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Romanadaption

The Pirate Queen

Sail To The Stars


© Roland Obst
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Sehr löblich, wenn ein Stadttheater vermeintlich sichere Spielplanhäfen verlässt und stattdessen mit der deutschen Erstaufführung eines Broadway-Musicals zu neuen Ufern aufbricht. Doch auch Musical-Spezialistin Iris Limbarth kann "The Pirate Queen" mit guten Darstellern in einer werkgetreuen Inszenierung nicht retten. Dafür ist insbesondere die Textvorlage zu dürftig.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:29.04.2016
Rezensierte Vorstellung:07.05.2016
Letzte bekannte Aufführung:31.12.2016


Glückseligkeit beim irischen Clan. Umringt von ihren Stammesbrüdern und -schwestern, wird Clanoberhaupt Grace samt ihrer endlich vereinten Patchwork-Familie gefeiert. Der Weg bis in dieses Happy End von "The Pirate Queen" ist allerdings steinig und ziemlich holperig. Das liegt vor allem an dem schwachen Buch mit seiner hanebüchenen Groschenroman-Dramaturgie. Hierfür hat das Autoren-Trio Alain Boublil, Claude-Michel Schönberg und Richard Maltby jr. die biografisch angehauchte Romanvorlage von Morgan Llywelyn über die heute noch in Irland als Heldin verehrte Grania O’Malley für die Bühne adaptiert. In diesem Mantel- und Degen-Epos kämpfen zwei starke Frauenfiguren in einer männerdominierten Welt um Anerkennung: Das ist zum einen die junge Elisabeth, die ihrem Vater Heinrich VIII. auf dem englischen Königsthron nachfolgt und von ihren Hofschranzen zunächst nur belächelt wird. Ihr gegenüber steht die Irin Grace, die sich zur Kapitänin und Stammesführerin emporkämpft. Gleichzeitig setzt sie sich für ein Ende der Unterdrückung ihres Volkes durch die englische Krone ein und sucht ihr privates Glück.

© Roland Obst
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Dabei scheinen die Würfel in Sachen Männerwahl gefallen zu sein. Bereits in der ersten Szene beschwören Grace und ihre Jugendliebe Tiernan ihre gemeinsame Zuneigung und knüpfen ein Tau um ihre Hände, das die Ewigkeit ihrer Beziehung symbolisieren soll. Merkwürdig, dass nur wenig später die selbstbewusst und rebellisch gezeichnete junge Frau ohne mit der Wimper zu zucken dem Wunsch des Vaters entspricht und den Sohn eines anderen Stammesführers ehelicht. Obwohl sie diesen Ehemann bereits mit der Hochzeit offen ablehnt, gebärt Grace zu Beginn des zweiten Aktes auf offener See seinen Sohn, um im Anschluss an diese Niederkunft ihren ohne triftigen Grund noch auf dem Schiff weilenden Ex Tiernan im Fechtkampf gegen enternde englische Truppen zu unterstützen.

Wie ein roter Faden ziehen sich weitere dramaturgisch unlogische Wendungen durch das gesamte Buch. So bleibt zum Beispiel völlig unklar, warum Tiernan erst nach sieben Jahren auf die Idee kommt, sich für die zwischenzeitlich in einem Londoner Kerker inhaftierte Grace austauschen zu lassen. Und aus welcher Laune heraus empfängt die englische Königin ihre nichtadelige, irische Erzfeindin zu einem Vieraugengespräch? Immerhin beenden die beiden Frauen darin den seit Jahrzehnten schwelenden Irlandkonflikt. Wenn politische Krisen doch immer so einfach zu lösen wären…

© Roland Obst
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Atmosphärisch dichter sind Claude-Michel Schönbergs Kompositionen, die Graces irische Welt mit volkstümlich anmutenden Weisen zeichnen, während die Songs am steifen, englischen Hof wie durchkomponierte Rezitative und Arien aus Barockopern wirken. Schönberg charakterisiert dabei jede der Frauen durch ein eigenes Instrument: Grace durch die Whistle (irische Flöte), Elisabeth durch das Spinett. Den musikalischen Höhepunkt bildet die Kerkerszene, in der beide Frauen in einem Duett ihre recht ähnlichen Schicksale besingen ("Sie hat so viel"). Die Partitur strotzt vor diesen recht schwülstig wirkenden Balladen, die ihre Verwandtschaft zu Songs aus Schönbergs beiden Hit-Musicals "Miss Saigon" und "Les Misérables" nicht verleugnen können, auch wenn sie nicht wirklich im Gehörgang hängen bleiben. Den Instrumentalpassagen, die als Untermalung für die vielen Kampfszenen dienen, fehlen Drive und Dramatik. Sie wirken dadurch eher langweilig und passen so gar nicht zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Iren und englischen Truppen, die dazu auf der Bühne zu sehen sind.

