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musicalzentrale - Forum
Themen / Überarbeitungs-Wahn bei Musicals
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MusicalJonas
Benutzer
1243 Beiträge
09.12.17 18:05

Ich würde mal gerne eine eigene Diskussion zu einem Thema starten, was wir schon bei Starlight Express und Cats kurz angesprochen hatten. Und zwar, dass manche Verantwortlichen meinen, erfolgreiche Musicals immer mal wieder anpassen, "modernisieren" (oder wie auch immer man es nennen mag) zu müssen.

Ich verstehe einfach nicht den Sinn dahinter.

Ich kann ja noch verstehen, dass man bei einem Stück, das schwach läuft oder sogar floppt, Dinge ändert um das Stück noch zu retten. Oder dass man vielleicht auch generell in der Anfangsphase noch die ein oder andere Anpassung vornimmt, wenn Dinge im alltäglichen Spielbetrieb doch nicht so funktionieren, wie gedacht.

Aber bei einem Stück, das über Jahre oder gar Jahrzehnte erfolgreich läuft, verstehe ich echt nicht, warum man immer Dinge ändern muss.

Diese Stücke sind doch nur deshalb so erfolgreich, weil sie so sind, wie sie sind.

Die Leute, die ein Stück noch nicht kennen, wissen ja eh nicht, was sie erwartet und werden das genauso lieben wie Generationen vor ihnen. Aber die Leute, die das Stück kennen, wollen ja die klassischen Inszenierungen, die sie so lieben und weshalb das Stück überhaupt erst so erfolgreich ist und nicht plötzlich andere Lieder, andere Handlungsstränge oder andere Charaktere.

Wenn z.B. bei "Cats" Gus plötzlich den Superhelden spielt, wirkt das auf mich völlig albern. Da war die Ballade von Billy MacCaw viel stimmiger und atmosphärischer. Und wie gesagt: es war halt das, was es jahrzehntelang gab, was man kennt und liebt und was u.a. zum Erfolg des Stücks beigetragen hat.

Oder ähnlich bei Starlight Express, wo gerade die Änderungen der letzten Überarbeitungen kaum jemand gut findet und wo mit der geplanten Änderung vom Papa zur Mama der ganze Charakter der Vater-Sohn-Beziehung und damit ein wichtiger Bestandteil der ganzen Handlungsidee wegfällt.

Ich sehe einfach nicht den Sinn in solchen Änderungen...

Es kommt doch auch niemand auf die Idee, Beethovens Fünfte ein wenig abzuändern, einem Gemälde von Chagall noch ein paar Linien zuzufügen oder einem Filmklassiker ein neues Ende zu verpassen oder scheinbar "veraltete" Szenen rauszuschneiden.

Und eh jetzt jemand sagt, lange Laufzeiten würden Änderungen nötig machen, damit auch noch jüngere Generationen weiterhin in das Stück gehen: NEIN. Ein Teenie, der Hip-Hop, Techno oder was auch immer hört, wird nicht in ein Musical gehen, nur weil eine Ballade wegfällt oder weil der Papa zur Mama wird. Die finden Musical per se "uncool", kommen aber vielleicht auch irgendwann auf den Geschmack und sind dann auch froh, keine pseudomäßig auf jung getrimmten Stücke (was aber eh nicht funktioniert) zu sehen, sondern die Klassiker, wie sie eben sind und wie sie überhaupt erst zu Klassikern wurden.

Was ich NICHT meine:
Ich meine damit nicht, dass man gar nichts an der Inszenierung ändern darf. Wenn z.B. bei Starlight Express die Kostüme heute moderner sind als früher mal oder bei Cats Grizabella am Ende nicht mehr über eine Treppe verschwindet, sondern "wegschwebt", habe ich da nichts dagegen. (Obwohl ich die Treppe immer noch als Metapher schöner finde als dieses nach oben entschweben, was mich eher an Tod als an Wiedergeburt erinnert.)

Und dass jede Inszenierung von einem Klassiker wie La Cage aux folles mit neuen Kostümen überrascht, statt dass es da genaue Vorgaben gibt, finde ich auch nicht nur okay, sondern sogar eine Bereicherung.

Aber wir reden hier von gestrichenen oder geänderten Liedern, völlig anderen Rollen, Handlungsänderungen, etc.

Um mal beim obigen Beispiel zu bleiben: das ist so, als würde bei La Cage plötzlich die Verlobte des Sohnes erkennen, dass sie lesbisch ist und dann zu einem neuen Techno-Lied mit einer anderen Frau zusammen käme. Mag eine interessante Idee für ein Stück sein, aber für ein anderes Stück - nicht für dieses...

