Vajèn van den Bosch wird die neue Elsa in "Frozen" © William Rutten
Vajèn van den Bosch wird die neue Elsa in "Frozen" © William Rutten

NEUES FEATURE
"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal da sein würde, wo ich jetzt bin!” - Vajèn van den Bosch im Interview

Vajèn van den Bosch ist durch ihre Präsenz in zahlreichen Hauptrollen bei den deutschsprachigen Musical-Großproduktionen der letzten Jahre aus der Szene kaum mehr wegzudenken. Ihre deutschen Fans müssen demnächst aber ganz tapfer sein, denn Vajèn verlässt Deutschland, um die Eiskönigin Elsa in der niederländischen Erstaufführung von “Frozen” zusammen mit Nienke Latten als Anna zu verkörpern. Wir freuen uns, dass Vajèn kurz vor Ende ihres Engagements als Jane bei “Disney’s Tarzan” noch Zeit für ein Interview gefunden hat, bevor es für sie bald gen Heimat geht.

Liebe Vajèn, du bist ja schon ungewöhnlich früh ins Musical-Business gestartet. Wie alt warst du bei deinem ersten Musical? Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Ich war 8 Jahre alt, als ich Martha gespielt habe in “The Sound of Music”. Für mich ist damals ein Traum wahr geworden! Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit. Es hat so viel Spaß gemacht, mit den anderen Kindern auf der Bühne zu stehen. Ich habe immer zu den erwachsenen Schauspielern aufgeschaut.

Vajèn van den Bosch als Martha in “Sound of Music” (ganz rechts im Bild) © Vajèn van den Bosch

Es war wirklich mein großer Wunsch zu singen und zu schauspielern. Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Und als ich jung war, mussten sie viele Stunden im Auto verbringen, um mich und meine Schwester überall hin zu bringen. Ich bin ihnen so dankbar, dass sie gesehen haben, wie glücklich das mich und meine Schwester gemacht hat und dass sie alles für uns getan haben, damit wir unserer Leidenschaft folgen können.

Wann war dir klar: “Ich will Musical-Darstellerin werden”?

Mit 16 Jahren spielte ich meine erste Erwachsenenrolle, die Liesl in “The Sound of Music”. Auch wenn ich immer sehr hart gearbeitet habe, kam mir erst dann die Idee, dass ich vielleicht mehr Rollen spielen könnte, wenn ich weiterhin sehr hart arbeite. Aber ich hätte damals nie gedacht, dass ich einmal dort sein würde, wo ich jetzt bin.

Drei bekannte Jugendrollen hast du verkörpert: Martha in “The Sound of Music”, die junge Fiona in “Shrek” und Jane in “Mary Poppins”. Welche Rolle hat dir am besten gefallen und warum?

Da fällt mir die Auswahl extrem schwer, denn es war ja auch über einen recht langen Zeitraum verteilt. Beim “The Sound of Music” war ich erst 8 Jahre alt, bei “Mary Poppins” war ich 11 und bei “Shrek” dann 14. Ich fand das alles etwas ganz Besonderes und habe so viele wundervolle Erinnerungen daran. Mary Poppins war im Circus Theater in Scheveningen. Das war die einzige Aufführung, die ich in diesem Theater bisher spielen durfte. Und jetzt kehre ich nach 15 Jahren dorthin zurück und darf die Rolle der Elsa in “Frozen” spielen. Da schließt sich also ein Kreis! 

Mit 14 warst du in den Niederlanden bei “The Voice Kids” und bist bis ins Finale gekommen. Wie war diese Zeit für dich? Bist du mit dem Druck klar gekommen?

Das war ein ganz besonderes Erlebnis. Ich hätte in Musicals auf der Bühne stehen können, aber jetzt sang ich Popsongs mit einem Mikrofon in der Hand. Es war die allererste Staffel von “The Voice Kids” überhaupt. Ich fand das so unglaublich spannend. Ich werde diese Spannung nie vergessen. Ich denke sehr gerne daran zurück.

Hast du dir damals explizit vorgenommen, Popsängerin zu werden?

