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chess
Benutzer
1301 Beiträge
25.06.18 21:42

Ich hatte vor knapp drei Jahren im Deutschen Theater in München "Tell me on a Sunday" angesehen und freute mich sehr darauf. Damals war ich richtig verärgert, weil aus einem unterhaltsamen Herzschmerz-Stück eine Ein-Frau-Show gemacht wurde, die nur über die damalige Flüchtlingswelle gesungen hat und die selber mit Kopftuch aufgetreten ist und eine Muslima gespielt hat, die - zumindest laut Liedtext - SChweinefleisch isst und in die CSU eintreten möchte. Das Einzige, was an diesem Stück überhaupt noch ansatzweise an "Tell me on a Sunday" erinnert, waren die Melodien der Lieder, die aber allesamt mit neuen Texten versehen wurden.

Nun habe ich mir vor wenigen Wochen "Attentäter" in Linz von Stephen Sondheim angeschaut und mir ging es wieder so, dass ich das Stück wenig bis gar nicht wiedererkannt habe und es eben so ganz anders war, wie ich es mehrfach in London gesehen hatte.

Zu Beginn des Stücks kamen etwa 10 Personen mit Trump-Maske auf die Bühne sowie ein Schauspieler und eine Schauspielerin, die auch ohne Maske aussahen wie Donald und Melania Trump.

Nachdem das Stück von 1990 ist, dachte ich mir erst, dass eine gewisse Aktualisierung von mir aus noch in Ordnung geht, mehr aber nicht.

Es ging dann weiter, dass einer der Attentäer aus dem Originalstück überhaupt gar nicht vorkam, sämtliche Darsteller immer das gleiche anhatten, so dass man nicht richtig erkennen konnte, wer letztendlich wer ist. Die zu ermordenden Präsidenten wurden zumeist wie degenerierte Vollidioten dargestellt. In einem Fall wurde dann auch durch Frau Trump fast schon in orgastischer Art und Weise der rote Knopf für das Einschalten eines elektrischen Stuhls betätigt.

Man kann zu Trump stehen, wie man will, aber eine Präsidentengattin wird mit Sicherheit nicht triumphierend und freudestrahlend den elektrischen Stuhl betätigen.

Die Krönung war, dass Lee Harvey Oswald, der mutmaßliche Mörder von John F Kennedy, von einem kleinen jungen dargestellt wurde, der zum Schluss alle Trump-Lookalikes erschoss.

Generell fand ich die Aufführung wirklich gnadenlos schlecht, von den billig wirkenden und widerwärtigen Kostümen sowie Make-Up bis zum Weglassen eines der Charaktere. Wäre sie nicht nach knapp 80 Minuten schon vorbei gewesen, dann wäre ich wohl wieder einmal in der Pause gegangen. Meine Frau wollte gleich schon nach dem ersten Lied gehen und meinte, dass wir uns doch lieber in ein nettes Lokal in Linz vergnügen sollten.

Das sind wirklich nur zwei Beispiele, die mir im deutschsprachigen Raum passiert sind und wo ich mich über jeden einzelnen Cent geärgert habe, den ich dafür ausgegeben habe (inklusive Anreisegebühren und Parkgebühren).

Bei all meinen Besuchen in England und/oder den USA (und das sind mittlerweile weit über 400 Theaterbesuche) ist mir das so noch nie passiert.

Zwar habe ich kürzlich auch eine schreckliche Hamletaufführung gesehen, jedoch hielt sich diese wenigstens noch an die Rollen im Stück (zumindest kamen sie alle vor, wenn auch die Rolle der Ophelia mit einem indischen Mann im Kleid besetzt wurde) und auch an den Originaltext.

Sind deutschsprachige Regisseure so untalentiert oder sind sie einfach so arrogant, dass sie sich über das Stück hinwegsetzen, wie sie wollen?

Ich merke nur mehr und mehr, dass mir deutsche, z.T. auch österreichische Produktionen immer weniger gefallen und dass ich dafür nicht gewillt bin, Geld auszugeben.

Daher die Frage: Wie weit darf ein Stück (inhaltlich) verändert werden?

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MyMusical
Benutzer
7614 Beiträge
26.06.18 06:32

"Sind deutschsprachige Regisseure so untalentiert oder sind sie einfach so arrogant, dass sie sich über das Stück hinwegsetzen, wie sie wollen?"

Ich mag in dieser Hinsicht ja keine Verallgemeinerungen und ich würde mal behaupten, dass ein Großteil der Regisseure ganz wunderbare Arbeiten abliefert, gerade im Bereich des Musicals.

Die Frage des Themas ist natürlich auch immer ein wenig an die Erwartungshaltung geknüpft. Die von dir hier geschilderten zwei Beispiele sind natürlich dann auch zwei "Extremfälle" unter sicherlich über 100 verschiedene neue Inszenierungen jedes Jahr. Und hinsichtlich der "Attentäter" gibt es ja auch die andere Sichtweise, die man u.a. im Bericht der aktuellen Musicals findet.

