Gudrun Schade (Marlene Dietrich) © Meike Willner
Gudrun Schade (Marlene Dietrich) © Meike Willner

Marlene und die Dietrich (seit 02/2020)
MiR (Kleines Haus), Gelsenkirchen

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Die musikalische One-Woman-Show „Marlene und die Dietrich“ erzählt anschaulich vom Leben, Aufstieg und Fall der „blonden Legende“ und geht nun in die verdiente Wiederaufnahme im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier. Gudrun Schade zeichnet Marlene Dietrich musikalisch und in ihrem Wirken gekonnt nach. Begleitet von zahlreichen bekannten Liedern der Dietrich zeigt der Abend den Weg der „Berliner Jöre“ auf, aus der nach und nach ihr Alter Ego „Die Dietrich“ erwächst.

Autor und Regisseur Carsten Kirchmeier lässt Gudrun Schade als Marlene Dietrich selbst auftreten sowie in der Rolle einer Erzählerfigur. Dieser künstlerische Kniff ermöglicht nicht nur Nähe zur Kunstfigur und Frau dahinter herzustellen, sondern diese in ihrer Entwicklung außerdem kritisch zu beleuchten. Mit pointierten Wechseln in Stimme, Mimik und Gestik lässt Schade die Grenzen zwischen objektiver Rückschau und stilisierter Legendenbildung verschwimmen.

Das Bühnenbild ist bewusst reduziert: Drei Koffer unterschiedlicher Größe dominieren die Szene und weisen sowohl auf Dietrichs Herkunft aus Berlin („Ich hab´ noch einen Koffer in Berlin“) als auch auf ihre Lebensstationen in Paris und den USA hin – und auf ein Leben aus dem Koffer sowie die eigentliche Entwurzelung der umstrittenen Ikone.

Am linken Bühnenrand ist ein Flügel aufgebaut, an dem Matthias Stötzel das Spiel durchgehend lebendig begleitet. Zwischenzeitlich interagiert Schade aus ihrer Rolle der Dietrich heraus mit ihm. Auf ihre direkte Ansprache hin mimt Stötzel eine spontane Improvisation als Antwort auf ihre divenhaften Ansprüche, wodurch der Fluss des Stücks belebt wird.

Die Kostümauswahl bedient sich bekannter, überwiegend androgyner Marlene-Attribute: die hochgeschnittenen Hosen, deren Namensgeber die Dietrich selber ist, dazu Krawatte und weißes Hemd, sowie strassbesetzter Schmuck, Zylinder und ein weißes „Schwanenfell“ kleiden die Dame des Abends.

Marlene Dietrich trug maßgeblich dazu bei, die alten Hüte des Patriarchats abzulegen und sich immer freizügiger zu zeigen. Treffsicher in Intonation und vor allem für damalige Gepflogenheiten anrüchigen Gesten, wie das Deuten auf eigene Körperteile, schlüpft Gudrun Schade souverän in ihre Rolle.

Geboren und aufgewachsen ist die einstige Diva als Marie Magdalene Dietrich in Berlin: Mit „Das war in Schöneberg“ eröffnet Schade den Abend. Kokett avanciert die junge Marlene zur Frauenikone ihrer Zeit und dient bis heute emanzipierten Frauenbewegungen als Vorbild. Die jugendliche Leichtigkeit der noch jungen und erfolgshungrigen Marlene geht Schade allerdings etwas unbeholfen von der Hand.

Nach ihrem weltweiten Erfolg mit „Der blaue Engel“ („Die fesche Lola“) unterschreibt sie bei der amerikanischen Filmfabrik „Paramount“ und emigriert schließlich in die USA. Ehemann und Tochter lässt sie in Deutschland zurück, da ihr der Durchbruch in Hollywood mehr am Herzen zu liegen scheint. Sie gibt sich einer Liebschaft nach der anderen hin („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“). Zahlreiche, oft berühmte und einflussreiche Männer, aber auch Edith Piaf erobern ihr Herz („La Vie en Rose“) – oder werden benutzt, um noch weiter nach oben zu kommen („Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“). Gerade diese Episode aus dem Leben Marlenes bestreitet Schade vor allem aus der Rolle der Erzählerin, die die Dietrich infragestellt.

Das Stück befasst sich auch mit der politischen Haltung der Künstlerin, die schließlich zur Stilikone wurde. Mit „In den Kasernen“ brachte die Dietrich einst zum Ausdruck, wie sehr sie den Krieg verabscheute. Es ist traurig und erschreckend, wenn Schade in ihrer Funktion der Erzählerin deutlich macht, dass es heute wieder an der Zeit ist, Stellung zu beziehen. Im Weiteren erzählt Schade stirnrunzelnd von Marlenes Naivität, die sich in der Frage ausdrückt, ob sie mit ihrem Heimkommen ins Dritte Reich nicht doch den Holocaust hätte verhindern können, wäre sie dem Angebot der Nationalsozialisten nachgekommen, Deutschland als Aushängeschild zu dienen („Lili Marleen“).

Nachvollziehbar stellt Schade die Verbitterung der mittlerweile alternden Diva dar, die auch fünfzehn Jahre nach dem Krieg in ihrer Heimat immer noch als „Verräterin“ und in der Traumfabrik Hollywood mittlerweile als „Kassengift“ gilt. Mehr und mehr verfällt Marlene Dietrich dem Alkohol und den Medikamenten. Schade schafft tragisch-komische Momente, da sie gerade hier verblüffend nah an die Stimmfarbe und verwaschene Aussprache der Diva herankommt.

Das Ende der biografischen Reise erzählt davon, wie die Dietrich im hohen Alter abgeschottet in ihrer Pariser Wohnung immer noch ihrer Herkunft nachsinnt („Ich hab noch einen Koffer in Berlin“). Gudrun Schade und Matthias Stötzel schließen mit der Zugabe „Sag mir, wo die Blumen sind“ den Abend ab.

Durch und durch studiert hat Schade die Dietrich nicht nur in ihrer Stimmfarbe, sondern auch ihre körperliche Präsenz, ihre anzüglichen Posen und ihr mimisches Spiel. Das Spiel mit Androgynität und Sexappeal gelingt Schade besonders, als die Entwicklung ihrer Figur immer weiter voranschreitet und sich erste Misserfolge der Grande Dame einstellen. Auch Schades Tonalität und emotional oft treffend kühles Spiel sind vor allem mit zunehmendem Alter der Figur dem Original sehr ähnlich.

Die gelungene intime musikalische Erzählung über das Leben und Wirken der Marlene Dietrich, die durch die authentische Darstellung greifbar werden, verspricht eine solide Unterhaltung.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungMatthias Stötzel
Buch, RegieCarsten Kirchmeier
 
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CAST (AKTUELL)
Marlene DietrichGudrun Schade
  
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TERMINE
So, 01.02.2026 18:00MiR (Kleines Haus), Gelsenkirchen
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 07.02.2020 19:30KATiELLi Theater, DattelnPremiere
So, 13.09.2020 18:00MiR (Kleines Haus), Gelsenkirchen
Fr, 18.09.2020 19:30KATiELLi Theater, Datteln
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