Iris Limbarth, die Regisseurin dieser deutschen Erstaufführung (Übersetzung: Nina Schneider), erzählt die Abenteuergeschichte brav, schlicht und ohne jegliche Mätzchen. Weil sie die Mitglieder des Opernchores weniger als Individuen, sondern als auf ihre zugewiesenen Plätze strömende Masse führt, wirkt Limbarths Inszenierung oft zu statisch. Ein wahrer Graus sind die Kampfszenen in der Choreografie von Patrick Stanke, in denen die Choristen gemeinsam mit den Mitgliedern der Ballettkompagnie auf sechs in Plastikpanzern gewandete Statisten dilettantisch eindreschen dürfen.

Besser gelingen die Tanzszenen, in denen Irish Dance-Spezialistin Natalie Westerdale dem gesamten Ensemble gehörig Beine macht und immer wieder originelle Requisiten (Ruder, Besen) einbezieht. Die irischen Stepptänze haben zwar kein Riverdance-Niveau, sind aber für ein Hausensemble eines deutschen Stadttheaters beachtlich gut ausgeführt. Besonders in diesen volkstümlichen Szenen lassen die speziell für die Produktion zusammengestellten 17 Musiker des Loh-Orchesters Sonderhausen aufhorchen. Unter dem Dirigat von Stefan Diederich kommen auch spezielle, sonst eher nicht zum Repertoire eines sinfonischen Klangkörpers gehörende Instrumente wie ein irischer Dudelsack und die bereits erwähnte Pipe zum Einsatz.

© Roland Obst
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Für das eher düstere Musical mit vielen Szenenwechseln hat Wolfgang Kurima Rauschning ein zweckdienliches, leicht wandelbares Bühnenbild entwickelt, in dessen Vordergrund auf dem fast komplett überbauten Orchestergraben zwei stilisierte, weiße Segel aus Holz stehen. Sie verweisen nicht nur auf die maritimen Spielorte an Bord, sondern dienen auch als Gefängnisgitter. Ein wahrer Hingucker ist die Beerdigungsszene im Fackelschein unterm Sternenhimmel vor der Pause, bei dem ein kleines Holzboot mit den sterblichen Überresten des verstobenen Clanführers entzündet wird. Anja Schulz-Hentrichs Kostüme sind in Irland passend zurückhaltend und volkstümlich, in den höfischen Szenen in London hingegen funkelnd-prächtig. In der eher einfallslosen Beleuchtung (Mario Kofend, Uwe Niesig), bei der Scheinwerfer auch penetrant in den Zuschauerraum strahlen, besteht Verbesserungspotenzial. Gleiches gilt für die Tonabteilung. In der besuchten dritten Vorstellung sind die Protagonisten in der ersten Szene kaum zu hören, danach wirkt der Sound dumpf und breiig. Nach der Pause entspannt sich die akustische Lage allerdings ein wenig.

Als Grace hat Corinna Ellwanger den Löwenanteil der Songs zu singen. Dies gelingt ihr mit dem schönen Musicalsopran bravourös, allerdings passt ihr Stimmtyp nicht optimal zu der kämpferisch-resoluten Anführerin des irischen Widerstands. Ellwanger hört sich oft einfach zu lieb und nett an. An ihrer Seite wirkt Patrick Stanke (Tiernan) darstellerisch vorlagenbedingt etwas blass. Seine Rolle gibt nicht viel her, auch entwickelt sich die Figur nicht weiter. Gesanglich ist Stanke solistisch großartig ("Ich bleib hier") und in schmachtenden Duetten wie "Heute Nacht" mit Ellwanger eine wirklich gute Wahl. Beide Stimmen harmonieren sehr gut miteinander.

© Roland Obst
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Gleich mit seinem schwungvollen Auftrittssong "Ich bin ein Kerl" prahlt Jan Rekeszus (Donal) mit gockelhaftem Macho-Gehabe, das der spätere ungeliebte Ehemann von Grace jedoch nur aufgesetzt spielt. In Wirklichkeit ist Donal ein armes Würstchen, das die Mutter seines Sohnes im zweiten Akt feige an die britische Krone verrät. Rekeszus zeigt beide Facetten sehr glaubhaft, singt mit schönem Baritenor und tanzt zackig-souverän.

