Andreas Lichtenberger © Eloy Werthmüller
Andreas Lichtenberger © Eloy Werthmüller

NEUES FEATURE
„Ich nehme diese Figur ernst, wie aberwitzig sie auch sein mag“ - Andreas Lichtenberger im Interview

Andreas Lichtenberger gehört seit vielen Jahren zu den markanten Charakterdarstellern der deutschsprachigen Musicalszene. Ob als Frollo in „Der Glöckner von Notre Dame“, als Zauberer von Oz in „Wicked“ oder zuletzt als Agathe Knüppelkuh in „Matilda“ – immer wieder sind es Figuren mit Ecken, Brüchen und einer gehörigen Portion Macht, die er auf der Bühne mit Leben füllt. Die vergangenen Monate waren für ihn dabei ungewöhnlich abwechslungsreich: Zwischen Füssen, Baden und Magdeburg wechselte er innerhalb kürzester Zeit zwischen Musical Operette und Konzert. In Baden entdeckte er mit „Die lustige Witwe“ und „Der Vogelhändler“ sogar seine Liebe zur Operette, bevor jetzt mit König Triton in der deutschsprachigen Erstaufführung von Disneys „Arielle“ die nächste große Aufgabe wartet.

Wir haben mit Andreas Lichtenberger über das Heimkommen ins Allgäu, alte Wegbegleiter, seine unterschiedlichen Zugänge zu Machtfiguren, die Arbeit mit Kindern bei „Matilda“ und seine neu entdeckte Begeisterung für die Operette gesprochen. Außerdem verrät er, warum ihn bekannte Gesichter im Publikum eher beflügeln als nervös machen.

Andreas Lichtenberger © Eloy Werthmüller

Du bist im Allgäu, genauer gesagt in Memmingen, aufgewachsen und hast dort deine ersten künstlerischen Schritte gemacht. Anfang des Jahres standest du nun im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen als Sarastro auf der Bühne. Wie hat es sich für dich angefühlt, für dieses Engagement quasi wieder nach Hause zu kommen?

Für mich war es einfach wunderschön. Als im Februar die Proben für die Zauberflöte in Füssen begannen und ich ankam, lag Schnee. Nicht nur der Ort erinnerte mich an meine Kindheit und Jugend, sondern auch diese verschneiten, verzuckerten Berge und Landschaften. Es war ein Nachhausekommen, ein wohliges Gefühl. Das waren irgendwie große, weiße, offene Arme, die mich empfangen haben. Und das habe ich sehr geliebt.

Wenn man in der alten Heimat spielt, begegnet man zwangsläufig auch Menschen aus früheren Lebensabschnitten wieder. Wie hast du das erlebt – und macht es für dich einen Unterschied, wenn alte Wegbegleiter im Publikum sitzen?

Wenn ich probenfrei hatte, bin ich nach Memmingen gefahren, um alte Freunde zu besuchen. Der Theaterberuf ist ja ein sehr unsozialer Beruf: Wenn die „normalen“ Leute feiern gehen, arbeiten wir, damit sie feiern können. Vor allem ein Long Run mit acht Vorstellungen pro Woche hält dich fern von der Heimat. So habe ich einige Menschen wiedergetroffen, die mir sehr am Herzen liegen und die ich lange nicht gesehen hatte. Obwohl viel Zeit vergangen war, war man nach ein paar Sätzen vom Gefühl her wieder dort, wo man auseinandergegangen ist.

Ich habe es auch geliebt, dass viele alte Bekannte in die Vorstellungen gekommen sind: ehemalige Mitglieder meiner Band, aber auch meine frühere Musikschullehrerin Frau Glück, bei der ich schon als Kind angefangen habe zu singen. Sie ist eine der Personen, zu denen der Kontakt trotz der Entfernung nie abgebrochen ist. Solche Besuche machen mich überhaupt nicht nervös – sie beflügeln mich. Ich spiele dann mit noch größerer Freude und Hingabe und finde es wunderschön, diese Menschen im Publikum zu wissen. In München war das später ähnlich, in Füssen aber noch einmal deutlich intensiver.

Aus dieser Rückkehr in die Heimat ist dann sogar noch etwas entstanden, womit du vorher wahrscheinlich selbst nicht gerechnet hattest, oder?

