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HintergrundMonty Arnold über das Musical "Show Boat"
Ahoi, Komödianten!
 
"Show Boat" (1927) hat die Entwicklung des Musical-Genres entscheidend geprägt. Manche bezeichnen es sogar als das erste echte Musical überhaupt. Was war denn eigentlich so revolutionär an dem Stück?
Gastbeitrag von Monty Arnold

Wenn Ihnen jemand erzählen will, "Show Boat" sei das erste Musical gewesen, dann dürfen Sie davon ausgehen, dass diese Person sich im Grunde nicht für Musicals interessiert. In der Tat gibt es zwar einen ersten amerikanischen Tonfilm, einen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm und sogar einen ersten Menschen – aber eben kein erstes Musical.

Seit "The Black Crook", einer sensationellen Theaterproduktion im Jahre 1866, hat sich der Broadway immer wieder Operetten aus Europa geklaut, hat in diese neue Songs eingefügt und irgendwann begonnen, eigenes Musiktheater zu schaffen, die sogenannten Musical Plays bzw. Musical Comedies. Bis zu "Show Boat" - und den Musicals, die es vor 1927 schon gegeben hat – war es noch ein weiter Weg.

Aber auf den Superlativ, ganz am Anfang zu stehen, kann "Show Boat" gut verzichten. Zumal es nicht sein einziger ist: Es ist das älteste all der Musicals, die noch immer regulär auf den Spielplänen stehen, der erste Welterfolg des Genres. Ohne ihn wäre das Musical an sich vielleicht ein Experiment geblieben – ein schrecklicher Gedanke! "Show Boat" war derart erfolgreich, dass es schon 1928 nach London ging, bereits 1932 ein erstes Revival erlebte und dreimal verfilmt wurde.

Es entstand zu einer Zeit, da sich die gesellschaftliche Situation noch sehr deutlich im Textbuch niederschlug – und das hier schon in der ersten Szene: Statt der konventionellen Chorus Line präsentieren uns Jerome Kern (Musik) und Oscar Hammerstein II (Libretto und Songtexte) einen Eröffnungschor, in dem Schwarze und Weiße gemeinsam von "Cotton Blossom" (Baumwollblüte) singen. Die schwarzen Stauer und ihre Mädchen meinen damit die schwere Arbeit mit den Baumwollballen, die Weißen – herbeieilende bessere Herrschaften des Ortes – rufen den Namen des soeben eingelaufenen Theaterschiffs.

Auf ins Vergnügen: Ausschnitt aus dem CD-Cover zur Filmversion von 1951.

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Mit diesem Motiv bewerben die Festspiele Bad Hersfeld ihre "Show Boat"-Produktion 2013. 2014 ist zudem eine Produktion in Linz geplant.

Es ist für uns heute – zum Glück – kaum noch nachvollziehbar, welch großes Risiko Produzent Florenz Ziegfeld, New Yorks größter Revue-Mogul, damit einging. Bis dato hatten Schwarze auf der Bühne nur Kleinst- und Dienerrollen spielen dürfen. Üblicherweise wurden sie von Minstrels vertreten, von Weißen, die als Schwarze geschminkt waren (oder Schwarzen, die dies wiederum vortäuschten). "Show Boat" wartete sogar mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Weißen und einem Halbblut auf. Unerhört!

Warum ist der Skandal ausgeblieben? Wegen der wunderschönen Musik natürlich! Jerome Kern schrieb Songs, die bald jeder hören wollte. Und lieferte nebenbei täuschend echte Gospels und Ragtimes, die ein ur-amerikanisches Klangbild schufen, welches zu keiner Zeit auf europäische Traditionen oder Einflüsse zurückgreifen musste. Hinter diese Fortschritte kam man nicht mehr zurück, weder künstlerisch noch gesellschaftlich. Keine zehn Jahre später kam es zum ersten Musical-Hit mit rein schwarzer Besetzung: "Porgy & Bess" von George Gershwin. Heute kann man sich die Geschichte des Musicals ohne schwarze Mitwirkende gar nicht mehr vorstellen. Da sage noch einer, Kunst habe nichts mit Politik zu tun.

