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Tipp der Redaktion
Literatur-Adaption

Der Hase mit den Bernsteinaugen

Die kleinen Dinge


© Reinhard Winkler
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Ein Handlungszeitraum von 150 Jahren, 175 Figuren und zahlreiche Ortswechsel – es gibt einfachere Aufgaben für einen Autor und Regisseur. Henry Mason stellt sich dieser Herausforderung und erledigt sie – unterstützt von einem hervorragenden Ensemble, abwechslungsreichen Kompositionen von Thomas Zaufke und einer schlichten, aber punktgenauen Ausstattung – mit Bravour.

(Text: ig)

Premiere:06.04.2019
Rezensierte Vorstellung:06.04.2019
Showlänge:190 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Netsuke sind kleine geschnitzte Figuren aus Japan. Eine davon ist der titelgebende Hase, seit Kindertagen das Lieblingsstück von Iggie von Ephrussi. Nach seinem Tod hinterlässt er die Sammlung von 264 dieser Figürchen seinem Neffen Edmund de Waal. Grund für den Briten, die Geschichte seiner Familie großmütterlicherseits zu erforschen und aufzuschreiben: Die Ephrussis stammen aus Odessa, breiten ihre Handels- und Bankgeschäfte über Paris nach Wien aus und steigen zu einem der reichsten Finanzimperien Europas auf. In der Nazizeit werden sie enteignet, verlieren alles und die Familie wird über die ganze Welt verstreut. Dass die Netsuke nicht mit den anderen Kunst- und Wertgegenständen nach dem Anschluss Österreichs 1938 konfisziert werden, ist der Zofe Anna zu verdanken. Sie versteckt die Figuren in ihrer Matratze und übergibt sie nach dem Krieg wieder der Familie.

© Reinhard Winkler
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Edmund de Waals Buch ist kein epischer Familienroman, sondern die penibel recherchierte Biographie einer jüdischen Handelsfamilie. Deren Mitglieder werden durch historische Dokumente charakterisiert. In Nebenaspekten geht es auch noch um japanische Kunstgeschichte, den Antisemitismus im Paris des späten 19. und im Wien des frühen 20. Jahrhunderts, die Erklärung des jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrunds und dessen Auswirkungen auf die Familie Ephrussi. Auch wenn es sich sehr gut liest: Das Buch drängt sich nicht als Vorlage für ein Musical auf.

Henry Mason verdichtet die Handlung und bricht sie gleichzeitig auf. Trotz der Vielzahl an Figuren behält das Publikum den Überblick. Die Geschichte wird nicht brav chronologisch vom Kauf der Netsuke Mitte des 19. bis zur Fertigstellung des Buchs im 21. Jahrhundert erzählt, sondern springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Personen verschiedener Zeitebenen treten in Dialog miteinander, sehen zu oder kommentieren. Besonders schön ist das in den Szenen, in denen der alte Onkel Iggie auf sein Kinder-Ich trifft. Mason fügt eine ordentliche, aber nicht ins Kitschige abgleitende Dosis Emotion und hier und da eine Prise Humor hinzu. Einzige Wermutstropfen sind ein paar arg gezwungene Reime in seinen Liedtexten. Als Regisseur überzeugt er durch Liebe zu Details und präzise Personenführung, die mit Francesc Abós Choreographie Hand in Hand geht.

© Reinhard Winkler
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Dass man der Handlung gut folgen kann, liegt auch an Jan Meiers zeitlosem Bühnenbild und den zeitgenössischen Kostümen. Von wenigen Requisiten und fahrbaren Möbeln abgesehen, beherrscht eine große Projektionsfläche die Bühne, auf der Fotos und Animationen bei der räumlichen und zeitlichen Verortung helfen oder die Szenen grafisch unterstützen.

Thomas Zaufke orientiert sich mit seiner Musik am Stil der jeweiligen Zeit und kann aus den Vollen schöpfen: traditionelle jüdische Musik, patriotische Hymnen, Charleston, eine Marsch-Parodie und als Klammer dient die Moderne. Die Kompositionen sind Teil der Dramaturgie und treiben den Handlungsfluss voran. Es gibt keinen Showstopper, nur einige Solo-Stellen in den szenisch geschriebenen Ensemblenummern. Die Songs gehen nicht sofort ins Ohr, passen sich aber ins Gesamtkonzept ein. Christopher Mundy leitet umsichtig das erhöht im Hintergrund sitzende 12-köpfige Orchester. Der Klang ist tadellos und der Text jederzeit verständlich.

