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Klassiker

Candide

Die Beste aller möglichen Welten


Durch Vincent Boussards bedingungslose Regietheater-Attacke auf den im Laufe der Aufführungspraxis durch zahlreiche Bearbeiter-Hände gegangenen Bernstein gerät der Oper-Operetten-Musical-Zwitter zu einem abstrusen Durcheinander mit schöner Musik.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:24.06.2011
Rezensierte Vorstellung:24.06.2011
Letzte bekannte Aufführung:26.12.2014


Es herrscht Krieg in Westfalen. Ein Modellbahnzug mit weißen Soldatenfiguren als Ladung fährt auf der oberen Brüstung des zweigeschossigen, aus weißen Lackbahnen zu einer Arena geformten Bühnenraumes (Vincent Lemaire) entlang. Mit voller Wucht wirft die anreisende Miniatur-Armee mit ihrem Gefährt die auf den Gleisen aufgereihte, neon-rote Notizbuch-Bibliothek um. Mit diesem einfachen wie wirkungsvollen Bild zeigt Regisseur Vincent Boussard, dass im kleinen Herzogtum das kindliche Idyll zerstört wird. Die zuvor zum Klang der Ouvertüre wie Kasperfiguren hinter dem Vorhang herauslugenden Akteure Candide, Cunegonde, Maximilian, Pangloss und Paquette werden durch die Gewalthandlungen in alle Winde zerstreut. Zwecks Wiedervereinigung der Freunde beginnt eine Reise über Kontinente und durch die Zeit.


Startet Vincent Boussard seine Inszenierung, indem er sie aus Musik und Buch heraus entwickelt, so setzt er seinem Publikum im Folgenden einen kruden Bilder-Brei vor, der sich wie ein aufwühlender, dann wieder furchtbar langweiliger, überlanger Musik-Videoclip bis ins Finale schleppt. Wären nicht die deutschen Übertitel (gesungen wird das englischsprachige Original in der 1989er Überarbeitung für die Scottish Opera), die wenigsten im Publikum würden nur im Ansatz verstehen, worum es in "Candide" überhaupt geht. Egal, ob in der Autodafé-Szene oder im Pariser Puff: Mit überdimensionalen Stromkabeln wird gequält, gemordet und die Freier im mit bunten LED-Leuchten verzierten Bischofsornat und überdimensionalen Judenhut außer Gefecht gesetzt.


Ein weiteres wichtiges Merkmal der Bilderwelten des Regisseurs sind die stummen Frauenfiguren in den schwarzen Barockroben (Kostüme: Christian Lacroix), die wahlweise mit einem überdimensionalen Staubsager den Dreck auf der Bühne entfernen oder als Krankenschwestern in den zu Kliniken umgedeuteten Reisezielen Eldorado und Venedig auftauchen. Entgegen der Übertitelung wird in der Lagunenstadt dem Laster nicht in einer Spielhölle am Roulette-Tisch gefrönt. Da können Pangloss und die anderen noch so viel von Geld und Fortunas Rad singen, zu sehen gibt es Patienten in einem Krankenhaus-Schlafsaal, die mit dem Essen, das ihnen die stumme Krankenschwester in die Blechnäpfe schöpft, unzufrieden sind. Die Klinik als Endstation für Spielsüchtige mit Wahnvorstellungen?


Vincent Boussards Deutungen und seine Symbolwelt stehen auf dem einem Blatt. Richtig ärgerlich ist allerdings seine Darstellerführung, die die Figuren zu Isolierten macht, die sich krampfhaft an das in allen Bildern in der Bühnenmitte stehende Portal mit Plexiglastür oder an Requisiten klammern. Da können Candide und Counigonde im Duett "You were dead, you know" noch so entflammt ihr nicht mehr für möglich gehaltenes Wiedersehen feiern: Es bleibt total unglaubwürdig, weil sich das Paar keines Blickes würdigt. Dass der Regisseur bei diesem Konzept mit den Choristen nichts anzufangen weiß, versteht sich fast von selbst. Boussard verbannt den differenziert und klangschön singenden Staatsopernchor auf die erste Etage des Bühnenbildes, von der aus er die Hände schwenkt oder – verstärkt durch ein Tango-Tanzpaar (Choreografie: Helge Letonja) – auf das Geschehen herunter glotzt. Beim einzigen Auftritt mitten im Geschehen entlarven sich die grell-bunten Mundschutze zu den grünen OP-Kitteln allerdings als sinnlose, provokante Illustration. Um überhaupt einen Ton herausbringen zu können, müssen die Choristen sie vom Mund entfernen.


