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Satirical

Piraten. Die BeBerlinette

Gesetzlose contra Immobilienhai


Piraten der Neuzeit in Berlin-Mitte droht der Rauswurf aus der als Shopping-Center beplanten Wagenburg-Brache. Das Kreativ-Team (Inszenierung: Andreas Gergen; Choreografie: Nini Stadlmann; Ausstattung: Andrea Nolte) führt Andreas Bisowskis gallig-aktuelle Adaption der Piraten-Vorlage von Gilbert und Sullivan zum kurzweiligen Erfolg.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:09.10.2008
Rezensierte Vorstellung:24.10.2008
Letzte bekannte Aufführung:02.08.2009


Endlich Achtzehn! Anders als seine Altersgenossen freut sich Frederik jedoch nicht auf Führerschein oder Wahlrecht. Für ihn bedeutet Volljährigkeit die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen. Endlich kann er die von Rainer begründete und nach ihm benannte links-autonome Kommune verlassen und ein gutbürgerliches Leben mit Sauna, Schwimmbad und Golfplatz beginnen. "Das nimmst du zurück" schreit die am Boden zerstörte Ruth, die Frederik kurz nach seiner Geburt mittels einer Pfefferspray-Attacke auf die diensthabende Krankenschwester aus einer Babyklappe entwendet hat. Da helfen auch nicht die zerknüllten Luftschlangen, die die Hippie-Mama aus der abgewetzten Discounter-Plastiktüte zieht und als Geburtstagsdeko liebevoll an der alten Hollywood-Schaukel drapiert: Sohnemanns Entschluss für seinen Auszug aus der vom Amt geduldeten Wagenburg-Kolonie steht fest. Endlich nicht mehr das Abbrausen mit der Gießkanne zur Morgentoilette, nie mehr Sitzblockaden auf Bahnschienen und auch keine Foto-Shootings für Touristenhorden, die sich an den Sponti-Aktivisten ergötzen.

Autor Andreas Bisowski hat die 1879 uraufgeführten "Piraten von Penzance" mit viel Liebe und einer gehörigen Prise Humor von der Felsenküste Cornwalls in das Berlin des einundzwanzigsten Jahrhunderts katapultiert. Die gesetzlosen Freibeuter mutieren hier zur linksalternativen Kommunenclique, ein frisch geadelter Marinemajor und seine Töchterchen tauchen in der 2008er Version als skrupelloser Immobilienhai nebst verwöhntem, koksendem Girlie-Anhang auf. Bisowskis Buch und die Liedtexte (Andreas Bisowski, Andreas Unsicker, Bernhard Glocksin) strotzen trotz manchmal etwas bemüht wirkender Reime nur so vor satirischen Spitzen gegen Wohlstandsgesellschaft und alternative Lebensformen.

Allerdings stolpert das Stück im zweiten Teil über den ein oder anderen dramaturgischen Fallstrick. So ist es absolut unglaubwürdig, dass der angehende Medizinstudent Frederik der Behauptung seiner Eltern glaubt, er sei schaltjahrsbedingt nicht volljährig, sondern erst viereinhalb Jahre alt. Aufgrund dieser Finte verzichtet er auf seine Braut und kehrt reumütig in das ungeliebte, alte Leben zurück. Im finalen Showdown, in dem sich der Grundstückspekulant nebst den einen Märtyrer-Tod anstrebenden Hippie-Rebellen in die Luft bombt, wird noch schnell ein Happyend konstruiert: Kurz vor der Zündung des Sprengstoffgürtels erkennen die beiden Liebenden, dass sie aufgrund eines identischen Leberflecks in Form des Umrisses von Großberlin Geschwister sein müssen und alle Beteiligten demnach Familienmitglieder sind. Alles etwas blödsinnig, aber Spaß macht es trotzdem!

Andreas Gergen inszeniert das Aufeinanderprallen der verschiedenen Lebensmodelle schlüssig und schwungvoll. Dabei streut er wie nebenbei immer wieder optische Gags ein. Wenn die Kommune Frederik per Demo zum Bleiben überzeugen will, dann schwenken die Alternativen Schilder und eine Fahne wie die Revolutionäre in "Les Misérables". Gergen zeichnet seine Figuren sehr authentisch und presst sie nicht in Klischees. So ist Immobilientycoon Igor weniger ein skrupelloser Fiesling, sondern ein gerissener Geschäftsmann mit viel Sinn für die Familie.

Choreografin Nini Stadlmann macht dem Ensemble gehörig Beine und parodiert mit viel Armgeschwenke den klassischen Broadwaytanz. Andrea Noltes Raum mit Birkenstämmen, Hollywoodschaukel und rückwärtigen Schiebeelementen verwandelt die Bühne ohne viel Aufwand von der Wagenburgsiedlung in den Garten einer hochherrschaftlichen Villa mit Swimmingpool und wieder zurück. Ihr Kostümbild differenziert geschmackvoll zwischen Hippie-Kommune und neureicher Schickeria.

Als Glücksgriff erweist sich die Verpflichtung von Aris Sas, der den Frederik als trotzigen Rebellen gibt. Voller Lebensgier stürzt er sich aus der Sponti-Szene ins gutbürgerliche Leben und singt mit samtigen Tenor. Sas verfügt sowohl über eine sichere, klare Höhe als auch über eine volle Mittellage und liefert mit Abstand die beste stimmliche Leistung. Enttäuschend hingegen die koloraturgewandte Anne Görner, die sich mit ihrem klassisch geschulten, matt klingendem Sopran durch die Partie der Mabel kämpft. Probleme im Gesang hat auch April Hailer (Ruth), die sich wacklig durch die tiefen Töne gurrt und glanzlose Spitzentöne hervorpresst. All diese Defizite macht Hailer allerdings durch ihre grandiose Bühnenpräsenz wett, in der sie zeigt, wer in der Kommune die Hosen an hat. Hailers Ruth ist sowohl eine flippige Hippie-Mutter als auch eine Frau, die sich mit Haut und Haar für ihre politischen Ideale einsetzt.

Kommunenoberhaupt Rainer (Christoph Reiche) ist mit sattem Bariton ihr besonnener Gegenpol. Als verwöhntes Schwestern-Duo setzen Dorothea Breil als stimmgewaltige, aufmüpfige Edith und Nini Stadlmann als blond-blöde Kate Akzente. Mit Klunkern behangen und im Netzshirt gelingt Ulrich Lenk genau die richtige Balance zwischen dem Abrissbirnen schwenkendem Schlitzohr und dem herzigen Familienmenschen. Lenk bewältigt seine Gesangsaufgaben mit geschmeidigem Bariton. Stiefmütterlich wird die hinter die Spielfläche verbannte Band unter der Leitung von Alexander Klein (alternierend mit Hans-Peter Kirchberg) behandelt. Da mögen sich die sechs Musiker noch so sehr für die Musik von Arthur Sullivan (Arrangements: Andreas Unsicker) ins Zeug legen, ihr schwungvolles Spiel versinkt akustisch hinter dem turbulenten Treiben auf der Bühne.

Mit ihrer aufgemotzten „Piraten“-Produktion unterstreicht die Neukölllner Oper nachhaltig, dass unterhaltendes Musiktheater auch peppig-kritisch sein kann, ohne dass geistiger Anspruch geopfert wird.




Ein neues Werk von Andreas Bisowski (Text), Arthur Sullivan (Musik)
und Andreas Unsicker (Arrangements)
nach den „Piraten von Penzance“ von W. S. Gilbert und A. