Vasiliki Roussi, Filippo Strocchi, © Felix Grünschloß
Vasiliki Roussi, Filippo Strocchi, © Felix Grünschloß

Sunset Boulevard (seit 10/2026)
Badisches Staatstheater, Karlsruhe

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Hollywood ist eine Welt des schönen Scheins. Am Staatstheater Karlsruhe wird diese Illusion zum szenischen Prinzip: Projektionen und optische Täuschungen verbergen ihre Künstlichkeit nicht. Selbst Norma Desmonds Limousine entpuppt sich als Pappaufsteller. Hier ist nichts real – am wenigsten Normas morbide Traumwelt, an der sie verzweifelt festhält. Vasiliki Roussi lotet die Zerrissenheit der einstigen Filmdiva zwischen manischer Pose und zarter Verletzlichkeit eindrucksvoll aus. Eine Darstellung, für die sich die Anreise lohnt.

Doch die besuchte Vorstellung startet erst einmal verhalten. Alle Beteiligten, besonders die Mitarbeiter am Ton, scheinen an diesem Abend erst noch ankommen zu müssen. Das spielt sich zwar ein, erschwert jedoch den Einstieg ins Stück. Wer mit der Handlung nicht vertraut ist, steht auf verlorenem Posten. Viele Informationen im Text gehen in einem flachen Klangbrei unter.

Vasiliki Roussi, Filippo Strocchi, -©- Felix Grünschloß

Optisch gelingt der Auftakt mit der Projektion des im Pool versinkenden Joe recht gut. Das Bühnenbild von Stefan Rieckhoff und das Lichtdesign von Stefan Woinke bilden die Säulen, auf denen Tobias Ribitzkis Inszenierung ruht. Sie spielen mit Licht und Schatten und kreieren „Träume aus Licht“. Auf klassische Kulissen wird ebenso verzichtet wie auf einen allzu ausgiebigen Einsatz von Möbeln und Requisiten. Projektionen auf Vorhänge und unterschiedliche Lichtstimmungen deuten die jeweiligen Schauplätze an. In Normas versponnener Villa entstehen so atmosphärische, plastische Bilder, während in der „Realität“ eindimensional ausgeleuchtete Vorhänge genügen müssen. Der Kontrast ist reizvoll, doch die ansonsten leere, mit Stoffbahnen abgehängte Bühne wirkt in den realen Szenen arg nüchtern und provisorisch. Faszinierend: das Fliesenboden-Quadrat in Normas Villa, das auf einem beweglichen schwarzen Podest und durch geschickte Ausleuchtung so wirkt, als hinge es schwerelos in der Luft.

Vielleicht nicht direkt Schwerelosigkeit, aber etwas mehr Natürlichkeit hätte den Darstellerinnen und Darstellern der vielen kleinen Rollen gutgetan. Die Mitglieder des Opernchors haben offensichtlich Spaß dabei, agieren aber ziemlich ungelenk. So wirkt Ribitzkis Personenführung steifer als sie müsste. In den wenigen Stellen, in denen die Choristen wirklich als Chor eingesetzt werden, klingen sie aber fantastisch.

Die auf der Bühne fehlende Beweglichkeit kommt dagegen aus dem Orchestergraben. Andreas Kowalewitz lässt die Badische Staatskapelle lässig swingen, sinfonisch schmelzen und unheilvoll drängen. Die Feinheiten der Instrumentierung können durchschimmern, auch wenn es die Tonabmischung sehr schwer macht. Im ersten Akt wird das Orchester seines Bass-Fundaments beraubt, im zweiten Akt klingt es um einiges besser, richtig gut allerdings nie.

Vasiliki Roussi -©- Felix Grünschloß

Joe Gillis ist zwar die größere Rolle, „Sunset Boulevard“ steht und fällt jedoch mit Norma Desmond. Vasiliki Roussi steigert sich nach einem darstellerisch und stimmlich verhaltenen Start zu einer differenzierten, packenden Charakterstudie. Der überhöhte Pathos, der zu dieser Rolle gehört, klingt nicht hohl, sondern ist emotional grundiert; der eingestreute trockene Humor bricht die Figur angenehm auf und macht sie menschlicher. Außerdem beherrscht Roussi die hohe Kunst, bei „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“ einfach nur singend auf der Bühne zu sitzen und den Saal mit ihrer Präsenz auszufüllen.