Bright Sight © Andreas Lichtenberger, privat

Tatsächlich. Mit zwei Jungs aus meiner früheren Band, die bei der Premiere waren, saßen wir zusammen und haben irgendwann gesagt: Verdammt, eigentlich war das doch gar nicht so schlecht, was wir damals gemacht haben. Wir hätten noch einmal Lust darauf. Also haben wir eine WhatsApp-Gruppe gegründet und die anderen angeschrieben. Noch am selben Abend hatten wir die Zusage von sechs der sieben Musiker, inzwischen haben alle sieben zugesagt. Und so kommt es am 28. November im Rex-Palast in Memmingen zu einem Revival-Konzert meiner Band Brightside. Dort passen nur gut 400 Leute hinein. Wir haben uns inzwischen schon zu einer ersten Bandprobe getroffen – da haben die Gefühle wirklich Achterbahn gespielt.

Wir waren damals mehr als fünf Jahre ziemlich aktiv und haben sogar eine kleine CD mit vier Songs aufgenommen, die sich in Memmingen knapp 4.000 mal verkauft hat. Unsere Band und die Konzerte waren für manche aus unserer Generation tatsächlich ein Bestandteil ihrer Jugend. Deshalb glaube ich, dass es im November ein großes Wiedersehen geben wird.

Nach Corona hattest du zunächst wieder mehrere Jahre klassische Long-Run-Engagements. Danach hat sich dein Arbeitsalltag ziemlich radikal verändert. Wie erlebst du diesen Wechsel?

Ich hatte das Glück, nach Corona direkt wieder aktiv sein zu dürfen. Ich habe ein Jahr „Wicked“ in Hamburg gespielt, danach ein Jahr in „Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ im Ronacher in Wien und anschließend zwei Jahre „Rock Me Amadeus“.

Als das vorbei war, begann eine wahnsinnig aufregende Zeit, in der ich innerhalb von 14 Monaten acht verschiedene Stücke spiele. Angefangen hat es noch in Wien mit „Cagliostro“ im Rahmen des Johann-Strauss-Jahres. Wir haben das im Roncalli-Zelt gespielt, mit Musik, die auf der Basis von Strauss neu komponiert oder arrangiert wurde. Danach ging es direkt in Baden weiter.

In Baden bist du noch einmal zu Wicked zurückgekehrt. Du kanntest den Zauberer bereits aus Hamburg, hast ihn nun aber in einer völlig anderen Inszenierung gespielt. Wie viel von einer früheren Interpretation nimmt man in so einen neuen Zugriff mit?

In Baden ging es für mich eigentlich mit „Die lustige Witwe“ los, meiner ersten Operette. Parallel dazu lief „Wicked“. Weil ich für den Zauberer nicht mehr so viele Proben brauchte, konnte ich sehr schnell für eine Vorstellung einspringen, die Marc nicht spielen konnte. Auch in der Wiederaufnahme im Herbst werde ich sämtliche sieben Vorstellungen spielen. Das ist für mich sehr schön, weil ich mich in Hamburg bereits ein Jahr lang intensiv mit dem Zauberer beschäftigt hatte. Ihn jetzt in einer völlig neuen Inszenierung noch einmal anders beleben zu dürfen, war ein großes Geschenk.

Andreas Lichtenberger als der Zauberer mit Maya Hakvoort als Madame Akaber in „Wicked“ am Stadttheater Baden © Lalo Jodlbauer

Wir müssen nicht drum herumreden: Über den Zauberer wird im Stück wesentlich mehr gesprochen, als er selbst spricht. Es ist keine Riesenrolle, aber sein Handeln bestimmt die gesamte Geschichte. Mit den anderthalb Liedchen und den drei oder vier Szenen, die er hat, ist es eine schöne Herausforderung, diese Figur trotzdem für das Publikum greifbar zu machen.

Ich fand es auch großartig, dass Andreas Gergen überhaupt nicht gesagt hat: „Schau mal, Marc hat das jetzt so gemacht, machst du das bitte auch so.“ Er kannte ja auch meinen Zauberer aus Hamburg und hat stattdessen gesagt: „Du musst nicht machen, was du in Hamburg gemacht hast. Du musst nicht machen, was Marc macht. Mach einfach, wonach es sich für dich anfühlt.“ Also habe ich mir diese neue Art der Inszenierung angeschaut und meinen Zauberer so dazu gebastelt, wie ich dachte, dass er der Geschichte und der Erzählweise der Regie am besten dient. Und das ist für uns ganz gut aufgegangen.

Auf den Zauberer folgte mit Agathe Knüppelkuh in Matilda eine Figur, die auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnte. Du siehst zwischen beiden aber durchaus Gemeinsamkeiten. Wo treffen sie sich?

Natürlich ist Agathe Knüppelkuh ein grober Gegensatz. In einem Punkt treffen sich die beiden aber doch: Sowohl Oz als auch Agathe sind machtbesessene Menschen. Oz ist von der Macht besessen, weil er weiß, dass er eigentlich nichts kann und dass ihn ein glücklicher Zufall im Land Oz an die Macht gebracht hat. Jetzt versucht er mit Fake News, Druck und allen möglichen anderen Mitteln, diese Macht aufrechtzuerhalten. Er hält die Leute dumm, damit sie weiterhin glauben, er sei der wundervolle Zauberer von Oz. Gleichzeitig ist er auf Elphaba angewiesen, denn sie hat die Magie – er nicht.

Trotzdem darf Oz am Ende eine Wandlung erleben. Achtung, Spoiler: Ihm wird klar, in welchem Blutsverhältnis er zu Elphaba steht und dass sein ursprüngliches Gefühl richtig war – nämlich, dass diese Frau für ihn wichtig ist. Trotzdem wendet er sich später gegen sie und lässt sie mehr oder weniger zum Tode verurteilen und jagen. Als er schließlich erkennt, dass er damit sein eigenes Fleisch und Blut zum Tode verurteilt hat, darf er noch einmal eine Wandlung vollziehen. Und das ist mit sehr wenigen Worten zu spielen. Die letzte Regieanweisung lautet: „Oz geht ab als gebrochener Mann.“ Das ist doch mal eine Regieanweisung! Die musst du erst einmal umsetzen. Genau solche Aufgaben finde ich im Theater wunderbar.

Andreas Lichtenberger als Agathe Knüppelkuh mit dem Kinder-Ensemble von „Matilda“ am Stadttheater Baden © Lalo Jodelbauer

Agathe Knüppelkuh dagegen ist ein Machtmensch durch und durch – aufgrund ihrer eigenen Stärke und Disziplin. Als ehemalige Hammerwurf-Olympionikin weiß sie, was es bedeutet, diszipliniert zu arbeiten, und sie ist überzeugt davon, dass man nur durch Disziplin seine Ziele erreichen und ein guter Mensch werden kann. Ganz so gut ist sie dann ja doch nicht geworden, aber das sieht sie selbst natürlich nicht.

Beide Figuren haben ihr eigenes Narrativ. Oz braucht seines, weil er weiß, dass er selbst eigentlich nichts kann. Agathes Narrativ basiert dagegen vollständig auf ihren eigenen Fähigkeiten und charakterlichen Eigenschaften. Sie ist überzeugt davon, dass man Disziplin braucht, um durchs Leben zu kommen. Und genau das will sie schon den Kindern einhämmern.

Treffen tun sich beide Figuren dann wieder beim Humor. Der entsteht daraus, dass sie sich selbst vollkommen ernst nehmen. Agathe Knüppelkuh ist am Ende so abgedreht, dass man wirklich lachen muss und denkt: Das gibt es doch nicht. Wie kann jemand so sein? Wie ist die denn drauf? Die ist ja wirklich irre. Bei beiden Figuren gilt für mich: Man muss schauen, was sie will, mit welchen Mitteln sie ihr Ziel erreichen will und warum. Wenn man eine Figur in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit auf die Bühne stellt, kann es passieren, dass das Publikum darüber lacht. Aber nicht, weil der Darsteller denkt: Jetzt bin ich witzig. Sondern weil er sagt: Ich nehme diese Figur ernst, wie aberwitzig sie auch sein mag.

Wenn du das tust und es richtig gut machst, hat man irgendetwas richtig gemacht. Zumindest in meinen Augen. So verstehe ich meinen Beruf.

