Im Mannheimer Rhein-Neckar-Theater wird mit „Königin – Musical für eine Dragqueen“ eine gleichermaßen unterhaltsame, berührende und lehrreiche und Geschichte über die Kunstform des Drag in allen Facetten gezeigt, die Aufklärung leistet und Menschlichkeit beweist.
Intendant und Hauptdarsteller Markus Beisel kreiert mithilfe von Petra Försters Regie eine eindringliche Hommage an alle „Königinnen“ da draußen: an Mitglieder der LGBTQIA+ Community und ihre großen PionierInnen an der Front des Kampfes für Gleichberechtigung in einer mal feindlichen, mal gleichgültig gesinnten Gesellschaft. Beisels inhaltsvolles Buch verwebt geschickt die Historie – oder ‚Herstory‘ – der Kunst- und Lebensform des Drags mit der persönlichen Lebensgeschichte einer kurz vor ihrem letzten großen Auftritt stehenden Königin. Die einzelnen, miteinander verbundenen Episoden lassen er und Regisseurin Förster mal die Drag Queen selbst und mal die beiden sie flankierenden ErzählerInnen eindringlich nachstellen. Dabei wechseln sie zwischen unterhaltsamen, intensiven Vorträgen und Personifizierung der angesprochenen Figuren, was nicht nur text- sondern auch schauspielintensiv für die Beteiligten ist und zu gefallen weiß.
Auf der einen Seite erzählt die Drag Queen von ihrem Werdegang, der schon im Kinderwagen beginnt und sich dann beim Outing vor den Eltern in seine Bahnen leitet. Sie und ihre BühnenpartnerInnen berichten von den weniger glamourösen Seiten des Lebens als Drag Performer hinter der Bühne, der Exaltiertheit, den Feiern und dem Ruhm, aber auch von alltäglichen, menschlichen und nicht zuletzt tragischen Vorfällen, denen die Queen immer wieder etwas Humorvolles – auch als Selbstschutz – abzugewinnen vermag. Es entsteht das facettenreiche Bild einer reflektierten, selbstironischen und sich ihren historischen Wurzeln verpflichtet fühlenden Person, die mit vielen Klischees aufräumt oder sie zumindest richtig einordnet. Auf der anderen Seite wird das Einzelschicksal narrativ immer wieder in den großen Kontext der Geschichte des Drag und der Homosexuellenrechte gestellt: Von den shakespearischen Anfängen des Begriffs auf den Theaterbühnen des elisabethanischen Englands über die Ursprünge von ‚Lipsynch‘ und ‚Vogueging‘, einiger der performativen Ausdrucksformen des Drags, die beispielsweise im indischen Kathakali verortet werden, geht es zu den wichtigsten Etappen der amerikanischen Menschenrechtsgeschichte, der Ballroom-Szene, dem Stonewall-Aufstand und der ‚Invasion of the Pines‘, an der die Queen der Handlung als krönendem Abschluss ihrer royalen Karriere teilnehmen möchte. Stigmatisierte Begriffe für die Community, die Rezeption von Drag und Homosexuellen im Film und Theater und der Unterschied zwischen Drag und Travestie werden genauso beleuchtet wie das Leben der PionierInnen und WegbereiterInnen wie William Dorsey Swann, Dorian Corey, Sylvia Rivera, Terry Warren oder Divine. Am Ende des Abends hat nicht nur die bewegende Lebensgeschichte einer Königin in den Herzen, sondern auch die immer relevante und viel zu wenig bekannte Geschichte hinter ihrer Kunstform in den Köpfen des Publikums Fuß gefasst.
Beisel garniert die mehrschichtigen, wortwitzigen und anspruchsvollen Narrative mit unterhaltsamen, eingängigen Melodien aus eigener Feder, denen Cedric Bauer schwungvolle Choreographien verleiht. Die zwischen Disco, Pop, Schlager und Ballade changierenden, mit Playback abgespielten Lieder singt Beisel mit seinen zwei BühnenpartnerInnen kraft- und gefühlvoll. Obwohl sich Beisels Queen immer wieder selbstironisch über ihr vorbiblisches Alter pikiert, beeindruckt er mit tänzerischem Geschick und sogar einem ikonischen ‚Death Drop‘, der in den Formaten von „RuPaul’s Drag Race“ zu jedem guten ‚Lip Synch‘ gehört und längst salonfähig geworden ist.
Jonathan Fabien Hopp und Sven Hopp kümmern sich um die Licht- und Bühnentechnik und rahmen die Handlung visuell eindringlich ein. Die dramatischen Licht- und Bühnennebeleinstellungen sowie die mit Kameras versehenen Bildschirme, über die die wichtigsten einschlägigen Jahreszahlen, Fotos und Namen flimmern, unterstützen Story und Akteure. Beisel zeichnet auch für die Kostüme verantwortlich: Sukzessive verwandelt sich die Queen vom ’normalen‘ Mann zur großen Königin, die mit der Fähre auf Fire Island landet und ihren letzten Auftritt zelebriert – eine kraftvolle, dem Narrativ folgende Idee, die ihren Höhepunkt am Ende der Story in prunkvollem Drag findet, bei der die Biographie der Queen und die Geschichte der Kunstform kulminieren und final zusammenfinden.
Ronja Rückgauer und Denis Bode beweisen schauspielerische Präzision und einnehmende Bühnenpräsenz, wenn sie die Geschichte weitererzählen oder in die unterschiedlichsten Begleitfiguren schlüpfen. Beisel, der überregional als Drag-Ikone Céline Bouvier bekannt ist, gelingt gekonnt der Spagat zwischen der erwartbaren Grandezza und verletzlicher Introspektive. Als die Queen vom Kennenlernen mit ihrer großen Liebe erzählt, strahlt Beisel mit Authentizität fern des Schutzpanzers der Drag-Persona. Das Publikum hängt an seinen Lippen und wird durch sein profundes, meisterhaftes Schauspiel am Ende der Handlung zu Tränen gerührt.
In einem Zeitungsartikel von 2012, der im Foyer des Rhein-Neckar-Theaters hängt und Markus Beisel zur Eröffnung seines Theaters interviewt, wird er mit „Ich möchte kein Nachdenktheater anbieten“ zitiert. Dies mag für die meisten Stücke im Repertoire stimmen, denn dieses strotzt vor rasanten Musical-Komödien und Jukebox-Stücken. Dreizehn Jahre nach dieser Aussage kann nach der Premiere dieses neuesten Werkes aus Beisels Feder aber anerkannt werden, dass sich der Intendant und Schauspieler durchaus zu einem Autor relevanter und ernstzunehmender, gehaltvoller und lehrreicher Werke weiterentwickelt hat, ohne seinen bissigen Humor zu verlieren, für den er in Mannheim und darüber hinaus gefeiert wird.
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