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Themen / Jedermann die Rockoper - Domstufenfes...
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ginger
Benutzer
18 Beiträge
14.07.14 20:53

Hallo, hat jemand hier schon die Jedermann UrauffĂŒhrung in Erfurt gesehen und kann was dazu erzĂ€hlen? Ich fahre morgen hin und wollte mal hören, ob es schon EindrĂŒcke gibt?

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kevin
Benutzer
3916 Beiträge
15.07.14 09:06

Das eingespielte Duo Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text/Inszenierung) kann mit seiner musikalischen Adaption von Hugo von Hofmannsthals Klassiker vollkommen ĂŒberzeugen und sehr gut unterhalten.

Peter Lund orientiert sich sehr gekonnt an der mittelalterlichen Reimform der Vorlage, lÀsst sie aber trotzdem verstÀndlich und elegant klingen.
Er nimmt sich literarisch die eine oder andere Freiheit, ohne allerdings nur einmal die Kernsubstanz und Aussage aus dem Fokus zu verlieren, zu verfÀlschen oder neu zu interpretieren.
So wird z.B. die Rolle der Buhlschaft (hier die "Liebste") gehörig aufgewertet. Die junge Naive wird in Lunds Buch zur starken, selbstbewussten, modernen Frau, die entscheident zu Jedermanns LÀuterung beitrÀgt.
VerĂ€nderte Figurenkonstellationen von Gott, Tod, Teufel, Mammon und Werke fallen auf. Sie treten mehrfach als Vierer- oder FĂŒnferrat auf, um recht flapsig-lakonisch (aber niemals banal und flach) um das Schicksal des Protagonisten zu schachern.
FĂŒr mich etwas unverstĂ€ndlich wurde leider der wichtige Charakter des "Glaubens" vollkommen weggelassen.

Auch Wolfgang Böhmers Musik ist bestens gelungen und bietet große stilistische Vielfalt ohne sich einem gĂ€ngigen Musical-Mainstream anzubiedern: Bombastisch-dramatisch, operettig-leicht, rockig-kantig klingen die Kompositionen, die eindrucksvoll von einem klassischen Orchester und einer Rockband live gespielt werden.

Die optische Umsetzung und Inszenierung Lunds begeistert. Das große Areal der Domstufen wird von Ensembel, Chor und Statisterie mit prallem Leben gefĂŒllt.
Das aufwendige Lichtdesign, dass auch immer wieder den kompletten Dom eindrucksvoll mit einbezieht, schafft wunderbar stimmungsvolle Phantasmagorien.
Herrliche Hingucker sind die vielen abwechslungsreichen KostĂŒme.
Angelehnt an kafkaesque AlbtrĂ€ume, Alien-Style und Rocky Horror Show unterstreichen sie die Zeitlosigkeit des StĂŒcks.

Auch die Besetzung kann nachhaltig fĂŒr sich einnehmen.
Andreas Lichtenberger ist ein sehr charismatischer, prÀsenter JEDERMANN.
Brigitte Oelke ist als Tod der Liebling des Publikums. Sie begeistert mit extrem variabler Stimme und quicklebendigem Spiel.
Nadia Mchantaf als Liebste bringt mit wunderbarer Stimme die Oper in die Rockoper.

Insgesamt also eine sehr gelungene AuffĂŒhrung, die gekonnt die Balance zwischen Tiefgang und Unterhaltung findet.
JEDERMANN istinsbesondere auch ein LehrstĂŒck fĂŒr die Macher der ALTEN DAME.
SO adaptiert man Klassiker fĂŒr das Musiktheater ohne literarischen Schiffbruch zu erleiden.

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ginger
Benutzer
18 Beiträge
15.07.14 15:43

Danke fĂŒr die ausfĂŒhrliche Rezension. Klingt ja wirklich vielversprechend. Jetzt freue ich mich noch mehr auf heute Abend

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ginger
Benutzer
18 Beiträge
16.07.14 00:42

Da ist Erfurt ein großer Wurf gelungen. Durch die Feder von Peter Lund wurde der Jedermannstoff brilliant adaptiert. Durch seine AllgemeingĂŒltigkeit schafft es die alte Hoffmannsthal’sche Vorlage auch heute noch mahnenden Charakter zu vermitteln. Lund, der auch Regie fĂŒhrte, nutzt das imposante Ambiente der Domstufen und darf mit verschwenderischer GroßzĂŒgigkeit mit Darstellern, Statisterie und stimmgewaltigen Opernchor, die Szenerie besetzen. Seine Personenregie ist auf diese gewaltige BĂŒhne angelegt, wodurch allerdings mancher intimer Spielakt den Darstellern genommen wird. Als open Air Veranstaltung ist die szenische Umsetzung jedoch genial. Die Musik von Wolfgang Böhmer ist nicht sehr leicht zu kategorisieren. Er bedient tatsĂ€chlich diverse Stile im Laufe des StĂŒckes. Auffallend ist aber der immense Melodienreichtum. Die Rockband und das Synfonieorchester verschmelzen gekonnt und interagieren eindrucksvoll. Es wird niemals ohrenbetĂ€ubend sondern sinnvoll ins fortissimo musiziert. Das BĂŒhnenbild ist der Star des Abends. Solch eine perfekte Grundkulisse gibt es selten zu bestaunen. Das ĂŒbrige BĂŒhnenbild ist wunderbar angepasst und erweitert die vorhandenen Gegebenheiten perfekt. Die KostĂŒme sind witzig skurril, wobei man dem Tod mit Abstand die beste Ausstattung zukommen ließ. Der Tod wird von Brigitte Oelke dargestellt, die mit großem Einsatz sowohl stimmlich als auch spielerisch ĂŒberzeugt. Sie ist der kongeniale Widerpart zu Jedermann, von Andreas Lichtenberger dargestellt. Er ist ein außerordentlich gut aussehender Jedermann. Er verkörpert das arrogante, gemeine genauso glaubhaft wie seine Wandlung zu einem Menschen, der es gerade noch rechtzeitig auf Erden lernt zu geben. Er meistert die rockigen Nummern ebenso, wie die leisen, berĂŒhrenden. SpĂ€testens wenn er gemeinsam mit den guten Werken, gespielt von Marysol Ximenez-Carrillo, zum letzten Lied „Leicht soll es sein“ anstimmt, kann man sich schwerlich der mahnenden Aussagekraft entziehen. Die weiteren Allegorien, wie der Teufel, Mammon und der liebe Gott sind solide und herrlich karikiert. Anstatt Buhlschaft wird diese von Lund als Liebste bezeichnet. Von der OpernsĂ€ngerin, Nadja Mchantaf gesungen, erfĂ€hrt ihre Figur bei Lund mehr Dominanz. Sie darf eine toughe Frau sein, die sich nicht alles gefallen lĂ€sst. Sie widerspricht, sie eckt an und bĂŒĂŸt es schließlich indem sie am Scheiterhaufen schlĂŒssig verbrannt wird. Auch die Mutter Jedermanns, Katja Bildt, hat AutoritĂ€t und darf das stimmlich zeigen. Das Ensemble ist ambitioniert und unterstĂŒtzt die Handlung, wie es sein soll. Es ist ein mehr als sehenswertes StĂŒck und man darf nur hoffen, dass sich bald ein Theater die Rechte erwirbt und diese Produktion am Leben erhĂ€lt. Es wĂ€re unverstĂ€ndlich, wenn dieses Werk nicht den Weg in große HĂ€user finden wĂŒrde, da es thematisch up to date ist, famose Musiknummern beinhaltet und einen ausreichenden Unterhaltungswert bietet.

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