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Parodie

Frankenstein Junior

Eindeuting zweideutig


© SFF Fotodesign, Hof
© SFF Fotodesign, Hof
Wie weit darf Wissenschaft gehen? Dieser Frage stellt sich Holger Seitz in seiner Inszenierung von Mel Brooks Grusical "Frankenstein Junior". Die mehrdeutige Antwort verpackt er in ein Feuerwerk von Zweideutigkeiten und Situationskomik. Dank schmissiger Musik, exzellenter Cast, engagiertem Orchester und auch hintergr├╝ndiger Botschaften ger├Ąt bei der Premiere am Theater Hof nicht nur das Monster au├čer Rand und Band, sondern eindeutig auch das Publikum.

(Text: Marcus Hoffmann)

Premiere:24.10.2015
Rezensierte Vorstellung:24.10.2015
Letzte bekannte Auff├╝hrung:05.02.2016


Mel Brooks mixt munter mehrere mannigfaltige Geschichten rund um Mary Shelleys epochalen Horrorklassiker "Frankenstein" zu einer Horror-Parodie zusammen. Frankensteins Enkel Dr. Frederick Frankenstein arbeitet als Gehirnforscher und distanziert sich unter dem Alias "Fronkensteen" von seinen Vorfahren. Als er vom Tod seines Onkels erf├Ąhrt, reist Frederick nach Transsilvanien, um sein Erbe anzutreten. Vor Ort l├Ąsst sich Frederick von den Assistenten Igor (Charakter wie in "Frankensteins Sohn") und Inga sowie der Haush├Ąlterin Frau Bl├╝cher ├╝berreden, die Experimente seines Onkels fortzusetzen. Frederick "baut sich ein Monster". Eher Opfer von Vorurteilen denn grausame Kreatur muss das Monster verfolgt vom P├Âbel viel erleiden. Fredericks pr├╝de Verlobte Elisabeth reist zu Frederick nach Transsilvanien. Dort entdeckt Elisabeth bei einem Eremiten (aus "Frankensteins Braut") ihre eigene Sexualit├Ąt. Um das Monster zu retten, kopiert Frederick seine Intelligenz schlie├člich in das Gehirn des Monsters.

Holger Seitz schwelgt bei seiner Inszenierung in Klischees, die er gekonnt auf zwei Ebenen einsetzt: Eindeutig selbstironisch witzig l├Ądt er trotzdem die Zuschauer ein, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Bei den Figuren wird das ├╝berdeutlich. Assistentin Inga ist ein blondes, jodelndes und schuhplattelndes, unschuldig erotisches Dummchen, doch Birgit Reutter entwickelt Inga von der Klischee-Blondine hin zu einer intelligenten und charismatischen jungen Frau. Mit fein abgestimmten Spiel und gef├╝hlvoll modulierten Mezzosopran singt Reutter sich in die Herzen von Frederick und Zuschauern.

© SFF Fotodesign, Hof
© SFF Fotodesign, Hof


Stefanie Rhaue spielt Frau Bl├╝cher und bildet den erfrischenden Kontrapunkt zu Inga. Inga flatterhaft im wei├čen Kleidchen mit wallender M├Ąhne - Frau Bl├╝cher ganz in Schwarz, gouvernantenhaft streng. Und so setzt Rhaue auch Ihre Stimme ein: rauchig und voll in tiefer Lage. Kaum zu glauben, dass Rhaue die gleiche Stimmlage wie Reutter besitzt. Durch den Kontrast gewinnt das Grusical viel Spannung.

Christian Venzke als Igor zieht alle Register seines schauspielerischen, t├Ąnzerischen und gesanglichen K├Ânnens. Igor als unsicherer und devoter Diener - Igor als steppender Entertainer - Igor als selbstbewusster Partner von "Fronkensteen". Mit feiner Mimik und ausdrucksvoller K├Ârpersprache bringt Venzke jede Situation auf den Punkt. Immer die passende Artikulation: mal ├╝berrrtrrrieben mit trrranssilvanischem Akzent, mal eloquent jovial. Mal verzweifelt verletzlich verzagt, mal potent und sonor, zeigt Venzke eine gro├čartige gesangliche Ausdruckskraft.

