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Nicht viele Shows sind dermaßen eng mit ihrer Original-Choreografie verbunden wie die „West Side Story“. Wo auch immer die fingerschnipsenden Sharks und Jets mit ihren akrobatischen Tanzschritten auftauchen, weiß das Publikum sofort, dass es sich in dem Broadway-Klassiker überhaupt befindet. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das einzige Element, das in der aktuellen neu inszenierten Tourneeversion von BB Promotion übernommen wurde, die Choreographie ist, während dem Stück in vieler anderer Hinsicht eine willkommene Frischzellenkur verordnet wurde.
Im Interview zur Neuinszenierung der Tourneeproduktion beschreibt Regisseur Lonny Price die „West Side Story“ als eines der kraftvollsten Bühnenwerke, die je geschaffen wurden. Dies liege seiner Meinung nach an der Kombination aus Buch, Musik, Text und Tanz. Und tatsächlich ist „kraftvoll“ wohl das Wort, dass diese Produktion am besten zu beschreiben vermag.
Schon bei den ersten Klängen der Ouvertüre legt das zwanzigköpfige Orchester unter der Leitung von Grant Sturiale ein dermaßen hohes Tempo vor, dass einem die Sorge überkommt, ob die Tänzer auf der Bühne diese Schlagzahl auf Dauer durchhalten können. Aber nicht nur das Tempo, sondern auch die Akkuratesse und Differenziertheit, die da aus dem Orchestergraben klingen, sind bemerkenswert. Wunderbar säuselnd in den ersten Takten von „Maria“, aufbrausend und emotional im zweiten Teil des Songs, wenn Tony seine Verliebtheit in die Welt hinaussingt. Eine der großen Schwachstellen von Tourneeproduktionen ist oft die Soundqualität, die je nach Spielort stark schwankend sein kann. Im Deutschen Theater München gelingt die Abmischung sehr gut. Sowohl Lautstärke als auch die Ausgeglichenheit zwischen Orchester und Stimmen sind tadellos.
Die Handlung der „West Side Story“ wird zu einem nicht unerheblichen Maße durch Tanz erzählt – umso erfreulicher ist es, dass die anfängliche Sorge um die Tänzer sich auch schnell als völlig unbegründet erweist. Die Tänzer atmen quasi die ikonischen Choreographien von Jerome Robbins (in der Bearbeitung von Julio Monge) und setzen sie mühelos und gleichzeitig hochdramatisch um. Die Kampfszenen der verfeindeten Gangs gelingen durch ihre Härte überzeugend und haben trotzdem ein hohes Maß an Eleganz und Anmut. Unterscheiden lassen sich die Mitglieder der beiden Banden durch die Farbgebung ihrer im zeitgenössischen Stil gehaltenen Kostüme. Die New Yorker Jets in kühlen Blau, die puerto-ricanischen Sharks in warmen Rot- und Brauntönen, wobei sich diese farbliche Unterscheidung in den Kostümen von Tony und Maria dann gegenseitig auflöst und somit die Geschichte zusätzlich auch über die Ebene der Kostüme erzählt wird.
Das Bühnenbild besteht an den beiden Seiten sowie in der Mitte aus heruntergekommene Fragmente der typischen New Yorker Hochhausschluchten mit ihren Feuertreppen an den Balkonen. Die drei Elemente werden immer wieder in unterschiedlichen Kombinationen gedreht und zusammengeschoben und bilden so die verschiedenen Handlungsorte wie Docs Drugstore, das Brautmodengeschäft in dem Maria mit ihrer Schwägerin in spe Anita arbeitet oder eben auch die – direkt aus „Romeo und Julia“ entliehene – Balkonszene. Die meisten Szenenwechsel finden deswegen quasi auf offener Bühne statt und sind in den Handlungsfluss eingewoben. Alle Bühnenelemente werden per Hand verschoben und es verwundert beinahe, wie flüssig diese Abläufe vonstattengehen. Die Darsteller betreten von der Straßenseite aus ein Haus, das entsprechende Element wird gedreht und die Szene spielt übergangslos im Inneren weiter. Unterstützt wird dies durch das Lichtdesign, das die dämmrigen Großstadtstraßen ebenso stimmungsvoll ausleuchtet wie den Tanzsaal, in dem die beiden verfeindeten Gangs aufeinandertreffen und sich zum verhängnisvollen Kampf verabreden. Gerade im Einsatz des Lichts ist sehr schön erkennbar, wie sehr Lonny Price die Einheit der einzelnen Elemente der „West Side Story“ als großes Gesamtwerk betrachtet und umsetzt: Die Beleuchtung einzelner kleiner Szenen auf der Bühne erfolgt immer absolut synchron auf den Schlag der Musik.
