Das Theater Aachen hat mit seiner Version von „Shockheaded Peter“ einen morbiden, schrillen Abend komponiert, der durch ein fabelhaftes Ensemble und eine virtuose Live-Band besticht, sich jedoch streckenweise etwas zu ernst nimmt.
Abgehackte Daumen, mordende Hasen und ein Kind in Flammen – Hoffmanns „lustige Geschichten und drollige Bilder“ lassen praktisch keine Grausamkeit aus. Ein schockpädagogisches Relikt, das erst wieder an Popularität gewann, als die britische Underground-Band The Tiger Lillies dieses in ein Plädoyer für jugendliche Rebellion und den Struwwelpeter in eine punkige Peter-Pan-Figur umdichtete, einen Anarcho, der sich gegen das Erziehungsdiktat der Eltern auflehnt.
Christian von Treskow verlegt die zur Freakshow aneinandergereihten Geschichten ins urbane Milieu. Das Grauen lauert hier hinter den biederen Betonmauern des Wohnblocks in der Honka-Haarmann-Höxter-Straße – eine Anspielung auf drei spektakuläre (Mord-)Fälle in der deutschen Kriminalgeschichte. Das multifunktionale Bühnenbild von Dorien Thomsen und Sandra Linde zeigt das traute Heim als klaustrophobischen Angstraum, als Horrorhaus, hinter dessen aalglatter, gutbürgerlicher Fassade die Eltern morden und verstümmeln und sich die Kinderleichen vom Keller bis zum Dach stapeln.
Thomsen und Linde arbeiten sehr viel mit Bild- und Videoprojektionen, was an einigen Stellen überzogen daherkommt. Die eigens für das Stück produzierten Schwarz-Weiß-Filmsequenzen, die mit düsteren Dinnerszenen und einem Kidnapping-Szenario im Treppenaufgang die Bedrohung noch tiefer im familiären Umfeld zu verankern versuchen, wirken beliebig und wollen sich nicht recht in den Abend einfügen.
Die fünfköpfige Live-Band unter der Leitung von Malcolm Kemp transportiert sehr schön den rebellischen Geist der anarchischen Oper, indem sie den punkigen, schrummeligen Sound der Tiger Lillies noch weiter übersteigert. Es ist nicht immer wohlklingend, was da aus dem Orchestergraben heraufrumpelt und stellt das Ensemble gesanglich zum Teil vor große Herausforderungen. Besonders Tommy Wiesner, der als herrlich überdrehter, boshafter Erzähler (und Hauseigentümer) die Bühne beherrscht, muss während der „Shockheaded Peter Ouverture“ kräftig gegen die Klangwand der Band ankämpfen – ein akustisches Problem, das sich durch den Abend zieht. Die raue, rockige Richtung macht sich jedoch vor allem bei Uptempo-Nummern wie „Bully Boys“ und „The Story of Fidgety Phil“ (brilliant: Philipp Manuel Rothkopf als Zappelphilipp) absolut bezahlt. Was die Band da herausschmettert, hat Ohrwurmqualität und lässt sogar die Originale der Tiger Lillies vergleichsweise blass erscheinen.
Besonders glänzt hier Bettina Scheuritzel (u.a. als Conrad) mit rockig-röhrendem Timbre, von dem man gerne noch mehr gehört hätte. Einen der wenigen poetischen Momente und gleichzeitig den musikalischen Höhepunkt des Abends liefert Tina Schorcht mit ihrem anmutig-sehnsuchtsvoll gesungenen Solo „Flying Robert“, das noch auf dem Heimweg im Ohr weiterklingt.
Ein insgesamt nicht vollständig runder, aber dennoch mit musikalischen Highlights gespickter, durchaus sehenswerter Abend, dem es – ganz wie vom Conférencier genüsslich prophezeit – immerhin gelingt, auf dem Gesicht des einen oder anderen ahnungslosen Abonnenten das blanke Entsetzen zu hinterlassen.
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