Dieses ur-amerikanische Kunstwerk, das keine Operette mehr war, hat Jerome Kern selbst eingefordert und entwickelt. Als Teil eines kleinen Autorenteams fügte er in den sogenannten Princess-Shows die Elemente Buch, Gesang, Underscoring (Szenenmusik) und Tanz zu einer Einheit zusammen. Dieses Konzept blieb für Jahrzehnte in Kraft und bescherte dem Musical ein Golden Age - inzwischen stellt es längst keine Verpflichtung mehr dar.

Ich möchte Ihnen nun ungern eine Inhaltsangabe machen – die Geschichte können ihnen Ensemble und Orchester viel besser erzählen –, will aber ein paar Worte über die Musik verlieren. Der sogenannte Held, Gaylord Ravenal, ist eher ein Schlitzohr, ein Zocker und Ladykiller, wenn Sie so wollen ein Vorläufer der Burschen, die später in "Pal Joey", "The Music Man" und "How to Succeed in Business" den Broadway erobern sollten. Das Nobelste an Ravenal sind seine Songs. Einen davon teilt er sich mit Magnolia, der behüteten Tochter der Show-Boat-Betreiber. Das Duett "Make-Believe" entsprang dem Wunsch, ein nicht-banales Liebeslied zu schreiben. Schon bevor sich die beiden überhaupt gesehen haben, nimmt Ravenal Magnolias Klaviermotiv musikalisch auf. Im folgenden Lied wird sich nun verhalten, als kenne man sich schon. Natürlich liegen sie den beiden auf der Zunge, die "drei kleinen Worte", aber "wir tun nur so".
"Show Boat" ist reich an Nummern, die Klassiker geworden sind. Songs wie "Can't Help Lovin' Dat Man" oder "Life Upon the Wicked Stage" haben ihren Eingang in den Kanon des Great American Songbook gefunden, aber "Ol' Man River" überstrahlt sie alle: Die schwarzen Baumwollpflücker beklagen die Hoffnungslosigkeit ihres harten Lebens am Ufer des Mississippi, der gleichmütig, unbekümmert von menschlichen Schicksalen seinen Lauf nimmt. Dieser Song war es – so will es die Legende –, der die gestrenge Autorin Edna Ferber zu Tränen gerührt und dazu bewegt haben soll, die Genehmigung für eine Musical-Version ihres großen Bucherfolges zu geben.

Sollten Sie diese Lieder nicht im Ohr haben, möchte ich Ihnen wärmstens empfehlen, sich rechtzeitig irgendeine Aufnahme von "Show Boat" zu besorgen. Damit vergrößern Sie das Vergnügen, wenn der große Abend gekommen ist. Welche Version, das ist im Grunde egal. Mich hat damals z.B. die alte MGM-Filmmusik süchtig gemacht, lange bevor ich wusste, worum es überhaupt geht.

Manche Historiker nehmen es dem Broadway übel, dass die Musicals im Kielwasser des "Show Boat" dessen Ambitionen zumeist vermissen ließen, dass sie nicht alle so politisch brisant und dramatisch geraten sind. Ich halte das für Unfug, denn schließlich geht es ja hier zunächst einmal um Zerstreuung und den Abschied vom Alltag.

Das Schöne an diesem Musical ist, dass es alles auf einmal bietet, dass es aber die genannten historischen Bezüge nicht braucht, um ein faszinierendes Theaterereignis zu sein. Wer es als antike Tragödie oder als zeitgeschichtliches Kabarett sehen will, kann das tun – aber er muss es nicht. Man kann sich auch einfach einem grandiosen Stück Entertainment hingeben. Freuen Sie sich darauf!
 
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Monty Arnold, Jahrgang 1967, ist einem breiten Publikum als Schauspieler, Komiker und Hörbuchsprecher bekannt. Er ist aber auch Dozent für Musicalgeschichte an der Joop van den Ende Academy sowie an der Stage School, beide in Hamburg. Dies ist sein zweiter Gastbeitrag für die Musicalzentrale. Zuvor hat er bereits über die Ächtung des Dreivierteltakts geschrieben. (Foto: Henning von Berg).

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