Sweeney Todd
in Concert / 2001

George Hearn und Patti Lupone in einer beeindruckenden Aufnahme von Stephen Sondheims Antwort auf den “Barbier von Sevillia”.


Ist Sweeney Todd überhaupt ein Musical? Ins Klischee vom Musiktheater als simpler Popberieselung für geschmacklich herausgeforderte will Stephen Sondheims bluttriefende Oper um den Killerbarbier aus der Fleet Street auf jeden Fall nicht passen.

Anspruchsvoll und hochkomplex kommt die Partitur daher: Hier ist der Zuhörer wirklich gefordert sich auf die Musik einzulassen, denn “eingängig” ist hier kaum eine Melodie. Und wenn doch einmal eine Passage leicht und flockig daher kommt, ist es bestimmt wieder eine von Sondheims Finten und Fallen, die den Zuhörer in Sicherheit wiegen um ihn dann im nächsten dissonanten Akkord sitzen zu lassen. Klingt schwierig anzuhören? Ist es auch, ausser vielleicht für Menschen, die Schönberg nebenbei an haben während sie Bügeln. Aber im Gegensatz zu so manchem selbstverliebten Neutöner ist Sondheim die Mühe wert. In den hochkomplexen Partituren steckt unheimlich viel, sei es Witz, sei es Originalität, auch Gefühl und Ausdruck, von musikalischer Rafinesse ganz zu schweigen.

Auf der DVD ist ein Mitschnitt einer konzertanten Aufführung aus San Francisco zu sehen – die Bühne wird komplett vom Orchester ausgefüllt, die Darsteller laufen zwar in Kostümen, aber grösstenteils ohne Requisiten zwischen den Stimmgruppen des Orchesters hin und her, singen und spielen in den Gängen zwischen Bratschen, Oboen und Percussion. Der Chor funktioniert gleichzeitig als Statistenpool: Sänger mit Glatze müssen Pirellis Haarwuchs-Elixier ausprobieren, andere sich von Sweeney rasieren lassen… was wie ein merkwürdiger Kompromiss klingt, kann absolut überzeugen. Bei Sweeney steht die Musik absolut im Vordergrund – getanzt wird sowieso nicht, und die Schauspielerei ist stark mit der sehr expressiven Musik verknüpft – da ist es wohl nur recht und billig, wenn die Musiker auch optisch dominieren. Beleuchtung und Kameraführung sorgen dafür, dass man am Bildschirm die Darsteller nicht erst in einem Meer von Orchestermusikern suchen muss.Das Orchester (Sinfonieorchester San Francisco, Leitung Rob Fisher) inklusive grosszügig besetztem Chor dient natürlich nicht nur als Kulissenersatz sondern erfüllt auch seinen eigentlichen Zweck: Es richtig krachen zu lassen, angemessen auf der DVD abgemischt als 5.1 Surroundton (Dolby Digital und dts).

Der Ton dieser DVD ist ein absolutes Highlight – allein schon um den Nachbarn die neue Surroundanlage vorzuführen lohnt sich die Anschaffung.

Die Hauptdarsteller George Hearn (Killerbarbier Sweeney Todd) und Patti Lupone (Pasteten-Bäckerin Mrs. Lovett) arbeiten sich souverän durch ihre Rollen und können verdientermassen jede Menge Applaus entgegennehmen, während sie einen Nebendarsteller nach dem anderen zu Fleischpasteten verarbeiten.

Der eigentliche Hauptdarsteller bleibt aber Sondheim, bleibt die Musik, und die Auseinandersetzung mit der Komposition ist spannender als die Geschichte um den Barbier aus der Fleet Street.Fazit: Wer ein unterhaltsames Grusical mit Riesenspassfaktor erwartet, wird von dieser DVD bestimmt enttäuscht und sollte das Geld lieber in Karten für Tanz der Vampire investieren.

Wer sich auf Musik einlassen mag, die sich nicht beim ersten oder zweiten Hören erschliesst, wer die englische Sprache sehr gut beherrscht, um nicht nur der Handlung sondern auch Sondheims urkomischen Texten folgen zu können, der sollte sich die Anschaffung dieser DVD überlegen.

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