© Reinhard Winkler
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Das stimmlich und darstellerisch durch die Bank überzeugende und ausdrucksstarke Ensemble umfasst 15 Erwachsene und fünf talentierte, sehr natürlich spielende Kinderdarsteller. Christof Messner ist als Edmund ständig auf der Bühne. Für Edmund ist die Erforschung der Geschichte seiner Vorfahren auch eine Suche nach sich selbst. Er taucht so sehr in diese neue Aufgabe ein, dass er sogar Teil der in der Vergangenheit spielenden Szenen wird und seine Familie vernachlässigt. Durch den Handlungsstrang in der Jetztzeit bekommt die Rolle mehr Hintergrund und wird nicht auf “den Erzähler“ reduziert. Neben Messner hat nur Riccardo Greco mit ruhiger Ausstrahlung, aber emotional packend, als Familienoberhaupt Viktor einen einzigen Part. Alle anderen Darstellerinnen und Darsteller übernehmen mehrere Rollen, u.a. Anaïs Lueken (als Edmunds zweifelnde Ehefrau Sue sowie als hartnäckig für die Rechte ihrer Familie kämpfende Elisabeth), Carsten Lepper (u.a. als Charles, der von Künstlern wie Pierre-August Renoir und Edgar Degas als Jude verachtet, aber finanziell ausgenommen wird), Myrthes Monteiro (u.a. als von Melancholie umwehte und trotzig lebenslustige Emmy) und William Mason (u.a. als humorvoller alter Iggie).

© Reinhard Winkler
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“Der Hase mit den Bernsteinaugen“ zieht den Zuschauer genau wie Edmund in die Familiengeschichte der Ephrussis hinein. Die komplexe Vorlage ist meisterlich bühnengerecht bearbeitet und um weitere Ebenen ergänzt. Wenn sich beim Premieren-Schlussapplaus der zu Tränen gerührte "echte" Edmund de Waal und sein Bühnen-Alter Ego in den Armen liegen, tut sich unerwartet noch eine neue Ebene auf.
Ein sehr berührender, eindrucksvoller Theaterabend!

(Text: Ingo Göllner)




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Kreativteam

MusikThomas Zaufke
Buch / GesangstexteHenry Mason
nach dem gleichnamigen Buch von Edmund de Waal

InszenierungHenry Mason
ChoreografieFrancesc Abós
Bühne / KostümeJan Meier
DramaturgieArne Beeker


Besetzung

Edmund de WaalChristof Messner
Sue Chandler, Elisabeth von EphrussiAnais Lueken
Alter Iggie von Ephrussi, ManetKlaus Brantzen
William Mason
Charles von EphrussiCarsten Lepper
Louise Cahen dAnversHanna Kastner
Viktor von EphrussiRiccardo Greco
Emmy von EphrussiMyrthes Monteiro
Jiro SugiyamaWei-Ken Liao
Anna (Zofe), Lemaire, JeanneAriana Schirasi-Fard
Junger Iggie von Ephrussi, DegasGernot Romic
Edmond de Goncourt, SteinhäusserJan Nikolaus Cerha
Rudolf von Ephrussi, Stefan, MonetFlorian Stanek
RenoirChristian Fröhlich
EllenLynsey Thurgar
Junge GiselaAngela Waidmann
Matthew de Waal, Kleiner CharlesGabriel Federspieler
Clemens Herndler
Ben de Waal, Kleiner JulesNepomuk Pichler
René Unger
Kleiner Ignace, Kleiner Iggie, Kleiner HitlerWendelin Burgstaller
Matthias Körber
Elisabeth Cahen dAnvers, Kleine ElisabethMagdalene Baehr
Miriam Hollerweger
Kleine GiselaElisabeth Baehr
Selma Spitzer




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Reinhard Winkler
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Komposition

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Die Geschichte der jüdischen Familie Ephrussi berührt auf allen Ebenen. Musikalisch vielfältig, tadellos inszeniert und erstklassig gespielt. Unbedingt sehenswert!

07.04.2019

 Termine
Mi19.06.19:30 Uhr
Schauspielhaus (Linz)
Di02.07.19:30 Uhr
Schauspielhaus (Linz)
Mi03.07.19:30 Uhr
Schauspielhaus (Linz)


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