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HintergrundEin R├╝ckblick auf die Musicalsaison 2009 in New York und London
Revivals und Originale
 
13 neue Produktionen am Broadway, elf neue Shows im West End: Das klingt erst einmal nach einer relativ ausgeglichenen Bilanz im Jahr 2009. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht zugunsten des Broadway.
Jahresr├╝ckblick von Michael Rieper

Unter den 13 Shows, die in New York im Lauf des Jahres er├Âffneten, sind sieben Revivals. Den Anfang machten "Guys & Dolls", "West Side Story" und "Hair". "Guys & Dolls" wurde von Presse und Publikum gleicherma├čen schlecht angenommen, so dass die Produktion nach gut vier Monaten schon wieder verschwand. Die anderen beiden Revivals starteten hingegen mit vielversprechenden Auslastungszahlen, und das, obwohl die "West Side Story" nur verhaltene Kritiken bekam und die im Laufe des Jahres wieder revidierte Entscheidung, mehrere Szenen in Spanisch zu spielen, nicht nur auf Gegenliebe beim Publikum stie├č. Beide Shows zeigten jedoch einen ungew├Âhnlichen R├╝ckgang der Zuschauerzahlen ab Herbst. ├ťblicherweise steigen die Auslastungen der Broadway-Shows bis zum Jahreswechsel kontinuierlich. "West Side Story" und "Hair" schienen aber den H├Âhepunkt der Zuschauer-Nachfrage bereits im ersten Halbjahr erreicht zu haben.
Die seichte Rock'n-Roll-Kom├Âdie "Bye Bye Birdie" konnte kaum einen Kritiker ├╝berzeugen, der Prominenz des aus dem Fernsehen bekannten Hauptdarstelles John Stamos und der von vornherein begrenzten Laufzeit ist es wohl zu verdanken, dass diese Show trotzdem zu den vier am besten ausgelasteten Musicals des Jahres z├Ąhlt.
Star-Power d├╝rfte auch dem zum Ende des Jahres gestarteten Revival "A Little Night Music" zu finanziellen Erfolgen verhelfen. Die niemals seichten Musicals von Stephen Sondheim haben es bekanntlich schwer, am Broadway lange zu ├╝berleben. Doch der Coup, Catherine Zeta-Jones und Angela Lansbury an die Spitze des Ensembles zu stellen, d├╝rfte sich f├╝r die Produzenten auszahlen.
Die beiden im Herbst gestarteten Revivals "Finians Rainbow" und "Ragtime" k├Ąmpfen, so gut gemacht die Shows auch sind, mit den gleichen Problemen: Beide Shows geh├Âren nicht zu den allseits bekannten Musical-Evergreens (wie "West Side Story" und "Hair"), sie haben keine ├╝berregional bekannten Stars im Ensemble (wie "Bye Bye Birdie" und "A Little Night Music"), und so kommen trotz vorwiegend positiver Kritiken einfach nicht gen├╝gend der f├╝r das ├ťberleben einer Show unerl├Ąsslichen zahlenden Zuschauer.

Publikumsmagnet: Mr Bean alias Rowan Atkinson in "Oliver" (Montage:muz)

Wenig Ver├Ąnderungen auf den vorderen Pl├Ątzen: "Wicked" ist zum dritten Mal in Folge die umsatzst├Ąrkste Broadwayshow des Jahres, "Billy Elliot" schafft den Sprung auf Platz 2. Ganz knapp die Top Ten verfehlten "In the Heights" und "Hair".