Auch die zweite Frau im Quartett der zentralen Figuren kann überzeugen. Die Rolle der Betty Schaefer bietet nicht die Ausdrucksmöglichkeiten einer Norma Desmond. Sie ist die realste und vernünftigste Figur im Stück und droht gegen die schillernden Charaktere etwas ins Hintertreffen zu geraten. Sara de Franco spielt sie natürlich und ihr Opernsopran, den sie für die hohen Töne nutzt, klingt entsprechend leicht.

Mit seinem profunden klassischen Bariton setzt Ben Connor als Max von Mayerling stimmlich einen Akzent. Doch die eingefrorene Mimik und die betont langsamen Bewegungen lassen die emotionale Seite der Figur kaum zur Geltung kommen.

Das Sich-in-die-Rolle-Werfen von Vasiliki Roussi fehlt leider Filippo Strocchi als Joe Gillis. Er lotet die Möglichkeiten seiner Rolle nicht aus. Trotz seines mitreißenden „Sunset Boulevard“-Solos und eines glaubhaft dramatischen Ausbruchs am Ende bleibt er konturlos.

Die Karlsruher Produktion kann trotz einiger starker Momente nicht vollends überzeugen. Aber Vasiliki Roussi ist den Besuch allemal wert.

Vasiliki Roussi, Filippo Strocchi, -©- Felix Grünschloß

Buch und Gesangstexte von Don Black und Christopher Hampton
Nach dem Film von Billy Wilder
Deutsch von Michael Kunze

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungAndreas Kowalewitz
Ulrich Wagner
Katharina Morin
RegieTobias Ribitzki
Bühne & KostümeStefan Rieckhoff
LichtStefan Woinke
ChorUlrich Wagner
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Norma DesmondVasiliki Roussi
Joe GillisFilippo Strocchi
Betty Schaeferlrina Simmes
Sara De Franco
Max von MayerlingBen Connor
Cecil B. DeMilleLuiz Molz
Artie GreenDylan Glenn
SheldrakeHarrie van der Plas
André Post
Manfred / 1. SchuldeneintreiberShichao Cheng
Wei Liu
Mary / 1. KosmetikerinMaike Etzold
Helena Wegner
Joanna / 3. KosmetikerinUta Hoffmann
Oleksandra Khomenko
Katherine / Larissa / Sandy / AnalytikerinCornelia Gutsche
Elena Korenzwit
Lisa / Danielle / 2. KosmetikerinNicole Hans
Camelia Tarlea
Anita / Down / Frau 1 / ÄrztinGilda Cepreaga
Ursula Hamm-Keller
John / 1. MasseuseHe Mi Kwoun
Unzu Lee-Park
1. Girl / Kellnerin / Heather / 2. MasseuseUlrike Gruber
Ilka Kern
2. Girl / Jane / Jean / AstrologinEvelyn Hauck
Pia Waterman
3. Girl / Frau 2Kerstin Gorny
Sang Hee-Kim
Sammy / 4. VerkäuferEdgars Skarbulis
Sean Webster
Myron / 6. Verkäufer / HogeyeArno Deparade
César del Río Fuentes
Jones / 1. VerkäuferAndreas von Rüden
Peter Herrmann
Jong-Won Lee
Morino / Glenn / Mann 2Alexander Huck
Andrey Netzner
Wunderkind / Down / Adam / Schauspieler / Mann 1 / Der junge Pförtner / 5. VerkäuferManuel Oswald
Alexander Papandrea
Cliff / John / Barmann / 7. Verkäufer / Mann 3Jin-Soo Kim
Samuel Kim
2. Schuldeneintreiber / Sandy / 2. VerkäuferDimitrijus Polesciukas
Lukasz Ziolkiewicz
3. Verkäufer / Mann 4Kwang-Hee Choi
Jounggil Kim
ChorBadischer Staatsopernchor
OrchesterBadische Staatskapelle
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
TERMINE
So, 08.11.2026 19:00Badisches Staatstheater, Karlsruhe
So, 22.11.2026 18:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Do, 03.12.2026 19:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Mi, 16.12.2026 19:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Do, 31.12.2026 15:00Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Do, 31.12.2026 19:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Sa, 23.01.2027 16:00Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Sa, 17.04.2027 19:00Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Do, 06.05.2027 18:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
Fr, 21.05.2027 19:30Badisches Staatstheater, Karlsruhe
▼ 4 weitere Termine einblenden (bis 04.07.2027) ▼
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
04.10.2026 - 04.07.2027Badisches Staatstheater, Karlsruhe17 x
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay