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Tipp der Redaktion
Pop-Musical

Dear Evan Hansen

You Will Be Found


© Matthew Murphy
© Matthew Murphy
Herausragende Darsteller, poppige, aktuelle Musik und eine tragisch-komische Geschichte, die zu Herzen geht. "Dear Evan Hansen" ist ein Must-See. "And here’s why…"

(Text: Jens Alsbach)

Premiere:19.11.2019
Rezensierte Vorstellung:27.12.2019
Showlänge:150 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Es gibt sie immer mal wieder. Diese Momente, in denen man bemerkt, was Theater bewegen kann. "Dear Evan Hansen" hat viele solcher Momente - die Show ist ein Auf und Ab der Gefühle. Einerseits gibt es die mit Liebe und viel Tiefe recherchierte Geschichte des an einer Angststörung leidenden Evan Hansen, die lose auf die Schulzeit von Komponist Benj Pasek zurückgeht. Andererseits sind es die Darsteller, die die vielschichtigen Charaktere mit Leben füllen. Beides zusammen ergibt eine solch fesselnde Inszenierung, wie man sie selten auf Theaterbühnen sieht. Schwere Kost, aber auch viel Herz.

Evan Hansen ist ein Teenager, dessen Angststörung es ihm beinahe unmöglich macht, soziale Kontakte aufzubauen. Aufgrund der Empfehlung seines Therapeuten beginnt er, E-Mails an sich selbst zu schreiben, die ihm dabei helfen sollen, sein Vertrauen zu stärken. Leider wird sein Leben zusätzlich aus der Bahn geworfen, als sein Mitschüler Connor Murphy sich das Leben nimmt. Das Musical erzählt von Evans Verstrickungen in die Hintergründe des Selbstmordes und von der Not, in die er selbst gerät, weil er versucht, der Familie des Verstorbenen zu helfen.

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Evan-Darsteller Sam Tutty ist schlichtweg grandios. Die Rolle des Außenseiters ist eine der komplexesten, die es derzeit auf internationalen Musicalbühnen darzustellen gibt, und so kann man Tuttys Leistung gar nicht genug loben. Dabei ist es weniger der gesangliche Anspruch, der die Rolle so außergewöhnlich macht - es ist die schauspielerische Leistung, die es zu würdigen gilt. Evan ist durch seine soziale Störung so stark beeinträchtigt, dass er in kaum einer Situation "normal" reagiert. Er stottert, er schwitzt, er fängt unvermittelt an zu weinen oder hat Zuckungen in seiner rechten Hand, die er versucht zu verbergen. All diese Emotionen hat Tutty so außergewöhnlich authentisch drauf, dass das Publikum denkt: "Das kann doch gar nicht geschauspielert sein!" Außerdem läuft beinahe jede seiner mündlichen Kommunikationen aus dem Ruder, da es Evan schwer fällt, normal und zielgerichtet zu kommunizieren. So muss - zumindest am Anfang - jeder Dialog bis ins Detail getimt sein, damit er spontan und nachvollziehbar wirkt.
Ganz besonders stark ist Tutty in der Szene, in der Evan eine Rede vor der gesamten Schülerschaft halten muss und man als Zuschauer diesen am Boden zerstörten Jungen einfach nur aus seiner Pein erlösen möchte. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle ist eine ganz starke Leistung!

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Getragen wird diese Leistung durch die superbe Unterstützung des 7-köpfigen Ensembles, dessen Rollen allesamt sehr speziell sind. Zuerst zu erwähnen ist da Rebecca McKinnis in der Rolle von Evans Mutter Heidi, eine Frau, die an der Liebe zu ihrem Sohn beinahe zerbricht. McKinnis’ liebevoller und authentischer Umgang mit den Besonderheiten ihres Sohnes rührt - besonders im Zusammenspiel mit Sam Tutty - zu Tränen.

