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Rotlicht-Kom├Âdie

Irma La Douce

Wenn der Freier nur quatschen will


© TOG/Christina Brachwitz
© TOG/Christina Brachwitz
Wer einen Musical-Oldtimer von 1956 zeigt, der sollte pr├╝fen, ob er Patina angesetzt hat und in diesem Fall gegensteuern. Dies gelingt Tatjana Rese mit ihrer recht klamottigen "Irma La Douce"-Inszenierung in einer Ausstattung ohne Frankreich-Flair (Sabine Pommerening) nicht.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:24.05.2019
Rezensierte Vorstellung:31.05.2019
Letzte bekannte Auff├╝hrung:23.06.2019


├ťberdimensionale Reklametafeln h├Ąngen an den W├Ąnden. Sie werben nicht, wie es in einem in Paris spielenden St├╝ck naheliegt, f├╝r franz├Âsische Produkte, sondern mit verfremdeten Namen unter anderem f├╝r ein bekanntes deutsches Sp├╝lmittel und einen bedeutenden Hausger├Ątehersteller aus G├╝tersloh. Mit ihrer Wirtschaftswunder-Anmutung verweisen sie in die 1950er Jahre, in denen das Musical "Irma La Douce" entstanden ist und spielt. Auch die auf der B├╝hne stehende Laterne passt nicht in das Pariser Vergn├╝gungsviertel rund um die Place Pigalle. Ist es doch eine DDR-XXL-Stra├čenlampe, die viele im Saal noch unter der scherzhaften Bezeichnung "Bratpfanne" aus ihrer Jugend kennen. Franz├Âsisches Flair verspr├╝ht in Sabine Pommerenings Ausstattung einzig ein mehrere Meter messendes Baguette, das zu Beginn der Show durch das f├╝r das "Sommerspektakel" umgestaltete Schauspielhaus getragen wird. Bei diesem Format sitzt das Publikum nicht wie gewohnt in Reihen vor einer B├╝hne, sondern an kleinen Tischchen neben einem durch den Saal f├╝hrenden Steg. Er verbindet zwei Spielfl├Ąchen an den Kopfenden und versetzt so die Besucher mitten ins St├╝ck, in dessen Handlung sie auch immer wieder integriert werden.

© TOG/Christina Brachwitz
© TOG/Christina Brachwitz


Interaktion gibt es auch in der Pause im Innenhof, der mit einigen Versatzst├╝cken und Abbildungen auf Planen als Seine-Promenade hergerichtet ist. W├Ąhrend die G├Ąste einen im Kartenpreis inkludierten herzhaften Cr├¬pes mit Salat genie├čen, flanieren hier Huren (Peggy Dodita, Sophie Schubert) und ein Flic (Diethard Wegner). Eine S├╝├čigkeiten-Verk├Ąuferin (Djamila I├čleib) bietet Leckereien an und ein Stra├čenmusikant singt zur Akkordeonbegleitung. Da st├Ârt weniger, dass Andreas Cotterell nicht unbedingt jeden Ton richtig trifft, sondern es ist ├Ąrgerlich, dass sich zwischen Piaf-Chansons und Mireille- Matthieu-Schlager auch "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" mogelt.

© TOG/Christina Brachwitz
© TOG/Christina Brachwitz


Auch auf der Pariser Rotlichtmeile im Saal mag das Spiel nicht richtig z├╝nden. Regisseurin Tatjana Rese vers├Ąumt es, die beh├Ąbige, arg in die Jahre gekommenen Vorlage um den Studenten Nestor, der sich in das Freudenm├Ądchen Irma verliebt und f├╝r sie aus Eifersucht den fiktiven, millionenschweren Freier Monsieur Oscar mimt, einem heutigen Publikum zug├Ąnglich zu machen. In den 1950er Jahren waren k├Ąufliche Liebe und eine Freier-Huren-Liaison spannend und anr├╝chig. Fast siebzig Jahre sp├Ąter wirkt eine die Bordsteinschwalben-Romantik verkl├Ąrende Inszenierung altbacken. Statt frischer Gags arrangiert Rese eine oft recht alberne Klamotte aus der Mottenkiste, in der ihre innovativste Idee ist, Irma von Kopf bis Fu├č inklusive Frisur in t├╝rkis zu zeigen. Wirklich witzig ist allein die Sequenz nach der Pause auf der Gef├Ąngnis-Insel. Hier traut sich die Regisseurin endlich eine skurrile ├ťberzeichnung mit tumben W├Ąrtern, die sich beim Pinkeln am Kaktus verletzen und gelb gewandeten Gefangenen, die in Tricolore-Badehosen (Kost├╝me ebenfalls Sabine Pommerening) t├╝rmen. Mehr davon h├Ątte der faden Inszenierung gutgetan.

