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HintergrundGegen welche Vorurteile Musicaldarsteller ankämpfen müssen
Karrierrekiller Musical
 
Mit Musicalengagements im Lebenslauf haben Darsteller kaum eine Chance, wenn sie sich im Opern- oder Schauspielbereich bewerben wollen. Doch an den Vorurteilen gegen das Musical sind die Musicalmacher selbst nicht ganz unschuldig.
Bericht von Robin Jantos

Es ist kein Einzelfall: Ein Sänger, der an einem deutschen Stadttheater engagiert war, bittet die muz-Redaktion darum, seinen Namen aus der Castliste zu streichen. Er wolle sich im Opernbereich einen Namen machen, und da sei es ein Problem, wenn sein früheres Engagement via Google bekannt würde. Die Entscheidung hat der Sänger sich nicht leicht gemacht: "Ohne meine Musicalerfahrungen wäre ich nicht der Künstler, der ich heute bin", sagt er von sich. Dank seiner Musicalausbildung könne er auch spielen und sich auf der Bühne bewegen: "Ein großer Vorteil gegenüber meinen Opernkollegen."

Trotzdem bleibt die Angst vor den Vorurteilen. Cornelia Drese, die einst als die deutsche Grizabella Musicalgeschichte schrieb und heute hauptsächlich unterrichtet, kennt das Problem ebenfalls: "Die Vorurteile werden schon an den Schulen aufgebaut." Wer Opernsänger werden will, dem wird vom Musical dringend abgeraten. Drese erzählt von dem Anruf einer Gesangsdozentin, die einen Schüler heimlich zum Musicalsingen zu Drese schickte - mit der Bitte, dass es an ihrer Schule bloß niemand erfahren dürfe. Und von einer anderen Dozentin, die einem Schüler partout "Dies ist die Stunde" als Auditionsong verbieten wollte - aus Angst, dass ihre eigene Karriere an der Hochschule darunter leiden könnte. "Viele aus der Opernzunft können nicht akzeptieren, dass jemand vielleicht beides kann", sagt Jan Ammann, der zu den wenigen Sängern gehört, die in beiden Genres Erfolg haben.

Was bist Du? Auch im Theater ist der Lebenslauf oft wichtiger als das tatsächliche Können.

(Foto: Georgij Pestov)

In der Schauspielbranche gelten dieselben Vorurteile: "Wenn man ernsthaft als Schauspieler arbeiten will, sollte man seine Musicalausbildung lieber verschweigen", rät Arbeitsmarktexperte Sören Fenner von theaterjobs.de. Fenner kennt das Problem aus eigener Erfahrung: Zwei Jahre war der gelernte Musicaldarsteller am Landestheater Coburg engagiert, spielte dort überwiegend Schauspielrollen. Auf seine anschließende Bewerbung an 40 Theatern bekam er aber nicht eine Einladung zum Vorsprechen: "Mit einer Musicalausbildung hat man an größeren Stadttheatern fast keine Chance auf ein Festengagement." Auf seinem Jobportal hat Fenner den Begriff Musicaldarsteller sogar abgeschafft, unterscheidet Jobs nur nach Sprech- und Musiktheater: "Wenn es den Begriff nicht gibt, kann man auch nicht in diesen Kategorien denken."

Aber woran liegt es, dass Musicaldarsteller einen solch schlechten Ruf haben? Ist es die Angst der Opern- und Schauspielschaffenden vor Konkurrenz um die raren Jobs? Ist es das leidenschaftlich gepflegte Vorurteil, die zum Selbstverständnis nötige Abgrenzung der sich oft als Kulturelite verstehenden Mächtigen in den subventionierten Theatern? Wer mit Branchenkennern über das Thema spricht, bekommt noch zwei weitere Erklärungen angeboten, die den Intendanten kein gutes Zeugnis ausstellen:

Unfähige Regisseure. "Ein Musical zu machen, traut man jedem Regisseur zu", sagt Norbert Hunecke, früher selbst Musicaldarsteller und heute bei der Arbeitsagentur für die Vermittlung von Musicalschaffenden zuständig. Das liege an der fehlenden Wertschätzung in den Theatern: Dass Musical ein Genre mit eigenen Gesetzen sei, werde nicht anerkannt. "Es gibt Regisseure, die haben noch nie etwas von Timing oder dem richtgen Ausleuchten gehört. Da fehlt es einfach an Fachwissen." Entsprechend lahm seien manche Musicalproduktionen. Das Vorurteil bestätigt sich selbst.

Langweilige Produktionen. Sören Fenner schlägt in eine ähnliche Kerbe: Musical sei oft einfach nicht gut genug, um die Vorurteile zu widerlegen. Privattheater spielten fast nur noch Revuen. "Wir erzählen keine Geschichten mehr", sagt Fenner. Auch Stadttheater würden Musicals oft nicht ernst nehmen: "Die Orchestermusiker üben Musicals nicht, Intendanten sehen sie nur als Quotenbringer - man macht sich einfach keine Gedanken." Das sieht auch sein Kollege Jörg Löwer, Darsteller, Choreograph und Gewerkschafter, so: Die in London und New York auch gezeigten Handlungsmusicals mit originärer Musik kämen oft nicht nach Deutschland. Deshalb stecke das Genre in der Leichte-Muse-Schiene fest.

(Fotos: Arbeitsagentur, Privat)

(Foto: Festspielhaus Füssen)

Sind Musicaldarsteller also nur die Opfer, die gegen die Windmühlen fremder Vorurteile ankämpfen müssen? Nein. Es gibt auch andere Erklärungsansätze, nach denen die Darsteller zumindest mitschuldig sind:

Mangelnde Qualität. Jan Ammann sieht die hohe Zahl an Aufführungen und die Arbeit mit einem Mikrofon als Hauptprobleme der Musicalsänger. Dynamisch zu singen, sei oft vergebene Liebesmüh, weil die Tontechnik dagegenarbeite und Einheitsbrei produziere. "Wer zu lange Musical singt, der wird Probleme bekommen." Arbeitsvermittler Hunecke sieht auch ein Ausbildungsproblem: "Manche Ausbildungsstätten gehen beim Gesangsunterricht nur noch in die Höhe. Selten wird heutzutage auf fundierte Flankenatmung geachtet." Zudem bringt nicht jeder Darsteller beim versuchten Wechsel in andere Genres eine gesunde Selbsteinschätzung mit: "Ich habe auch Musicalkollegen erlebt, die fehlende Angebote mit dem versuchten Wechsel ins Schauspielfach ausgleichen wollten", sagt Löwer. Das sei nach hinten losgegangen.

Arrogantes Auftreten. Die Musicaldarsteller sind nicht nur Opfer von Vorurteilen, sie bringen auch selbst welche mit. "Wir haben doch auch unsere Klischees von Oper und Schauspiel", sagt Fenner. Löwer berichtet ebenso von einem Regisseur, der Musicalleute vor versammelter Mannschaft pauschal als "Knallchargen" bezeichnet, wie von umgekehrten Fällen: "Ich habe in Stadttheater-Produktionen auch arrogante Musical-KollegInnen erlebt, die sich über den Chor oder beteiligte festangestellte Schauspieler lustig gemacht haben." Zur Befriedung trägt das nicht gerade bei.

Die gegenseitige Verachtung von Musical und Oper/Schauspiel ist für die Musicalschaffenden besonders ärgerlich, weil über den Einsatz der Subventionen in der Regel Vertreter der Gegenseite entscheiden. Gibt es einen Weg hin zu mehr gegenseitigem Verständnis? Cornelia Drese, die 2005 selbst einmal eine Diskussionsveranstaltung zu diesem Thema organisiert hatte, glaubt nicht, dass Reden weiterhilft: "Nur die gemeinsame Arbeit in der Praxis" könne dazu führen, dass man sich gegenseitig respektiert. Hunecke glaubt, entsprechende Tendenzen schon zu erkennen: Gerade bei jungen Sängern und Schauspielern sei das Interesse gewachsen, auch mal Musical auszuprobieren. "Schön wäre es, wenn auch in den Theatern noch mehr branchenübergreifendes Denken stattfinden würde."
 