Aus dem Nordhauser Musiktheater-Ensemble sind rollendeckend viele kleine Ensemble-Rollen besetzt, zwei Charatere am englischen Hof bleiben jedoch nachhaltig in Erinnerung: Désirée Brodka zeichnet Elisabeth I. zunächst als unsichere, junge Frau mit langen blonden Haaren, die sich immer mehr in eine würdevolle Herrscherfigur mit Herz in dem allseits bekannten "Virgin Queen"-Outfit verwandelt. Gesanglich besticht sie durch einen feinen Sopran, bei dem die Koloraturen bis in höchste Lage perfekt sitzen. Marian Kalus protzt als intriganter Königin-Berater Lord Richard Bingham mit großer Stimme in einem recht penetranten Dauer-Forte. Etwas mehr Zurückhaltung sollte ein ausgebildeter Opernsänger in einer Musical-Produktion schon zeigen.

© Roland Obst
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Zum Schlussapplaus ist im Nordhauser Zuschauerraum die Begeisterung für das am Broadway nach nur 85 Vorstellungen gekenterte Musical groß. Ob das allerdings für eine feste Verankerung im deutschen Musical-Repertoire reicht, ist zu bezweifeln. Für ein wirkliches Happy End benötigt "The Pirate Queen" vor allem eine Generalsanierung des Buches.




Buch von Alain Boublil, Claude-Michel Schönberg und Richard Maltby jr.
Nach dem Roman „Grania – She King Of The Irish Seas“ von Morgan Llywelyn Musik von Claude-Michel Schönberg Gesangstexte von Alain Boublil, Richard Maltby jr. und John Dempsey
Deutsch von Nina Schneider
Orchestration von Julian Kelly

(Text: kw)




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Hintergrund: Interview mit Iris Limbarth (06.10.2015)



Kreativteam

Musikalische Leitung Stefan Diederich
Inszenierung und Choreographie Iris Limbarth
Bühne Wolfgang Kurima Rauschning
Kostüme Anja Schulz-Hentrich
Irish DanceNatalie Westerdale
KampfchoreografiePatrick Stanke


Besetzung

Grace (Grania) O'MalleyCorinna Ellwanger
Nina Links
Königin Elisabeth ILeonor Amaral
DubhdaraThomas Kohl
TiernanJan Rekeszus
Lord Richard BinghamMarian Kalus
Der Chef des O'Flaherty-ClansMatthias Mitteldorf
Donal, sein Sohn und ErbeDavid Johnson
Evleen, eine alte Frau, Graces' Amme und Älteste des O'Malley-ClansAnja Daniela Wagner
MajellaAnna Baranowska
Eine O'Malley, Hofdame, BarmädchenNina Links
KinderElias Gothe
Felix Schmidt
Felix Tietje
Opernchor, Ballettkompanie und Statisterie des Theaters Nordhausen Loh-Orchester Sondershausen

Loh-Orchester Sonderhausen Ensemble "The Pirate Queen"



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Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Roland Obst
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


3 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


31100
Schöne Musik - Die QUEEN ist das Highlight - aber uninspirierte Regie

16.05.2016 - Am Pfingstsonntag, dem 15.05.2016 war es endlich soweit - ein neues deutschsprachiges Musical - "THE PIRATE QUEEN" in Nordhausen - genau vor einem Jahr am Pfingstsonntag war ich dort in der "PÄPSTIN" - und schon das war sehr schön - also war die Vorfreude groß!

Absolutes Highlight war für mich die Musik - wer die Melodien von "LES MISERABLES" liebt so wie ich - der kommt bei "THE PIRATE QUEEN" auch absolut auf seine Kosten mit neuem "Material" - das besondere - der irische Einschlag mit tollen Spezialinstrumenten - absoluter Pluspunkt der Inszenierung - das 17-köpfige Loh-Orchester...

Desweiteren alle Hauptdarsteller sind in ihren Rollen sehr gut - Corinna Ellwanger als Grace ist herrlich "burschikos" und ihr nimmt man vom ersten Augenblick die Rolle der "Pirate Queen" ab - sie hat die Hosen an - in jeder Beziehung...ihre Songs sind alle sehr schön sie meistert sie ohne Aussetzer man muss dazu aber sagen, dass sie jetzt nicht wegen einer besonders tollen Leistung im Gedächtnis bleibt - solide gespielt und gesungen - brav...

