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HintergrundMonty Arnolds Plädoyer für den Dreivierteltakt
Zu unrecht in der Mottenkiste
 
Piefig und altmodisch: Um den Ruf des Dreivierteltakts steht es nicht zum besten. Der Schauspieler, Komiker und Musicaldozent Monty Arnold plädiert für eine neue Sicht auf den Walzerrhythmus - und für die künstlerische Achtung der Operette.
Gastbeitrag von Monty Arnold

An einer Hamburger Musical-Schule hatte ich einige Male das Vergnügen, meinen damaligen Chef Robin Brosch in "Tryout" zu vertreten: einem Unterrichtsfach, in dem die Schüler vor kleinem Publikum zusammenfügen, was sie im Gesangs- und im Schauspielunterricht gelernt haben. Ein Mädchen hatte sich "A Dream Is a Wish Your Heart Makes" aus dem Disney-Zeichentrick-Klassiker "Cinderella" ausgesucht. Sie sang das Lied "einmal durch die Form" und beendete es nach dem ersten Refrain.

Ich war etwas irritiert. Die Schülerin hatte den Song so vorgetragen, wie sie ihn in einem der handelsüblichen Disney-Songbooks vorgefunden hatte: im Viervierteltakt. Im Film geht das Lied aber hier erst richtig los. Nach einer kurzen verträumten Generalpause wechselt Cinderella an dieser Stelle in den Walzerrhythmus, steigert das Tempo, und erst dann stellt sich das volle Disney-Feeling ein.

Ich wünschte mir von der Schülerin, es beim zweiten Durchlauf genauso zu machen, aber sie wollte sich darauf nicht einlassen – obwohl Paul, unser Pianist, sofort zu verstehen gab, dass das doch eine tolle Sache und von seiner Seite aus kein Problem sei. Ich bedauerte das sehr, bestand aber nicht darauf – es war offensichtlich, dass ich damit Bedrängnis verursacht hätte.

Monty Arnold: Der Walzertakt räumt den Weg zum Gemüt frei. (Foto: Faceland.com)

Buchtipp zum Thema: Remi Hess - Der Walzer, Geschichte eines Skandals, Europäische Verlagsanstalt, ISBN 3-434-50087-1

Dieses Erlebnis macht dreierlei deutlich. Zum einen baut sich in der Tryout-Class offensichtlich bei Manchem ein Druck auf, der dort gar nicht hingehört. Weiterhin sieht man, dass Songbooks zumeist sehr schludrig gearbeitet sind. Und drittens unterstreicht das noch einmal, welch schlechten Ruf der Dreivierteltakt heutzutage genießt.

Heute, im Zeitalter des Groove, können sich viele etwas Olleres und Muffigeres als diesen Rhythmus kaum vorstellen.
Manch einer wird immerhin stutzig, wenn man ihn daran erinnert, dass unverwüstliche Ohrwürmer wie "Moon River" und "Que Sera Sera" in diese Rubrik fallen, ehrwürdige Musical-Klassiker wie "Sunrise, Sunset" und Bernsteins "I Feel Pretty", aber auch spätere Showstopper wie "At The Ballet" aus "A Chorus Line" und "The Good Old World" von Tom Waits. Die schon erwähnten Disney-Musicals kommen ohnehin niemals ohne Oom-Pah-Pah aus.

Doch auch die harten Jungs der Rockmusik wissen die subversive Wirkung der zwei unbetonten Schläge zu schätzen. So hat zum Beispiel Joe Cocker, als er den Beatles-Erfolg "With a Little Help From My Friends" coverte, den Song in den Dreivierteltakt verlegt – was keineswegs zu einem gefälligeren Ergebnis geführt hatte. Die Nummer ist nun viel archaischer, irgendwie haarig und nach Meinung der meisten Pophistoriker sogar besser als das Original.
Unter den legendären, heute noch oft gespielten Meistern des Musicals ist Stephen Sondheim der prominenteste Walzerfreund. Seine 1979 entstandene Show "A Little Night Music" ist komplett im Walzertakt gehalten, inklusive der wichtigsten Nummer der Show - seinem berühmtesten Song überhaupt: "Send In The Clowns".

Kaum zu glauben auch, dass der Walzer vor 500 Jahren etwa so skandalös war wie vor 55 Jahren der Rock'n'Roll – ein unregelmäßiger Rhythmus, der noch dazu einen leichten Drehschwindel, eine Art Trunkenheit, bei den Tänzern auslöste, die einander nun erstmals im Arm halten durften – unerhört!

Für uns ist das heute weniger wichtig als die Tatsache, dass ein Walzertakt – auch wenn er als solcher gar nicht bewusst wahrgenommen wird – den Weg zum Gemüt des Publikums recht zuverlässig freiräumt. Was sich im Detail über ihn sagen lässt, gilt auch für das Genre, in dem er hauptsächlich geortet wird: der Operette. Auch sie war zunächst eine unerhört freche Sache – die Erfindung eines in Paris lebenden Kölners, dem der Kölsche Karneval nicht spöttisch und konsequent genug gewesen war. Die erste Produktion dieser Art – Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" mit seinem unverwüstlichen Can-Can – wurde nicht zuletzt deshalb ein Riesenerfolg, weil die katholische Kirche davor gewarnt hatte, sich diesen "Schmutz" anzusehen. (Dem Urwerk der Musical-Geschichte, "The Black Crook", erging es in New York wenige Jahre später genauso.)

Das frühe deutsche Farbfernsehen meinte es gut und präsentierte gestandene Größen des Musiktheaters in unzähligen, meist österreichischen Operetten-Klassikern – d.h. in eigens gefertigten TV-Fassungen. Stars wie Annliese Rothenberger, Rudolf Schock und René Kollo gestalteten sogar eigene Sendungen, in denen die "Operetten-Glanzlichter" – die Smash-Hits – im Power-Play geboten wurden. Diesen recht tuntigen Umsetzungen auf den vor-privaten Bildschirmen geben viele der heutigen Fans die Schuld an der aktuellen Misere. Filme und Formate wie diese haben die Operette beim jungen Publikum in Verruf gebracht. Sie und ihr Groove haben sich davon nie mehr richtig erholt – so die sicher nicht abwegige Theorie.

Es scheint also aussichtslos zu sein: Zuerst war die Operette mit ihrer walzerseligen Dekadenz ein Skandal. Heute steckt sie in der Mottenkiste und gilt als uncool. Sie wird von den Wagnerianern ebenso verachtet wie von den Ravern und House-Frauen. Auch im Fernsehen läuft seit 30 Jahren nichts mehr. So viel steht fest: Eine Kunstgattung, die so systematisch von den verschiedensten Seiten geschmäht wird, kann so übel nicht sein.

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