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Drama

Anatevka

Ein Fiedler auf dem Dach


"Anatevka" gilt als DAS Kult-Stück schlechthin der Komischen Oper Berlin. Ab 1971 wurde dort die einzige in der DDR zugelassene Inszenierung von Walter Felsenstein über 500 Mal gezeigt. Mit seiner überaus gelungenen Neuinszenierung feiert Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky nun das 70. Jubiläum des Hauses und dürfte – auch dank eines spektakulären Bühnenbildes und einem soliden Cast – einige Spielzeiten lang für gut gefüllte Ränge sorgen.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:03.12.2017
Rezensierte Vorstellung:03.12.2017


Was für eine Demütigung: Ein Mob stürmt die fröhliche jüdische Hochzeitsfeier, treibt den Rabbi, das jungvermählte Paar sowie einige ihrer Gäste zusammen und übergießt sie mit Milch. Stumm und wie erstarrt steht die tropfende Festgesellschaft für einige Momente im kalten Lichtkegel. Dann tritt Milchmann Tevje vor und hebt – enttäuscht darüber, dass Gott nicht eingegriffen hat – resigniert die Hände.


Mit diesem hoch emotionalen Bild geht das Publikum in die Pause. Jedem im Saal ist bewusst, dass die Katastrophe für die Bewohner des osteuropäischen Dorfes Anatevka nicht mehr aufzuhalten ist. Auch wenn sich im ersten Akt Juden und russische Bevölkerung noch zum gemeinsamen Tanz vereinen, ist eine Ko-Existenz nicht mehr möglich. Wenn sich der Vorhang wieder hebt, ist das sofort sichtbar: Der bisher das Dorf symbolisierende, drehbare und fast die gesamte Bühnenhöhe einnehmende Aufbau aus auf- und ineinander-gestapelten Möbelstücken ist verschwunden. Nur noch eine einzelne, schmale Vitrine steht verloren vor dem rückwärtigen, wie vernebelt wirkenden Birkenpanorama mit seinen Seitenwänden aus grauem Beton. Die gesellschaftlich-emotionale Eiszeit wird zudem illustriert durch den Schnee, der die kommende Stunde unablässig auf die Bühne rieselt.


Bühnenbildner Rufus Didwiszus unterstreicht damit aber auch, dass sich im zweiten Akt der Fokus der Handlung verschiebt. Gibt er mit seinem auf mehreren Ebenen bespielbaren Möbelwirrwarr allen Dorfbewohnern die Möglichkeit, durch viele Schranktüren auf die Bühne zu strömen und auch wieder zu verschwinden, beschränkt er das im zweiten Teil auf nur noch eine Tür. Jetzt steht das Schicksal von Tevje, Golde und ihren Töchtern im Vordergrund.


Folglich wandelt sich auch Barrie Koskys durch und durch gelungene Inszenierung vom Volkstheater voll prall gezeichneter Typen und ausgelassenen Tanzszenen hin zum dramatisch-familiären Kammerspiel. Mühelos gelingt dem Regisseur dabei mit schelmischen Miniaturen und spektakulären Massenszenen der Spagat zwischen Heiterkeit und bitterer Süße. Einen extravaganten Höhepunkt bildet Tevjes (Alb-)Traum: Bizarre Totenkopf-Figuren toben gemeinsam mit der untoten Oma Zeitel und einer grell geschminkten, Hackebeil-schwingenden Schlachtersfrau durch die nächtlichen Fantasien. In diesem kurzen Doppelrollen-Auftritt triumphiert Sigalit Feig als Solistin.


Optisch verbleibt die an sich zeitlose Geschichte im frühen 20. Jahrhundert. Regisseur Kosky spannt allerdings den Bogen in die Gegenwart, indem er die Figur des Fiedlers auf dem Dach vom Kinderdarsteller Maxime Bergeron spielen lässt. Den Jungen im modernen grünen Kapuzenpulli integriert er als stummen Beobachter in die Dorfgemeinschaft, für die Klaus Bruns traditionelle, jüdische Kleidung entworfen hat. Nachdem diese Bewohner aus dem Anatevka der Vergangenheit vertrieben worden sind, bleibt der moderne Fiedler als Violine spielender Mahner an die Gegenwart allein im Schneegestöber zurück.


Jerry Bocks über fünfzig Jahre alte Partitur – ein Mix aus klassischem Broadway-Sound, russischem Kolorit und jiddischer Klezmer-Musik – ist beim Orchester der Komischen Oper Berlin in den besten Händen. Unter dem Dirigat von Koen Schoots meistern die Musiker sowohl folkloristische Momente mit wehmütig schluchzenden Geigen und keck juchzender Klarinette, als auch turbulent-überschäumende Showstopper mit tückischen Tempo-Wechseln. Auf der Bühne begeistern bei diesen Nummern zwölf zackige Tänzer, die Otto Pichlers anspruchsvolle Choreografien mit atemberaubender Präzision ausführen. Auch Komparserie und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin erweisen sich als äußerst beweglich, wobei die stimmschönen Sängerinnen und Sänger maßgeblich zum großen Erfolg des Abends beitragen.


