös auf der Bühne erscheint und mit den Vorbereitungen auf die Audition beginnt, wird ein Live-Feed per Video auf die beiden Bildschirme übertragen, der im ersten Teil durchgängig dazu benutzt wird, die Geschehnisse auf der Bühne vertiefend zu präsentieren: Im Auditorium sitzt der Casting-Direktor an einem Tisch. Das Publikum kann über die Kamera mitverfolgen, wie der ‘Chef’ der Audition die Bewerbungsunterlagen durchblättert und aussortiert, aber auch, wie er mimisch auf die einzelnen Teilnehmer reagiert. Sein Adlerauge beobachtet jede Bewegung und hinterfragt jedes Wort. Eine sehr effektive Methode dieses immersiven, filmischen Ansatzes, der noch weitere Vorteile mit sich bringt: Die einzelnen im Fokus stehenden Ensemblemitglieder werden per Nahaufnahme gezeigt, sodass auch kleine emotionale Regungen groß für alle sichtbar erscheinen. Wenn die Akteure über ihre Jugend sprechen, werden Kinderfotos eingeblendet. Die “Chorus Line”  – also die Linie, an der alle Bewerber für das Tanzensemble aufgereiht stehen – wird durch die sich bewegende Kamera von vorne nach hinten durchwandert, sodass jeder Darsteller und jede Darstellerin dauerpräsent ist. Der filmische Charakter erinnert einerseits an die erfolgreiche Verfilmung des Musicals mit Michael Douglas, andererseits an die wahren Bedingungen bei einem Casting, wo nicht selten der ganze Auditionprozess filmisch festgehalten wird. Ein besonders eindrucksvolles Element, das die Inszenierung besonders macht.

Herausragend sind auch Melissa Kings wuchtige Choreographien, die vor Energie und Niveau nur so strotzen. King versteht es wie keine andere, in ihre tänzerischen Abläufe sowohl Dramatik und Gefühl als auch unterhaltsamen Charme einzubauen und dabei ihren Tänzerinnen und Tänzern alles abzuverlangen. Eine Vielfalt an unterschiedlichsten Showtänzen wird gekonnt ineinander verschmolzen: Ballett löst Contemporary ab, wird von Jazzdance-Elementen durchzogen und von klassischen Revue-Tanzschritten ergänzt. Tina Turners ikonische Rock’n’Roll-Tanzschritte geben sich mit Fosse-Moves à la “Chicago” die Klinke in die Hand; Madonnas Vogueging ist genauso erkennbar wie Busby Berkeleys MGM-Filmtänze und Steppeinlagen, die an Fred Astaire und Gene Kelly erinnern. Großes Kino, das nicht nur dem Publikum den Atem raubt: Das fantastische Ensemble setzt Kings konditionelle Feuerwerkssalven mehr als virtuos um – jeder einzelne sprüht vor Energie und bringt die individuelle Persönlichkeit der jeweiligen Figur in die Tänze ein. Ein Fest für die Augen – und übrigens auch für die Ohren! Dass das Ensemble während und kurz nach den choreographierten Eilmärschen noch Luft zum Singen hat, ist erstaunlich. Dass dabei alle so volltönend die Songs schmettern, umso mehr.

Leider können weder die atemberaubende Choreographie noch die visuell ansprechende Inszenierung über die Längen des Stücks adäquat hinweghelfen. Die Darstellenden tun mit extrovertiertem Schauspiel ihr Bestes, um die vielen Monolog- und Dialogszenen lebendig zu gestalten und mit Sinn für ihre Figuren zu füllen. Eine Straffung der Szenen, sofern sie rechtlich möglich wäre, hätte dem Stück als Ganzem an etlichen Stellen ausgesprochen gut getan. Zu oft erwischt sich der Zuschauer, in den schier ewig langen, ruhigen Gesprächsszenen, die am Ende im Nichts verlaufen, mit den Gedanken abzuschweifen und die nächste schmissige Shownummer herbeizusehnen. Zu wenig bindet der inszenatorische Fokus das Zuschauerauge und die Empathie des Publikums auf die einzelnen Akteure, sodass viele Szenen emotional belanglos aneinandergereiht wirken und das Auditorium zwischendurch merklich unruhig auf den Sitzen wippt und sich auffällig viele auch mal aufs stille Örtchen verziehen. Dass das Stück ohne Pause gespielt wird, tut der Gesamtstimmung zusätzlich nicht sonderlich gut, sodass die ohnehin schon zu zahlreichen stillen und auch visuell wenig aufregenden Redeszenen ohne Verschnaufpause konsumiert werden müssen – ziemlich anstrengend für das Publikum, und vermutlich auch für das Ensemble, das fast ausnahmslos dauerhaft auf der Bühne zu verweilen hat.

Kevin Reichmann spielt seinen Paul grundsympathisch und menschlich, wenig theatralisch überspitzt und kann durch seinen Selbstfindungsmonolog auch emotional überzeugen. Olivia Grassner als Sheila ist eine imponierende Erscheinung, die durch große Bühnenpräsenz den Fokus des Publikums auf sich hält. Sie verkörpert ihre Figur mit abgebrühtem Charme, der das Publikum hervorragend unterhält. Pascal Cremer als Bobby gibt seinem Charakter eine fast schon etwas provokante Flamboyance und strahlt – auch bei der stellenweise ziemlich lustig-peinlichen Selbstoffenbarung seiner Figur – eine große Selbstsicherheit aus, die in passendem Kontrast zu einigen der anderen Figuren der Chorus Line steht. Zusammen sind Grassner und Cremer ein wunderbar anzusehendes Duo, die auch in den emotionaleren Episoden des Stücks durchweg überzeugen.