In London gingen in der Revival-Kategorie 2009 vier Produktionen an den Start. "Oliver" legte zum Anfang des Jahres einen Bombenstart hin. Eine hohe mediale Aufmerksamkeit dank der beiden Hauptdarsteller - als Fagin wurde der weltweit bekannte Komiker Rowan Atkinson ("Mr. Bean") verpflichtet , w├Ąhrend Nancy-Darstellerin Jodie Prenger den Job durch eine Casting-Show bekam -, ein gro├čes Ensemble sowie beeindruckende B├╝hnenbilder sorgten f├╝r gl├Ąnzende Vorverkaufsergebnisse. Damit ├╝berstrahlte "Oliver" alle weiteren Revivals: Die 60er-Jahre-Compilation-Show "Shout" ├╝berlebte nicht einmal eine Woche nach der Premiere und auch die seit Jahren weltweit tourende "Rat-Pack"-Show erlangte keine besondere Aufmerksamkeit mehr. Einzig "A Little Night Music" ist hier noch erw├Ąhnenswert. Die Inszenierung, die sp├Ąter mit Catherine Zeta-Jones auch am Broadway herauskam (s.o.), fand ihren Ursprung im kleinen Off-Theater der Menier Chocolate Factory und wurde im Fr├╝hjahr ins West End transferiert. Doch auch hier zeigte sich das ├╝bliche Dilemma der Sondheim-Musicals: Sie sind einfach nicht f├╝r die gro├če Masse geschrieben. Sowohl Inszenierung als auch Darsteller wurden hoch gelobt, doch nach knapp vier Monaten im West End war Schluss. Im Londoner Ensemble waren keine au├čerhalb der Musical-Szene bekannten Namen. Umso nachvollziehbarer, dass dann die Broadway-Produzenten auf Star-Power gesetzt haben.

Im Gegensatz zu den Trends der letzten Jahre befindet sich unter den sechs Broadway-Urauff├╝hrungen des Jahres nur eine einzige Film-Adaption, die dann auch gleich zu einem der Flops des Jahres wurde. Eine Erkl├Ąrung daf├╝r, warum "9 to 5" beim Publikum durchgefallen ist, ist kaum zu finden. Sowohl Ensemble als auch Musik erhielten ├╝bereinstimmend Zustimmung und mit der bekannten Country-S├Ąngerin Dolly Parton als Komponistin stand auch ein werbewirksamer Name ├╝ber der Produktion.
Die restlichen f├╝nf Premieren basieren auf Originalb├╝chern. In der ersten H├Ąlfte des Jahres starteten die Kammermusicals "The Story of My Life" und "Next to Normal" sowie die Compilation-Show "Rock of Ages". Kammermusicals sind bekanntlich immer so eine Sache am Broadway. Mit kleiner Cast und sparsamen B├╝hnenbild, jedoch ├Ąhnlich hohen Eintrittspreisen wie alle anderen Shows, ist der Konkurrenzkampf doppelt hoch. Und so musste das Zwei-Personen-St├╝ck "The Story of My Life" nur drei Tage nach der Premiere das Feld wieder r├Ąumen. "Next to Normal" hingegen schl├Ągt sich wacker am Broadway. Das liegt zum einen sicher an der ungew├Âhnlichen Geschichte ├╝ber eine Familie, die mit der psychischen Krankheit der Mutter klarkommen muss, zum anderen aber auch an den allseits gelobten Darstellern, allen voran die diesj├Ąhrige Tony-Award-Gewinnerin Alice Ripley. Dar├╝ber hinaus wurden aber auch neue Wege gew├Ąhlt, um die Show im Gespr├Ąch zu halten: eine beispiellose Twitter-Kampagne, die eine knappe Million Teilnehmer verfolgten, gab interessierten Usern Hintergrundinformationen und die interaktive M├Âglichkeit, einen Song mitzugestalten, den das Komponisten-Team der Show ganz nach User-Vorschl├Ągen schrieb und der dann konzertant von den Broadway-Darstellern in New York vorgestellt wurde.
Auch "Rock of Ages" darf zu den Hits 2009 gez├Ąhlt werden. Wie viele ihrer Compilation-Vorg├Ąnger bietet die Show eine eher belanglose Handlung, kann jedoch mit dem Ohwurm-Charakter der Songs - in diesem Fall Bombast-Rock der 1980er Jahre - und der daraus resultierenden Party-Stimmung im Publikum punkten.
Im Herbst er├Âffneten "Memphis" und "Fela!" am Broadway, die sich beide mit dem Thema Rassendiskrimierung auseinandersetzen. "Memphis" erz├Ąhlt mit neu komponierten Rock'n-Roll-Songs und Balladen von der Beziehung eines hellh├Ąutigen Moderators zu einer afroamerikanischen S├Ąngerin, die in den 1950er Jahren ihr Umfeld provoziert. "Fela!" ist ein Biographie-Musical ├╝ber den afrikanischen Musiker und Polit-Aktivisten Fela Kuti, dessen Geschichte mit seiner eigenen Musik im von ihm gepr├Ągten Afrobeat-Stil erz├Ąhlt wird. W├Ąhrend "Memphis" ein augesprochen gut gemachtes, aber dennoch herk├Âmmliches Broadway-Musical ist, geh├Ârt "Fela!" eher in die Nische der Broadway-Sonderlinge: eine au├čergew├Âhnliche Geschichte, die mit extravaganten Choreografien und einer zwischen Konzert und Musiktheater pendelnden Erz├Ąhlform etwas ganz Eigenes am Broadway darstellt. Nach den ersten Wochen der Spielzeit haben beide Shows noch damit zu k├Ąmpfen, ausreichend Zuschauer zu gewinnen. Bleibt zu hoffen, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert, um den Bekanntheitsgrad schleunigst zu steigern.