Dustin Smailes hat es schwer, sich als Dr. Frederick Frankenstein gegen die famosen Musicalschwergewichte Venzke/Reutter/Rhaue durchzusetzen. Dabei liefert Smailes eine solide Leistung ab. Dennoch bleibt er immer etwas unscheinbar, nur wenig Entwicklung ist erkennbar. Wenn er beispielsweise am Ende des ersten Akts mit den Worten "Was habe ich getan?" zusammenbricht, spielt er weder dramatisch genug, um die Zuschauer zu ber├╝hren, noch witzig genug, um zu am├╝sieren.

© SFF Fotodesign, Hof
© SFF Fotodesign, Hof


Monster Thilo Andersson und Fredericks Verlobte Elisabeth Cornelia L├Âhr sind eher Nebenfiguren. Beide Darsteller zeigen viel Engagement und bereichern das St├╝ck ungemein. Besonders L├Âhrs wandlungsf├Ąhige Stimme begeistert. Ihre gesangliche Ausdruckskraft reicht von rauchig dunkel bis zur strahlend hellen Kopfstimme. L├Âhr und Andersson spielen selbstironisch witzig und arbeiten doch die Dramatik Ihrer Figuren heraus: Das Monster entwickelt sich vom verfolgten Opfer zum genialen Wissenschaftler, die pr├╝de Zicke zur hei├čbl├╝tigen Powerfrau.

Gerade im zweiten Akt gelingt Regisseur Holger Seitz der schwierige Balanceakt zwischen Klamauk und Kom├Âdie, zwischen vulg├Ąren Zoten und eindeutig zweideutigen Andeutungen, zwischen Pornografie und Situationskomik. W├Ąhrend Frederick unter einem wei├čen Laken im Hintergrund der B├╝hne mit Inga zugange ist, beantwortet Igor die Frage nach dem Aufenthaltsort des Anatomieprofessors Dr. Frankenstein: "Er dringt in die Materie der weiblichen Anatomie ein!" Dramaturg Lothar Krause ├╝berzeichnet die Gef├╝hle der Figuren humoristisch. Ein Lacher folgt auf den n├Ąchsten. Und das Publikum liebt es! Der Applaus steigert sich von Szene zu Szene.

Choreograf Tam├ís Mester darf aus dem Vollen sch├Âpfen. Nicht nur die gro├čen Tanzszenen unterstreichen den Witz von Musik und Inszenierung. Mester zitiert choreografisch sowohl andere Grusicals als auch gro├če Revue-Nummern aus den 1920ern. Das garniert er mit viel Charme, Fantasie und eindeutig sexuellen Anspielungen. Das Ballett setzt die anspruchsvolle Choreografie sicher um. Spr├╝nge und Hebefiguren sitzen, die T├Ąnzer tanzen synchron und mit Hingabe. H├Âhepunkt ist "Puttin on the Ritz": Frederick will den Menschen die Angst vor dem Monster nehmen, indem er das Monster als Entertainer auftreten l├Ąsst. Die Nummer entwickelt sich zu einer grandiosen Revue und gipfelt in einem blitzsauber ausgef├╝hrten Massen-Stepptanz. Sogar die Hauptdarsteller steppen, was das Zeug h├Ąlt!

Eindeutig viel Spa├č haben auch Dirigent Roland Viewer und die knapp 20 Musiker der Hofer Symphoniker. Sie setzen die Partitur inspiriert und engagiert um. Mel Brooks adaptiert verschiedene Stile: Monty Python Filme, Gershwin, viele Jazz-Passagen erinnern an Bernsteins "West Side Story". Das Lied "Schick mir Einen" klingt wie eine moderne Version des "S├Ąht Ihr sie mit meinen Augen" aus "Cabaret". Viele Effekte k├Ânnten dem Soundtrack von "Tom & Jerry" entstammen. Musik und Orchester liefern auch den Soundtrack zu vielen Szenen. Die schwierige Aufgabe, Musik und Effekte pr├Ązise an die Handlung anzupassen, meistern die Musiker par excellence. Leider ist das Orchester gerade im ersten Akt viel zu leise. Das schw├╝le Streicheln der Drums mit dem Jazz-Besen, die gef├╝hlvollen Saxofonpassagen, die frechen Xylofon-Skalen oder die knackigen Bl├Ąser bleiben zu sehr im Hintergrund.


