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HintergrundThe Scarlet Pimpernel in Halle
Total vertrieft
 
Wie die Oper Halle mit "The Scarlet Pimpernel" das junge Publikum nicht nur gewinnt, sondern auch hÀlt.
Feature von Robin Jantos

Die Vorstellung im Opernhaus ist vorbei, das hauseigene OperncafĂ© ist mit rund 150 GĂ€sten gut gefĂŒllt. Doch wer Ă€ltere Herrschaften in Abendgarderobe erwartet, der liegt daneben: An den Seiten des Saals drĂ€ngen sich Teenager in legerer Kleidung, an den Tischen sitzen MĂŒtter, Onkels und Omas mit teilweise immer noch leicht verwirrtem Blick: Ist es wirklich wahr, dass uns der Nachwuchs ĂŒberredet hat, ins Theater zu gehen?
Nein, bei "The Scarlet Pimpernel" in der Oper Halle ist vieles nicht normal. Es ist gar nicht unbedingt die Tatsache, dass sich die Oper die Rechte fĂŒr die deutschsprachige ErstauffĂŒhrung eines Musicals des dank "This is the moment" berĂŒhmten Komponisten Frank Wildhorn gesichert haben - dessen Marktwert war nach den diversen kommerziellen Jekyll-Flops sowieso eher gering, zumal Scarlet sicher nicht sein stĂ€rkstes StĂŒck ist. Was in Halle wirklich besonders ist, ist nicht die Produktion selber (die ist eher solide), als vielmehr die Art und Weise, wie die Hallenser daraus ein Theater-Event gemacht haben, dass ganz neue Publikumsschichten ins Theater zieht.

Zusammenhocken mit den Fans: Darstellerin Ann Christin Elverum nach der Vorstellung. (Foto: Jantos)

Szene aus "The Scarlet Pimpernel" mit Ann Christin Elverum und Christopher Murray. (Foto: Kiermeyer)
20 Minuten sind seit der letzten Show in dieser Saison vergangen. Gut 10.000 Zuschauer haben die 19 bisherigen Vorstellungen gesehen. "Wie oft warst du in der Show?", fragt der Moderator auf der improvisierten BĂŒhne im OperncafĂ©. "Zwölf Mal", erklĂ€rt ein junges MĂ€dchen, sie mag vielleicht 13 sein, dann nimmt sie sich ein Textblatt und singt zum Halbplayback einen der Songs aus der Show. Die Zuhörer klatschen begeistert. Es herrscht Abtanzball-AtmosphĂ€re: An den Tischen sitzen die MĂŒtter, VĂ€ter, Tanten und Omas, an den Seiten stecken die Teenies verstohlen die Köpfe zusammen. "Macht doch mal mehr Licht an, man sieht ja kaum etwas", ruft der Moderator.
Als nach und nach die Darsteller eintreffen, werden Autogrammblöcke, CDs und Digitalkameras gezĂŒckt, man plaudert aufgeregt mit den Stars. NatĂŒrlich wollen sie nĂ€chste Woche wiederkommen, wenn Christopher Murray erstmals in "Jesus Christ Superstar" auf der BĂŒhne steht.

Die Kundenbindung funktioniert. Auch bei der "Buddy-Holly-Story", eigentlich als Kontrastprogramm fĂŒr die Ă€ltere Zielgruppe geplant, ist das Publikum ĂŒberraschend jung - obwohl hier keine bekannten Namen auf der Besetzungsliste stehen. "Die Hauptdarsteller werden stĂ€ndig auf der Straße angesprochen", erzĂ€hlt Pressesprecherin Iris Kruse. Veranstaltungen wie die Karaoke-Party nach der Show machen die Oper beim Nachwuchs plötzlich wieder "in".
Auch die Öffentlichkeitsarbeit hat dazu beigetragen. Die Oper inserierte in Musicalzeitschriften, suchte den Kontakt zu Internet-Magazinen. So holt man das Fanpublikum ins stĂ€dtische Haus. Da ist es dann ganz normal, wenn in der Schlange an der Garderobe zwei junge MĂ€dchen darĂŒber diskutieren, wie die Fotos von der TdV-DerniĂšre geworden sind oder Oma die TĂŒte mit den TeddybĂ€ren trĂ€gt, die die Enkelin spĂ€ter ihrem Star schenken will.