Benjamin Sommerfeld und Maria Joachimstaller als Ehepaar Al und Kristine geben ebenfalls ein symbiotisches Gespann ab, das im Duett “Sing!” zu einem Comedy-Highlight des Stücks kulminiert. Der andere derartige Höhepunkt kommt in Gestalt von Clara Mills-Karzels Figur Val daher, die in “Tanz: Zehn, Typ: Drei” überschwänglich und etwas vulgär von ihren nötigen Schönheits-OPs berichtet. Auch Alessandro Ripamontis urkomische Darlegung des ersten feuchten Traums seiner Figur Mark sorgt für herzhafte Lachsalven. Wenn Thiago Fayad in der Rolle des offensichtlich homosexuellen Greg über seine Erfahrungen mit der weiblichen Anatomie berichtet, bleibt kein Auge trocken.

Vivian Wang als leicht hysterische Connie, die sich nichts mehr wünscht, als an körperlicher Größe zuzulegen und ihr wahres Alter zu verstecken, bereichert das Ensemble ebenfalls mit ihrem komödiantischen Spiel. Katrin Merkl, die anstelle von Kelly Panier an diesem Abend in die Rolle der schüchternen Maggie schlüpft, und Samantha Turon als Bebe gelingt zusammen mit Grassner bei “Im Ballett” ein hinreißender musikalischer Moment und auch Anneke Brunekreeft kann als Judy gesanglich in “Mutter” zusammen mit dem Ensemble und Rhys George als Don voll überzeugen.

Julia-Elena Heinrich als Kelly und Johan Vandamme als Mike sowie William Briscoe-Peake als Richie geben ihren Figuren kleine Eigenheiten, um sie von den anderen Castingteilnehmern abzuheben. Durch hervorragende Tanzeinlagen bleiben auch die in der ersten Auditionrunde eliminierten Teilnehmer Vicki (Lavinia Kastamoniti), Tom (Anton Schweizer), Lois (Grace Simmons), Roy (Tobias Stemmer) und Frank (Stefan Schmitz) positiv in Erinnerung und erweitern in den größeren Tanzszenen erfreulicherweise das Bild auch nach ihrem Ausscheiden aus der Handlung. Arne Stephan und Alan Byland als Regisseur Zach bzw. Assistent Larry versprühen das richtige Maß an Autorität und Empathie. Emma Kate Nelson gehört als Cassie der große, ikonische Tanzmoment des Musicals auf “Musik und ein Spiegel”, den sie mit Dramatik und Gefühl interpretiert.

Darstellerisch ist Mythes Monteiro der geheime Star dieser Inszenierung: In ihrer Rolle der Diana ist sie dauerpräsent und überzeugt mit differenziertem Schauspiel und einer Extra-Portion Bühnenpräsenz. Ihre Songs “Gar nichts” und “Ich bereue es nie” sind nicht nur die stimmlichen, sondern auch emotionalen Höhepunkte des ganzen Stücks.

Die Bad Hersfelder “Chorus Line” kann sich sehen lassen: Die Visualität der Bühne und der Choreographien beeindrucken. Wer allerdings neben den dynamischen Tänzen eine ebenso lebhaft präsentierte Story erwartet, wird etwas ernüchtert aus der Vorstellung gehen. Für Fans von großen Tanznummern und gediegenem Broadway-Flair ist Melissa Kings Inszenierung aber allemal einen Besuch wert.

 
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KREATIVTEAM
Regie, ChoreografieMelissa King
Musikalische LeitungChristoph Wohlleben
BühneKarin Fritz
KostümeConny Lüders
LichtdesignPia Virolainen
Svein Selvik
DramaturgieWiebke Hetmanek
KorepetitionMartin Schmidt
 
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CAST (AKTUELL)
ZachArne Stephan
AlanAlan Byland
FrankStefan Schmitz
RichieWilliam Briscoe-Peake
JudyAnneke Brunekreeft
BobbyPascal Cremer
GregThiago Fayad
DonRhys George
SheilaOlivia Grassner
KellyJulia-Elena Heinrich
KristineMaria Joachimstaller
TriciaKatrin Merkl
ValClara Mills-Karzel
DianaMyrthes Monteiro
CassieEmma Kate Nelson
MaggieKelly Panier
PaulKevin Reichmann
MarkAlessandro Ripamonti
TomAnton Schweizer
LoisGrace Simmons
AlBenjamin Sommerfeld
RoyTobias Stemmer
BebeSamantha Turton
MikeJohan Vandamme
ConnieVivian Wang
  
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Fr, 09.08.2024 21:00Stiftsruine, Bad Hersfeld
Sa, 10.08.2024 15:00Stiftsruine, Bad Hersfeld
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So, 23.06.2024 21:00Stiftsruine, Bad Hersfeld
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