Es ist nicht nur so, dass ich solche grundsätzlichen Änderungen an Musik, Handlung, Rollen nicht mag und dann oft diese Stücke nicht mehr besuche, sondern ich verstehe auch einfach nicht den Sinn, weil es keinen einzigen zusätzlichen Besucher bringt, der ohne diese Änderungen nicht reingegangen wäre, aber umgekehrt nur alte Fans vergrault.

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Kashoggi
Benutzer
2362 Beiträge
09.12.17 20:25

Kommt drauf an: Dass man bei "langelbigen" Stücken im Laufe der Zeit eben Erfahrungen macht und Details ändert, das Stück strafft, auch mal einen Song streicht um Längen auszumerzen. Damit kann ich leben. Wenn man aber verschlimmbessert oder das Stück bis zur Unkenntlichkeit ändert, dann muss ich auch passen. Vom originalen Starlight Express z. B. ist halt leider nicht mehr viel übrig. Was ich sehr schade finde. Andererseits kann ich z. B. sehr gut verstehen, dass man bei Elisabeth dieses unsägliche "Jagd" gestrichen hat. Das war ja thematisch auch nur eine Verdoppelung von "Rastlose Jahre" und daher völlig verzichtbar und es war nervtötend.

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Awakennings.neu
Benutzer
9068 Beiträge
09.12.17 23:01

Nervtötend fand ich es definitiv nicht, aber entbehrlich. Ich mochte die Szene aber wegen ihrer so schön einfachen Inszenierung. Keine blöde Effekthascherei, kein technischer Schnickschnack.

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MyMusical
Benutzer
7816 Beiträge
11.12.17 09:03

Hin und wieder merkt man eben auch, dass einige Stücke nicht so funktionieren wie gewünscht und schlussendlich lebt ein Stück ja auch von teilweisen Anpassungen. So wurde bei Spotlight auch hin und wieder in Folgejahren gerne mal ein neues Lied eingebaut. Natürlich hat man hierdurch auch einen gewissen Werbewert, was aber ja nicht grundsätzlich schlimm ist. Auch "Vom Geist der Weihnacht" wurde ja immer wieder mal leicht verändert.

Anders Beispiel: Marie Antoinette würde ich bei einer möglichen Neuinszenierung noch mehr mögen, wenn man den "Pariser Schnitt" ersatzlos streicht oder statt dessen ein neues Lied komponiert. ;)

Natürlich gibt es auch immer wieder Beispiele wo einem persönlich eine lieb gewonnene Szene fehlt. Aber auch im Bereich der Oper gab es früher immer wieder Anpassungen durch den Komponisten zu seinen Lebzeiten, das ist ja nun nichts neues im Bereich des Musical. Und der allgemeine Zeitgeist und Mainstreamgeschmack ändert sich über die Jahre auch, von daher kann ich dir da nicht ganz zustimmen.

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cellophan
Benutzer
1447 Beiträge
11.12.17 10:20

Ich glaube das hängt auch immer vom Stück ab. Bei Mozart! hatte ich z.B. den Eindruck, dass das Stück einige Jahre gebraucht hat um seine finale Form zu finden, was ihm aber auch gut getan hat.

Bei StEx liegen die Änderungen m.E. darin begründet, dass die Musik an sich sehr dem Zeitgeist der End-Achtziger-Jahre entsprach und man hat versucht sie ein bisschen an die jeweiligen Zeiten anzupassen. Das ist ja im Grunde eine Pop-Show bei der die Musik fast wie ein Darsteller ist. Ich meine das in Abgrenzung zu anderen Stücken aus der gleichen Zeit, die mehr durch ihr Handlung getragen werden und bei denen daher der Stil der Musik weniger auffällt. Ob diese Anpassungen dann immer gelungen sind, ist eine andere Frage.

Manchmal kommen auch Änderungen über Verfilmungen in die Stücke (EVITA He must love me, GREASE).

Ich glaube man kann da keine allgemein gültige Regel aufstellen. Eher so: Ob eine Änderung funktioniert, merkt man meist daran, ob sie in späteren Produktionen erhalten bleibt.

Ich bin aber strikt dafür, dass die Autoren eine Stückes immer das Recht haben es umzuschreiben. Wenn sie dann noch einen Produzenten finden, der das auf die Bühne bringt umso mehr.