Ebenso aufgesetzt wirkt die gewollt quäkende, an den Conférencier aus "Cabaret" erinnernde Stimme, mit der Graham F. Valentine den Lehrer singt (in der späteren Rolle als Martin kommt Valentins voller, runder Bariton zum Vorschein). Oder soll damit ein gesangliches Gegenstück zu Anja Silja gesetzt werden, die als Old Lady mit scheppernden Höhen, hörbaren Registerwechseln, Intonationsproblemen und gegurrten tiefen Tönen das Ende ihrer gesanglichen Fähigkeiten aufzeigt? Vielleicht ist Silja eine Idealbesetzung für diese Rolle, aber muss sie dann auch noch bei "Quiet" in einem sehr unvorteilhaft sitzenden, kurzen Kleid auf einem Tisch stehend mit dem Po wackeln? Stephanie Atansov als Paquette ist zwar optisch oft auf der Bühne präsent, gesanglich ist sie alledings eher unauffällig. Leonardo Capalbo ist ein gewandter Candide, der seinen kraftvollen Tenor mühsam in eine matte, höhere Lage bugsiert.


Zwischen all dem akustischen Mittelmaß gibt es auch Lichtblicke. So kitzelt Wayne Marshall (musikalischer Leiter) Bernsteins Partitur mit vielen differenzierten Zwischentönen aus den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Berlin heraus. Die parodierende Hommage des Komponisten an die europäische Musik ist bei diesem Klangkörper sehr gut aufgehoben. Er ist ein aufmerksamer, nie zu aufdringlicher Begleiter, aber, wie in der Ouvertüre, auch beherzter Selbstdarsteller. Stephan Loges ist mit seinem kraftvollen wie gleichwohl samtenen Bass-Bariton in gleich fünf Rollen (u. a. Maximilian) zu hören, die allesamt etwas undankbar sind. Umjubelter Liebling der Premieren-Gäste ist allerdings Maria Bengtsson als Cunegonde, die mit der in Perfektion gestalteten Bravour-Arie "Glitter and be Gay" Gänsehaut verursacht. Da sitzt jeder noch so hohe Triller, da wackeln keine Koloraturen und auch durch die tiefen Lagen scheint die Sopranistin ohne Mühe zu gleiten. Selbst der finale Fatsuit und das darüber gezogene hässliche grüne Strickkleid können Bengtsson nichts anhaben – sie ist einfach brilliant!


Bei der Premiere feiert das Publikum die Sänger, dem Kreativ-Team gilt freundlicher Applaus mit wenigen zaghaften Buhs. Wer sich näher mit "Candide" beschäftigen möchte, dem sei das Programmbuch zur Produktion empfohlen, das sich sehr intensiv mit der Rezeptionsgeschichte des Werks und seiner Musik beschäftigt. Vielleicht ohne Ticket an der Kasse erwerben und dann bei einem guten Tropfen eine CD-Aufnahme genießen. Erbaulicher ist das auf jeden Fall.

(Text: kw)






Kreativteam

MusikLeonard Bernstein
BuchHugh Wheeler
TextRobert Wilbur
Weitere TexteStephen Sondheim
John LaTouche
Dorothy Parker
Lillian Hellman
Leonard Bernstein
Musikalische Leitung Wayne Marshall
Inszenierung Vincent Boussard
Bühnenbild Vincent Lemaire
Kostüme Christian Lacroix
Video Isabel Robson
Choreografie Helge Letonja


Besetzung

CandideLeonardo Capalbo
Pangloss, Martin, Senor IIGraham F. Valentine
CunegondeMaria Bengtsson
The Old LadyAnja Silja
Governor, Señor I, Vanderdendur, Sultan Achmet, Crook Stephan Rügamer
PaquetteStephanie Atanasov
Maximilian, Inquisitor II, Judge II, Captain, Hermann AugustusStephan Lodes
Inquisitor I, Judge I, Charles Edward, RatorskiMichael Smallwood
Inquisitor III, Judge III, Tsar IvanBernd Zettisch
StanislausDominik Engel
EnsembleMartina Böckmann
Jana Timptner
Ralf Stengel
Wolfgang Stiebritz
Staatsopernchor

Staatskapelle Berlin




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Besetzung

Ausstattung

Bizzarer Regietheater-Bildermix (Inszenierung: Vincent Boussard). Aus den erstaunlich mittelmäßigen Sängern ragt alleine die koloraturgewandte Maria Bengtsson heraus.

24.06.2011

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