Patrick Stanke spielt sehr gut mit einer tollen Stimme und verständlicher Aussprache seine Songs sowohl die Duette als auch sein großes Solo - der Showstopper für den Tiernan "Ich bleib hier" -

Zwei Darsteller des Hausensembles bleiben da in weitaus lebendiger Erinnerung: Thomas Kohl als Dubhdara - Grace Vater - absolut tolle Stimmfärbung - glasklarer Gesang - jedes Mal Gänsehaut wenn er singt - wie auch letztes Jahr in "DER PÄPSTIN" - toller Darsteller und einfach nur Top!

Ausgerechnet eine Opern-Sängerin stiehlt aber allen die Show: Dèsirèe Brodka als QUEEN ELIZABETH I. - sie singt und spielt einfach nur grandios die Rolle der Queen - die passende Musik ertönt immer wenn sie erscheint - tolle Ausstrahlung, Stimme und ihre Kostüme einfach ein Traum - an Sie erinnert man sich vor allem wenn man aus der Show geht...Bravo...

Das Bühnen- und Kostümbild ist auch sehr solide - wobei es eigentlich immer nur zwei Ebenen gibt - der königliche Hof in London angedeutet mit einem großen Bühnenbreiten roten Vorhang und dem Thron der Queen - dazu dann die Szenen aus Irland - entweder leere Rundbühne oder bestückt mit Schiffsrad und anderen Schiffs-Utensilien bzw. einem herabfahrenden Teil wenn die Szenen an Land spielen - das war's eigentlich schon...

Konsequent ausgeleuchtet ist alles in Rot- und Blautönen - dies ist Konsequent und hat einen roten Faden - das gleiche hätte man sich auch von der Regisseu erhofft....

Das Ensemble ist sehr groß - wie ich finde zu groß - es ist sehr statisch beim auftreten - immer geballt - sie wissen nicht wo sie stehen sollen - und die Szenen sind oftmals lang und ermüdend - als Beispiele: Die beiden Hochzeitsszenen und die Taufe...

hier wird nicht nur gesteppt - was dem irischen Brauch entsprechend üwrde - das machen sie alle recht gut - sondern eben auch normal getanzt und das Ballet-Ensemble gibt Balleteinlagen zum Besten - was absolut nicht in die Szenerie passt und die Geschichte langatmig werden lässt - weniger ist mehr - die Steppdarbietungen hätten da völlig ausgereicht...

Das größte No-Go allerdings wie ich finde - leider sehr oft beim Stadttheater der Fall - die katastrophale Ton-Aussteuerung - wenn das Ensemble singt ist das ein Einheitsbrei - man hört Stimmen aber versteht keinen einzigen Text - das Orchester wird übertönt schade weil die Musik grad das tolle ist - und es ist einfach unverständlich wie man ein Stück durch die schlampige Tonaussteuerung und Akkustik so kaputtmachen kann..

Da fällt die Ideenlosigkeit von Regisseurin Iris Limbarth auch nicht mehr ins Gewicht - im Interview sagte sie: Es ist total schwierig das Stück zu inszenieren, da es Weltweit keine Vorlage dazu gibt - außer die UA in den USA - aber sie fand die Musik toll - ja normalerweise hat der Regisseur Phantasie und entwickelt von dem Stück einen Handlungsfaden und versucht den möglichst flüssig auf die Bühne zu bringen...

ja das Buch ist recht Schwach - aber statisch die Leute auf die Bühne kommen zu lassen - Beispiel: Mindestens 5 mal kommt Grace alleine von rechts auf die Bühne steht dort - läuft rum und fängt an zu singen - einige Minuten später kommt Tiernan von links dazu um kreist sie und sie singen ein Duett miteinander - so Szenen gibt es mindestens 6 - immer genau gleiche Schritte und nix anderes...

Das Ensemble kommt in Heerestärke auf die Bühne nimmt konsequent hinten wie die Zinnsoldaten Aufstellung und agiert von hinten weg -

da hätte man viel mehr herausholen können und das ist die Aufgabe der Regisseurin - ich glaube sie war recht überfordert und eine Deutschsprachige Erstaufführung ist dann doch ein etwas anderes Kaliber -

Trotz allem ist es ein schönes STück - für den Mut dieses zu bringen gebührt dem Theater Nordhausen großen Respekt...

vor allem die tollen Darsteller und das Orchester retten das Stück und alleine schon deswegen ist es für Musicalfans empfehlenswert es sich anzuschauen....bis 31. Detember 2016 wird es auf dem Spielplan stehen...