Herbert Bruckmillers B├╝hne ist schlicht. Ein gro├če Leinwand im Hintergrund der B├╝hne als Projektionsfl├Ąche und ein paar Aussteller ÔÇô das war's. Zwei gro├če Freitreppen aus ein paar Latten zusammengenagelt sind multifunktional: R├Ąnge im Vorlesungssaal f├╝r Anatomie, Plattform f├╝r parallele Handlungsstr├Ąnge, Seitenteile einer Bibliothek, Gef├Ąngniszelle und mehr. Die Reduktion aufs Wesentliche gibt den Darsteller zwar Raum zur Entfaltung, wirkt aber oft zu spartanisch. Witziges Detail: Die zwei mannsgro├čen Schalter f├╝r die Wiederbelebungsgeneratoren sehen tats├Ąchlich wie zwei Menschen aus. Das regt zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken an.

Bei aller eindeutig sexuell orientierter Komik ist es die Zweideutigkeit der Produktion, die auch eine hintergr├╝ndige Betrachtung lohnt. "Fronkensteen" ist ein moderner Prometheus, der die Grenzen von Moral und Wissenschaft auslotet. Letztendlich bleibt es jedem Zuschauer selbst ├╝berlassen, einfach nur Spa├č zu haben, oder eine Antwort auf die Frage "Wie weit darf Wissenschaft gehen?" zu suchen.

(Text: Marcus Hoffmann)






Kreativteam

Musikalische LeitungRoland Vieweg
InszenierungHolger Seitz
ChoreographieTamás Mester
B├╝hneHerbert Buckmiller
Kost├╝meBarbara Kloos
Julia Buckmiller
ChorCornelius Volke
Hsin-chien Chiu
DramaturgieLothar Krause
Regieassistenz und AbendspielleitungPhilipp Gehringer
InspizienzJerzy Barankiewicz
SouffleuseIzabela Kuc
Musikalische Einstudierung und KorrepitionChristopher Schmitz
Michael Falk
RegiehospitanzLenard Schr├Âder


Besetzung

Dr. Frederick FrankensteinDustin Smailes
ElisabethCornelia L├Âhr
IgorChristian Venzke
IngaBirgit Reutter
Frau Bl├╝cherStefanie Rhaue
Das MonsterThilo Andersson
Inspektor Kemp, Mr. Hilltop, Telegrammbote, Steward, Schuhputzer, Ein Werwolf, Viktor, Ein Eremit, Graf DraculaKarsten Jesgarz
Ein B├╝ttelJoscha Blatzheim
ZiggyNicolás Firlei Fernández
MordechaiTae Yil Yoon
Eine DorfbewohnerinMarina Schubert
Eine PassantinLina Rifqa Kamal
Eine Zweite PassantinEva Dollinger
Zwei DorfbewohnerHans-Peter Pollmer
Christian Seidel
Opernchor & Ballett Theater Hof

Hofer Symphoniker

Mitglieder Des Musicalclubs





Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© SFF Fotodesign, Hof
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


30907
Naja...

25.10.2015 - Kurz gesagt:
Schauspielerisch und gesanglich war es super!
Aber wie auch schon bei vielen anderen vergangenen Produktionen, muss deutlich gesagt werden, dass B├╝hnenbild und -Technik wieder mal mangelhaft waren! Traurig! Das Schloss von Frankenstein bestand ├╝berwiegend aus zwei stahltreppen und einer manuell fahrbaren T├╝r.

Technik und B├╝hnenbild keine Sterne
Darsteller alle 5 Sterne.
Daher gesamt 2 Sterne.

Helmetzer (2 Bewertungen, ∅ 1 Sterne)


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(mh)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Die gelungene Gratwanderung zwischen Komik und Klamauk, zwischen Kritik und Klischees macht viel Spa├č und begeistert.

31.10.2015

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