Nicht wirklich. Damals habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht – ich habe es einfach geliebt zu singen und zu performen. Als dann angekündigt wurde, dass “The Voice Kids” für Castings geöffnet ist, habe ich es einfach versucht, ohne große Hintergedanken. Inspiriert hat mich das Eintauchen in die Pop-Welt aber schon: Seitdem liebe ich es, eigene Songs zu schreiben. Einige meiner eigenen Lieder habe ich auch schon herausgebracht – auch eines auf Deutsch! Es heißt “Bittersüß”.

Vajèn van den Bosch während ihrer Zeit bei “Paramour” © Morris Mac Matzen

Kannst du uns erzählen, wie und warum dein Weg als Musicaldarstellerin dich nach Deutschland gebracht hat?

2018 spielte ich die Rolle der Gloria Estefan in “On Your Feet!”. Sergio Trujillo war hier der Choreograf. Er ist auch der Regisseur von Cirque du Soleil “Paramour” gewesen. Kurz nach meinem Engagement fanden Castings für “Paramour” in Hamburg statt und Sergio hatte meinen Namen an das Casting-Team weitergegeben. Ich erhielt einen Anruf mit der Frage, ob ich zum Casting kommen möchte. Und zuerst dachte ich: “Ich spreche kein Deutsch – bin ich überhaupt dazu bereit?” Dann habe ich mir das Cast-Album angehört und gleich das erste Lied, das ich daraus gehört habe, hat mich direkt angesprochen. Und dann sagte etwas in mir: “Ich muss dieses Casting machen!” Nach ein paar Casting-Runden bekam ich tatsächlich die Rolle der Indigo. Ein großes Abenteuer für mich!

Wie war dein erstes Engagement in Deutschland?

Bei einer Vorstellung des Cirque de Soleil auftreten zu dürfen, ist fantastisch! Es hat mir so viel Spaß gemacht, die Rolle der Indigo in “Paramour” zu spielen. Ich konnte mein ganzes Herzblut hineinstecken. Ich hatte fantastische Kollegen und es war wirklich großartig, inmitten all dieser Akrobaten auf der Bühne zu stehen. Ich hatte auch eine tolle Zeit in Hamburg!

Wie hast du Deutsch gelernt?

Mein Phonetiklehrer war Jens Morgenroth. Jens ist sowohl als Mensch aber auch als Lehrer fantastisch. Die Zusammenarbeit mit ihm war so schön. Er brachte mir auch die Liebe zur deutschen Sprache bei und hat mir so viel Selbstvertrauen gegeben. Auch bei den Liedtexten konnte Jens mir sehr gut helfen, da er auch Klavier spielt. Jens ist leider letztes Jahr verstorben. Ich werde ihn nie vergessen und denke immer noch oft an ihn.

Wie empfindest du es heute, auf der Bühne Deutsch zu sprechen?

Ich finde die deutsche Sprache immer noch eine Herausforderung. Ich möchte immer besser werden, und als Jane muss ich aus Begeisterung oft richtig schnell sprechen. Da muss ich mich immer genau konzentrieren, um verstanden zu werden. Wenn ich von Leuten im Publikum höre, dass ich fast keinen Akzent habe, empfinde ich das als großes Kompliment

Vajèn van den Bosch als Elphaba in “Wicked” © Brinkhoff Moegenburg

In der großen Neuinszenierung von “Wicked” in Hamburg 2021 warst du die Erstbesetzung von Elphaba. Welche Verbindung hattest du vor dem Engagement mit der Rolle?

Ich habe “Wicked” in den Niederlanden gesehen. Es ist eine wunderschöne Geschichte über zwei starke Frauen. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich diese Rolle einmal spielen würde.

Was war die größte Herausforderung dieser Rolle und der Produktion für dich?

Gesanglich ist es eine sehr schwere Leistung! Als Elphaba bist du ständig auf der Bühne. Man muss wirklich alles geben, nicht nur gesanglich, sondern auch schauspielerisch. Sie macht so viel durch. Es gibt so viele Emotionen zu spielen. Vor dem Auftritt schminkt man sich auch eine Stunde lang, um komplett grün zu werden. Und natürlich muss das Make-up nach der Show komplett entfernt werden. Auch das ist das Besondere an dieser Rolle.

Welche Aspekte der Figur Elphaba sind auch dir als Vajèn vertraut?