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Connors Schwester und Evans Angebetete Zoe (hervorragend interpretiert von Lucy Anderson) leidet still unter dem Tod ihres Bruders, während sie gegen die Schuldgefühle ankämpft, die sie ihm gegenüber im Herzen trägt.
Auch Connors Eltern finden eine brillante Verkörperung durch Lauren Ward und Rupert Young. Während Connors Vater erst am Ende des ersten Aktes zum ersten Mal Gefühle zeigt, ist seine Mutter ständig um Fassung bemüht.
Evans "enge Bekannte" - Freunde hat er nicht wirklich - sind Jared Kleinman (mit viel Comedy-Gespür und einem herrlich satirischen Lachen dargestellt von Jack Loxton) und Alana Beck (Nicole Raquel Dennis), die immer wieder an den Kern der Geschichte erinnern; an die Tatsache, dass niemand Außenseiter sein sollte und jeder Mensch auf seine Weise besonders ist. Und letztlich ist noch Doug Colling als Connor Murphy zu nennen, der in einer bewegenden Szene gegen Ende den wahren Hintergrund von Evans Geschichte aufdeckt. Auch hier darf wieder der grandiosen Schauspielkunst und zusätzlich dem cleveren Buch von Steven Levenson gedankt werden. Auch diese Szene ist ganz großes Kino.

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

David Korins' Set Design (mit Projektionen von Peter Nigrini) besteht aus verschiebbaren Projektionsflächen, die fortlaufend diverse Social Media Apps präsentieren und uns so bildlich vor Augen führen, wie groß der Kontrast zwischen Realität und Internet-Wirklichkeit ist. Ein geschickter Kniff der Bühnentechniker, Evans Zerrissenheit noch eindringlicher darstellen zu können - und davon abgesehen die Geschichte auf einen aktuellen Stand der Zeit zu bringen.

Aktuell ist auch der Score von Benj Pasek and Justin Paul, eine Mischung aus poppigen Solos und eindringlichen Ensemblenummern. Besonders heraus stechen Evans "Waving Through A Window" und der Finalsong des ersten Aktes "You Will Be Found", eine Nummer, die mit ihrem Text und der Dramatik auf der Bühne tief ins Herz geht.

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Und so lautet auch der offizielle Hashtag zu "Dear Evan Hansen": #youwillbefound. Diese Botschaft ist es, die diese Story und damit dieses Musical so besonders macht. Hier wird von einem grandiosen Ensemble allabendlich eine Geschichte auf die Bühne gebracht, die zu Tränen rührt und nachdenklich macht. Große Anerkennung für Regisseur Michael Greif, der es schafft, diese komplexe, top-aktuelle Geschichte so aufrichtig zu erzählen. Hier wird transparent, wie wichtig es ist, dass Menschen sich Kraft und Hoffnung schenken und außerdem, welche Magie das Theater entfachen kann.

(Text: Jens Alsbach)






Kreativteam

Regie Michael Greif
Bühnenbild David Korins
Projektionen Peter Nigrini
Kostüme Emily Rebholz
Licht Japhy Weideman
Sound Nevin Steinberg


Besetzung

Evan Hansen Sam Tutty
Marcus Harman
Zoe Murphy Lucy Anderson
Heidi Hansen Rebecca McKinnis
Conor Murphy Doug Colling
Cynthia Murphy Lauren Ward
Larry Murphy Rupert Young
Jared Kleinman Jack Loxton
Alana Beck Nicole Raquel Dennis
Ensemble David Breeds
Alex Thomas-Smith
Tricia Adele-Turner
Hannah Lindsey
Natalie Kassanga
Courtney Stapleton
James Winter
Haydn Cox
Mark Peachey



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Inszenierung

Musik

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Pflichtprogramm in London! Sam Tutty brilliert in einer anrührenden, top-aktuellen Story über Zusammengehörigkeit und die Macht der Medien.

30.12.2019

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