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Schach-Länderkampf

Chess

West-End-Revival


© Brinkhoff / Mögenburg
© Brinkhoff / Mögenburg
Nicht umsonst beschreibt Autor Tim Rice "Chess" als ein sehr "eigensinniges Kind". Bei nahezu jeder Produktion präsentiert es sich anders: Songs kommen und gehen, die Handlungsorte ändern sich genauso oft wie die Motivationsstrukturen der agierenden Figuren und die Auflösung der Geschichte ist alles andere als in Stein gemeißelt. Das Stück scheint über ebenso viel Fassungen zu verfügen wie es Variationsmöglichkeiten im Schach gibt. Mehr als 30 Jahre nach seiner Uraufführung im Prince Edward Theatre hat die ENO (English National Opera) das Stück nun zurück ins Londoner West End geholt, natürlich in einer abermals neuen Fassung.

(Text: zel)

Premiere:01.05.2018
Letzte bekannte Aufführung:02.06.2018


Wie bei den letzten ENO-Musicalinszenierungen auch handelt es sich bei dieser Produktion offiziell um eine halbszenische Aufführung. Trotzdem bietet die Show einiges an optischem Futter: Ein ausgeklügeltes und technisch perfekt umgesetztes Live-Video-System zeigt das Geschehen auf dem kleinen Schachbrett auf riesigen HD-Bildschirmen und überträgt Nahaufnahmen der Hauptdarsteller in einem leicht wackelnden, quasi-dokumentarischen Stil. Die eingespielten Videosequenzen sind manchmal großartig wie Trumpers krachende Ankunft in Meran per Privatflugzeug, manchmal sehr originell wie das Schatten-Puppenspiel zu "The Story of Chess" und manchmal auch nur ornamentales Beiwerk wie die eingeblendeten Schachgroßmeister vor "Endgame". Sehr witzig ist der Werbefilm, in dem Freddie Trumper zur "Merchandisers"-Nummer Merchartikel zur Schach-WM anpreist. Hierzu präsentiert sich auf der Bühne eine Uncle-Sam-Figur auf Stelzen und eine Cheerleadergruppe mit durchchoreografierter Showeinlage. Bei "One Night in Bangkok" werden sogar zwei Luftakrobaten in Szene gesetzt. Zudem stellt das Lichtdesign sehr wirkungsvoll die Gegensätze der beiden verfeindeten politischen Blöcke heraus. Viel Alarm also für eine nicht vollumfängliche Bühnendarstellung eines Werkes. Trotzdem ist zu attestieren, dass der betriebene Aufwand beim Zuschauer zwar das Gefühl hinterlässt, viel für sein Geld bekommen zu haben, im Ergebnis jedoch nur die Oberfläche eines durch und durch komplexen und tiefgehenden Stückes bedient.

© Brinkhoff / Mögenburg
© Brinkhoff / Mögenburg

Regisseur Laurence Connor hat alle Energien leider darin verschwendet, das Stück unnötig auffällig in Szene zu setzen. Sein zugegebenermaßen großer Einfallsreichtum endet meist da, wo es spannend wird. Eine wunderbare Idee ist es etwa, bei der orchestralen "Hymn to Chess"-Nummer die groß auf die Bildschirme übertragenen Schachzüge der Spieler auf dem Brett exakt am musikalischen Takt auszurichten. Den zornigen und zynisch-bitteren Tonfall des Stückes jedoch lässt er völlig außen vor. Das macht diese Show zwar sehr üppig, insgesamt jedoch auch ein wenig langweilig anzuschauen. Spannung bringen die Änderungen: So übernimmt diese Produktion den für die entpolitisierte schwedischsprachige Fassung neu eingefügten Song "He is a Man, he is a Child", der einen Einblick in das gequälte Seelenleben von Svetlana gibt. Die von Anatoly in Russland zurückgelassene Ehefrau ist von dem Buch seit jeher stiefmütterlich behandelt worden und erfährt hierdurch eine deutliche Aufwertung. Dadurch, dass der Song zu Beginn des zweiten Aktes noch vor "Golden Bangkok" eingefügt wird, dockt er nunmehr unmittelbar an "Anthem" an, der den ersten Akt schließt und mit dem Anatoly seine Gefühle im Moment des Hintersichlassens beschreibt. Dass Walter de Courcey herausgeschrieben worden ist, hat man schon öfters gesehen. Nicht aber, dass Florence an Bedeutung verliert. Connor hat aus "Chess" ein Stück über Anatoly gemacht, was sich vor allem nach "Endgame" zeigt: Es ist Anatoly, der das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Während Florence weiter an der Beziehung festhalten will, ist er es, der sich bewusst für eine Rückkehr nach Russland entscheidet. Das verursacht zwar die für das Stück schon nahezu traditionellen Unstimmigkeiten im Textbuch, die durch das Herumdoktern an der Geschichte zwangsläufig entstehen, ist aber tatsächlich ein neuer Blick auf den Stoff.

