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Orientical aus 1001 Nacht

Kismet

Wenn der Gärtner der Kalif ist


© Tom Schweers
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Lange bevor Disneys "Aladdin" die Bühne erobert hat, ist mit "Kismet" ein orientalischer Märchenstoff "vermusicalt" worden. Das in Deutschland nahezu unbekannte Werk kehrt jetzt in einer langatmigen, wenig überzeugenden Inszenierung von Wolfgang Dosch als prächtig ausgestattete Orient-Operette zurück.

(Text: kw)

Premiere:16.03.2019
Rezensierte Vorstellung:16.03.2019
Showlänge:175 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Vom armen Bettler zum einflussreichen Emir: Diese steile Karriere legt der Poet Hajj innerhalb von knapp drei Stunden im Musical "Kismet" hin. Drei Stunden, die im Landestheater Neustrelitz trotz immensen Aufwands, nur langsam vergehen.

Ein Grund hierfür liegt in der aus Motiven orientalischer Märchen zusammengesetzten Handlung, in welcher der erwähnte Poet sich mit List und noch mehr Glück den Intrigen eines machthungrigen Wesirs widersetzt. Gleichzeitig verliebt sich seine Tochter Marsinah unsterblich in den Kalifen von Bagdad, der inkognito als Gärtner unterwegs ist. Selbstverständlich finden zum Finale die richtigen Paare zueinander und der Bösewicht erhält seine gerechte Strafe: Ziegen dürfen ihm Salz von seinen Fußsohlen lecken. Bei der Uraufführung im Jahr 1953 mag so ein Buch, die Zuschauer begeistert haben, heute wirkt es antiquiert.

© Tom Schweers
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Das Theater Neustrelitz schlägt deshalb genau den richtigen Weg ein, die magere Handlung optisch aufzuwerten. Susanne Thomasbergers Kostüme geleiten das Publikum als funkelnder Farbenrausch mit Turbanen, Schleiern und Pluderhosen direkt in die orientalische Märchenwelt. Als zentrales Deko-Element ihres Bühnenbildes dient ein auf der Drehbühne postiertes, gelbes Holzpodest, das an eine Düne in der Wüste erinnert. Hier sind Treppen und Sitzgelegenheiten integriert und dank weniger hereinschwebender Versatzstücke wird mühelos aus einem Basar ein romantischer Garten oder ein Sultanspalast. Thomasberger überrascht hier immer wieder mit humorvollen und originellen Details, indem sie zum Beispiel Palmen auf den Kopf stellt oder einen überdimensionaler Kamelkopf ins Publikum glotzen lässt.

Weniger überraschend ist Wolfgang Doschs Inszenierung. Er lässt alles werkgetreu vom Blatt spielen und arrangiert den Märchen-Plot als kitschige Orient-Operette der großen Gesten mit viel zu vielen und viel zu langen Sprechszenen. Doschs Bagdad besteht aus Tableaus mit neckisch kichernden Haremsdamen, holden Prinzessinnen und geschäftstüchtigen Händlern, die im Basargetümmel edle Stoffe, Perlen und rechtlose Sklavinnen verscherbeln. Die stimmschön singenden Mitglieder des Opernchores werden hier auch in zahlreichen kleinen Sprechrollen gefordert, deren Texte oft wegen eines starken Akzentes nur schwer zu verstehen sind. Auch mühen sich die Choristen redlich, durch Armgeschwenke und Hüftwackeln so etwas wie orientalische Revue-Atmosphäre zu versprühen, was allerdings sehr bemüht wirkt. Zum Glück sorgen die äußerst beweglichen Mitglieder der Deutschen Tanzkompanie mit kraftstrotzenden, aber auch sehr grazilen Choreografien von Alexandre Tourinho gekonnt für atmosphärisch dichteren Flair aus 1001 Nacht. Bedauerlicherweise sind ihre Einsätze lspärlich dosiert. Mehr professioneller Tanz würde in der recht behäbig wirkenden Inszenierung deutlich mehr Staub aufwirbeln.

Sehr unausgewogen sind auch die Personenzeichnungen. Auf der einen Seite lässt Regisseur Dosch Marsinah und den Kalifen als zentrales Liebespaar zu süßlich-zurückgenommen agieren, hingegen geraten andere Figuren durch zu viel des Guten zur bloßen Karikatur. Das gilt sowohl für den sehr kreischig angelegten Räuberhauptmann Jawan (Markus Kopp), als auch für den Wesir und seinen Leibdiener. Sebastian Naglatzki und Christoph Deuter spielen ihre Rollen derart überzogen tuntig, dass es überrascht, dass aus ihnen kein Liebespaar wird. Immerhin singt Naglatzki mit rundem, schön moduliertem Bassbariton. Dabei gelingt ihm mit "Wesirs Plaisir" ein respektabler Showstopper. Als dessen gelangweilte Lieblingsfrau Lalume gibt Laila Salome Fischer eine Strippenzieherin mit Weitblick. Nicht nur im revueartigen Song "Rahadlakum" gefällt sie mit sattem Mezzosopran und ausgefeilten Spitzentönen. Fischer liefert insgesamt die beste gesangliche Leistung des Abends.

In der zentralen Figur des Hajjs ist Bernd Könnes Geschichtenerzähler und Sympathieträger der Show. Er spielt den Poeten verschmitzt, gerissen und liebenswert. Ihm gehören die meisten Gesangsaufgaben, wie der Titelsong "Kismet", der sich mit seinen Reprisen wie ein roter Faden durch das Musical zieht. Könnes' Bühnenpräsenz macht seinen etwas brüchig klingenden, in Spitzentönen angestrengt wirkenden Bariton vergessen.