Besonders bei „Somewhere“ fließen dann alle Elemente der Show wunderbar ineinander. Das Bühnenbild, in dem Maria Tony gerade noch den Mord an ihrem Bruder verzeiht, verschwindet elegant in den Hintergrund, die Beleuchtung der dann komplett leeren Bühne wechselt in einen sphärisch-träumerischen Gelb-Ton und die beiden verfeindeten Banden tanzen gemeinsam eine friedliche Version ihrer Welt, während Maria aus dem Off den zur Hymne der Friedensbewegung gewordenen Song singt. Anschließend wechselt das Licht wieder in das kalte und unfreundliche Blau, während die verfallenen Häuserschluchten zurück in den Vordergrund kommen und das Publikum geradezu wieder auf den Boden der Tatsachen zurückschleudern.
Die Besetzung ist bis in die kleinsten Rollen sehenswert. Sowohl Stuart Dowling als etwas dümmlicher Schul-Sozialarbeiter als auch Darren Matthias in der Rolle des Doc vermögen es, ihren Nebenrollen einen Charakter zu geben, obwohl sie das Buch eher zu Stichwortgebern degradiert hat. Die Mitglieder der Jets und der Sharks sind allesamt mit großartigen, frischen Talenten besetzt, die vor allem dem jungen Teil des Publikums das eine oder andere sehnsüchtige Seufzen entlocken.
In der männlichen Hauptrolle steht Jadon Webster auf der Bühne. Sein Tony wirkt wie nicht von dieser Welt und träumt vor sich hin, während auf den Straßen New Yorks der Kampf zwischen den beiden Gangs tobt. Beim ersten Aufeinandertreffen mit Maria verliebt er sich wortwörtlich auf den ersten Blick. Wohl selten war ein Tony so sehr verliebt in seine Maria wie in dieser Inszenierung! Mit seiner samtweichen und trotzdem charaktervollen Stimmfarbe erobert Webster nicht nur Marias Herz, sondern auch die Herzen des Publikums im Sturm.
Als Maria stand ihm in der besuchten Vorstellung Michel Vasquez zur Seite, die an diesem Abend ihr Rollendebüt gab. Umso überraschender ist es, wie gut die beiden Protagonisten nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch harmonieren. Mit ihrem glockenhellen Sopran und ihrem durch und durch sympathischen Auftreten macht Vasquez von Anfang an klar, warum Tony sich in Maria verlieben muss.
Kyra Sorce ist eine energische und heißblütige Anita mit einer großen Bühnenpräsenz, die sowohl stimmlich bei „A Boy Like That / I Have a Love“ als auch tänzerisch bei „America“ auf ganzer Linie überzeugt.
Nicht zuletzt durch diese Besetzung und Ausstattung schafft das Team um Lonny Price, die bereits über sechzig Jahre alte Show zu entstauben, ohne ihr ihren ganz eigenen Charakter zu nehmen, und eröffnet sie damit einer neuen und jungen Generation an Theatergängern. Die Handlung der „West Side Story“ ist nach wie vor zeitlos aktuell – die Neuinszenierung holt auch die Optik und den Klang ins Hier und Jetzt.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Cast (Historie) | Galerie | Termine | Spielorte | ||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| == ab 2022/23 == | ||||
|---|---|---|---|---|
| Inszenierung | Lonny Price | |||
| Musikalische Leitung | Grant Sturiale | |||
| Choreografie | Julio Monge | |||
| Bühnenbild | Anna Louizos | |||
| Kostüme | Alejo Vietti | |||
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Cast (Historie) | Galerie | Termine | Spielorte | ||
| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| == 2022/23 == | ||||
|---|---|---|---|---|
| Tony | Jadon Webster | |||
| Maria | Melanie Sierra | |||
| Anita | Kyra Sorce (Majo Rivero) | |||
| Riff | Taylor Harley | |||
| Bernardo | Antony Sanchez | |||
| Doc | Darren Matthias | |||
| Lt. Shrank | Bret Tuomi | |||
| Officer Krupke | Erik Gratton | |||
| Glad Hand | Stuart Dowling | |||
| Action | Anthony J. Gasbarre III. | |||
| A-Rab | Sky Bennett | |||
| Baby John | Calvin Ticknor-Swanson | |||
| Snow Boy | Liam Johnson | |||
| Big Deal | Ashton Lambert | |||
| Diesel | Marek Zurowski | |||
| Grazlella | Natalie Soutier | |||
| Velma | Victoria Biro | |||
| Minnie | Nicole Lewandowski | |||
| Clarice | Kaitlin Niewoehner | |||
| Anybodys | Laura Leo Kelly | |||
| Chino | Christopher Alvarado | |||
| Pepe | Alessandro J. López | |||
| Luis | Michael Bishop | |||
| Anxious | Vako Gvelesiani | |||
| Nibbles | Gerardo Esparza | |||
| Moose | Ernesto Olivas | |||
| Rosalia | Michel Vasquez | |||
| Consuelo | Deanna Cudjoe | |||
| Teresita | Gianna Annesi | |||
| Francisca | Majo Rivero | |||
| Margarita | Veronica Quezada | |||
| Swings | Aaron Patrick Craven Rachel Kay Justin Lopez | |||
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| CAST (HISTORY) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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