Norden Westen Osten Sden
Termine aus DeutschlandsterreichSchweizNiederlandeLondonTirolLinksSuchen nach JobsRedaktionDatenschutzImpressum
Aktuelle Shows ( Nord )Shows A-Z ( Nord )Premieren ( Nord )Jekyll & Hyde


Klassiker

Jekyll & Hyde

Dies ist die Stunde


© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
"Jekyll & Hyde" einmal ohne viktorianischen Pomp, dafür mit reduziertem Personal auf der Bühne und kaum gesprochenen Worten. Regisseur Andreas Gergen transferiert das Musical in ein düsteres, zeitloses Kammerspiel der großen Bilder. Die Aufführung punktet vor allem durch die modernen Musikarrangements von Marc Seitz für eine Sieben-Personen-Band.

(Text: kw)

Premiere:06.08.2021
Letzte bekannte Aufführung:16.10.2022
Showlänge:100 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Der Bischof trägt eine Latexmaske, zwei Seile fixieren seine Arme wie bei einer Kreuzigung nach oben. In dieser Position wird der Kirchenfürst von einem Mann in Frauenbekleidung oral befriedigt, bevor er nach einem Stich in die Brust grell beleuchtet wie im Fegefeuer stirbt.

© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal


Nicht nur für den Ensemble-Song "Mörder, Mörder", in dem auch Lady Beaconsfield, General Lord Glossup und Lord Savage dahingemeuchelt werden, findet Regisseur Andreas Gergen Bilder, die manche im Publikum verstören könnten. Auch bei "Schafft die Männer ran" werden sämtliche sexuelle Spielarten recht eindeutig auf der Bühne dargestellt. Insgesamt fokussiert sich die Inszenierung auf das Triebhafte im Menschen, sei es nun beim Besuch im
Bordell oder beim Ausleben mörderischer Fantasien.

© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal


Gleichzeitig präsentiert Gergen das Stück zeitlos, in einer an das Brechtsche Theater erinnernden Fassung: Auf der leeren Bühne stehen zehn silberne Hocker, auf denen das Ensemble Platz nimmt. Es beobachtet aus immer neuen Sitzmöbel-Formation heraus als "Chor" die Handlung, greift aber auch ins Geschehen ein. Treten zum Beispiel die vier bereits erwähnten Mordopfer auf, werden die schwarzen, zeitlosen Kostüme von Ulli Kremer um die religiöse Kopfbedeckung Pileolus und Halskreuz (Bischof), eine Perlenkette (Lady Beaconsfiled), eine Augenklappe (General Lord Glossup) oder einen Spazierstock (Lord Savage) ergänzt. Dass der General mit Sophie Blümel besetzt ist, ist ein innovativer, geschlechtsneutraler Ansatz.

Ausstatter Momme Hinrichs begrenzt seinen kargen Bühnenraum hinten durch ein Metallgerüst mit zwei Etagen, hinter dem eine Video-Wand steht. Hier erscheinen – allesamt recht düster – sowohl Big Ben und das Parlamentsgebäude, aber auch animierte Linien, Gehirne, Laborzubehör und immer wieder wogende Wasserflächen. Damit werden weniger Spielorte angedeutet, als vielmehr Seelenzustände projiziert.

© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal


Sobald sich Dr. Jekyll durch das Spritzen der Substanz JH7 in sein Alter Ego Hyde verwandelt, verfärbt sich die Video-Wand in ein giftiges Grün und Nebel wabert über die Bühne. Weitere Veränderungen an der gespaltenen Persönlichkeit sind nur schwer auszumachen. So wird zwar die "Konfrontation" mal heller, mal rauer timbriert intoniert, dafür muss man aber schon sehr genau hinhören. Warum Andreas Gergen hier nicht mehr
Akzente setzen lässt, bleibt ebenso unklar, wie die Besetzung der Rolle mit einem Tenor statt eines Baritons. Fabio Diso schlägt sich wacker und ist ihr stimmlich voll und ganz gewachsen, für den animalistischen Hyde aber fast ein bisschen zu stimmschön.