Twitter your song: "Next to Normal" ging ungew├Âhnliche Wege (Montage: muz)

"Dreamboats und Petticoats"- erst die CD, dann das Musical (Montage: muz)

Auf solche Original-Musicals wartet der Londoner Musical-Fan im vergangenen Jahr nahezu vergeblich. Die beiden gr├Â├čten Londoner Erstauff├╝hrungen sind Film-Adaptionen. Im M├Ąrz feiert die aus Australien importierte Show "Priscilla - Queen of the Desert" Premiere, im Juni startet "Sister Act" im Palladium - zwei Kom├Âdien, die beide ihre Zuschauer nach zweieinhalb Stunden voller poppiger Rhythmen und glitzernder Kost├╝me gut gelaunt und beschwingt entlassen. Genaue Informationen ├╝ber Verkaufszahlen gibt es aus London nicht, doch sowohl die Ger├╝chtek├╝che, in der bereits ├╝ber vermeintliche Nachfolger im Palladium diskutiert wird, als auch die Tatsache, dass f├╝r "Sister Act" regelm├Ą├čig Half-Price-Tickets zu haben sind, w├Ąhrend solche Angebote f├╝r "Priscilla" kaum zu finden sind, sprechen daf├╝r, dass "Priscilla" aus dem Kampf um die Publikumsgunst als Sieger hervorgeht.
Die weiteren Londoner Premieren sind allesamt ein ganzes St├╝ck kleiner gehalten. Der Broadway-Transfer "Spring Awakening" konnte das relativ kleine Lyric Hammersmith Theatre zwar f├╝r sieben Wochen f├╝llen, der Traum einer Open-End-Spielzeit im West End war jedoch trotz des Lobes f├╝r die junge unverbrauchte Cast schon nach zwei Monaten zu Ende.
"Too Close to the Sun", ein Musical ├╝ber das letzte Lebensjahr des Schriftstellers Ernest Hemingway, ist das einzige St├╝ck ohne Film-, Buch- oder Musik-Zweitverwertung. Einhellig vernichtende Kritiken sorgten f├╝r ein schnelles Ende der Produktion, ├╝ber die auch an dieser Stelle kein weiteres Wort verloren werden muss.
Als neue Compilation-Show kam im Sommer "Dreamboats & Petticoats" f├╝r drei Monate ins West End. Interessant ist an dem Musical die Entstehungsgeschichte: Erst gab es die gleichnamige Compilation-CD mit Hits der 1960er Jahre, die sich erstaunlich gut in Gro├čbritannien verkaufte. Daraufhin kam ein findiges Produzententeam auf die Idee, daraus ein Musical zu machen. Die drei Monate in London verliefen anscheinend recht erfolgreich, denn im Januar kehrt die Show f├╝r eine Open-End-Spielzeit ins West End zur├╝ck.
Im Dezember er├Âffneten eine themenbedingt nur als Saison-Show geplante neue Adaption von Charles Dickens' "A Christmas Carol" und der auch wieder auf einem Film basierende Broadway-Transfer "Legally Blonde", der in New York zwar kein Riesenhit, aber immerhin f├╝r eineinhalb Jahre zu sehen war und stimmungsm├Ą├čig mit bunten Bildern und einer lockeren K├Âmodienhandlung in genau die gleiche Kerbe schl├Ągt wie "Sister Act" und "Priscilla".

