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Aktuelles aus der musicalzentraleArchivMein Zugang war unplugged.
Mein Zugang war unplugged.
Schon seit Ihrer Kindheit sind Sie mit der Musik verbunden. Neben Auftritten als Schauspielerin in TV- und Theaterproduktionen wirkten Sie auch in einer Reihe von Musicals mit. Was ist f├╝r Sie das Besondere an der Rolle der Norma Desmond? Steckt vielleicht ein St├╝ck April Hailer in der Stummfilm-Diva?

April Hailer: Zuallererst ist es die Komplexit├Ąt der menschlichen Seele, die mich interessiert - wertfrei betrachtet. Wer ist eigentlich "verr├╝ckt", wer "normal"? Dann die Frage der eigenen Identit├Ąt, des Selbstwerts, der eigenen Begabung, Passion - bis hin zum "Was bleibt von mir?", das vielen Menschen ab der Lebensmitte deutlich vor Augen tritt. Ebenso wie die Br├╝che und Blessuren in der Biografie eines Menschen ab 50. "Ein richtiges Original", sagt Gillis zu Max - und trifft es im Grunde. In seiner Generation bzw. Welt versuchen junge Schreiber vermeintliche Originalit├Ąt zu konstruieren, um kommerziell m├Âglichst erfolgreich - also mainstream - zu sein. Dabei l├Ąsst einen das wirklich Individuelle, Einzigartige oder Merkw├╝rdige etwas hilflos zur├╝ck.

Wie spielt man einen Star dieser "Gr├Â├čenordnung"? Wir nehmen einmal an, dass sie wirklich ein Star war. Dies hat mich sehr besch├Ąftigt.

Mein Zugang war "unplugged", also, die Essenz einer Schauspielerin: ein vielleicht ├╝bersensibler, manisch-depressiver, verspielter, versponnener, mittlerweile einsamer Mensch, der keinen Platz in der ver├Ąnderten Welt mehr f├╝r sich sieht. Eine Welt, die ihr zu laut und zu grob geworden, der Poesie, der Imagination beraubt ist... Sie ist fragil, schillernd, nicht verh├Ąrtet. In ihrer Bl├╝tezeit muss sie sehr charismatisch gewesen sein. Nun lebt sie in diesem Mausoleum, gesch├╝tzt von Max. Wer sch├╝tzt hier wen? Wer braucht wen? Was ist Liebe, Abh├Ąngigkeit, Hingabe? Was verstehen wir schon, von au├čen betrachtend? Was sch├╝tzt, was erh├Ąlt uns - an innerem Reichtum, an Fantasie? Unabh├Ąngig davon, wie "gro├č" oder "klein" unser Leben ist, unabh├Ąngig von der Einsch├Ątzung oder Bewertung der Au├čenwelt.

Durch Gillis erbl├╝ht Norma noch einmal, und mit ihr auch ihr Esprit, ihre Liebe, ihre Hoffnung. Vielleicht erahnt man auch, was sie in ihrer Jugend als Filmstar ausgemacht haben muss. Nach dem Zusammenbruch ihrer privaten und beruflichen Hoffnung entscheidet sie sich f├╝r ein Weiterleben in "gesch├╝tztem Raum" - dem, was wir hier Wahn nennen. Sie ist frei. Sie ist Salome. Alterslos. Die Grenze zwischen gestern und heute verschwindet.
"Sunset Boulevard" ist seit der "Originalinszenierung" von Trevor Nunn in letzter Zeit h├Ąufig auf deutschen Stadttheater- und Freilichtb├╝hnen zu sehen. Was erwartet den Zuschauer bei der Bad Vilbeler Inszenierung?

April Hailer: Das Stichwort k├Ânnte "Verdichtung" sein. Zu dem, was ich bei der Figurenzeichnung der Norma bereits angesprochen habe, bietet die kompakte B├╝hne die Chance, schauspielerisch sehr ins Detail und in die Tiefe gehen zu k├Ânnen. Auch alles an Star-Attit├╝de oder gro├čem Gestus kann subtiler gespielt werden. Mich hat die (├ťber-)Betonung des Formalen, besonders im Spiel, bei manchen Inszenierungen eher abgelenkt oder unber├╝hrt gelassen - bei aller Faszination f├╝r die Opulenz, die die Dimension des Stars Norma Desmond illustrieren soll und f├╝r das B├╝hnenbild und die Villa... Im Grunde ist das St├╝ck ein hochspannendes Kammerspiel. "Webber meets Strindberg" in unserem Fall - im Wechsel mit den Ensembleszenen in Schwabs Drugstore oder im Filmstudio.

Die Musik, von Markus H├Âller von 25 Musikern auf 9 umorchestriert, ist kammermusikalisch-farbig und ganz gro├čes Kino. Es klingt fantastisch: aufregend, nicht fett.
Gerade feiert Glenn Close in der Rolle der Norma Desmond ein Revival am Broadway. Was macht das St├╝ck - Ihrer Meinung nach - zu einem Klassiker?

April Hailer: Es ist eine gro├čartige Geschichte, die gro├če menschliche Themen anspricht: Identit├Ąt, Sehns├╝chte, Liebe, Einsamkeit, Scheitern, Ver├Ąnderung und der Umgang damit, Alter, Grenz├╝berschreitung, Realit├Ąt, Illusion, Traum"fabrik", Kreativit├Ąt, die Einzigartigkeit des Individuums... (Jens Alsbach)

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