Im Zentrum der Aufführung steht jedoch Miriam Neumaier als Lucy, die bereits optisch in ihrem offenherzigen Netzkostüm als Prostituierte auszumachen ist. Sie bietet ihre sexuellen Dienstleistungen routiniert und seelenlos an, ist aber eigentlich eine nach Liebe und Geborgenheit lechzende Frau. Neumaier unterstreicht dies auch stimmlich mit ihrem tollen Musical-Sopran bei "Freundlichkeit, Zärtlichkeit" und dem sich anschließenden "Jemand wie du". Zum gesanglichen Höhepunkt der Aufführung gehört das Gänsehaut-Duett "Nur sein Blick", mit dem auch Neumaiers Partnerin Henriette Schreiner als Lisa Akzente setzt. Sie ist eine recht selbstbewusste Verlobte, die Jekyll im Finale mit einem gezielten Messerstich ins Jenseits befördert. Aus dem soliden, kleinen Ensemble sticht Suzanne Dowaliby hervor, die zum Beispiel "Mädchen der Nacht" souverän stimmlich anführt.

Die hundertminütige, pausenlos durchgespielte Aufführung kommt mit nur ganz wenigen gesprochenen Passagen aus, was zwar nicht unbedingt zum Verständnis der Handlung beiträgt, dafür aber die Musik ins Zentrum stellt. Dirigent Marc Seitz hat die in der Orchesterfassung in großen Melodienbögen schwelgende Wildhorn-Partitur mit
Genehmigung des Komponisten für eine Sieben-Personen-Band arrangiert. Ein wahrer Glücksgriff! Dank Elektrogitarre und Schlagzeug führt Seitz die Musikbegleitung in die Moderne und gibt dem als Tango arrangierten "Gefährliches Spiel" auch musikalisch eine erotische Komponente. Till Nau unterstützt das mit der passenden Choreografie und fordert die Darsteller auch im Rest der Aufführung mit modernen körperbetonten Schrittfolgen und Bewegungen.

© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal


Die 2021 ursprünglich als Sommer-Open-Air konzipierte Produktion funktioniert auch im geschlossenen Raum. Wer sich auf diese, auf das Wesentliche reduzierte Inszenierung im modernen musikalischen Gewand einlässt, der kann in dem Stadttheater-Klassiker ganz neue Facetten entdecken

(Text: Kai Wulfes)



Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Diskutiere mit im Musicalzentrale-Forum.






Kreativteam

Musical nach der Novelle von Robert Louis Stevenson mit Musik von Frank Wildhorn

Regie Andreas Gergen
Choreografie Till Nau
Musikalische Leitung Marc Seitz
Bühne, VideoMomme Hinreichs
Kostüme Ulli Kremer


Besetzung

== Spielserie Brandenburg (Havel) 2022 ==

Jekyll/HydeFabio Diso
Lucy HarrisMiriam Neumaier
Lisa CarewHenriette Schreiner
(Tamara Peters)

UttersonFlorian Albers
Sir DanversSebastian Kroggel
Sir Simon StrideBen Ivo
Lord SavageMichael Przewodnik
Lord GlossupSophie Blümel
Lady BeaconsfieldSuzanne Dowaliby
BischofStefan Schmitz
ZeitungsjungeFrederik Stuhlemmer
TänzerDavid Schuler
TänzerinHannah Miele
SwingsSandro Wenzig
Tamara Peters


Frühere Besetzungen? Hier klicken



Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal
© Rolf Ruppenthal


Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Diskutiere mit im Musicalzentrale-Forum.


Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


4 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


32219
Keine Emotionen

16.08.2021 - Da es eher ein Schnelldurchlauf ist, blieb die Story und gerade der Bezug zu den Figuren vollends auf der Strecke. Einzig Lucy war mehr heraus gearbeitet. Der emotionale Höhepunkt war so, das man die Mädchen der Nacht an ihren Tod angeknüpft hat.
„Komm schafft die Männer ran“ war so auch ein Highlight. Stark gestört durch eine laut kichernde Mittvierzigerin, die anscheinend noch nicht aus der Pubertät heraus war. Sobald man Lucys Brüste zu Beginn sah, ging das Gekicher los.