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(Foto: Stage Entertainment)

Leserbeiträge:

Die hier wiedergegebenen Beiträge sind Meinungen einzelner musicalzentrale-Leser und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


3 Zuschauer haben dazu etwas geschrieben:


Vielschichtiges Problem

13.08.2008 - Neben den genannten Problemen (die ich aus eigener Praxiserfahrung im Wesentlichen teile) kommt mir zwei sehr entscheidende Faktoren zu kurz:
1) Intendanten und viele Künstler aus den Bereichen Oper oder Schauspiel sind vor allem deshalb häufig nicht an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Genre Musical interessiert, weil unsere deutsche Theaterlandschaft ganz allgemein weniger Wert auf gute Auslastung oder Erfolg beim Publikum legt, sondern vielmehr einige Großkritiker und Fachzeitschriften die Szene bestimmen und für Karrieren sorgen. Und da schielt auch die Provinz hin. Somit ist mit einer Musicalaufführung - egal wie gut sie ist - in der Regel kein Blumentopf hinsichtlich der eigenen Karriere zu gewinnen und das Genre kann sich nur noch über die Kasse beim Publikum begründen. An dieser Situation ist die Presse, die in Deutschland oder Österreich und der Schweiz nur Kunst ODER Unterhaltung kennt, absolut und nicht in geringem Maße mitschuldig.
Würde ein Musical genauso tolle Rezensionen bekommen KÖNNEN wie Faust oder Carmen hätten viele Theater einen anderen Zugriff darauf.
2) Ist die Ausbildung an vielen Musicalschulen im schauspielerischen Bereich einfach sehr schlecht. Häufig ist es unmöglich, differenzierte Rollen an Kollegen mit Musicalausbildung zu vergeben, da sie in der Schule lediglich das äußerliche und formale Portrait zu gestalten gelernt haben. Fällt mir aber ein Kollege für einen Großteil der Aufgaben eines Spielplanes aus, kann ich ihn nicht engagieren.
Solange sich die Schulen nicht stärker darum bemühen, schauspielerisches Handwerk zu vermitteln und die Absolventen darauf aufmerksam zu machen, dass die meisten Jobs nun mal nicht bei der SE vergeben werden im deutschen Theater, wird ein Musicaldarsteller immer der Mann (oder die Frau) für die besondere Aufgabe sein.
Merke aber auch: Ausnahmen bestätigen die Regel und dier pauschale Ablehnung von Kollegen mit Musicalausbildung ist natürlich Unsinn. Gerade da liegt eine Chance besonders für kleinere Häuser, die in diesem Bereich auch schon lange umdenken. Bei Spielplänen mit mindestens 2 musikalischen Produktionen im Jahr DIE Chance für Multitalente!

Hardl (10 Bewertungen, ∅ 2.1 Sterne)


Es geht beides

13.08.2008 - Ich bin voll davon überzeugt, dass man beides (also Musical und Oper) singen kann, wenn man beides lernt. Den singen ist nicht singen und es behauptet auch keiner das ein Musicalsänger automatisch Oper singen kann oder andersrum. Es kommt darauf an, ob man das Talent hat sich auf beides einlassen zu können und die Gesangstechniken, die wie gesagt je unterschiedlich sind nebeneinander zu lernen und zu gebrauchen. Und das ist, wider aller Gerüchte durchaus möglich.

Dass ein Heldentenor jedoch nicht beliebig austauschbar ist mit einem Poptenor sollte auch jedem klar sein und hat auch nichts mit Klischees zu tun.

