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Revolutionsmusical

Doktor Schiwago

Schattenbild im Schnee


© Sabine Haymann
© Sabine Haymann
Um gut 45 Minuten gekürzt, eilt die Pforzheimer Inszenierung durch die epische Geschichte des Dichters und Arztes Jurij Schiwago. Nur bei den Liebes-Duetten darf der Zuschauer kurz verschnaufen. Zwar sind Musik und Buch nicht durchgängig gelungen, doch sie bieten mehr, als der Regisseur letzten Endes daraus macht. Dazu gelingt es nur einem Teil der Ensemblemitglieder, die großen Emotionen auf der Bühne glaubhaft wiederzugeben und das Publikum mitfiebern zu lassen.

(Text: Ingo Göllner)

Premiere:28.09.2018
Rezensierte Vorstellung:21.10.2018


Besonders bei zwei eigentlich starken Figuren fällt schwer ins Gewicht, dass es ihre Darstellern an Überzeugungskraft fehlt: Laras Ehemann Pascha, der unter dem Namen Strelnikow zu einem gefürchteten Anführer der Roten Armee wird, und Viktor Komarowskij, der sich das Vermögen der Familie Schiwago angeeignet hat und die junge Lara missbraucht. Ingo Wagner hat zwar Präsenz und seine Tanzeinlage überrascht positiv, aber er kann darstellerisch und durch seinen forcierten Gesang weder Paschas Gefühle für Lara noch das Brennen für seine politische Gesinnung glaubhaft vermitteln. Spencer Mason verfügt mit seinem Bassbariton über eine Stimmlage, die ihn für einen geschmeidigen Fiesling prädestiniert, aber seine steife Darstellung schlägt sich auch gesanglich nieder. Als Komarovskij fehlt ihm der Charme eines diabolischen Verführers, der sich als cleverer Opportunist jeder neuen Staatsführung chamäleonartig anschließt.

© Sabine Haymann
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Die Darstellerinnen können da deutlichere Akzente setzen. Stamatia Gerothanasi berührt als Schiwagos betrogene Ehefrau Tonia. Ihr Duett mit Lara "Und doch wundert es mich nicht" ist eines der schönsten Lieder des Stücks. Lilian Huynen kann zwei kleinen Rollen Profil verleihen: Als Tonias Mutter und besonders als Frau, die bei den Partisanen Selbstmord begeht, bewegt sie durch zurückgenommenes Spiel und Ausstrahlungskraft.

Ihre Natürlichkeit, die von einem leichten Sopran unterstrichen wird, hebt Anna Gütter positiv vom Rest des Ensembles ab. Sie macht Laras Entwicklung vom missbrauchten Mädchen zur selbstbewussten Frau nachvollziehbar und harmoniert sehr gut mit Kurosch Abbasi. Er hat mit der Titelfigur eine besonders herausfordernde Rolle übernommen. Jurij Schiwago ist ein passiver Charakter. Sein Leben ist von Fremdeinwirkung bestimmt; seine Frau Tonia und seine Geliebte Lara stehen patenter im Leben als er. In Roman und Verfilmung bleibt er deshalb – und durch die starken Nebenfiguren – blass. Im Musical bekommt er durch seine Soli mehr Möglichkeiten, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken und seinen Charakter zu unterfüttern. Abbasi tut dies mit starker Stimme, ohne ins Brüllen zu geraten. Nur dass er im Finale als bleicher Geist auftritt, verwundert mehr, als es berührt.

© Sabine Haymann
© Sabine Haymann



Die nicht übermäßig große Bühne ist, bis auf eine große runde Holzkonstruktion, leer. Das drehbare Gestell aus filigranen Verzweigungen, lässt es zu, in Windeseile abstrakt konturierte Spielorte anzudeuten. Jörg Brombacher hat damit eine praktische, aber nicht sonderlich schöne Möglichkeit gefunden, die Ortswechsel einfach zu gestalten. Für optische Abwechslung sorgen die vielen Kostüme von Ruth Groß, die alle Register von der historischen Abendgarderobe bis zur russischen Tracht ziehen.

Regisseur Tobis Materna hat alle Hände voll zu tun, das große Ensemble auf der Bühne in geordnete Positionen zu bringen. Bis auf den etwas unüberschaubaren Anfang, in dem die vielen Figuren und ihre Hintergründe mit knappen Sätzen hektisch eingeführt werden, gelingt ihm das gut. Aber außer Massen zu dirigieren, fällt ihm wenig ein. Die einzelnen Stationen der Geschichte werden brav abgehakt. Materna lässt seinen Darstellerinnen und Darstellern zu viel hölzernes Schauspiel mit übertriebener Betonung und großen Gesten durchgehen. Das Buch des Musicals wird – anders als seine literarische Vorlage – nicht mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet werden. Die floskelhaften Dialoge sind oft rein funktional, erklären, wo man sich gerade befindet, was politisch passiert ist oder warum eine Figur nicht mehr auftaucht. Umso schwerer sind sie mit Leben zu füllen – und daran scheitert die Mehrheit des Ensembles.