Wenn man beim Positiven bleibt, war das Orchester und Ensemble toll. Dadurch, dass die Lautsprecher nur jeweils rechts und links nach vorn ausgerichtet sind, sollte man mittig sitzen. Ansonsten hört man das Ganze nur auf einem Ohr. Auf dem Anderen hatte ich noch in der Nacht phantom Grillenzirpen.

Jekyllhyde (bewusst so geschrieben) war leider das Problem. Man wusste nie wer gerade singt. Falls Nuancen da waren, lagen diese im minimalen Bereich.
Das gilt auch für Lisa und Lucy, wenn sie über Jekyllhyde sangen. Man wusste nie um wen es geht.
Die Welt, die völlig irr ist, wurde auch eher beim Sonntagsspaziergang besungen. Gut Singen reicht für die Rolle nicht.

Merzig lohnt sich, wenn man die Songs mag, das Ensemble und Orchester ist wirklich gut, aber das Stück an sich ist in Fragmenten auf der Bühne.
Von Dramatik kaum eine Spur. Für mich zeichnete sich dies am meisten bei „Mörder, Mörder“ ab. Hier wurden die Opfer nicht namentlich adressiert sondern nur umgebracht. Das diabolische ging verloren und wirkte, als würde Jekyllhyde willkürlich morden.

Jetzt wurde mein Text länger als gewollt. Komme zum Schluss, man hätte das Stück Lucy nennen müssen und hat sich zu sehr auf den schlüpfrige Effekte konzentriert.

Irgendwie bin ich es auch noch nicht gewohnt direkt ins Gesicht gesungen zu bekommen. Das Ensemble bzw. auch Jekyllhyde stand direkt singend vor meiner Nase.


32218
Keine Emotionen

16.08.2021 - Da es eher ein Schnelldurchlauf ist, blieb die Story und gerade der Bezug zu den Figuren vollends auf der Strecke. Einzig Lucy war mehr heraus gearbeitet. Der emotionale Höhepunkt war so, das man die Mädchen der Nacht an ihren Tod angeknüpft hat.
„Komm schafft die Männer ran“ war so auch ein Highlight. Stark gestört durch eine laut kichernde Mittvierzigerin, die anscheinend noch nicht aus der Pubertät heraus war. Sobald man Lucys Brüste zu Beginn sah, ging das Gekicher los.

Wenn man beim Positiven bleibt, war das Orchester und Ensemble toll. Dadurch, dass die Lautsprecher nur jeweils rechts und links nach vorn ausgerichtet sind, sollte man mittig sitzen. Ansonsten hört man das Ganze nur auf einem Ohr. Auf dem Anderen hatte ich noch in der Nacht phantom Grillenzirpen.

Jekyllhyde (bewusst so geschrieben) war leider das Problem. Man wusste nie wer gerade singt. Falls Nuancen da waren, lagen diese im minimalen Bereich.
Das gilt auch für Lisa und Lucy, wenn sie über Jekyllhyde sangen. Man wusste nie um wen es geht.
Die Welt, die völlig irr ist, wurde auch eher beim Sonntagsspaziergang besungen. Gut Singen reicht für die Rolle nicht.

Merzig lohnt sich, wenn man die Songs mag, das Ensemble und Orchester ist wirklich gut, aber das Stück an sich ist in Fragmenten auf der Bühne.
Von Dramatik kaum eine Spur. Für mich zeichnete sich dies am meisten bei „Mörder, Mörder“ ab. Hier wurden die Opfer nicht namentlich adressiert sondern nur umgebracht. Das diabolische ging verloren und wirkte, als würde Jekyllhyde willkürlich morden.

Jetzt wurde mein Text länger als gewollt. Komme zum Schluss, man hätte das Stück Lucy nennen müssen und hat sich zu sehr auf den schlüpfrige Effekte konzentriert.

Irgendwie bin ich es auch noch nicht gewohnt direkt ins Gesicht gesungen zu bekommen. Das Ensemble bzw. auch Jekyllhyde stand direkt singend vor meiner Nase.

TazMA (35 Bewertungen, ∅ 3.8 Sterne)


32217
Was war das?

11.08.2021 - In Coronazeiten fühlt es sich ja fast befremdlich an,
wenn man ein Theater oder in diesem Fall eine Freiluftarena besucht. Was MusikTheaterSaar hier augenscheinlich in die Infrastruktur gelegt haben ist sehr gelungen und beachtlich. Aber Theater ist eben nur dann auch gut, wenn es packt, wenn es zum Lachen oder zum Weinen bringt. Da helfen auch nicht die schönsten Carteringanlagen. Leider. Es ist schon eine Frechheit, dass ein Zwei-Stunden-Epos wie Jekyll und Hyde in nur zwei Wochen einstudiert wurde (damit sogar beworben wird so nach dem Motto: Guckt mal wie schnell wir waren. Toll oder?) Nein leider gar nicht toll. Wer zum Schluss die Schuld an dieser Farce hat, bleibt ungewiss. Der Produzent ist sichtlich erleichtert und gibt seinen Gefühlen freien Lauf und kann nicht oft genug betonen wie schnell alles hier hochgezogen wurde unter der Regie von Andreas Gergen. Es ist peinlich wie bedeutungsschwanger er seine Darstellerinnen und Darsteller von einer Peinlichkeit zur nächsten inszeniert. Ich will überhaupt kein Darstellerbashing betreiben, denn alle sind froh überhaupt einen Job zu haben aber dennoch will ich zwei Personen nicht unerwähnt lässen:
Fabio Diso, Schwiegermuttertyp, glatt, viel zu dünne Stimme und so gar kein Sänger, den man sich in Charakterrollen wie es Jekyll nun mal ist vorstellen kann. Leider ist das die Tatsache. Er überzeugt in keiner Szene und fällt von einer schauspielerischen Peinlichkeit in die Nächste. Er ist der Figur in keinster Form gewachsen. Und schlimmer noch: So wie es aussieht kann er machen was er will, wahrscheinlich der fehlenden Probenzeit geschuldet, da der Regisseur nur darauf bedacht sein musste in 14 Tagen alles fertig zu haben. Ebenfalls Mili Jovanovic. Sie kann mit schöner Stimme überzeugen. Sie rettet sich von Szene zu Szene und ich spürte förmlich, wie sie versucht hat irgend etwas der Figur zu geben. Etwas Tiefgang. Tatsächlich: In Ansätzen gelungen. Dafür der eine Stern. Nochmals: DarstellerInnen können wenig ausrichten. Job ist Job. Und das Leben muss bezahlt werden. Man fragt sich: Andreas Gergen, auf deutschen Bühnen ein oft angefragter Regisseur, hat ein Engagement angenommen, in dem er in so kurzer atemberaubender Zeit nicht mal in kleinsten Ansätzen erzählen kann, was Jekyll & Hyde ausmacht: Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte und keine Love-Story. Es geht um Macht, erwachsen werden und „sich-beweisen-müssen.“ Er schafft es leider nie mit seinem Choreographen Till Nau künslerisch zu überzeugen. Da kann auch leider nicht das recht interessante Bühnenbild darüber hinwegtäuschen. Für mich ein klares „NO-GO“ wie ein Rezensent über mir schon schrieb. Wenn ich mir den beachtlichen Karrierelebenslauf von Gergen anschaue als Verantwortlicher im Theater, würde ich mittlerweile sagen: Quantität vor Qualität. Er kann absolut keine Figuren kreieren. Ich habe so viele Produktionen gesehen von ihm. Jetzt gebe ich es auf. Es ist und bleibt flach. Leider habe ich das auch schon in anderen Produktionen von ihm genauso wahrgenommen (Sunset Boulevard oder Rebecca Tecklenburg). Schnell-schnell, statt durchdacht und mit Verstand. Meistens rettet dann eine tolle Choreographie die Regie. Leider hat hier Till Nau nichts von seinem Potenzial zeigen können (wie z. B. in Schwerin bei Titanic). Es geht scheinbar nur noch ums Geldverdienen. Herr Gergen fehlt die Demut vor dem Beruf. Sorry für meine Ehrlichkeit. MuZ kann ja Teile entfernen wenn zu „ehrlich“. Er hätte wissen müssen, dass es in so kurzer Zeit nicht möglich ist. Er macht alles und nimmt alles an. Und dazu noch in der Symbiose mit dem Intendanten Arnold des Merziger Theaterzeltes, der das scheinbar so verlangt hat, auf Grund von Kostensenkungen.
Ein klares NEIN hätte genügt, denn so etwas in so kurzer Zeit zu inszenieren ist NIEMALS möglich. Outing: Mein Vater war bis zu seinem Tod Opernregisseur, daher habe ich ein wenig Einblick in den Backstagebereich.
Was dieser wirklich „einfachen“ und flachen Inszenierung die Kirsche auf die Torte setzt, ist die Orchestrierung und Dirigat von Marc Seitz. Auch da wieder: Sparen am falschen Platz. Wo sind die Fachleute? Wenn man etwas tun soll, dann bitte mit einer gewissen Qualität. Das „Orchester“ klingt wie drei Keyboards. Keine Dynamik im Dirigat. Es klingt wie eine schlechte Karaokeversion. Ich möchte allen Machern hier nicht zu Nahe treten und ich bin überzeugt, dass unter den richtigen Umständen auch etwas gutes dabei herauskommt aber so ist dieses Frank Wildhorn-Musical nicht mehr als eine Amateurproduktion im Deckmantel eines bekannten saarländischen Sommerfestivals mit hübschen Profisängern. Das reicht leider nicht. Fazit: Produktionsteam und Ensemble überzeugen leider - und mit gutem Willen - nur in kleinsten Ansätzen. Schade! Vertane Chance!