Elphaba liebt ihre Schwester so sehr. Sie würde alles für sie tun. Ich habe auch eine Schwester, die ich so sehr liebe. Elphaba versucht auch immer, für alles und jeden Gutes zu tun. Sie lässt sich nicht entmutigen.

Gibt es etwas, was Vajèn und Elphaba überhaupt nicht verbindet – außer der grünen Farbe?

Elphaba ist mir näher als ich zunächst dachte. Ich bewundere sie. Wenn ich ihr Leben gehabt hätte, würde ich hoffen, dass ich so stark daraus hervorgehen könnte wie sie.

Du hast schon einige Tournee-Produktionen in den Niederlanden gespielt. Wie empfindest du das Tourleben?

Ich genieße es wirklich, auf Tour zu gehen. Die Niederlande sind natürlich ein kleines Land, daher fährt man oft mit dem Tourbus nach Hause. Und auch sonst ist es schön, irgendwo mit Kollegen zu übernachten. Ich genieße es wirklich, in verschiedenen Theatern zu spielen. Jede Stadt hat ein anderes Publikum und reagiert anders auf die Vorstellung.

In “Les Misérables” warst du als Éponine zu sehen. Was sind deine schönsten Erinnerungen an diese Zeit und was ist dein Lieblingsmoment in “Les Mis”?

Ich musste für diese Rolle viele Vorsprechen machen, aber ich wollte schon immer Éponine spielen. Als es mir endlich gelang, war ich so glücklich. Ich habe bei diesem Auftritt zusammen mit meiner besten Freundin Annefleur van den Berg gespielt. Vor etwa 9 Jahren spielten wir gemeinsam Rizzo und Sandy in “Grease”. Es war toll, wieder zusammenarbeiten zu können.

Vajèn van den Bosch (Elphaba) mit Jeannine Michèle Wacker (Glinda) © Brinkhoff Moegenburg

Die ausverkauften Hallen, die begeisterten Kritiken und die spürbare Liebe des Publikums zu “Les Misérables” werde ich nie vergessen. Der Prolog löste bei mir jeden Abend eine Gänsehaut aus. Zu Beginn der Vorstellung bin ich ja im Ensemble dabei. Das hat mir so gut gefallen. Und die Rolle von Éponine ist einfach schön. Sie tut alles für Marius, in den sie verliebt ist. Am Ende nimmt sie sogar den Tod für ihn in Kauf. Das Duett “Regen maakt de velden groen” [“Der Regen fällt” / “A Little Fall of Rain”], das ich zusammen mit Marius singen durfte, war immer etwas ganz Besonderes. Dieses Lied ist so schön geschrieben und hat mich immer zum Weinen gebracht.

Als Jane begeistertest du bis vor kurzem das Publikum in Stuttgart bei “Disney’s Tarzan”. Wenn du Jane mit 5 Adjektiven beschreiben würdest, welche wären es?

Sie ist eine starke, liebevolle, selbstbewusste, fürsorgliche und lustige junge Frau.

Was ist für dich der schönste Moment in der Show?

Es gibt viele schöne Momente. Der Moment, in dem Jane und Tarzan sich zum ersten Mal treffen, macht so viel Spaß.

Viele würden in der Rolle der Jane wahrscheinlich sehr irritiert sein, aber: Wie war es am Anfang für dich, mit Tarzan, einem halbnackten Darsteller allabendlich so unschuldig zusammen zu spielen? War das für dich in der Rolle ganz natürlich, oder war es befremdlich für dich?

Wenn man ganz in die Geschichte eintaucht, wird auch das ganz normal! Ich habe großen Respekt vor unseren Tarzans und bin froh, dass ich selbst nicht halbnackt auf der Bühne stehen muss. [lacht]

Als Synchronsprecherin hast du sowohl mit “Vaiana” als auch als Mirabel in “Encanto” zwei Disney-Hauptrollen im Niederländischen gesungen. Wie kam es dazu?

Ich mache Synchronarbeit schon seit meiner Jugend. Ich habe sowohl für Vaiana als auch für Mirabel einen Stimmtest durchgeführt. Letztendlich wurde tatsächlich ich ausgewählt! Und das war ein wahrgewordener Traum. Ich bin sehr stolz, die Stimme so schöner Charaktere in diesen modernen Disney-Klassikern zu sein.

