David Arnsperger (Edmond Dantès), Vera Lorenz (Mercédès) © Bettina Stöß
David Arnsperger (Edmond Dantès), Vera Lorenz (Mercédès) © Bettina Stöß

NEUE REZENSION
Der Graf von Monte Christo (seit 01/2026)
Großes Haus, Münster

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Bislang wagten sich nur vergleichsweise wenige Stadttheater an eine eigene Inszenierung des Wildhorn-Musicals „Der Graf von Monte Christo“. Die Inszenierung des Theaters Münster punktet vor allem durch atmosphärische Dichte und überzeugende Darstellerleistungen. In der Premierenvorstellung ist allerdings die Tonabmischung noch nicht durchgehend überzeugend austariert.

Der Romanklassiker „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas wurde von Jack Murphy für die Musicalbühne adaptiert und von Kevin Schroeder ins Deutsche übersetzt. Inhaltlich wurde die Handlung des Romans für die Musicalbühne stark gestrafft und mit einem anderen Ende versehen. Der Piratenhäuptling Luigi Vampa bekam ein anderes Geschlecht und heißt hier Luisa. 2009 wurde das von Frank Wildhorn durchkomponierte Stück in St. Gallen uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung folgte 2012 in Leipzig. 

Michael Wallners Regie setzt auf eine bildhafte Erzählweise, die optisch wesentlich von den LED-Video- und Bildprojektionen der Backdrops von Martin Zwiehoff getragen wird. Diese schaffen atmosphärische Räume, die emotionale Zustände und Spielorte visualisieren: Kerkerwände auf Versatzstücken beispielsweise schränken bewusst den Bühnenraum ein und spiegeln die Beklemmung der Gefangenschaft wider.

Gemeinsam mit dem Lichtdesign von Jörg Schwarzer werden die Figuren in Licht und Schatten modelliert, was insbesondere die unterdrückte Lebendigkeit von Edmond Dantès und Mercédès nach seiner Verschleppung unterstreicht. Besonders gut gelingt die Parallelführung der inneren Einsamkeit beider Hauptfiguren: Die Projektionen des Kerkers im Château d’If im Hintergrund und einer Kirche im Vordergrund lassen beide Figuren gleichzeitig zwar räumlich getrennt, durch ihren harmonischen Gesang jedoch emotional verbunden auftreten („Niemals allein“).

Comichafte Projektionen – etwa des Kolosseums, der Schatzkammer oder eines Lavastromes als Ausdruck Edmonds heißer Rachegelüste – wirken zwar eindimensional, spiegeln jedoch treffend die fortschreitende Reduktion der Titelfigur auf Hass und Rache wider.

Das Bühnenbild von Stefan Rieckhoff ist stets sparsam mit gegenständlichen Elementen und Requisiten ausgestattet: Treppen führen in das Büro des Staatsanwalts Gérard de Villefort und in den Kerker, eine Strickleiter markiert zusammen mit einem videoanimierten Hintergrund das Piratenschiff.

Der technische Bühnenaufbau mit wechselnden Projektionsflächen erlaubt es, durch das Einspielen filmischer Sequenzen die immer noch umfangreiche Handlung lückenlos darzustellen. Die Darstellung der Flucht durch eine filmische Szene wirkt jedoch wie ein Bruch der Immersivität des Stücks, da die Spannung und die Dramatik der Szene so kaum transportiert werden.

Die Kostüme nach den Ideen von Uta Meenen zeichnen ein stimmiges Bild der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die gehobene Gesellschaft erscheint pompös in feinen Geh- und Reifröcken sowie Uniformen, während die einfachen Leute in zweckmäßiger Bekleidung aus groben Stoffen auftreten. Einen Kontrast bildet die modern anmutende, farblich und schwarz akzentuierte Kostümierung der Piratenbande und deutet an, dass sich diese Gruppe nicht in die Gesellschaft der damaligen Zeit einfügt.

Kati Heidebrechts Choreografien beleben das Stück und greifen die Stimmungswechsel und Dynamiken der Handlung auf. Ein maskiertes Tänzerinnentrio in schwarzen Jumpsuits fungiert als das personifizierte Böse: Es umgarnt Edmonds Widersacher, verführt sie zum Verrat und brandmarkt den unschuldigen Edmond im Kerker. An Bord des Piratenschiffs dominieren bewusst chaotische, teils albern wirkende Schrittfolgen, die die Zügellosigkeit der Meute treffend unterstreichen. Die Gesellschaftstänze auf der Feier Edmonds und Mercédès´ vermitteln Leichtigkeit und – später verlorenes – Lebensglück. Im Tanz der Kurtisanen („Tanz die Tarantella“) entfaltet sich eine verführerische Dynamik, der sich der Graf aber nur widerwillig fügt: Als Edmond in die Choreografie einsteigt, wirkt seine Teilnahme bewusst halbherzig, worin sich die innere Zerrissenheit seiner Figur widerspiegelt, die sich in der Einsamkeit im Exil und in der Gier nach Rache verliert.

Das Sinfonieorchester Münster interpretiert unter der musikalischen Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg kraftvoll Wildhorns leidenschaftliche Partitur. In der Premierenvorstellung leidet die Wirkung jedoch unter einer unglücklichen Tonabmischung: Vor allem während des ersten Aktes gehen die Stimmen der Solist:innen und des Chors im Klang des Orchesters häufig unter. Inhaltliche Zusammenhänge, insbesondere die Motivation des Antagonisten-Trios, verlieren sich und so leidet auch die dramatische Wirkung der Songs.