vonkrolockfan (2 Bewertungen, ∅ 3 Sterne)


32215
Interessante Variante

07.08.2021 - Ich mag Jekyll & Hyde sehr und habe auch diverse Produktionen gesehen. Von den großen Ensuite-Produktionen bis hin zu Aufführungen von kleineren Theatern. So habe ich mich auch gefreut, dass das Stück letztes Jahr nach Merzig kommen sollte. Aufgrund der Pandemie kam es gestern endlich zur Premiere.

Merzig fällt durch zwei Punkte auf. Man setzt teilweise auf Stücke, die man so im deutschsprachigen Raum nicht kennt. So wurden die Addams Family und 9to5 als deutschsprachige Erstaufführungen auf die Bühne gebracht. Außerdem sind die Besetzungen oft herausragend. Beide Punkte wurden zwar in jüngster Zeit etwas vernachlässigt, aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch.

In diesem Jahr kam man durch die Pandemie auf eine (wie ich finde) clevere Idee. Man hat die Zuschauertribüne aus dem Zelt gebracht und so eine neue Open-Air-Bühne geschaffen. Gerade die Bühne wirkt zunächst sehr provisorisch, aber als Gesamtbild während der Vorstellung passt das ganz wunderbar. Bei schlechtem Wetter verschiebt man die Bühne übrigens ins Zelt und spielt das Stück (halbszenisch) dort weiter.

Zum Stück! Schon beim Prolog war ich sehr erstaunt. Man spielt hier nicht die Stücke ab, wie man sie aus den hierzulande bekannten Produktionen kennt. Ich glaube, die Produktion orientiert sich an der ursprünglichen Version (?). Zu Beginn steigt beim instumentalen Teil eine Damenstimme ein. Das wirkt ganz hervorragend und war bei mir ein Gänsehautmoment. Sehr stimmungsvoll! Leider wurde dann der Text "In jedem von uns..." nicht von Jekyll, sondern von der ganzen Cast vorgetragen. Hatte etwas von gemeinsamen Lesen in der Grundschule und ich fand es einfach lächerlich bzw. fast schon zum fremdschämen. Damit war der Gänsehautmoment schnell wieder dahin.