Gro├če Erfolge feiern in beiden Musical-Metropolen also vor allem Revivals wie "West Side Story" in New York und "Oliver" in London. Vor allem in der Londoner Musical-Szene gelingt es unbekannten Kreativen zurzeit gar nicht, frische Ideen f├╝r unverbrauchte Stoffe hervorzubringen. Es steht au├čer Frage, dass es diese Kreativen auch in Gro├čbritannien gibt; mehrere Konzerte bzw. Workshop-Pr├Ąsentationen in kleinem Rahmen haben gezeigt, dass sehr wohl Potenzial vorhanden ist. Doch den alteingesessenen Produzenten scheint das Risiko, einen Flop landen zu k├Ânnen, einfach zu gro├č zu sein. Lieber holen sie "Priscilla" aus Australien oder den "Sister-Act"-Komponisten Alan Menken aus den USA.
Insofern hat der Broadway in puncto Vielfalt deutlich die Nase vorn. Praktisch in jedem Jahr sind neue Namen unter den erfolgreichen Kreativen zu finden. 2009 geh├Âren dazu z.B. Tom Kitt und Brian Yorkey, deren Drama "Next to Normal" genauso als ├ťberrschaschung angesehen werden darf wie die innovative "Ragtime"-Inszenierung der US-weit t├Ątigen und endlich am Broadway angekommenen Marcia Milgrom Dodge.
Ein Ausblick auf das Musical-Jahr 2010 macht aber f├╝r beide St├Ądte Lust auf einen Musical-Trip. Da David Essex, der die Songs in "All the Fun of the Fair" (Premiere: 28. April) geschrieben hat, in Deutschland kaum bekannt ist, d├╝rfte die Verwertung seiner mehr als 30 Jahre alten Songs kaum mit dem ├╝blichen Compilation-Charakter zu vergleichen sein. Mit dem gl├Ąnzend kritisierten "Hair"-Revival (Premiere: 14. April) kommt auch die gesamte hochgelobte Broadway-Besetzung nach London, und mit "Love Never Dies" (Premiere: 9. M├Ąrz) bringt Altmeister Andrew Lloyd Webber seine lang angek├╝ndigte Phantom-Fortsetzung auf den Markt.
Sein Namensvetter Andrew Lippa, der in New York den Geheimtipp-Status eigentlich schon l├Ąngst hinter sich gelassen hat, darf mit der "Addams Family" (Premiere: 8. April) endlich auf den gro├čen Durchbruch hoffen; kurz danach kommt ein gro├č angelegtes und prominent besetztes Revival der ├╝ber 40 Jahre alten Show "Promises, Promises" (Premiere: 25. April) auf die B├╝hne, bei dem sich das Kreativ-Team hoffentlich des antiquiert wirkenden Buches annehmen wird. Die spannendste Frage d├╝rfte aber sein, ob "Spiderman - Turn Off the Dark" tats├Ąchlich, wie bisher trotz aller Finanzierungsprobleme geplant, im n├Ąchsten Jahr uraugef├╝hrt wird. Selten gingen bei einem St├╝ck die Spekulationen ├╝ber Flop oder Top so weit auseinander wie bei diesem mit einem Riesen-Budget ausgestatteten Mega-Musical.
 
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Top oder Flop: Warten auf "Spiderman" (Montage: muz)

Leserbeitr├Ąge:

Die hier wiedergegebenen Beitr├Ąge sind Meinungen einzelner musicalzentrale-Leser und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


2 Zuschauer haben dazu etwas geschrieben:


@ blackrider

24.12.2009 - Die Ums├Ątze vom West End werden im Gegensatz zum Broadway nicht ver├Âffentlicht, also kann man keine Chart auf Basis dieser erstellen.

MH2404 (21 Bewertungen, ∅ 3.1 Sterne)


Westend-Charts?

24.12.2009 - Interessanter Artikel, aber wieso gibt es nur eine Graphik den Broadway-Charts und nicht auch zum Westend.

blackrider (2 Bewertungen, ∅ 5 Sterne)

 


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