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20er-Jahre Musical

Chicago

Etwas Gutes ist an jedem dran


© eventpress / Stage
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Musik, Gesang, Tanz und Schauspiel. Dass eine gute Musical-Inszenierung nicht mehr braucht als diese vier Komponenten, beweist die sich aufs Wesentliche beschr├Ąnkende "Chicago"-Produktion mit einem ganz auf Perfektion getrimmten Ensemble. Einfach grandios!

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:11.10.2015
Rezensierte Vorstellung:11.10.2015
Letzte bekannte Auff├╝hrung:10.04.2016


Es geschah beim gespreizten Doppeladler. In dieser artistischen Position erwischt Velma Kelly den Gatten mit ihrer Schwester in flagranti. Schuss und Schluss mit dem selbstbestimmten Leben. Nun sitzt sie im Chicagoer Frauengef├Ąngnis, in dem Mama Morton mit harter Hand, in der der ein oder andere Dollar f├╝r Gef├Ąlligkeiten verschwindet, regiert. Hierher wird auch Roxie Hart verbannt, die ihren Lover, der sie abservieren wollte, umgelegt hat.


Die Geschichte um die meuchelnden M├Ądels, die ein schmieriger Winkeladvokat ├Âffentlichkeitswirksam inszeniert im Gericht vor dem Galgen rettet, tourt im Portfolio der Stage Entertainment als Klon der 1996er Broadway-Produktion (Regie: Walter Bobbie) durch die Lande. Betreut von T├ónia Nardini (Inszenierung) und Gregory Butler (Choreografie) besticht die auf ein Minimum an B├╝hnenbild (John Lee Beatty) und Kost├╝m (William Ivey Long) reduzierte Auff├╝hrung durch Perfektion. Auf der ganz in schwarz gehaltenen Guckkastenb├╝hne thront im Zentrum eine unter dem Dirigat von Jochen Kilian ganz fabelhaft jazzende 14-Mann-Band. Damit r├╝ckt Kanders packend-launige Partitur, die in der besuchten Berlin-Premiere manchmal die S├Ąnger ├╝bert├Ânt, ganz ins Zentrum des Geschehens.


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In dem mit einem schr├Ąg nach hinten abfallenden, goldenen Bilderrahmen begrenzten Bereich treten auch die Solisten auf und nutzen die davor liegende, in Berlin recht eng wirkende Spielfl├Ąche f├╝r Ensembleszenen. Als Requisiten reichen ein paar schwarze Holzst├╝hle, die die Darsteller f├╝r ihre Auftritte hereintragen und auch wieder entfernen. Dieses aufs Wesentliche konzentrierte Konzept lenkt die Zuschauer nicht durch Ausstattungs-Schnickschnack ab und beweist, dass "Chicago" ein wirklich gut gemachte Satire auf Justiz- und Medienmaschinerie ist. Ob dies allerdings stolze Eintrittspreise von bis zu 125 Euro rechtfertigt, steht auf einem ganz anderen Blatt.


Im Prinzip steht wieder die Besetzung der letzten Spiel-Station (Stuttgart) auf der B├╝hne. Die Truppe aus sexy Frauen und muskelbepackten M├Ąnnern in einem Hauch an sehr knapp geschnittenen, schwarzen Kost├╝men tanzt sich in den zackig-anspruchsvollen Choreografien (Ann Reinking) quasi die Beine aus dem Leib und ist synchron in Perfektion. Es sitzt jede noch so kleine Bewegung und artistische Einlagen sorgen f├╝r Begeisterung. Ein echter Trumpf dieser Produktion!


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Doch nicht nur die t├Ąnzerischen Leistungen verdienen viel Lob. So steht mit Carien Keizer eine echte Leading Lady auf der B├╝hne, die als Roxie auf den Punkt besetzt ist. Sie bewegt sich mal elegant, dann wieder trotzig, aber auch verkommen rotzig. Keizer schmei├čt ihre endlos wirkenden Beine ohne jegliche Anstrengung in die Luft und bew├Ąltigt ihre vielen Gesangsaufgaben ebenso m├╝helos. Auch verleiht sie der Roxie durchaus komische Z├╝ge, wie zum Beispiel als kulleraugige Bauchrednerpuppe in der Pressekonferenz-Szene. Hier gl├Ąnzt auch Nigel Casey als schlitzohriger Anwalt Billy Flynn im Gentleman-Outfit. Sein eleganter Bariton brilliert nicht nur in der Ensemble-Nummer "Hokuspokus". Allerdings st├Ârt in den Dialogen sein starker Akzent, der ihn in den Sprechszenen schwer verst├Ąndlich macht. Dieses Makel haben auch einige der Ensemble-Mitglieder, die immer wieder in kleinen Rollen auftreten.