Und weiter ging es auch für Kenner des Stückes mit viel Abwechslung. Songs wurden gestrichen, andere kamen hinzu und die Reihenfolge weicht teilweise auch erheblich vom Bekannten ab. Die Übersetzung ist auch nicht die bekannte Arbeit von Susanne Dengler. Die Arrangements sind auch teilweise stark verändert. Leider in meinen Augen aber nicht immer im positiven Sinne. Hier hätte man behutsamer vorgehen müssen, wenn z.B. als "Gefährliches Spiel" ein Tango wird oder das Duett von Lucy und Lisa mir zum ersten Mal gar nicht mehr gefiel. Schade.

Das Bühnenbild ist sehr spartanisch und besteht aus einer großen LED-Wand und zwei Balkonen davor. Wirkt auf den Bildern gar nicht einladend, aber auf der Bühne während der Show hat es mir doch sehr gut gefallen. Auch die Projektionen waren oftmals gut bis sehr gut gewählt, mit Ausrutschern. Wieso man gleich bei zwei Liedern das Meer zeigt und Henry und Lisa plötzlich die See unter sich haben, erschließt sich mir nicht. Völlig unpassend.

Das Highlight des Stückes war für mich (völlig überraschend in mehrfacher Hinsicht) "schafft die Männer ran". Lucy entblättert sich zu Beginn des Stückes und steht urplötzlich in durchsichtigem Body da. Bitte was?! Das war erst der Beginn, denn der Rest der Truppe kleidete sich mehr als originell und was dann auf der Bühne abging, war schon... sehr deutlich. Nennen wir es so. Das sorgte beim Publikum sichtlich für Verwunderung und nach und nach zu vielen kleinen Lachern. Ich fand gerade diese Szene sehr überraschend, aber sehr passend und vor allem durch Miriam Neumaier das Highlight der Show.

Mit Miriam Neumaier stand eine Lucy auf der Bühne, die eigentlich nur Cover sein sollte. Vasiliki Roussi, die immer noch als Lucy hier geführt wird, hat sich offenbar verletzt und kann auch in den nächsten Wochen nicht auftreten. Was mich im Vorfeld traurig stimmte (sie ist wirklich hervorragend), stellt aber in Merzig selten einen Kritikpunkt dar, da man eben die Darsteller oft sehr gut wählt. Kommen wir doch damit zur Cast:

Fabio Diso als Jekyll/Hyde. Hier haben wir leider schon den "Schwachpunkt" der Show in Form der Hauptrolle. Den Jekyll spielt er noch ganz gut, wenn auch oftmals zu leise und etwas schwach auf der Brust. Wenn er sich jedoch in Hyde verwandelt, so merkt man leider keinen Unterschied. Kein anderes Aussehen (der ganz simple "Haartrick" der bekannten Produktionen fehlt), keine andere Stimmlage (Hyde singt doch meist deutlich tiefer und aggressiver), allenfalls die Gestik ist etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass Fabian Diso die Stimmlage nicht tiefer legen kann. ´Dazu singt er auch als Hyde weiterhin eher leise und schwach. Somit fand ich ihn leider sehr, sehr enttäuschend und als Hyde offen gesagt schon ein No-Go.

Milica Jovanovic ist ja der vielleicht bekannteste Name und sie war auch schon in Dortmund in dieser Rolle zu sehen. Sie spielt die Rolle routiniert und es gibt kaum etwas an ihr auszusetzen.

Miriam Neumaier als Ersatz für Vasiliki Roussi war eine positive Überraschung. Ihre Stimme ist sehr gut, wunderbar facettenreich je nach Situation. Das Schauspiel fast noch besser. Wenn das nur die Coverbesetzung ist, Hut ab.