In den beiden zentralen Solisten-Partien stehen mit Max Hopp (Tevje) und Dagmar Manzel (Golde) zwei Darsteller auf der Bühne, die ursprünglich im Schauspielfach zu Hause sind, an der Komischen Oper Berlin allerdings oft Hauptrollen im Musical übernehmen. Auch wenn beide das ein oder andere Mal in Sprechgesang verfallen und so mancher Ton wackelt, sind sie insbesondere im Spiel eine exzellente Wahl. Hopp wirkt als verschmitzter Familienvater Tevje optisch zwar etwas jung, ist aber schon allein wegen seiner Zwiegespräche mit Gott der absolute Sympathieträger. Sein Bariton glänzt eher in den Höhen, sodass er sich bei "Wenn ich einmal reich wär'" um tiefere Töne herummogeln muss. Ehefrau Golde gibt Manzel eher als zurückhaltende Familien-Glucke, denn als polternden Hausdrachen.


Mit beeindruckender Leichtigkeit und tollen Sopranstimmen stellen sich Talya Lieberman (Zeitel), Alma Sadé (Hodel) und Maria Fiselier (Chava) im schwungvollen "Jente, o Jente" vor, wie sie einen Ehepartner vermittelt bekommen. Als geschäftstüchtige, mit jiddischem Akzent sprechende Heiratsvermittlerin bedient Barbara Spitz die wenigen komischen Momente in der Aufführung und erschafft damit eine ebenso liebenswerte Type wie Peter Renz als tattriger Rabbi. Als Heiratskandidaten der Töchter gefallen Johannes Dunz als schwärmender Mottl und Esra Jung als revoluzzernder Hauslehrer Perchik.


Mit dieser Neuproduktion macht sich die Komische Oper Berlin selbst das schönste Geschenk zum 70. Geburtstag. Kein knallbunt verpacktes Unterhaltungs-Theater, sondern ein Stück mit Tiefgang, das zum Innehalten und Nachdenken anregt. Orte wie Anatevka gibt es 2017 mehr als jemals zuvor…

(Text: kw)






Kreativteam

BuchJoseph Stein
MusikJerry Bock
GesangstexteSheldon Harnick
Deutsch FassungRolf Merz
Gerhard Hagen
Musikalische LeitungKoen Schoots
InszenierungBarrie Kosky
ChoreografieOtto Pichler
BühnenbildRufus Didwiszus
Co-BühnenbildJan Freese
KostümeKlaus Bruns


Besetzung

TevjeMax Hopp
Markus John
GoldeDagmar Manzel
ZeitelTalya Lieberman
HodelAlma Sadé
ChavaMaria Fiselier
SprintzeAntonia Papendell
BielkeAgathe Bollag
JenteBarbara Spitz
Mottl KamzoilJohannes Dunz
Ivan Tursic
PerchikEsra Jung
Benjamin Oeser
Lazar WolfJens Larsen
Carsten Sabrowski
Rabbi Peter Renz
MendelDenis Milo
Oma Zeitel, Fruma-SarahSigalit Feig
FedjaIvan Tursic
Jan Proporowitz
WachtmeisterKarsten Küsters
MotschachJan-Frank Süße
AwramCarsten Lau
Matthias Spenke
NachumTim Dietrich
Eberhard Krispin
SchandelSaskia Krispin
Jana Reh
Der Fiedler auf dem DachMaxime Bergeron
Raphael Küster
TänzerZoltan Fekete
Paul Gerritsen
Hunter Jaques
Christoph Jonas
Daniel Ojeda
Michael Fernandez
Marcell Prét
Lorenzo Soragni
Michael-John Harper
Shane Dickson
Davide De Biasi
Damian Czarnecki
SwingSilvano Marraffa
Chorsolisten und Komparserie der Komischen Oper Berlin

Orchester der Komischen Oper Berlin




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Handlung
Milchmann Tevje wohnt mit fünf Töchtern und seiner resoluten Ehefrau in dem kleinen jüdischen "Schtetel" Anatevka, einem ukrainisches Dorf im Jahr 1905. mehr

Weitere Infos
Aufführungsrechte: Verlag Musik und Bühne.

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(kw)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Ein Stuhl, ein Bett, ein Schrank - Rufus Didwiszus' aus diesen Möbelstücken übereinander gestapelter Bühnenraum setzt den finalen "Anatevka"-Song optisch genial um. Barrie Kosky inszeniert darin volkstümlich mit soliden Darstellern.

04.12.2017

 Termine
Sa16.12.19:30 Uhrausverkauft
Do21.12.19:30 Uhrausverkauft
Fr22.12.19:30 Uhrausverkauft
Mi27.12.19:30 Uhrausverkauft
Fr29.12.19:30 Uhrausverkauft
So31.12.14:00 Uhrausverkauft
So31.12.19:30 Uhrausverkauft
Termine 2018
So07.01.1818:00 Uhrausverkauft
Sa13.01.1819:30 Uhrausverkauft
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Mi21.02.1811:00 Uhr
Sa03.03.1819:30 Uhr
So11.03.1819:00 Uhr
Fr16.03.1819:30 Uhr
So01.04.1819:00 Uhr
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So15.07.1819:00 Uhr


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