© Sabine Haymann
© Sabine Haymann



Die Badische Philharmonie Pforzheim nimmt sich unter der Leitung von Philipp Haag beherzt der Partitur an. Die Musiker legen einen satten Klangteppich aus, in dem die Zwischentöne ein wenig verlorengehen. Lucy Simons Musik ist immer dann am stärksten, wenn sie in die Vollen gehen kann. Die Chöre und die folkloristischen Akzente sind gelungen, das Quintett im zweiten Akt besitzt sogar opernhafte Pracht mit Gänsehaut-Garantie, aber viele Songs sind zu beliebig geraten.

In New York ein Flop, in Leipzig ein Hit, auch in Pforzheim nahezu ausverkauft, erobert sich "Doktor Schiwago" nun peu à peu die deutschsprachigen Bühnen. Boris Pasternaks Roman mit seinem historischen Hintergrund und der emotionalen Handlung ist ein guter Musicalstoff. Aber es braucht ein durchgängig starkes Ensemble, um die Mängel der Bühnenversion auszugleichen.

(Text: Ingo Göllner)






Kreativteam

Musikalische Leitung Philipp Haag
Inszenierung Tobias Materna
Bühne Jörg Brombacher
Kostüme Ruth Groß


Besetzung

Jurij Schiwago Kurosch Abbasi
Paul Jadach
Larissa Guichard (Lara) Femke Soetenga
Anna Gütte
Viktor Komarovskij Spencer Mason
Pawel Antipov, später Strelnikow Julian Culemann
Ingo Wagner
Antonina Alexándrowna Gromeko (Tonia) Stamatia Gerothanasi
Natasha Sallès
Olga, eine Krankenschwester Natasha Sallès
Stamatia Gerothanasi
Anna Iwanowna Gromeko Lilian Huynen
Alexander Alexandritsch Gromeko Klaus Geber
Gints
Funktionär 2
Frank Traub
Liberius Holger Wecht
Janko (junger Soldat), Funktionär 1 Ingo Wagner
Enes Sahin
Amalja (Laras Mutter)
Stepka
Jelenka (Bibliotheksmitarbeiterin)
Manuela Wagner
Warja (Krankenschwester) Angela D'Antuono
Gitte Pleyer
Tusia Rigobert Störkle
Brian Garner
Kubaricha Lilian Huynen
Markel Karel Pajer
Tusias Verlobte
Marfa (Krankenschwester)
Angela Wollschläger
Funktionär 3
Soldat 1
Sprecher des Volkstribunals
Steffen Fichtner
Soldat 2
Partisan
Lothar Helm
Staatsanwalt
Passant
Priester (Finale)
Thorsten Klein
Nikolaj
Mischa
Quartiermeister
junger Bauer
Dorlir Ahmeti
Bahnhofsvorsteher Ivan Zlabek
Junge Lara
Katharina (Laras Tochter)
Liliane Friedl
Cora Frank
Junge Tonia Swaantje Schwarzien
Marie Näher
Junger Juri
Sascha
Tobias Kienzle
Elias El-Idrissi
Roman Ziems
Beerdigungsgäste
Hochzeitsgäste
Studenten
Partisanen
Chor
Krankenschwestern
Flüchtlinge
Frauen bei der Landarbeit
Damenchor
Soldaten
Funktionäre
Kosaken
Herrenchor
Hochzeitsgäste
Partisanen
Diverse
Statisterie
Chor des Theaters Pforzheim

Extrachor des Theaters Pforzheim

Badische Philharmonie Pforzheim





Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Sabine Haymann
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


Ein beeindruckendes „Schattenbild im Schnee“

29.09.2018 - Erst als zweites Theater in Deutschland zeigt das Theater in Pforzheim Doktor Schiwago. Eine gute Entscheidung. Nach der Erstaufführung in Leipzig wurde ich erstmals dank diverser Trailer auf die Show aufmerksam und habe mir die Broadway-CD bestellt. Ich kannte zudem weder das Buch noch den 4-stündigen Film mit Omar Sharif.

Ohne umfassend auf die sehr umfassende Handlung über mehrere Jahrzehnte einzugehen, bietet das Stück eine bedrückende, berührende und zugleich spannende Geschichte über den Arzt und Dichter Jurij Schiwago (vom Kind bis zum Tod).

Inzwischen gilt die Show bei Kennern als neues LES MISERABLES und diesem Vergleich kann man durchaus ziehen. Auch dieses Stück spielt in unruhigen Zeiten am Rande des 1. Weltkrieges und den späteren russischen Bürgerkrieg. Der Unterschied zu LES MIS: Man kann sich viel schneller mit den Personen identifizieren, ist gefangen und gefesselt von der wechselhaften Geschichte und berührt von der abwechslungsreichen Musik. Dabei bleibt die Pforzheimer Inszenierung aber sehr ausbalanciert. Ja, es sterben Menschen im Laufe des Abends. Dies steht aber nicht im Vordergrund der knapp 3 stündigen Aufführung (incl. Pause). Wie zu erfahren war, wurde die Show für Pforzheim etwas verdichtet und gestrafft, sodass wirklich kaum Längen in dem spannenden Plot entstehen.