Der Rest der Truppe passte auch sehr gut, wie immer. Hier gibt es wirklich nichts zu beanstanden.

Wer das Stück wie ich mag und einmal eine andere Variante als die bisher bekannte sehen möchte (nicht nur in der Inszenierung), dem kann ich einen Besuch nur empfehlen. Wir hatten auch dieses Jahr wieder einen wundervollen Abend. Vor allem das Gesamtpaket mit der tollen Umgebung um die Zelte passt dort einfach.

Bei Fragen und Austausch stehe ich auch gerne per PM zur Verfügung, da ich das neue Forum aktuell nicht nutze. :)

sus70 (16 Bewertungen, ∅ 2.8 Sterne)


Bitte melden Sie sich an, wenn Sie einen Leserkommentar abgeben wollen.
Neu registrieren | Logon

 
Details können Sie hier nachlesen: Leserkommentare - das ist neu
 
 

 Theater / Veranstalter
Arnold Circus Productions GmbH
Saarwiesenring 1
D-66663 Merzig
+49 651 97 90 777
Email
Homepage
Hotels in Theaternähe

 So fand ich die Show
Jetzt eigene
Bewertung schreiben!

 muz-Lexikon
Handlung
Der junge Arzt Henry Jekyll will das Gute vom Bösen im Menschen trennen - um das Böse zu eleminieren und die Menschheit vom Wahnsinn zu befreien. mehr

Weitere Infos
Das Musical von Frank Wildhorn (Musik) und Leslie Bricusse (Texte) basiert auf dem vielfach verfilmten Roman von Robert Louis Stevenson. Uraufgeführt wurde es 1990 in Houston - die Doppel-CD halten viele Fans immer noch für die beste Aufnahme der Show. 1997 kam das Musical an den Broadway. 1999 erlebte es unter der Regie von Dietrich Hilsdorf seine europäische Erstaufführung in Bremen (in der Übersetzung von Susanne Dengler, die auch die Lisa spielte). Diese Produktion wurde auch in Wien und Köln gezeigt. Seit März 2007 (Premiere in Chemnitz) gehört "Jekyll & Hyde" im deutschsprachigen Raum auch zum Stadttheater-Repertoire.

 Kurzbewertung [ i ]
(kw)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

"Jekyll & Hyde" inszeniert als Kammertheater à la Brecht. Andreas Gergens Regie überrascht, polarisiert, wirft Fragen auf. Marc Seitzs Band-Arrangement führt Wildhorns Partitur in eine modernere Dimension.

08.10.2022

 Leserbewertung
(4 Leser)


Ø 2.25 Sterne

 Termine

Leider keine aktuellen Aufführungstermine.


© musicalzentrale 2023. Alle Angaben ohne Gewähr.

   THEATER FÜR NIEDERSACHSEN: STELLA

   STAATSOPERETTE DRESDEN

   BROADWAY FIEBER SOLINGEN

   Wir suchen Dich!

   Ein Platz für Ihre Werbung?

MUSICAL-THEATER


Testen Sie Ihr Wissen! Was läuft aktuell in diesen Musicalhäusern?
Basel: Musical-Theater +++ Berlin: Theater des Westens +++ Berlin: Friedrichstadt-Palast +++ Berlin: Theater am Potsdamer Platz +++ Essen: Colosseum +++ Düsseldorf: Capitol +++ Hamburg: Neue Flora +++ Hamburg: Operettenhaus +++ Hamburg: Theater im Hafen +++ München: Deutsches Theater +++ Oberhausen: Metronom +++ Stuttgart: Apollo-Theater +++ Stuttgart: Palladium-Theater +++ Wien: Raimund-Theater +++ Wien: Ronacher
Alle Theater, alle Spielpläne: Deutschland-Nord, -West, -Ost, -Süd, Österreich, Schweiz, Niederlande, London.


Unsere Seite verwendet Cookies & Google Maps, um Ihnen ein bestmögliches Besuchserlebnis zu bieten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie beiden Nutzungen zu. [ X ]
;