Autogramme an der Bar: Darsteller Christoph Goetten mit Fans. (Foto: Jantos)

Mischung aus Tragik und Komik: Szene aus "The Scarlet Pimpernel". (Foto: Kiermeyer)

Die Geschichte dieser Produktion begann schon 1999, kurz nach der Bremer "Jekyll&Hyde"-Premiere. Frank Wildhorn wollte auch sein FrĂŒhwerk "The Scarlet Pimpernel" in Deutschland als Ensuite-Produktion gespielt sehen und fragte bei seinem Europa-Beauftragten Koen Schoots an, was sich da denn machen ließe. Der war skeptisch: Die Zeiten hĂ€tten sich geĂ€ndert, an einen derart unbekannten Stoff wĂŒrde sich kein Veranstalter heranwagen - "aber eine Stadttheater-Produktion könnte ich wohl rausschlagen", erinnert sich Schoots an das Telefonat.
Über eine Freundschaft zum Intendanten kam der Kontakt nach Halle zustanden, dort war man gleich Feuer und Flamme. "Die anderen haben das einfach vertrieft", freut sich Dramaturg Volker Weise noch heute ĂŒber die schlafende Konkurrenz.

In Sachen Musical hat das Hallenser Theater durchaus Tradition. In den 70ern brachte man hier das ungarische StĂŒck "Der Hund, der Herr Bozzi hieß" zur deutschen ErstauffĂŒhrung - im dritten Anlauf, nachdem die SED-Bezirksleitung zwei Mal abgelehnt hat, weil sie die AnnĂ€herung zweier Systeme thematisiert sah. "Das war kein dolles StĂŒck, und die ideologischen BefĂŒrchtungen waren auch Quatsch - aber wir haben es geschafft, das war wichtig", erinnert sich Weise.
Bis Mitte der 80er Jahre hatte das Haus ein eigenes Musical-Ensemble, und auch die einzigen beiden Musical-Arbeitstage des "Verbandes der Theaterschaffenden" fanden zu DDR-Zeiten in Halle statt. Doch damals war Musical noch nah bei der Operette, mit Scarlet kam jetzt ein modernes Pop-Musical. "Ein bisschen bundesweite Ausstrahlung war da schon geplant", sagt Weise. "Wir wollen uns damit profilieren."

"An das Publikum adressieren": Christopher Murray beim Bad in der Menge. (Foto: Jantos)

"Das kann ich rausschlagen": Koen Schoots (Mitte) mit Solisten. (Foto: Kippes)

Von 340.000 auf 240.000 sei die Einwohnerzahl in Halle seit Beginn der 90er Jahre dramatisch gefallen, die Besucherzahl der Oper aber blieb konstant bei rund 100.000 pro Jahr. "Daran hat Musical natĂŒrlich einen erheblichen Anteil."
"Man darf nicht den Fehler machen, den Jugendkult fĂŒr das wichtigste zu halten", sagt Christopher Murray - ausgerechnet der, der durch seine offene und kumpelhafte Art bei den jugendlichen Fans am besten ankommt. "Wir mĂŒssen unser Publikum kennen, unsere StĂŒcke an das Publikum adressieren - das darf niemals nur Selbstbefriedigung sein."
Das Publikum merkt, dass es ernst genommen wird. Und so finden auch zwei Ă€ltere Damen in Reihe acht, die der Pop-Musik anfangs sichtlich skeptisch gegenĂŒber stehen, es schließlich völlig in Ordnung, wenn ein MĂ€del zwei Reihen weiter vorne wĂ€hrend der Vorstellung fotografieren möchte. Und es stört sie schließlich auch nicht mehr, dass kaum einer der jungen Besucher die obligatorische Opern-Abendgarderobe trĂ€gt. Die Zeiten haben sich geĂ€ndert, die Jugend soll mal machen - was ist da schon normal.
 
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