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HintergrundIngos Fernsehsessel - "Modern Millie - Reicher Mann gesucht"
Ingos Fernsehsessel - "Modern Millie - Reicher Mann gesucht"
 
Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir fĂĽr euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
von Ingo Göllner

Im Monat von Karneval, Fasching und Fastnacht habe ich mir eine bunte, überdrehte, etwas in Vergessenheit geratene Komödie um Männerfang und Mädchenhandel ausgesucht.
"Modern Millie – Reicher Mann gesucht" ("Thoroughly Modern Millie") spielt 1922 in New York. Millie Dillmount (Julie Andrews) verändert ihren Typ in dem Streifen von 1967 von "langweilige, lockige Landpomeranze" zu "selbstständige, moderne Frau" mit Bubikopf und Charleston-Kleid.
Sie will sich einen Job als Sekretärin suchen, um dann ihren – natürlich reichen – Chef zu heiraten und wohnt derweil in einem Hotel für alleinstehende junge Frauen. Dort ist ein ständiges Kommen und Gehen. Allerdings nicht, weil die Damen freiwillig wieder ausziehen, sondern weil die Betreiberin Mrs. Meers (Beatrice Lillie) diejenigen ohne Familie kidnappt und an einen chinesischen Mädchenhändlerring verhökert. Sie hat es gerade auf einen Neuankömmling abgesehen: Dorothy Brown (Mary Tyler Moore), die ihr Glück als Schauspielerin versuchen will. Doch alle Entführungsversuche gehen auf haarsträubende Weise schief. Millie lernt den quirligen Jimmy Smith (James Fox) kennen und verliebt sich. Wegen mangelndem Reichtum kommt er für sie aber eigentlich nicht infrage. Sie wäre viel lieber mit ihrem extrem attraktiven Chef (John Gavin) zusammen, der sich nur leider nicht die Bohne für sie interessiert.

"Modern Millie" ist ein Slapstick-Feuerwerk, eine Hommage an Stummfilmkomödien. Mit Gespür für Gags inszeniert, mit einem Ensemble, das sich für keine Albernheit zu schade ist, und eingängigen Songs. Nach so viel Positivem kommt nun ein erwartbares "aber": Der Film ist mit 140 Minuten viel zu lang und bekommt seine vielen Ideen irgendwann nicht mehr in den Griff. Die Handlung gerät in der zweiten Hälfte ziemlich ins Schlingern. Eine Fassadenkletter-Sequenz und die Rettung der schlussendlich dann doch entführten Dorothy ziehen sich ziemlich.
Es tauchen mehrere Figuren aus aller Herren Länder auf, die ihre Muttersprache sprechen, aber ausgerechnet das für die Handlung wichtige Chinesisch ist eine Fantasiesprache aus erfundenen Wörtern. Ganz zu schweigen davon, dass die beiden chinesischen Hauptbösewichte von Japanern gespielt werden. Aber auf originale Herkunft hat Hollywood selten Wert gelegt.

Der Film ist ein Star-Vehikel fĂĽr Julie Andrews, die nach dem herben Flop des Dramas "Hawaii" wieder in ihre "Mary Poppins"- und "Sound of Music"-Erfolgsspur zurĂĽckfinden musste. Das hat auch geklappt, denn "Modern Millie" wurde zum bis dahin erfolgreichsten Film fĂĽr das Filmstudio Universal.
Andrews ist einfach großartig. So selbstbewusst albern – mit hinreißender Mimik, zwischen trockenem Humor und handfestem Slapstick – sieht man sie selten. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie in anderen Filmen so viel tanzen musste. Die Choreografien sind ausgezeichnet und Andrews tanzt ebenso.
Mary Tyler Moore dagegen gibt das Drehbuch gibt nach einem schönen Einstieg leider wenig zu tun. Sie verblasst neben der omnipräsenten Andrews und der charismatischen Beatrice Lillie.

Aber selbst Andrews muss in den Schatten treten, wenn Carol Channing auf der Leinwand erscheint. Sie spielt die überkandidelte Millionärin Muzzy Van Hossmere, die Gastgeberin einer großen Party auf ihrem schlossartigen Landsitz. Channing hatte gerade einen Riesenerfolg mit "Hello Dolly", besaß aber nur ein wenig TV- und keinerlei Filmerfahrung und wollte sich mit dieser Rolle als Dolly für die geplante Verfilmung empfehlen. Muzzy Van Hossmere brachte ihr zwar einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin ein, aber der Produzent der "Hello Dolly"-Verfilmung fand ihre Darstellung in "Millie" zu cartoonhaft und entschied sich bedauerlicherweise gegen sie.

James Fox, der mir eigentlich nur aus sehr britisch-aristokratischen Rollen bekannt war, spielt locker-flockig mit vollem Körpereinsatz. Eigentlich schade, dass er nicht mehr in diesem Bereich gemacht hat.
Die Überraschung des Films ist für mich aber John Gavin. Er war mir nur als maskulin-attraktives, hölzern auftretendes Beiwerk, beispielsweise in "Psycho", ein Begriff. Hier parodiert er das Hollywood-Schönling-Klischee und ist dabei so lustig, dass ich Abbitte leisten muss und er womöglich einfach nie gefordert war.

Rein optisch ist dieser Film ein Fest: tolle Kostüme und tolle Ausstattung – beides Oscar-nominiert – und kreativ gefilmt. Ebenfalls nominiert war der Ton, den ich aber auch wirklich bemerkenswert fand. Die Einstiegssequenz – Mrs. Meers entführt eine ihrer Hotelgäste – ist so rhythmisch geschnitten und mit Ton unterlegt, dass quasi Musik aus Geräuschen entsteht.
Gewonnen hat den einzigen Oscar dieses Films der Komponist Elmer Bernstein. Er sei ihm gegönnt, aber es verwundert mich trotzdem etwas. Die Songs stammen von diversen anderen Komponisten, deren Motive er in seinem Score immer wieder zitiert. Das macht er ohne Frage gut und mit Gefühl für einen komödiantischen Ton, aber es fühlt sich für mich so an, als sei dieser Preis ein "Wiedergutmachungs-Oscar", weil er für andere Filme wie "Wer die Nachtigall stört" oder "Die glorreichen Sieben" nicht gewonnen hat.

Inszeniert hat George Roy Hill, mit dem Andrews direkt zuvor "Hawaii" gedreht hatte. Das Historiendrama "Hawaii" ist ĂĽbrigens auch einen Blick wert. Andrews bleibt da fĂĽr meinen Geschmack etwas blass, aber Max von Sydow ist als verbohrter Missionar wirklich toll. Hill hat ein gutes GespĂĽr fĂĽr Timing und bildliche Umsetzung von Komik.

Nichtsdestotrotz hat "Modern Millie" Längen und läuft in der zweiten Hälfte aus dem Ruder. Und trotz allem Unterhaltungswert war diese Produktion 1967 schon etwas antiquiert. Das sieht man auch daran, dass der Film – wie andere Prestigeobjekte – eine knapp fünfminütige Ouvertüre hat (davon fast die Hälfte auf Schwarzbild – ich dachte schon, mein Fernseher sei kaputt), eine Pause mit Musikuntermalung und eine lange "Exit Music".
Die Zeit der großen Filmmusicals war damals schon vorbei, auch wenn die Studios es danach immer wieder mal versucht haben – mit wenig Erfolg.
FĂĽr Freunde burlesker Komik ist "Modern Millie" aber eine kleine Perle.
 
 


© musicalzentrale 2022. Alle Angaben ohne Gewähr.

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