© TOG/Christina Brachwitz
© TOG/Christina Brachwitz


Auf der Haben-Seite dieser "Irma"-Inszenierung steht deren musikalische Umsetzung. Unter der Leitung von Frank Obermair am Klavier interpretieren die f├╝nf, in einer Saal-Ecke sitzenden "Cornichons"-Musiker Marguerite Monnots Partitur, die haupts├Ąchlich dem franz├Âsischen Chanson verpflichtet ist, atmosph├Ąrisch dicht und authentisch. Obermairs Truppe spielt jedoch auch frech und schr├Ąg ├á la Kurt Weill und macht den unverw├╝stlichen Gassenhauer "Dis Donc" zum fetzigen Showstopper. Hier schl├Ągt die Stunde des Choreografen Lars Scheibner, der die Darsteller mit gro├čer Rasanz ├╝ber den Steg jagt und ihnen das Beineschmei├čen ├á la Can-Can abverlangt.

© TOG/Christina Brachwitz
© TOG/Christina Brachwitz


Dreh- und Angelpunkt der Show ist Josefin Ristau in der Titelrolle. Ihre Irma ist weniger eine gesch├Ąftst├╝chtige, professionelle Liebearbeiterin, denn eine Frau, die f├Ąhig ist, echte Gef├╝hle zu entwickeln. Dabei pendelt sie emotional nachvollziehbar zwischen Nestor und Oscar hin und her. Gesanglich liefert Ristau mit sch├Ânem Musical-Sopran die rundeste Leistung des Abends ab und harmoniert gut mit dem in tieferen Lagen etwas unsauber intonierten Bariton von Michael Goralczyk. Als zun├Ąchst naiver Jura-Student Nestor, der als Zuh├Ąlter ins Rotlichtmilieu einsteigt, wirkt er etwas zu alt, ├╝berzeugt aber bravour├Âs in der Tour de Force des Wechsels zwischen seinen Rollen und im Zwiegespr├Ąch mit dem reicheren Alter Ego Oscar. Das ist sehr komisch und sehr sehenswert.

© TOG/Christina Brachwitz
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Als Wirt Bob schenkt Benjamin Muth an der Bar Unmengen an "Diabolo Menthe" aus, f├╝hrt als Erz├Ąhler souver├Ąn durch den Abend und assistiert immer wieder einzelnen Figuren als stummer Diener. Gesanglich gef├Ąllt er gemeinsam mit Irmas urspr├╝nglichem Zuh├Ąlter Hypolite (Frank Metzger) und dem Halbwelt-Trio Bonbon (Klaudia Raabe), Roberto (Sven Jenkel) und Persil (Thomas P├Âtzsch) im Ensemble-Song "Das ist unser Milieu". Dirk Schmidt, der den zwielichtigen Kommissar gibt, kann da stimmlich nicht mithalten. In kleineren Aufgaben als Huren, W├Ąrter, Kunden und Flics f├╝gen sich Samira Hempel und Anika Kleinke perfekt in das spielfreudige Ensemble ein.

Zum sechsten Geburtstag hat das stets ausverkaufte Format "Sommerspektakel" im Schauspielhaus Neubrandenburg eine bessere Produktion verdient. Trotz eines gro├čen Aufwands und viel Herzblut, das auch in das Drumherum geflossen ist, ist "Irma La Douce" zwar ganz nett, aber alles andere als zeitgem├Ą├č. Im kommenden Jahr ├Âffnet an gleicher Stelle ein Blumenladen, dessen blutr├╝nstige Pflanze hoffentlich nicht ganz so bieder daherkommt.

(Text: kw)






Kreativteam

InszenierungTatjana Rese
Musikalische LeitungFrank Obermair
AusstattungSabine Pommerening
ChoreografieLars Scheibner


Besetzung

Irma la DouceJosefin Ristau
Nestor le Frip├ę/OscarMichael Goralczyk
RobertoSven Jenkel
PersilThomas P├Âtzsch
BonbonKlaudia Raabe
HypoliteFrank Metzger
BobBenjamin Muth
KommissarDirk Schmidt
Huren/W├Ąrter/Kunden/FlicsAnika Kleinke
Samira Hempel
Huren an der SeinePeggy Dodita
Sophie Schubert
Polizist an der SeineDiethard Wegner
S├╝├čigkeiten-Verk├Ąuferin an der SeineDjamila I├čleib
Akkordeonspieler an der SeineAndreas Cotterell
"Les Cornichons"

KlavierFrank Obermair
AkkordeonVladyslav Urbanskyy
GeigeAlbrecht Rau
KontrabassMargaretha Hafner-Akazawa
SchlagzeugChristoph Keck
Mark Rose





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Besetzung

Ausstattung

Klamottig inszenierter Musical-Oldie aus der Mottenkiste. Ebenso bem├╝ht aufgesetzt ist das Rahmenprogramm mit Flic, Akkordeonspieler und Nutten zur Pause im Hof.

31.05.2019

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