Gerade bei Agathe Knüppelkuh stellt sich natürlich die Frage, wie weit man mit dieser Bedrohlichkeit gehen kann – schließlich stehen dir nicht nur Kinder auf der Bühne gegenüber, sondern es sitzen auch viele im Publikum. Hattest du da anfangs Hemmungen?

Die Kinder haben es mir bei Agathe Knüppelkuh tatsächlich sehr leicht gemacht, denn ich hatte wirklich Hemmungen. Ich weiß noch, dass ich mich bei der ersten Leseprobe erschrocken habe, mit welcher brutalen Wortgewalt sie auf die Kinder einschreit. Auch Matildas Eltern sind ja so schlimm gezeichnet, dass ich wirklich dachte: Um Gottes willen, jedes Kind, das da im Publikum sitzt, geht traumatisiert nach Hause. Bei den Proben wurde ich dann von unseren Kindern eines Besseren belehrt. Die waren total begeistert. Je schlimmer und je ernsthafter böse man war, desto großartiger fanden sie es. Denn sie wussten ja: Sie werden diese Agathe Knüppelkuh besiegen. Je größer der Feind, desto größer der Sieg.

Sich von einem derart riesigen Kotzbrocken wie Frau Knüppelkuh nicht einschüchtern zu lassen, sondern dagegen sogar eine Revolte zu starten – darauf waren die Kinder auch ein bisschen stolz. Und vollkommen zu Recht.

Und wie haben die Kinder im Publikum auf die Knüppelkuh reagiert?

Erstaunlicherweise hat das auch im Publikum funktioniert. Wobei ich sagen muss: Wir haben das Stück, glaube ich, ab acht Jahren empfohlen, aber es kamen auch viel jüngere Kinder. Die saßen teilweise schon mit weit aufgerissenen Augen bei ihren Eltern auf dem Schoß. Dann habe ich mir schon gedacht: Mensch, Leute, liebe Eltern, warum lest ihr nicht? Wir sagen das ja nicht umsonst: Bringt die Kinder erst ab acht Jahren mit rein. Insgesamt war die Reaktion gerade von den Kindern aber immer toll. Es gab tatsächlich eine gewisse Begeisterung für Frau Knüppelkuh, was mich durchaus überrascht und ein bisschen verwirrt hat. Aber bitte, so ist das Leben. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Andreas Lichtenberger als Agathe Knüppelkuh mit dem Kinder-Ensemble in „Matilda“ am Stadttheater Baden © Lalo Jodlbauer

Ganz große Fans von Frau Knüppelkuh waren übrigens viele Lehrer und Pädagogen. Da hieß es dann: „Mensch, kannst du nicht mal zu mir in die Klasse kommen?“ Das fand ich sehr lustig.

Andreas Gergen hat dir in Baden nicht nur Musicalrollen ermöglicht. Mit „Die lustige Witwe“ und jetzt „Der Vogelhändler“ hast du dort auch die Operette für dich entdeckt. Was reizt dich an diesem Genre?

Ich bin Andreas Gergen wahnsinnig dankbar. Er hat mir in Baden die Chance gegeben, mich noch einmal in eine neue Richtung auszuprobieren – vor allem eben in der Operette. „Die lustige Witwe“ war meine erste Operette und jetzt spiele ich Baron Weps. Ich bin anscheinend bei der Operette auf die Barone festgelegt: Erst Baron Mirko Zeta in Die lustige Witwe und jetzt Baron Weps. Und ich muss sagen: Ich habe eine Liebe für die Operette entdeckt.

Zum einen ist da die Art zu musizieren – direkt mit dem Orchester, mit den Musikern, ohne Mikrofon. Das schafft noch einmal eine innigere Verbindung. Und dann die Musik selbst. Im Vergleich zu vielen Musicals findet man darin noch mehr Raffinesse, die man für die eigene Rollenarbeit nutzen kann. Gerade wenn man sich fragt: Operette ist ein altes Genre – wie muss ich so eine Figur heute spielen? Dann findet sich die Antwort erstaunlich oft in der Musik. Motive tauchen wieder auf, werden teilweise von unterschiedlichen Figuren übernommen, und dadurch wird deutlich, welche Beziehungen oder Spannungen zwischen den Personen bestehen. Man kann in der Operette unglaublich viel allein durch die Musik herausfinden.

Und dann ist da natürlich das Erlebnis selbst. Wir spielen „Der Vogelhändler“ in der Sommerarena in Baden, einem Theater mit einem großen Glasdach über dem Publikum, das komplett geöffnet werden kann. Das Bühnenbild ist im Grunde eine einzige große Blumenwiese, die Stimmung ist wunderbar – und wenn wir Operette singen, zwitschern sogar die Vögel mit. Das ist ein tolles Erlebnis.

Andreas Lichtenberger als Baron Weps in „Der Vogelhändler“ in der Sommerarena der Bühne Baden © Christian Husar

Du hast am Staatstheater Stuttgart selbst viele Jahre in einem festen Ensemble gearbeitet. Ist dieses Ensemblegefühl auch etwas von dem, was Baden für dich gerade so besonders macht?

Ich habe die ersten sieben Jahre meines Arbeitslebens im Schauspielensemble des Staatstheaters Stuttgart verbracht. Ein Ensembleleben ist etwas sehr Spezielles. Es macht einen Unterschied, ob man nur für ein einzelnes Stück zusammenkommt oder eine komplette Saison miteinander arbeitet und die Menschen immer besser kennenlernt. Das entwickelt eine ganz eigene Energie, und ich mag das sehr.

In Baden gibt es zum Beispiel diesen Chor, bei dem jeder Einzelne ein unglaublich interessanter Sänger oder eine unglaublich interessante Sängerin ist. Ich glaube, der Chor besteht aus 15 Menschen aus 13 verschiedenen Nationen. Die hängen sich da komplett rein und werden auch in kleinen Spiel- und Solorollen gefordert. Was Danny Costello zum Beispiel bei „Tootsie“ mit ihnen gemacht hat, ist überragend. Die geben wirklich alles.

Diese ganze Aufbruchsstimmung, die mit Andreas an das Haus gekommen ist, hat die erste Saison und uns alle getragen. Eigentlich geht dort jeder an die Grenzen der Belastbarkeit. Aber das Ergebnis ist so schön, dass sich jeder reinhängt. Das ist etwas ganz Spezielles in Baden.

Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit, noch in Magdeburg meine Wiederaufnahme von „Anatevka“ zu machen oder in Füssen und München „Die Zauberflöte“ zu spielen. So ist in diesen 14 Monaten ein Gesamtbild entstanden, bei dem ich wirklich sage: Hey, wow, toll.

Ich muss aber auch zugeben: Die vielen Kilometer, die inzwischen auf meinem Auto sind, schlauchen schon. Meinem grünen Fußabdruck tut das bestimmt nicht besonders gut. Ich weiß nur nicht, wie ich es anders machen soll.

Wenn diese 14 Monate vorbei sind und die letzten Vorstellungen von „Arielle“ und „Wicked“ gelaufen sind, darf es von mir aus deshalb auch wieder ein bisschen Long Run en suite sein. Und im Augenblick sieht es tatsächlich gar nicht so schlecht aus. Das könnte klappen.

Bright Side © Andreas Lichtenberger, privat

Vorher wartet in Baden aber noch eine große Aufgabe auf dich: König Triton in der deutschsprachigen Erstaufführung von „Disneys Arielle“. Was interessiert dich an dieser Figur?

Auf „Arielle“ freue ich mich natürlich sehr. Eine deutschsprachige Erstaufführung – und Disney ist immer schön. Ich habe durch „Tarzan“, den „Glöckner“ und jetzt „Arielle“ schon einige Disney-Stücke gespielt und fand es immer wunderschön, diese Geschichten zu erzählen. Triton ist fast ein bisschen wie der Zauberer: Er kommt gar nicht so oft vor, muss aber trotzdem möglichst prägnant gezeichnet sein. Spannend finde ich vor allem diese beiden Pole: Auf der einen Seite ist er ein Machtmensch, ein König, der Verantwortung trägt und Entscheidungen treffen muss. Auf der anderen Seite trifft er diese Entscheidungen aus guten Gründen. Wenn er Arielle verbietet, Kontakt mit der Menschenwelt zu haben, sagt er das ja nicht einfach nach dem Motto: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst“ – beziehungsweise bei ihm eher: „Solange du in meinem Ozean schwimmst, bestimme ich, was du zu tun hast.“ Er sagt vielmehr: Die Menschen sind eine Gefahr. Sie angeln uns mit Haken, sie schießen mit Harpunen auf uns. Ich sorge mich um dich, ich habe Angst um dich, und deshalb sollst du dich davon fernhalten. Nur sagt er als König eben nicht „bitte“.