Andersherum ist es durchaus (ein zu bekämpfendes) Klischee-Denken, wenn mit einem Musical-Stück beim Vorsingen in der Musikhochschule seine angestrebte Karriere riskiert wird, nur weil manche Künstler nicht kapieren wollen, dass Musical, genauso wie Oper und Operette eine ernstzunehmende und traditionsreiche Stilrichtung ist.

couleur24 (erste Bewertung)


Altlasten und Umerziehung im Denken

13.08.2008 - Leider herrscht in Mitteleuropa und vor allem im deutschsprachigen Raum das Schubladendenken was das Theater und seine Sparten betrifft.
Oper ist Oper Schauspiel ist Schauspiel,Musical ist etwas
das bei uns leider noch immer nicht so selbstverständlich ist wie in Grossbritannien, Amerika oder im Norden Europas.
Ich erinnere an Max Reinhardt,der bei seiner Eröffnungsrede der berühmten Schule in Wien in etwa folgendes verlangt hat:.....die gleichmäßige Ausbildung von Sprache Gesang und Bewegung in gleichem Maße.
Nun , mit nur ein wenig phantasie kann man darauis schließen es muß ja eine Musicalschule sein.
Natürlich haben wir heutzutage auch durch die Vorgabe der Stücke eine Gewichtung für die Musicaldarsteller die oft Tanz und Gesang verlangt , keinen Dialog oder in den noch immer zu selten gespielten Sondheim Stücken Dialog und Gesang und keinen Tanz:Daher ist es doch wunderbar wenn gut singende Sxchauspieler z.B. im Lächeln einer Sommernacht eingesetzt werden, Tänzer einer Stadttheatercompany, so sie auch contempory stile beherrschen können in nahezu allen musicals tanzen udn wenn sie auch über etwas stimme verfügen kleine partien übernehmen,aber und jetzt kommt mein grösstes problem:Anstatt unsere auch sehr geliebten 10 musicalstars,wie auch immer sie sich bezeichnen , permanent zu pushen und in jedem der zwei Fachblätter zu sehen wäre es seitens der Rezensenten besonders wichtig wirklich gute Allrounder erster Qualität zu fördern.Es gibt sie die opernsänger die musical beherrschen ,wir haben genügend wunderbare erste Darsteller,ich habe das oft genug erlebt bei auditions.
Aber ich habe auch ioft erlebt das die Basisausbildung in Musicalschulen und es gibt nur wenige Ausnahmen, die darauf achten, keine gute Sprechtechnik anbieten, nicht wirklich erklassige Gesangslehrer haben und meist nicht über den Tellerrand schauen.das ist schade.
Es wäre auch viel wichtiger
die Fachpresse zu überzeugen,dass Musical eine schwer zu realisierende Gattung ist die ebensolchen Stellenwert hat wie die Oper und die Operette und das Scxhauspiel.Bei meiner Tätiglkeit in den USA oder in Großbritannien ist es eine Selbstverständlichlkeit das Musical genhauso zu respektieren wie alles andere.
Warum denn auch nicht, da beginnt der Gedankenansatz und anstelle vieler wirklich bedenklich schlechter Stücke könnte man sich mit vermehrter Hingabe an Sondheim und andere Komponisten und Librettisten wenden um diese endlich vermehrt auf den Spielplänen zu sehen.Alle reden davon wie toll Sondheim ist aber nur wenige haben den Mut ihn zu spielen.
Ich bin guten Mutes was das Musical angeht das Publikum strömt ja aiuch in schlecht besetzte Shows und peinliche Stücke, aber die Absicht Musical auf den Spielplan zu setzen darf keine andere sein als dem musikalischen Unterhaltungstheater den vollen Respekt zu zollen und auch der Qualität der Aufführung.
Schade auch dass der Neid der Darsteller und Macher untereinander sehr schlimm und unwürdig ist. Ich als Theatermacher freue mich ssehr wenn ich gute Qualität auf der Bühne sehe.
Also mit gutem Blick fürs Ganze froh voran und an alle Fans:Schaut wirklich auf die Qualität und nicht die Äusserlichlkeiten.

schneewittchen (5 Bewertungen, ∅ 0.8 Sterne)


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