Die ganze Aufführung stellt für das Haus sicher einen unglaublichen Kraftakt dar. Ein riesiges Ensemble mit Gästen, der Chor, Extrachor und Statisterie sowie 3 Kinder sind in vielen Rollen und Orten ständig auf der Bühne.
Gratulation!

BÜHNE

Die Bühne besteht aus einer rotbraunen Gerüstkonstruktion in Form eines Turmes. Auf mehreren Ebenen und Seiten lässt sich dieses zentrale Element bespielen. Mal ist es Ballsaal, mal Schützengraben, Hospital, Straßenfront, Bibliothek oder Gefängnis. Anfangs war es kaum vorstellbar wie dieses Element eine so epische Geschichte bebildern soll. Aber im Laufe des Abends ergibt das einen Sinn. Durch die vielen Massenszenen und ein eindrucksvolles Lichtkonzept ist die Bühne nie leer. Zudem werden geschickt die Seitenbalkone und der Bühnenrand eingebunden. Dazu kommen die wirklich wunderschönen Kostüme aus der Zeit. Im Laufe des Stückes werden diese grauer und trister und dennoch sehr beeindruckend. In den letzten 15 Minuten schneit es auf der Bühne und zusammen mit der sich zuspitzenden Handlung entstehen auch hier geniale Bilder. Die Ausstattung und das mal dezente mal glänzend helle Licht ermöglicht es zudem, die ganz intimen Szenen (in denen die Briefe gelesen werden) hervorragend zu unterstützen.

DIE MUSIK

Die Musik von Lucy Simon ist das Beste was ich seit langem in einem Theater gehört habe. Eine unglaublich abwechslungsreiche Partitur. Als Musicalkenner hat man sicher vieles schon gehört. Und auch hier entdeckt man Anleihen an Webber/Wildhorn & Co. Hier ein Walzer, da ein Marsch, klassische Musicalballaden und immer eine Prise russischer Folklore. Ganz hervorragend von einer fantastischen Badischen Philharmonie dargeboten. Wie schon am Broadway wird Lara’s Thema aus dem Film eingebunden und hier in russisch/deutsch im Lazarett dargeboten. Einer der vielen Höhepunkte der Show.

Aber insbesondere der Originalscore der fast durchkomponierten Show weiß zu begeistern. Bis auf einen Dialog kurz vor Schluss, sind fast alle Szenen mit einem wunderschönen Underscoring unterlegt. Das wirkt nie störend sondern untermalt geschickt die Szenen in einer Musiksprache wie im Film. Die Duette zwischen Jurij und Lara, das Quartett und auch das berührende Duett der beiden Frauen in der Bibliothek berühren ungemein. Auch wurde an der Tontechnik in Pforzheim einiges verbessert, sodass die Verständlichkeit positiv überrascht hat. Hervorzuheben ist zudem die wirklich gelungene deutsche Übersetzung der Dialoge und Songs.

DIE CAST

Kurosch Abasi als Jurij und Femke Soetenga sind als Gäste die Stars der Aufführung. Ihre Entwicklung, ihr Spiel und ihr Gesang sind wirklich beeindruckend. Ob im Solo, Duett oder in den vielen Ensembleszenen. Nichts wirkt aufgesagt und gestellt. Als Zuschauer ist man in der Beobachterrolle und doch mehrfach so gefesselt das man mitfühlt und mitleidet. Die hervorragende Personenregie und die buchbedingte gute Ausarbeitung der Charaktere kommen hier allen sehr zu gute. Auch die Nebenrollen wissen zu begeistern. Allen voran Jurij’s Frau Tonia, seine Steifmutter und die Gegenspieler Komarovski und Strelnikov.

Dem gesamten großen Ensemble gebührt Dank und Anerkennung für diese Leistung. Das Premierenpublikum wusste das schon bei der Vorstellung der Statisterie zu schätzen. Stehende Ovationen der verdiente Lohn für diesen wirklich berührenden, spannenden Musicalabend.

FAZIT

Pforzheim hat mit Doktor Schiwago eine beeindruckende Inszenierung eines großen neuen Musicals auf die Bühne gebracht. Das Stück wird sich dadurch noch mehr als repertoiretauglich empfehlen. Eine gute Sicht von allen Plätzen, ein großes und echtes Orchester und ein riesiges Ensemble haben mich mehr als begeistert.

mrmusical (66 Bewertungen, ∅ 3.8 Sterne)


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Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Große Gefühle, großes Ensemble, unbefriedigendes Ergebnis. Trotz des guten Hauptdarsteller-Paars ist diese Produktion so hölzern wie ihr Bühnenbild.

22.10.2018

 Termine
Do10.01.1920:00 Uhr


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