Und dann zu erleben, wie dieser Mann am Ende bereit ist, für seine Tochter nicht nur auf seine Macht zu verzichten, sondern quasi seine eigene Seele gegen das Seelenheil seiner Tochter einzutauschen – das ist schon ein ganz großer Schritt. Darauf bin ich sehr gespannt.

Gerade bei „Arielle“ dürfte natürlich auch spannend sein, wie diese Unterwasserwelt auf der Bühne umgesetzt wird. Kannst du darüber schon etwas verraten?

Ich darf natürlich noch nicht erzählen, wie wir das genau umsetzen. Ehrlich gesagt weiß ich selbst noch nicht alles – jetzt am Dienstag ist Probenbeginn. Außerdem haben wir unheimlich strenge Disney-Auflagen. Was wir alles nicht posten, nicht sagen und nicht zeigen dürfen, ist wirklich immens. Das ist crazy. Das ist mal wieder Disney pur.

Du hast schon angedeutet, dass du dir nach diesen intensiven 14 Monaten wieder einen Long Run vorstellen könntest. Gibt es für die Zeit nach „Arielle“ schon konkrete Pläne?

Ich darf leider noch nichts Genaues verraten, aber ja, es gibt bereits sehr konkrete Pläne für die Zeit nach „Arielle“. Nur so viel: Es wird eine Großproduktion – und jetzt darf fleißig spekuliert werden.

Wenn wir noch einmal grundsätzlich auf deine Arbeit schauen: Gibt es für dich überhaupt eine andere Herangehensweise an eine Operettenfigur als an eine Musical- oder Schauspielrolle – oder beginnt am Ende alles bei denselben Fragen an eine Figur?

Andreas Lichtenberger © Andreas Lichtenberger (Privat)

Von der musikalischen Arbeit einmal abgesehen, ist die Herangehensweise eigentlich die gleiche wie bei allen Figuren: Finde heraus, was sie will, was sie auf keinen Fall will, wo ihre Probleme und Nöte liegen und wo ihre Stärken sind. Und dann bastelst du daraus einen möglichst Charakter. Dabei finde ich wichtig, dass man dem Publikum immer die Chance lässt, seine eigene Interpretation dieser Figur zu finden. Ich liebe es, wenn man anschließend mit dem Publikum spricht und herauskommt, dass fünf verschiedene Menschen fünf völlig unterschiedliche Aspekte an einer Figur erlebt und gesehen haben. Solange uns das gelingt, habe ich auch keine Sorge um das Theater. Denn das geht nur im Live-Entertainment, wo es jeden Abend ein bisschen anders sein kann.

Selbst als Darsteller entdeckt man immer wieder neue Seiten an der eigenen Figur. Auch nach 200 Vorstellungen kann man plötzlich denken: Boah, der kann das ja auch so herum denken. Super, das probiere ich aus. Und schon wird die Figur wieder ein bisschen reicher. Das alles geht nur im Live-Theater. Und so sehr auch das KI-Damoklesschwert über uns allen hängt, bin ich mir doch sicher, dass das Live-Theater dadurch niemals ersetzt werden kann. Darum bin ich froh, genau dort zu arbeiten und den Menschen Geschichten zu erzählen – live, Auge in Auge.

Vielen Dank, Andreas, für das offene und unterhaltsame Gespräch. Für die kommenden Vorstellungen von „Arielle“, das Wiedersehen mit Brightside und alles, was danach kommen mag, wünschen wir dir ganz viel Freude und Erfolg. Und natürlich werden wir nach deinem kleinen Singapur-Hinweis sehr genau beobachten, wohin es dich als Nächstes verschlägt. Toi, toi, toi!

 
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