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Musical im Puff

Gypsy

Musical goes Rotlicht


© Thomas M. Jauck
© Thomas M. Jauck
Nini Stadlmann, Katja Brauneis und Franz Frickel singen und spielen grandios in einem für Musicaldarsteller und -publikum ungewöhnlichen Raum. Martin G. Berger (Buch-Bearbeitung und Inszenierung) setzt "Gypsy" in einem echten Bordell in Szene und thematisiert die Arbeitsbedingungen im horizontalen Gewerbe. Ein Experiment, das mehr als gelungen ist.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:16.03.2014
Rezensierte Vorstellung:16.03.2014
Letzte bekannte Aufführung:21.03.2014




Das eigentliche Ziel liegt im Untergeschoss. Hierher schleppen die aufreizend gekleideten und auffällig geschminkten Mädchen immer wieder einzelne Gäste, die an der Bar und an Tischen sitzen, ab. Denn wer sich im verräucherten Ambiente des schummrigen, verspiegelten Gastraums aufhält, der will nicht nur Salzstangen knabbern oder am Bier nippen. Im gut geheizten Zimmer geht’s auf dem Bett gegen Bares zur Sache. Normalerweise. Wenn allerdings Musicalleute ein echtes Bordell vor der Rotlicht-Nachtschicht als ihre Bühne nutzen, dann läuft auf der Matratze eine ganz andere, jugendfreie Nummer. Um zukünftigen Besuchern von "Gypsy" im "Red Rose Club" nicht die Überraschung im Separee vorwegzunehmen, soll hier allerdings nicht mehr verraten werden…


Martin G. Berger lässt die Geschichte um Louise (Nini Stadlmann), die ihre Kindheit und Jugend in Talentshows verbracht hat, direkt an deren Endstation spielen. Sehen Jules Styne (Musik) und Arthur Laurents (Buch) im Original von 1959 hierfür ein heruntergekommenes Burlesquetheater vor, so ackert Louise 2014 unter ihrem Künstlernamen "Gypsy Rose Lee" als Prostituierte im Rotlichtmilieu. Ohne Talent, ohne Schulabschluss und trotz Start der Kinder-Karriere als Vorderteil einer Kuh, genießt sie hier ihrer Ansicht nach einen Starbonus. Der zahlt sich immerhin als 20 Euro-Aufschlag pro Freier aus.


© Thomas M. Jauck
© Thomas M. Jauck



Doch es gibt Unruhe im Puff. "Du hast sie zur Nutte gemacht", wirft ein durch die Tür des Etablissements hereinstürmender Biedermann (Franz Frickel) der eleganten Frau vor, die eben noch hinter der Theke Getränke ausgeschenkt hat und sich als Mama Rose (Katja Brauneis) entpuppt. Er empört sich über "Zuhälterei", sie entgegnet schnippisch etwas von "Zimmervermietung" und verweist auf Starlets, die über die Erotikschiene den Weg nach oben geschafft hätten. Doch geht es dem schwächlich-spießigen Herbie wirklich nur um das Wohl von Louise oder begehrt er noch immer deren dominante Übermutter Rose? Schnell verschwimmen die zeitlichen und räumlichen Dimensionen und das Publikum erlebt auf engstem Raum und zum Greifen nah den tiefen Fall einer jungen Frau, die im Schatten ihrer eigenen Schwester die Karriereambitionen der Mutter befriedigen muss.


Martin G. Berger erzählt diese auf drei Darsteller eingedampfte Geschichte schonungslos, offen und hart. Hierfür nutzt er den gesamten Gastraum, auf dessen Tanzfläche mit Tanz-Stange (Bühne: Pauline Knoblauch) die Musiker Bijan Azadian (Keyboard) und Jörg Trinks (Schlagzeug) postiert sind. Wer nicht unmittelbar am Geschehen sitzt, kann über mehrere, an verschiedenen Positionen aufgestellten Bildschirmen das Geschehen mühelos verfolgen. In der Optik von Internetvideos nehmen sich die Darsteller wackelig per Handkamera auf, in Rückblenden flimmern putzige Filmsequenzen aus den Kinder-Talentshows über die Bildschirme, die die drei Darsteller live kommentieren (Video: Roman Rehor). Dabei schont Berger weder sein Publikum (zusammengeschnittene Hardcore Porno-Passagen), noch seine Darsteller (brutale Gewaltausbrüche, blanke Brüste). Gerade diese Schockmomente verleihen dem Stück noch mehr Authentizität.