Dass es in Deutschland wirklich gute muttersprachliche Musical-Darsteller gibt, beweisen die anderen Solisten. Martin Sch├Ąffner mutiert mit kr├Ąftiger Kopfstimme als Klatschreporterin Mary Sunshine zur koloraturgewandten Operettendiva, Isabel D├Ârfler (Mamma Morton) ist eine gesch├Ąftst├╝chtige Knastvorsteherin, deren "Sei gut zu Mamma" zu den gesanglichen H├Âhepunkten der Show geh├Ârt. Gleiches gilt auch f├╝r Volker Metzger, der als schlaffig-unscheinbarer Roxie-Ehemann Amos mit seinem traurig-bedauernswerten "Mister Zellophan" zum Sympathietr├Ąger der Show wird.


Einziger Neuzugang auf dem Berliner Besetzungszettel ist Caroline Frank als etwas zu brav geratene Velma. Nach anf├Ąnglicher Nervosit├Ąt im Opener "All that Jazz" (hier geht sie zudem stimmlich fast unter), f├Ąngt sich Frank gesanglich im Laufe der Show. Auch fehlt ihr t├Ąnzerisch im Vergleich zu den Darstellerkollegen noch die Routine ÔÇô sie scheint irgendwie immer hinterher zu hinken. Diese kleinen Startschwierigkeiten d├╝rften im Laufe der Spielserie allerdings verschwinden, sodass die ganz auf Perfektion getrimmte Produktion vollends gl├Ąnzen kann und "Chicago" in dieser Inszenierung ein Fest f├╝r alle Musical-Gourmets bleibt.


11.10.2015 bis 17.01.2016 - Theater des Westens, Berlin
04.03.2016 bis 10.04.2016 - Deutsches Theater, M├╝nchen

(Text: Kai Wulfes)






Kreativteam

MusikJohn Kander
Buch und TexteFred Ebb
BuchBob Fosse
├ťbersetzungErika Gesell
Helmut Baumann
Neu├╝bersetzung LiedtexteKevin Schroeder
Musikalische LeitungJochen Kilian
Original-RegieWalter Bobbie
Regie Berlin / M├╝nchenTania Nardini
Original-ChoreografieAnn Reinking
Choreografie Berlin / M├╝nchenGregory Butler
B├╝hneJohn Lee Beatty
Kost├╝meWilliam Ivery Long
LichtKen Billington


Besetzung

Velma KellyCaroline Frank,
(Marcella Adema)
(Rachel Colley)

Roxie HartCarien Keizer,
(Marleen de Vries)
(Fleur Jagt)

Mamma MortonIsabel D├Ârfler,
(Marcella Adema)
(Rachel Colley)

Billy FlynnNigel Casey
(Livio Cecini)
(Matt Huet)

Amos HartVolker Metzger
(Livio Cecini)
(Jens Janke)

Mary SunshineMartin Sch├Ąffner
Victor Petersen
(Jens Janke)

EnsembleFleur Jagt
Michele Fichtner
Marcella Adema
Janina Hinrichs
Danielle Delys
Rachel Colley
Alan Byland
Matt Huet
Matthieu Vinetot
Rene Becker
Joshua Donovan
Shane Landres
Luke Jarvis
SwingsMarleen de Vries
Birgit Arquin
Dorit Oitzinger
Andre Naujoks
Perry Beenen
Rhys George




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


4 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


31063
And all that Jazz

21.03.2016 - Mit Chicago ist in M├╝nchen ein Musical zu sehen das die Grundvoraussetzungen mit einander verbindet und auf alles andere verzichtet: Tanz, Gesang und Schauspiel. F├╝r viele reicht das nicht. Ein Musical ohne Kulisse, ohne aufwendige Kost├╝me ... Nein, f├╝r viele ist das zu langweilig. Doch es muss einen Grund haben warum Chicago jahrelang erfolgreich in London und New York zu sehen war/ist. Ich fand dieses St├╝ck aus diesem Grund schon immer sehr interessant. Am 19.03. hatte ich nun endlich die M├Âglichkeit es auch mal Live zu sehen. Die Besetzung war folgenderma├čen:

Velma- Caroline Frank
Roxie- Carin Keizer
Billy- Nigel Casey
M. Morton- Rachel Colley

Auch wenn ich anfangs etwas skeptisch war, da mir Caroline Frank bei ihrem ersten Lied, all der Jazz, noch nicht so gut gefallen hat, konnte sie mich im Laufe des Musicals dann doch noch f├╝r sich gewinnen. Carin Keizer ist die perfekte Roxie und ihre Leistung bei Sie beide griffen nach dem Colt ist bewundernswer. Nigel Casey hat beim Sprechen ein paar Probleme mit der Aussprache, doch gesanglich hat er mich wirklich vom Hocker gehauen. Auch die Mama Morton- Rachel Colley- war sehr gut, vor allem bei dem Lied Stil, eines meiner Lieblingslieder.
Auch das Ensemble hat ein paar Probleme mit der Sprache, die st├Âren mich allerdings nicht so extrem, da ich jeden verstanden habe. Gesanglich und t├Ąnzerisch haben alle sehr viel Talent.