© Brinkhoff / Mögenburg
© Brinkhoff / Mögenburg

Michael Ball ist der unumstrittene Star dieser Produktion. Er ist nach wie vor ein Liebling des West Ends und weiß auch als Anatoly das Publikum für sich einzunehmen: Sein "Anthem" ist zutiefst ergreifend und seine Stimme nach wie vor kräftig und unverwechselbar. Natürlich nimmt ihm schon alleine aufgrund seiner starken Bühnenpräsenz niemand ab, dass er Molokov gnadenlos ausgeliefert ist, in einer halbszenischen Aufführung ist das jedoch auch nicht entscheidend. Die größten Jubelstürme des Publikums gehören ihm. Cassidy Janson verfügt über eine großartige Stimme, die die gesamte Bandbreite ihrer Rolle von gefühlvoll-verletzlich bis über alle Maßen durchdringend abdeckt – ihre Florence würde man gerne einmal in einer vollwertigen Inszenierung sehen. Für Alexandra Burkes Svetlana lässt sich das nicht so einfach sagen. Soviel dramatische Wucht, wie sie sie in ihre beiden Solonummern steckt, verträgt zwar dieses konzertähnliche Setting, das per se nach großen Stimmen giert, für eine originäre "Chess"-Show wäre es jedoch zuviel des Guten. Gleichwohl ist der gemeinsam mit Cassidy Janson intonierte Klassiker "I know him so well" ein gesangliches Meisterstück von beiden. Tim Howar bringt die für die Rolle des Freddie Trumper notwendige gebrochene starke Rockstimme mit, gerät allerdings ziemlich schnell an seine schauspielerischen Grenzen. Cedric Neal sprang nach Probenbeginn für den aus persönlichen Gründen von dem Engagement zurückgetretenen "Chess"-Veteranen Murray Head ein und versetzt die Achtzigerjahre-Popsongs des Arbiters mit einer kräftigen Prise Soul. Phillip Browne gefällt als Molokov mit satter Bassstimme und der richtigen Dosierung an kalkulierter Unterkühltheit.

© Brinkhoff / Mögenburg
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Was sich an dieser Stelle leider nur unzureichend nachvollziehbar zum Ausdruck bringen lässt, ist die musikalische Pracht und Schönheit des Stückes, das die English National Opera mit ihrem großen Orchester und Chor auf die Bühne bringt. Dieses faszinierende Hörvergnügen lässt einem gewahr werden, dass dieses Stück, trotz des scheinbar nicht in den Griff zu bekommenden Buches, niemals von der Bühne verschwinden wird, und sich somit wohl in noch vielen weiteren Fassungen präsentieren wird …

(Text: Markus Zeller)






Kreativteam

MusikBenny Andersson
Björn Ulvaeus
LiedtexteTim Rice
Björn Ulvaeus
BuchTim Rice
RegieLaurence Connor
Musikalische LeitungJohn Rigby
Murray Hipkin
ChoreografieStephen Mear
BühneMatthew Kinley
KostümeChristina Cunningham
Licht-DesignPatrick Woodfroffe
Sound-DesignMick Potter
Video-DesignTerry Scruby


Besetzung

(soweit bisher bekannt)

Anatoly SergievskyMichael Ball
Florence VassyCassidy Janson
Frederick TrumperTim Howar
Svetlana SergievskyAlexandra Burke
ArbiterCedric Neal
MolokovPhilip Browne




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Brinkhoff / Mögenburg
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


Ein meist inhaltsloser akustischer und optischer Hochgenuss!