Zur inhaltlichen Veränderung bleibe ich bei meinem Grundsatz, dass sofern eine Idee gut ist und dem Zuschauer schlüssig näher gebracht wird, das durchaus legitim ist bei freien Inszenierungen. Da habe ich gar nichts gegen, natürlich kann es dann hin und wieder mal einen persönlichen Reinfall geben, wie ja auch bei deinem Hamlet-Besucht, aber dem Sitznachbarn gefällt es eben genau so vielleicht, beim nächsten Mal ist es dann andersrum. Und ohne es gesehen zu haben, genügend Fragen werden in Linz ja auch in den knapp 90 Minuten aufgeworfen, vielleicht muss man das auch mal sacken lassen und dann nochmal drüber nachdenken?

Bei mir war es z. B. in Lazarus in Düsseldorf so, dass es unmittelbar nach Ende noch nicht so gut weg gekommen ist in der Bewertung wie am nächsten Tag.

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kevin
Benutzer
3786 Beiträge
26.06.18 08:40

ASSASSINS ist vom Ansatz her ausgesprochen surreal.
Da liegt es nahe, dass man das Stück sehr frei adaptieren kann.
Außerdem ist das Musical durchaus politisch und gesellschaftskritisch. Das macht eine Aktualisierung gut möglich (vielleicht sogar notwendig.

Musicals werden im deutschsprachigen Raum überwiegend "brav" und konventionell inszeniert.
"Entgleisungen" und Provokationen findet man eher im Bereich Oper und Schauspiel.

Wenn man diesbezüglich weniger aufgeschlossen ist, sollte man einfach die Premiere abwarten und sich anhand der Rezensionen ein Bild machen.

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MarcCohen84
Benutzer
771 Beiträge
26.06.18 08:46

In der Tat finde ich es sehr gewagt deutschen Regiesseuren ihr Talent abzusprechen, nur weil es dir nicht gefällt.

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TazMA
Benutzer
2995 Beiträge
26.06.18 09:33

Meines Erachtens darf ein Stück abgeändert werden. Ob es mir gefällt ist eine andere Frage. Daher schaue ich schon möglichst genau hin, bevor ich mir ein Ticket kaufe.
Ich wurde von Änderungen auch schon positiv überrascht.

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Vollpfosten
Benutzer
497 Beiträge
26.06.18 09:42

Rein technisch gibt es die Möglichkeit für Autoren/Komponisten, ihre Werke durch die Verlage überwachen zu lassen. Alle, die Les Mis inszenieren, müssen zum Beispiel einen Plan einreichen und von London aus absegnen lassen. Normalerweise besuchen die Verlage, die die Rechte an den Stücken vergeben, auch jede Neuinszenierung - und kontrollieren zum Beispiel, ob der Text oder die Musik verändert wurde, das geht eigentlich gar nicht. In Deutschland gewähren sie den Theatern aber meist sehr große Freiheit, das kommt vollkommen auf die Autoren an. Es gibt auch im Schauspiel lebende Autoren, die sich mit den Regisseuren anlegen. Alle alten Werke, bei denen die Rechte 70 Jahre nach dem Tod der beteiligten Autoren abgelaufen sind, können frei inszeniert werden - Schiller, Mozart, etc.

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RAIMUND
Benutzer
1152 Beiträge
26.06.18 11:28

Ich bin ehrlich froh das wir bis auf wenige Ausnahmen vom "Regietheater" mancher Opern und Schauspielhäuser verschont bleiben.

Als Rechteinhaber würde ich mir auch genau überlegen, welche Ansätze gut sind und was man zulässt und was nicht.

Ich finde SUNSET BLVD. so ein tolles Beispiel wie man aus der Vorlage auch mit wenigen Mitteln ein Meisterstück machen kann, ohne das ganze umzustellen oder gar Songs zu streichen oder zu "verkopft" auf die Bühne zu bringen.

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chess
Benutzer
1301 Beiträge
26.06.18 11:35

Danke an Vollpfosten für die Erklärung. Das finde ich gut, wie das bei Les Mis gehandhabt wird und hätte mir das auch für Linz gewunschen (aber vielleicht haben sie ja das "nibil obstat" der Rechteinhaber bekommen.

Und ich habe nicht gesagt, dass alle Regisseure im deutschsprachigen Raum untalentiert sind. Ich habe die Frage in den Raum geworfen.

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MyMusical
Benutzer
7614 Beiträge
26.06.18 11:35

Wobei ich hier auch gerne die Betonung auf "mancher" legen möchte, oft wird ja so getan als sei es die Regel an allen Häusern, was eben so definitiv nicht stimmt.

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Charlotte
Benutzer
5748 Beiträge
26.06.18 12:10

Ich finde, dass sich der Regisseur nicht ueber den Autor stellen sollte. Wenn also das Stueck in der Inszenierung eine ganz andere Bedeutung bekommt, finde ich das schwierig.

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