Die Frage ist am Ende: Funktioniert ein Musical ohne Kulisse, ohne Kost├╝mwechsel? Kann man der Geschichte trotzdem folgen? Meine Antwort ist ganz klar: Ja! Ich kann jedem dieses St├╝ck nur ans Herz legen und es hat mich ├╝brigens auch gefreut, mal ein Orchester/ eine Band in angemessener Gr├Â├če zu sehen

LiveinTheater (99 Bewertungen, ∅ 3.7 Sterne)


31057
Dessous-Entsch├Ąrfung und andere Widrigkeiten

10.03.2016 - CHICAGO ist vielleicht die gelungenste Essenz dessen, was eine Musical Comedy sein kann.
Der Klassiker funktioniert nur dann bestens, wenn Musik, Tanz, Schauspiel, Gesang in Perfektion dargeboten werden.

Die musikalische Umsetzung ist bestens gelungen. Die 14-k├Âpfige Band spielt mit soviel Tempo und Drive, dass sie lautstark bejubelt wird und manchmal den Darstellern fast schon die Schau stiehlt.

Das Ensemble ist mit kantigen, individuellen Typen passend besetzt. Gesanglich ├╝berzeugend und t├Ąnzerisch perfekt werden die anspruchsvollen Lieder und Choreografien umgesetzt. Da aber leider nicht alle Deutsch als Muttersprache haben, muss man leider den ein oder anderen Abstrich bei der Textverst├Ąndlichkeit machen. Auch das Setzen der Pointen leidet darunter. Gerade beim Cell Block Tango, wird leider brav aufgesagt, wo eigentlich ein Peitschenknall n├Âtig w├Ąre.

Dieses Problem haben Isabell D├Ârfler (Mamma Morton), Volker Metzger (Amos Hart) und Martin Sch├Ąffner (Mary Sunshine) nicht und ├╝berzeugen in ihrer Rolleninterpretation voll und ganz.
Alternativ-Besetzung Livio Cecini ist als Billy Flynn weitgehend rollendeckend, aber vom Typ her nicht wirklich ├╝berzeugend f├╝r den schmierigen, selbstverliebten Winkeladvokaten.
Als Roxie Hart steht erneut die Niederl├Ąnderin Carien Keizer auf der B├╝hne.
Ihr deutscher Text ist makellos artikuliert und sehr gut verst├Ąndlich. Was aber leider fast schon wieder ein Problem ist. Die damenhafte, kultivierte Aussprache Keizers klingt schon wieder etwas zu gestelzt f├╝r das naive aber gierige Provinzgew├Ąchs Roxie Hart. Auch hier verlieren dadurch manche Pointen etwas. Gestik und Mimik treffen bei Keizer aber immer voll ins Schwarze. Bei We both reached for the gun oder Roxie sind ihre Gesichtsentgleisungen und ihre K├Ârpersprache br├╝llend komisch.
T├Ąnzerisch ist sie auch gro├čartig. Sie bringt exakt den athletischen, gro├čen, langgliedrigen K├Ârperbau mit, der notwendig ist, um Fosse-Choreografien ├╝berzeugend und wirkungsvoll tanzen zu k├Ânnen.

Anders ist das leider bei Caroline Frank als Velma Kelly. Auch sie bringt sich mit ungeheurer Wucht und Energie in die Tanzszenen ein. Aufgrund ihrer Gr├Â├če und ihres K├Ârperbaus erzielt das aber niemals die gleiche Wirkung, wie bei Keizer oder Mitgliedern des Ensembles. Schauspielerisch d├╝rfte sie gerne noch etwas ├╝berspitzter und aufgedrehter agieren. Gesanglich ist sie tadellos.

Letztendlich hat sich mir noch die Frage gestellt, weshalb man Ver├Ąnderungen am Kost├╝mbild vorgenommen hat. Einige der Damenkost├╝me wurden deutlich entsch├Ąrft, blickdichter und mit mehr Soff f├╝r die SE-Produktion umgesetzt. Hatte man Angst, man k├Ânnte das trutschige Familienpublikum schockieren?

CHICAGO ist ein F├╝nf-Sterne-Musical.
Ein Punkt Abzug f├╝r die SE-Qualit├Ąt.

kevin (169 Bewertungen, ∅ 3.3 Sterne)


Beitrag vom 23.10.2015 gesperrt

ballrock2 (21 Bewertungen, ∅ 4.7 Sterne)


30895
Fast zu Perfekt ! Sch├Ân war es !

11.10.2015 - Als der Vorhang aufging und die erste S├Ąngerin begann, dachte ich oh, oh!
Ich wurde eines besseren belehrt!
Sch├Âne perfekte Menschen, die sich zur Musik bewegten, als wenn Sie nie etwas anderes gemacht haben! Nach der Pause fehlte der Pep!
Stimmung kam bei der Gerichtsverhandlung auf.
Das Ende ist nicht so ... , denn der Zwillings-Partner-Tanz war nicht Perfekt!
Alles im allen ein sch├Âner Abend,
mit einen kleinen Macken!

Cuisinier le (3 Bewertungen, ∅ 3.7 Sterne)


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 Kurzbewertung [ i ]
(kw)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

DIE Show f├╝r Musical-Gourmets. Reduziert aufs Wesentliche begeistern furios getanzte Choreografien und eine tolle Roxie-Darstellerin (Carien Keizer)

11.10.2015

 Leserbewertung
(3 Leser)


Ø 4.00 Sterne

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