06.05.2018 - Gestern Abend durfte ich große Oper erleben: ein rund 70-köpfiges, brillant aufspielendes Orchester, ein 20-köpfiger Chor, rund 30 hochtalentierte Musicaldarsteller & Akrobaten, fantastische Projektionen, die fast das Genre neu definieren könnten (Stichwort: Landung des Düsenjets) und ein fabelhaftes Lichtdesign, machten diese überbordende Multi-Media-Show zu einem visuellen und akustischen Hochgenuss.
Alle Produktionsaspekte dieser Show waren atemberaubend.
Doch eben genau dieser elegische Luxus legt schmerzhaft offen, wie schwach das Buch ist, welches "Chess" zu Grunde liegt. Es gibt nicht wirklich interessante Handlungsstränge, spannende Figuren zur Identifikation oder gar berührende Verwicklungen oder Fallhöhen.
Dafür können die erstklassigen Darsteller nichts, die allesamt restlos überzeugen können.
Sei es, allen voran, der legendäre Michael Ball in der Hauptrolle des Russen Anatoli, der spätestens im zeitlosen Hit "Anthem" beweist, dass er immer noch die Stimme besitzt, die ihn vor 25 Jahren berühmt gemacht hat.
Ball gibt alles, schont sich nicht, und könnte mit seiner großen Stimme dieses riesige Opernhaus scheinbar auch unverstärkt füllen.
Neben ihm besteht mühelos Cassidy Janson in der weiblichen Hauptrolle:
Stimmlich die perfekte Mischung zwischen Elaine Paige und Idina Menzel, schafft sie es, der eindimensional geschriebenen Figur Florence zeitweise auch dramatisches Leben einzuhauchen.
Dies gelingt Popsängerin Alexandra Burke in der Rolle der Russin Svetlana leider nicht, obwohl ihre Stimme selbstverständlich ganz wunderbar geführt ist und gesanglich keine Wünsche offen bleiben.
Den schwersten Part hat vielleicht Tim Howar als Amerikaner Freddie, muss er doch das bekannte "Pity the child" meistern und dies tut er auch genau so: meisterlich. Das ist echter Rock 'n' Roll und seine Stimme erinnert ganz klar an Murray Head auf dem Original Konzeptalbum.
Hervorzuheben sei noch Cedric Neal als Arbiter, der stimmlich der Partie ganz neue Dimension verleiht.
Zu diesen Weltklasse-Performances ist alles noch großartig choreografiert, wunderbar lebhaft in Szene gesetzt und inspiriert stimmungsvoll über die Rampe gebracht ("One Night in Bangkok" ist absolut spektakulär!).
Was bleibt, ist der Eindruck einer perfekt produzierten Show, die trotz des Bombasts leider seltsam steril bleibt und gerade wegen der sensationellen Schau- und Hörwerte das extrem schwache Buch offen legt.
Wenn "Chess", dann nur so.
Ich glaube tatsächlich, dieses Stück muss ich in meinem Leben nicht noch einmal sehen.
Besser geht nicht.

AdamPascal (49 Bewertungen, ∅ 4.3 Sterne)


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Handlung
Schach und der kalte Krieg: Ein russischer und ein amerikanischer Schachspieler treten bei einer Schach-WM gegeneinander an. mehr

Weitere Infos
Für die Aufführung 2002 in Stockholm wurde das Buch erneut überarbeitet (von Lars Rudolfsson und Jan Mark). Die Handlung spielt nun komplett binnen einer Woche in Meran, die Figur der Svetlana wird bereits in der ersten Szene eingeführt und der Russe und der Amerikaner treffen in der entscheidenden Partie aufeinander (im Original war der Amerikaner bei der finalen Partie nur als Berichterstatter dabei). Diese Version wurde in Deutschland im Sommer 2012 bei den Domfestspielen Bad Gandersheim gezeigt.

 Kurzbewertung [ i ]
(zel)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Großartige Musik, teilweise großartige Darsteller, ein fantastisches Bühnenbild, und doch ansatzweise enttäuschend …

26.05.2018

 Termine

Leider keine aktuellen Aufführungstermine.


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