“Disney” verfolgt dich professionell seitdem du in “Mary Poppins” gespielt hast. Bist du auch privat ein Disney-Fan?

Ich bin ein absoluter Disney-Fan. Zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester haben wir immer viele Disney-Filme geschaut und gingen auch in Disney-Musicals. Es gibt nichts Schöneres als Disney! Die Magie und das Gefühl, die Disney den Menschen vermitteln kann, sind meiner Meinung nach etwas Einzigartiges.

Vajèn van den Bosch (Jane) mit Terence van der Loo © Ben Pakalski

Was ist dein Lieblings-Disneyfilm?

Das ist für mich eine unmögliche Frage, da ich ein echter Disney-Fan bin und einfach alles daran liebe!

Und jetzt – quasi als Krönung deines Disney-Weges – wirst du die niederländische Elsa in “Frozen” werden! Mit Nienke Latten als Anna wirst du zusammen das Schwesternpaar spielen. Kennst du Nienke schon persönlich?

Ich habe zwar noch nie mit Nienke zusammengearbeitet, aber wir kennen uns schon! Wir haben sogar gemeinsam die Premiere von “Frozen” in Hamburg gesehen. Ein gemeinsamer Freund von uns spielte damals Olaf. Wenn wir damals gewusst hätten, dass wir in den Niederlanden die Rollen von Anna und Elsa spielen dürften…

Welche Erinnerungen hast du als Teil des Publikums an die Show?

Ich habe “Frozen” einmal am Broadway und zweimal in Hamburg gesehen. Die Aufführung ist bezaubernd. Es ist nochmal viel schöner als der Film! Die besonderen Effekte, die schönen Lieder und vor allem die Geschichte haben mich sehr berührt.

Auf was freust du dich bei “Frozen” am meisten?

Auf alles! Die Proben, die Rolle der Elsa zu entdecken, zusammen mit der gesamten Besetzung und Crew die niederländische Version von “Frozen” zu entwickeln. Und ich bin so gespannt, wie das Publikum verzaubert wird! Jeder kennt “Frozen” – die Lieder und sicherlich auch die Charaktere. Ich fühle mich geehrt, Elsa in den Niederlanden zum Leben erwecken zu können und diese schöne Rolle Abend für Abend spielen zu dürfen.

Vajèn van den Bosch (Elsa) und Nienke Latten (Anna) © William Rutten

Dich als Niederländerin würde ich gerne fragen: Was denkst du persönlich, warum Niederländer in der deutschen Musical-Szene so gefragt und beliebt sind?

Oh, das ist schwer für mich! Was sicherlich hilft, ist, dass Niederländer die deutsche Sprache relativ schnell lernen, weil sie unserer Sprache manchmal etwas ähnlich sein kann. Auf jeden Fall freue ich mich sehr, dass die deutsche Öffentlichkeit die Niederländer umarmt!

Wenn du für eine Rolle dein Geschlecht ändern könntest: Welche Männer-Musicalrolle würdest du gerne mal spielen und warum?

Ich denke, Evans Rolle in “Dear Evan Hansen”! Ich habe diese Aufführung in New York gesehen und war so berührt. Es scheint fantastisch, in die Lieder und das vielschichtige Spiel einzutauchen.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensweisheit, die du selber lebst?

Es mag ein Klischee sein, aber: Folge deinem Herzen! Wenn du hart arbeitest, die richtigen Menschen um dich hast, die an dich glauben, dich unterstützen und lieben, dann kannst du erreichen was du willst.

Wo würdest du gerne in 30 Jahren stehen? Was wäre dir im Leben dann wichtig?

Ich hoffe, dass ich mich als Sängerin und Schauspielerin, aber auch als Mensch, bis dahin noch weiter entwickeln kann. Vor allem hoffe ich, dass ich mit meiner lieben Familie und meinen Freunden um mich herum immer noch so glücklich sein kann wie jetzt.

Vielen Dank für das offene Interview! Wir wünschen dir für deine kommende Zeit bei “Frozen” großen Erfolg und viele magische Erlebnisse! Natürlich hoffen wir, dass wir dich sehr bald wieder auf den deutschsprachigen Bühnen erleben dürfen, aber bis dahin: Viel Spaß in der Heimat!

 
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