Maxim (54 Bewertungen, ∅ 4 Sterne)


31092
Effekthascherei für schwaches Buch

09.05.2016 - Als Fan von Les Miserables gehörte die PirateQueen natürlich zum Pflichtprogramm. Was wir in Nordhausen gesehen haben, war dann allerdings zwar sauberes Musicaltheater, aber nicht viel mehr.

Das lag weniger daran, dass das die Ideen unabitioniert gewesen wären. Zum Teil großflächige Bühnenaufbauten, Nebel, Feuer, Fluggeschirr, aufwändig überbauter Orchestergraben (zumindest sah es so aus), "Konfetti", Wellenprojektionen und vieles mehr waren im Einsatz.

Allerdings gelingt es Nordhausen damit nicht, das unglaublich schwache Buch auszugleichen. Es gibt zwar einen roten Faden und auch das Thema hätte Stoff für mehr geboten. Wie man den Konflikt zweier Frauen bearbeiten kann, zeigt z.B. "Marie Antoinette". Durch fehlende Verdichtungen wichtiger Handlungspunkte plätschert die Story der PirateQueen belanglos dahin. Alles wirkt (am falschen Ende) gestrafft. Ein 7JahresSprung der Handlung wird nur in einem Nebensatz abgetan. Verfahrene und scheinbar ausweglose Situationen werden sinngemäß mit einem "ich will aber" oder "bittebitte" gelöst und sofort für selbstverständlich angenommen. Ob das an der Übersetzung, Inszenierung oder komplett am Originalbuch liegt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Persönlich hat mich zudem das Lichtdesign genervt. Fast nur LED-Scheinwerfer (dadurch sehr matschiges Licht); ein Spot von oben auf den Dirigenten, der besonders in dunklen Szenen bei Haze die Sicht auf die Bühne und vor allem die Stimmung zerstörte; es scheint nur die Farben weiß, blau und rot zu geben und nahezu jede Szene bestand aus blauem Lichtmatsch und Schlaglicht aus irgendeiner Richtung. Und warum kann man einen Beamer nicht so ausrichten, dass er wirklich die Projektionsfläche (und nicht noch mehrere Zentimeter der Vorbühne) ausleuchtet?

Auch unverständlich war die Eingangsseqzenz. Da sitzt ein Junge mit einer Kiste voll Sand auf der Vorbühne und simuliert Meeresrauschen während der Einlasszeit. Das Stück beginnt, er trottet ins Bühnenbild und von der Bühne. Danach sieht man ihn über eine Stunde nicht mehr. Damit ist sein Einsatz vollkommen losgelöst von der eigentlichen Handlung und sollte das ein Zeitsprung gewesen sein, dann wäre er noch schwächer gelöst als der 7Jahre-Satz.

Ich bereue nicht, das Stück gesehen zu haben (solide war es), aber weiterempfehlen würden ich das Gesehene nicht :-(

Mr.Hide (erste Bewertung)


31089
Unterhaltsames Stück, fantastische Inszenierung

05.05.2016 - Die Geschichte folgt dem bewährten Rezept, aus einer bewegten historischen Biografie eine unterhaltsame Geschichte zu machen: Eine starke Frau setzt sich in einer Männer-dominierten Welt durch und rettet am Ende nicht nur ihr Volk, sondern ist auch endlich mit der Liebe ihres Lebens vereint.
Das wirkt alles eher konventionell und in der Dichte der Abenteuerhandlung nicht unbedingt tiefgründig, bietet aber durchaus gute Unterhaltung. Bei der Umsetzung als Musical drängt sich immer wieder der Vergleich mit „Les Misérables“ vom gleichen Autorenteam auf, u. a. durch die historische Handlung mit vielen kleinen Szenen, die einen Zeitraum von mehreren Jahren bzw. Jahrzehnten abdeckt. Das sorgt für Kurzweil und treibt die Handlung schnell voran. Etwas weniger Action und mehr Raum, um auch die Gefühle und das Innenleben der Figuren herauszuarbeiten, hätte dem Stück vielleicht gut getan, denn gerade das macht auch die Stärke der Schöberg/Boublil-Musicals „Les Misérables“ oder „Miss Saigon“ aus. Auch die Beziehung des Liebespaares, hier fast auf den Umfang einer Nebenhandlung reduziert, hätte mehr Potential geboten.
Bei der Musik setzte der Komponist teilweise auf bewährte Ideen aus „Les Misérables“, die Feier von Donal z.B. erscheint geradezu wie ein Aufguss der Wirtshausszene der Thénardiers. Dass die Partitur an das berühmte Vorbild nicht heranreicht, mag ein Grund dafür sein, warum das Stück sich seinerzeit nicht durchsetzen konnte.
Eine Besonderheit sind immerhin die Elemente irischer Volksmusik und die Volkstänze. Sehr schön dazu im Kontrast die getragene höfische Musik in den Szenen, die am englischen Hof spielen. So wird der Unterschied zwischen den bodenständigen Iren und der englischen Hofkultur auch musikalisch deutlich, und das gibt dem Musical tatsächlich ein eigenes Profil. Insgesamt blieb gerade die Musik zwar etwas hinter den Erwartungen zurück, gute Unterhaltung ist das Stück trotzdem allemal.

Nun aber zur Inszenierung: Ich habe die 2. Vorstellung am 1. Mai gesehen und hatte meine Erwartungen nicht allzu hoch gesetzt, weil das Theater Nordhausen eher zu den kleineren Stadttheatern in Deutschland gehört. Tatsächlich wurden sie aber weit übertroffen, denn was hier zu sehen war, konnte es qualitativ durchaus mit Großproduktion aufnehmen.
Da wäre zunächst die erstklassige Besetzung zu nennen, die bis in die Nebenrollen nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch (und optisch) überzeugte. Das Theater war gut beraten, neben den Gast-Solisten – Corinna Ellwanger in der Titelrolle, Patrick Stanke als Tiernan, Jan Rekeszus als Donal – auch für Hauptrollen auf das eigene Ensemble zu setzen, darunter Katharina Boschmann als Königin Elisabeth und Marian Kalhus als Lord Bingham. Die Spielfreude war allen Beteiligten anzumerken, ein ganz großes Plus war dabei auch die wunderbare Textverständlichkeit, die man bei mancher Long-Run-Großproduktion vermisst.
Ebenfalls im Einsatz war die hauseigene Ballettkompanie, der in diesem Stück vor allem für die irischen Volkstänze eine wichtige Rolle zukommt. In Erinnerung bleiben dabei besonders die schwungvollen, an Steptanz erinnernden Tanzeinlagen.
Hier wurde auch einmal mehr deutlich, wie geschickt die Inszenierung die örtlichen Gegebenheiten nutzte. Denn durch die vergleichsweise geringen Bühnenmaße erreichte sie selbst mit wenigen Solotänzern und dem Einsatz von Statisten ein stimmiges Bild der „Massenszenen“.
Der Orchestergraben war bis auf eine Aussparung für den Dirigenten abgedeckt, was die Spielfläche nach vorne vergrößerte und durch Ausnutzung der gesamten Bühnentiefe immer wieder für neue Eindrücke und überraschende, durchweg schöne und überzeugende Raumlösungen sorgte. So wechselte die Szenerie mit vergleichsweise einfachen Mitteln (ähnlich wie man es von den häufigen Szenenwechseln bei „Les Misérables“ kennt) zwischen Szenen an Bord eines Schiffes, am englischen Hof, auf den Burgen der Clans bis hin zur besonders stimmungsvollen Begräbnisszene mit Sternenhimmel. Die schönen Kostüme, die vor allem bei den Hofszenen ausgesprochen prachtvoll ausfielen, Projektionen und weitere Theater-Effekte taten ihr Übriges, um der Produktion eine Opulenz zu verleihen, die man hier kaum erwartet hätte und die den Vergleich mit Produktionen großer Häuser nicht zu scheuen braucht.
Dass zudem bei einer Musical-Produktion ein Klangkörper wie das Loh-Orchester mit dem ausgewiesenen Spezialisten des Genres Stefan Diederich zum Einsatz kommt, kann man nur als Glücksfall bezeichnen.

Fazit: Wer großes Kino als „historisches“ Musical mag, ist hier richtig, gerade auch in dem etwas kleiner dimensionierten Theater Nordhausen, wo man dafür sehr dicht am Geschehen sitzt. Deshalb fünf Sterne, nicht für das Stück selbst, aber für die rundum gelungene Produktion mit einer fantastischen Besetzung und einer sehenswerten Ausstattung, die für Fans des Genres auch eine etwas weitere Anreise lohnenswert macht.


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Buch

Komposition

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Wer über das haarsträubende, dramaturgisch dürftige Buch hinwegschaut, der erlebt einen soliden Musicalabend. Mehr aber auch nicht.

08.05.2016

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(3 Leser)


Ø 3.33 Sterne

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