© Tom Schweers
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Laura Scherwitzl als liebreizendes Töchterchen Marsinah bleibt blass. Ihr Wiener-Akzent in den Sprechszenen wirkt befremdlich. Die Sängerin kämpft sich mit ihrem matten Sopran wacker durch ihre Gesangsaufgaben und harmoniert im schmachtenden Liebesduett "Fremder im Paradies" sehr gut mit Andrés Felipe Orozco. Er setzt in seiner Darstellung als Kalif allein auf seine große, klassisch geschulte Tenorstimme mit operettigem Schmelz.

Wem der Großteil der Musik bekannt vorkommt, der ist ein Klassik-Kenner. Robert Wright und George Forrest waren darauf spezialisiert, aus Themen und Melodien anderer, meist klassischer Komponisten eigene Songs zu kreieren. Für "Kismet" griffen sie auf den Fundus des russischen Komponisten Alexander Borodin zurück und integrierten Motive aus zwei seiner Symphonien, Streichquartette und den Polowetzer Tänzer aus der Oper "Fürst Igor". Passend dazu sitzt mit der Neubrandenburger Philharmonie ein respektables Orchester im Graben. Allerdings spielen die Musiker unter der Leitung von Daniel Stratievsky die klassischen Motive mit ihren orientalisch anmutenden Einsprengseln recht brav und mit gedrosselten Tempi. Einzig die jazzigeren Nummern, die ohne fremde Zutaten aus der Feder des Komponisten-Duos stammen, lassen erahnen, was in dem Klangkörper steckt. Zudem übertönt das Orchester permanent den Gesang, sodass die Textverständlichkeit unzureichend ist.

Der Begriff "Kismet" bezeichnet das vorbestimmte Schicksal. Das gleichnamige Musical, 1954 als bestes Stück mit einem Tony-Award ausgezeichnet, hat zumindest in Deutschland das Schicksal, so gut wie nie gezeigt zu werden. Deshalb ist es dem Theater in Neustrelitz sehr hoch anzurechnen, es nach über zehnjähriger Bühnen-Abstinenz der Vergessenheit zu entreißen. Allerdings tragen die viel zu lang geratene, bieder-operettenhafte Inszenierung und die problematische musikalische Umsetzung wohl eher nicht dazu bei, sein Kismet zu ändern.

(Text: Kai Wulfes)






Kreativteam

Musikalische LeitungDaniel Stratievsky
InszenierungWolfgang Dosch
AusstattungSusanne Thomasberger
ChoreografieAlexandre Tourinho


Besetzung

Hajj, der PoetBernd Könnes
Seine Tochter MarsinahLaura Scherwitzl
Der Kalif von BagdadAndrés Felipe Orozco
Sein Vertrauter Omar KhayyamRyszard Kalus
Der WesirSebastian Naglatzki
Seine Lieblingsfrau LalumeLaila Salome Fischer
Räuberhauptmann JawanMarkus Kopp
Hassan-BenAndreas Hartig
HauptmannKrzysztof Napierala
PolizistYongmin Kwon
Zwei PerlenhändlerHyoung-Jun Lim
Ramin Varzandeh
Zwei SeidenhändlerBernd Richert
Marin Silni
Erster Bettler, VerteidigerRamin Varzandeh
Zweiter Bettler, AnklägerBernd Richert
HofdameHyun-Kyung Kang
Dienerin im Harem des WesirsVerena Schuster
HaremsfrauenRebecca Backus
Sylke Kamin
Witwe YussefGrit Kolpatzik
KlatschbaseMonika Degenhardt
Zwei SklavinnenLuise Hansen
Rita Sabaliauskiene
Die drei Prinzessinnen von AbabuMai Förster
Beatriz Giljón
Prinzessin ZubbediyaNicola Clarissa Gehring
Prinzessin SamarisEvgeniya Mirnik
Orangenhändler, Diener der Witwe Yussef, Leibdiener des WesirsChristoph Deuter
Ein Räuber, ein SpitzelDorin Moscalciuc
Ein SklavenhändlerPhilipp Gratz
StraßengauklerJosé Bernardo Caba Mariaca
Mikel Larrabeiti
Philipp Förster
Philipp Repmann,
(Axel Rothe)
(Péter Copek)

Neubrandenburger Philharmonie

Opernchor der TOG Neubrandenburg/Neustrelitz

Deutsche Tanzkompanie





Produktionsgalerie (weitere Bilder)

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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


32002
Sehr sehenswert - Ein Landestheater tischt auf!

20.03.2019 -

musicals&more (erste Bewertung)


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Musik

Besetzung

Ausstattung

Musical-Märchen aus 1001 Nacht für Hartgesottene: Susanne Thomasbergers opulente Orient-Ausstattung überdeckt kaum die Schwächen des Stücks. Wolfgang Doschs inszeniert operettig-schwülstig mit albern-überzeichneten Charakteren.

16.03.2019

 Termine
Fr29.03.19:30 Uhr
Landestheater, Großes Haus (Neustrelitz)
Sa20.04.19:30 Uhr
Landestheater, Großes Haus (Neustrelitz)
Fr24.05.19:30 Uhr
Landestheater, Großes Haus (Neustrelitz)


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