Andererseits wirkt Bergers auf den Kernplot reduzierte Bearbeitung des Musicals manchmal etwas arg zurechtgestutzt. So wird zum Beispiel der Konflikt zwischen Louise und ihrer älteren Schwester June, der Mama Rose eigentlich den Superstar-Status zubilligt, etwas stiefmütterlich behandelt. Stattdessen betont Berger immer wieder die fragwürdigen Arbeitsbedingungen der Frauen im Rotlicht-Milieu, was im Verlesen von Thesen von Alice Schwarzer und der Prostituierten-Interessenvertretung Hydra gipfelt. Ein guter Ansatz für eine Aufführung in einem Bordell, allerdings etwas lang geraten und zu sehr mit dem Holzhammer eingefügt.


Ein Glücksfall ist die Verpflichtung des Darsteller-Trios, das der raumbedingten, schwierigen Akustik trotzt. Dass alle drei richtig gut singen können, beweisen sie in der stimmschön harmonierenden A-Cappella-Reprise von "Du kommst niemals los von mir". Rein vorlagenbedingt hat Franz Frickel die undankbarste Rolle, die er allerdings mit Bravour meistert. Ist er zunächst Mama Rose devot ergeben und lässt sich symbolisch von ihr mit Klebeband an die Tanzstange fesseln, steigert er sich zum Ende zum selbstbewussten Kerl, der ihr Kontra gibt und sich ganz bewusst gegen eine Beziehung mit der Übermutter entscheidet.




Eine ähnliche Entwicklung durchläuft Nini Stadlmann als Louise: Zunächst ganz die gedemütigte Tochter, die nach dem Ausstieg ihrer Schwester ungefragt als instrumentalisierter Ersatzstar-Azubi aufrückt. Stadlmann ist in diesen Szenen ein zerbrechliches, ferngesteuertes Wesen, das sich dem Willen der Mutter fügt. Als sie entdeckt, dass sie in ihrer Rolle als Hure mit roten Overknee-Lackstiefeln und einem tiefe Einblicke gewährenden Kostüm (Silke Bornkamp) von den Männern begehrt wird und im Mittelpunkt steht, emanzipiert sie sich. Allerdings lässt Stadlmann in ihrer Darstellung auch durchblicken, dass sie den Job an der Tanzstange und auf der Matratze allein zur Aufwertung des Selbstwertgefühls aushält. Eine Darstellung, die unter die Haut geht.


Gleiches gilt für Katja Brauneis‘ Rose, die ihr eigenes Scheitern an den Töchtern reinwäscht und ihr Umfeld nach ihren Vorstellungen dirigiert. Brauneis spielt diese Übermutter kalt und herrschsüchtig – selbst in der Geburtstagsszene mit Louise stehen klar die Karriereambitionen im Vordergrund. Erst ganz am Schluss, wenn sie sich eingesteht, dass es ihr immer nur um die Verwirklichung der eigenen Träume ging, kippt ihre Darstellung in eine gewisse Tragik. Auch diese Frauenfigur endet strippend an der Tanzstange.


Die Macher dieser "Gypsy"-Produktion können dankbar sein, dass die Betreiber vom "Red Rose Club" sich auf dieses für sie artfremde Experiment einlassen. Bereits zur Premiere waren alle fünf Vorstellungen ausverkauft. Für Zuschauer, die einmal einen packenden Musicalabend abseits des Mainstreams erleben wollen, bleibt zu dass sie die Räumlichkeiten für eine weitere Aufführungsserie vor der eigentlichen Rotlicht-Schicht zur Verfügung stellen.

(Text: kw)






Kreativteam

MusikJule Styne
LiedtexteStephen Sondheim
BuchArthur Laurents
DeutschFrank Thannhäuser
Iris Schumacher
RegieMartin G. Berger
Musikalische LeitungBijan Azadian
KostümeSilke Bornkamp
BühnePauline Knoblauch
VideoRoman Rehor




Besetzung

Mama RoseKatja Brauneis
LouiseNini Stadlmann
HerbieFranz Frickel
EnsembleChristina Burian
Sophie Duda
Lisa Sophie Eisenberger
Sandra Mennicke
Svenja K. Minoo
Musiker

keyBijan Azadian
drJörg Trinks




Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Thomas M. Jauck
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Musik

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Authentische Performance im Puff. Martin G. Bergers Inszenierung rückt den Styne-Musical-Klassiker hautnah, hart und bedrückend ins Heute. Überragendes Darsteller-Trio!

16.03.2014

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