Die Darsteller:innen überzeugen mit starker darstellerischer und stimmlicher Präsenz, die sich im Verlauf des Abends zunehmend entfalten kann.

David Arnsperger zeichnet lebhaft die Entwicklung Edmond Dantès vom lebensfrohen jungen Mann, über den Fall durch Verrat und Gefangenschaft bis hin zum vom Hass motivierten Identitätswechsel. Seine immer härter wirkende Darstellung verdeutlicht, dass das Festhalten am Zorn und dem Wunsch nach Rache ein glückliches Leben in Freiheit versagen. So gilt es letztlich loszulassen: Am Ende des ersten Aktes kündigt er noch kaltblütig die „Hölle auf Erden“ an. Angestoßen durch die Erinnerung an seine große Liebe, zeigt er sich im Finale endlich wieder berührbar  („Der Mann, der ich einst war“). Auch diesen Bogen der Läuterung zeigt Arnsperger überzeugend auf. Sein Bariton vermag Mercédès warm zu umschmeicheln und wirkt gleichsam vernichtend durch Stimmvolumen und Kraft in der Interpretation der Songs, die vom Hass angetrieben sind wie „Der Mann ist tot“.

Vera Lorenz gestaltet ihre Mercédès als emotional vielschichtige Figur zwischen verspielter Jugend, Trauer, Schuldgefühlen und ungebrochener Liebe. Ihre Darstellung überzeugt schauspielerisch wie gesanglich: Hier noch sanft und klar, dort kraftvoll interpretiert sie ihre Partien und glänzt insbesondere mit langen, getragenen Endnoten („All die Zeit“).

Das Antagonisten-Trio Fernand Mondego (Ramon Karolan), Baron Danglars (Sven Bakin) und Gérard de Villefort (Gregor Dalal) besticht durch starke Bühnenpräsenz  und vermittelt  Bedrohlichkeit im düster-harmonischen Zusammenspiel und Gesang. Gregor Dalal übernimmt zudem die Rolle des Abbé Faria und wird als moralischer Gegenpol zum Hass Edmonds der Sympathieträger des Abends („Unterricht“, „Könige“), was die Wandelfähigkeit Dalals beeindruckend unterstreicht.

Erdmuthe Kriener verleiht dem Piratenoberhaupt Luisa Vampa eine von Kälte zeugende Dominanz. Jacopo erhält durch Enrique Bernardos Wendigkeit während der Kampfszenen und emotional überzeugendes Spiel vielschichtige Konturen. Chen-Han Lin bleibt als Albert weitgehend blass, was jedoch auch der Anlage der Figur geschuldet ist: „Ah, Frauen“ ist ursprünglich als Duett Alberts und Edmonds vorgesehen, wird hier aber vor allem vom weiblichen Ensemble vorgetragen, was Lin wenig Raum für die Gestaltung seiner Figur lässt. Valentines Solo „Schöner Schein“ ist durch die gefühlvolle Interpretation von Yixuan Zhu im zweiten Akt ein willkommener Ausgleich gegenüber der emotionalen Düsternis der hier erzählten Geschichte.

Es bleibt der Eindruck einer handwerklich soliden, atmosphärisch dichten Inszenierung, die vor allem darstellerisch und durch ihre Bildsprache überzeugt, auch wenn sie in ihrer künstlerischen Handschrift wenig Neues wagt.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungThorsten Schmid-Kapfenburg
RegieMichael Wallner
BühneStefan Rieckhoff
KostümeUta Meenen
ChoreographieKati Heidebrecht
DramaturgieNico Egidi
LichtJörg Schwarzer
 
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CAST (AKTUELL)
Edmond Dantès / Graf von Monte ChristoDavid Arnsperger
MercédèsVera Lorenz
Fernand Mondego / Graf von MorcerfRamon Karolan
Abbé Faria / Gérard von VillefortGregor Dalal
Baron DanglarsSven Bakin
JacopoMichael Wallner
Albert Mondego / Albert von MorcerfChen-Han Lin
Valentine de VillefortYixuan Zhu
Luisa VampaErdmuthe Kriener
JacopoEnrique Bernardo
VestalinnenNino Jachvadze
Christina Holzinger
Tanz-EnsembleMarlou Düster
Hannah Miele
Nadja Simchen
Isis Stamatakos
Barb Dinnebier
Opernchor des Theaters Münster
Sinfonieorchester Münster
  
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TERMINE
Di, 10.02.2026 19:30Großes Haus, Münster
Do, 19.02.2026 19:30Großes Haus, Münster
Sa, 28.02.2026 19:30Großes Haus, Münster
Mi, 11.03.2026 19:30Großes Haus, Münster
Mi, 25.03.2026 19:30Großes Haus, Münster
Fr, 17.04.2026 19:30Großes Haus, Münster
So, 26.04.2026 16:00Großes Haus, Münster
Sa, 02.05.2026 19:30Großes Haus, Münster
Do, 14.05.2026 18:00Großes Haus, Münster
So, 17.05.2026 19:30Großes Haus, Münster
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 17.01.2026 19:30Großes Haus, MünsterPremiere
Fr, 23.01.2026 19:30Großes Haus, Münster
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