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MusicalJonas
Benutzer
1243 Beiträge
16.12.17 18:10

@cellophan:
"Ich glaube das hängt auch immer vom Stück ab. Bei Mozart! hatte ich z.B. den Eindruck, dass das Stück einige Jahre gebraucht hat um seine finale Form zu finden, was ihm aber auch gut getan hat. "


Das ist genau das, was ich meinte:
bei Stücken, die schwach laufen oder gar floppen, kann ich ja noch verstehen, dass man weiterhin daran arbeitet und versucht, das durch Überarbeitungen besser zu machen.

Aber bei Stücken, die über Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich laufen, verstehe ich nicht, wieso man meint, da plötzlich noch etwas ändern zu müssen.

Oder gibt es wirklich irgendwen, der bei Stex den Ersatz für "Ne Lok mit Locomotion" besser findet als das Original?

Oder hat die Ballade von Billy McCaw Cats jahrzehntelang so unerträglich lang gemacht, dass es alle zu lang fanden? Wohl kaum...

Oder dient es wirklich dem Charakter des Stücks Cats und der "Würde der Katzen", die von Old-Deuteronomy gepriesen wird, wenn aus dem altehrwürigen Theater-Kater Gus, der auf eine große Karriere zurückblickt, sich aber damit abfinden muss, dass seine Karriere zu Ende ist, der Lächerlichkeit preisgegeben wird, indem er als "Superheld" auftritt? Das ist so, als würde man Norma Desmond in einer Überarbeitung von SB in einem Madonna-Kostüm auf die Bühne schicken. Gus war Charakterdarsteller und kein billiger Batman-Superman-Spiderman-Darsteller für Teenies...

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coricolonzo
Benutzer
768 Beiträge
16.12.17 21:43

@MusicalJonas:
Hast du die geänderte Gus-Szene gesehen? Wenn ja: wie oft? Und wie oft Billy McCaw? Oder dessen Vorgänger- Growltiger?

Ich kenne alle drei Versionen. Aus meiner Sicht war Growltiger die Beste - weil "komischste".

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coricolonzo
Benutzer
768 Beiträge
16.12.17 21:44

Und nach deiner Theorie hätte ja auch Billy McCaw nicht Growltiger ablösen dürfen...

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Marten
Benutzer
237 Beiträge
30.12.17 13:40

@coricolonzo:
War Billy MacCaw nicht von Anfang an dabei? Ich habe eine alte CD aus London und da ist das drauf...

Falls nicht, muss das zumindest ziemlich früh eingefügt worden sein und das entspräche ja dann dem frühen "Findungsprozess" von dem Jonas sprach.

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MusicalJonas
Benutzer
1243 Beiträge
02.01.18 12:49

@coricolonzo:

Meiner Meinung war Growltiger und Billy McCaw parallel. Oder irre ich mich da? Ist halt schon eine ganze Weile her.

Aber wie gesagt: ich finde es auch vollkommen legitim, in der Anfangsphase Dinge, die nicht funktionieren, zu ändern. Ehe das Stück deswegen floppt...

Aber wenn man dann eine Form gefunden hat, die über Jahre oder Jahrzehnte super funktioniert und erst für diesen immensen Erfolg verantwortlich ist, dann verstehe ich nicht, wieso man dann auf einmal meint, Dinge ändern zu müssen.

Die Leute, die das Stück noch nicht kennen und dann reingehen, tun das nicht wegen der Änderungen, sondern die wären so oder so reingegangen. Und die Leute, die das Stück schon gesehen haben und nochmal reingehen, weil sie es toll fanden, wollen natürlich das Stück so sehen, wie sie es toll fanden und nicht mit Änderungen.

Oder um mal ein Sprichwort ein wenig abzuwandeln:
Never change a winning production.

Und konkret bei Cats finde ich die Änderung auch noch besonders schlecht (wobei das natürlich rein subjektiv ist), da ich die Ballade von Billy McCaw so toll fand und Gus als Superheld so albern.

Und was unabhängig von dieser subjektiven Meinung noch dazu kommt: auch rein objektiv passt die Superhelden-Nummer nicht zu dem wie Gus in seinem Song vorgestellt wird: als großer Mime, der bedeutende, "große" Rollen gespielt hat (vom Kaliber eines Sir Laurence Olivier oder eines John Gielgud und nicht eines Arnold Schwarzenegger oder Jean-Claude van Damme) und nicht irgendwelche Superhelden-Comics.

Das ist einfach inhaltlich nicht stimmig. Man will krampfhaft modernisieren und vergisst dabei die inhärente Logik des Stücks. (Und wie gesagt, vermisse ich obendrein auch noch das wunderschöne Lied.)

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