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Anyone Can Whistle

Wie irre ist normal?


„Pinkelstadt“ lässt grüßen. Auch in der 1964 entstandenen Sondheim-Musical-Satire versuchen machtbesessene, geschäftstüchtige Stadtobere Geld in die Stadtkasse zu spülen. Die deutschsprachigen Erstaufführung krankt an der konzertanten Aufführung, die die turbulente Handlung nicht ausreichend in den Zuschauerraum transportieren kann. Dafür können allerdings die brillanten Hauptdarsteller Frederike Haas, Katja Brauneis und Gerald Michel nichts.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:10.02.2012
Rezensierte Vorstellung:10.02.2012
Letzte bekannte Aufführung:11.02.2012


Wer ist irre? Wer ist normal? Diese beiden Fragen stellen sich die Stadtoberen, nachdem sich die Bewohner der Irrenanstalt und die zu einem vermeintlichen Sprudelheiligtum pilgernden Besucher miteinander vermischt haben. „Ihr seid alle verrückt“ singt das Ensemble dann auch prompt vor der Pause in den Zuschauerraum. Aber stehen die Bekloppten nicht auf der Bühne? Die, die sich trauen, nach knapp 48 Jahren ein Stück zur deutschsprachigen Erstaufführung zu bringen, das am Broadway nach nur neun Vorstellungen abgesetzt wurde und in der Versenkung verschwunden ist?


Es kann Martin G. Berger (deutsche Übersetzung, Produktion und Regie) gar nicht hoch genug angerechnet werden, „Anyone Can Whistle“ auf die Bühne zu bringen. Das Musical um ein bankrottes US-Städtchen, das versucht, sich über ein durch technische Schummelei erzeugtes Wasserwunder zu sanieren, ist es allein wegen seines bissig-kritischen Buches (Arthur Laurents) wert. Hinzu kommt die geniale, mal jazzig-verswingte, dann wieder walzerselige, marschierende oder sambatänzelnde Partitur von Stephen Sondheim. Mit Rhythmuswechseln innerhalb des Songs und atonalen Gesangslinien verlangt sie Musikern und Sängern so einiges ab. Bijan Azadian hat alles mit Bravour einstudiert und ist mit seinen drei Band-Mitstreitern plus Violinistin im Chor-Ensemble ein aufmerksam-beherzter musikalischer Begleiter.


Da Musiker, Solisten und Chor in dieser konzertanten Aufführung alle gemeinsam auf der Bühne sind und die finanziellen Mittel dieser freien Produktion keine opulente Tonanlage zugelassen haben, leidet die Textverständlichkeit ganz empfindlich. Martin G. Bergers deutsche Übertragung ist witzig, bissig und geschmeidig, solange man sie verstehen kann. Oft entsteht allerdings ein akustisches Durcheinander, in dem die Stimmen untergehen. Zudem rauscht der Text oft in viel zu hastig vorgetragenen Dialogszenen durch den Zuschauerraum, sodass Spitzfindigkeiten und Pointen auf der Strecke bleiben. Unterstützt wird dies durch die Art der Aufführung, in der die Akteure nicht miteinander agieren, sondern nebeneinander stehend ihre Texte ablesen. Schwierigkeiten bei der Handlungsverfolgung bereiten zudem die turbulenten Massenszenen, da ihnen eine optische Entsprechung fehlt. Da hilft auch nur wenig der Kniff, einen Erzähler (Roman Rehor) in die Show zu integrieren, der Handlung und Bewegungsabläufe wie für Sehbehinderte zusammenfasst und erläutert. Auch das Geräuschemacher-Team (Andreas Hegewald, Isabelle Zobel) agiert wegen der Verbannung in die hinterste Bühnenecke eher unauffällig.


Eine wahre Wonne sind die Leistungen von Ensemble und Solisten, angeführt von Frederike Haas (Fay Apple), deren duftiger Sopran mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit durch die Partitur gleitet. In der Verkleidung der Abgesandten der Pilgerstätten von Lourdes lässt sie ihr komödiantisches Können aufblitzen, dessen optische Entsprechung schmerzlich vermisst wird. Ein ihr ebenbürtiger Partner ist Gerald Michel (Hapgood). Als liebender Irrer schmachtet sein Tenor, mit solider Baritontiefe vermittelt er gleichzeitig glaubhaft den vermeintlichen Irrenarzt, der die Bürger resolut in die Gruppen „A“ oder „1“ unterteilt. Oliver Andre Timpe ist ein aalglatter Schub, der gemeinsam mit Timo Kießling (Cooley) der karrieregeilen wie zickigen Bürgermeisterin (herrlich überdreht: Katja Brauneis) total ergeben ist.


Am Ende großer Jubel für die vermeintlich Irren, die an diesen frühen Sondheim glaubten. Was bleibt, ist die Frage: Werden sich auch Wahnsinnige finden, die das Stück in Deutschland in einer inszenierten Version auf die Bühne bringen?





Musik und Liedtexte von Stephen Sondheim
Buch von Arthur Laurents
Deutsch von Martin G. Berger

(Text: kw)




Verwandte Themen:
News: Martin G. Berger: Das Publikum wachrütteln (28.01.2012)
News: Sondheims "Anyone Can Whistle" kommt nach Berlin (17.12.2011)



Kreativteam

Inszenierung Martin G. Berger
Musikalische Leitung Bijan Azadian
Visuals Klaudia Kapellmann
GeräuscheAndreas Hegewald
Isabel Zobel
AtmosphärenWolf Nils Bartels


Besetzung

Fay AppleFrederike Haas
Cora Hoover HooperKatja Brauneis
HapgoodGerald Michel
SchubOliver Andre Timpe
Cooley/Dr. DetmoldTino Kießling
ErzählerRoman Rehor
weibliches Ensemble Sandra Becher
Sandra Mennecke
Sarah Renner
männliches Ensemble Ben Fink
Dennis Weißert
Sahand Aghdasi
Band

Schlagzeug Jörg Trinks
Bass Max Nauta
Second Keyboard und Mallets Dominik Walenciak



Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


Wunderbare Übersetzung

12.02.2012 - Ein großes Lob geht an Martin Berger für die sehr gelungene Übersetzung, die wunderbar zur Geschichte und den Musikstilen passt, trotzdem modern klingt und ohne die schlechten Reime bzw. unsäglichen Wortschöpfungen anderer Übersetzungen auskommt.
Jede Figur war toll gezeichnet, hier geht das Lob natürlich an den Regisseur Berger, sowie die durch die Bank tollen Schauspieler, Musiker und Geräuschemacher.
Wir hatten einen sehr schönen Abend und hoffen auf weitere Veranstaltungen dieser Art. Egal wie man sie nennen will.

Charlotte (48 Bewertungen, ∅ 3.6 Sterne)


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Musik

Besetzung

Sondheims 1964er-Musical-Satire büßt bei ihrer deutschsprachigen Erstaufführung wegen der konzertanten Aufführung und schlechter Textverständlichkeit ihren Biss ein.

13.02.2012

 Termine

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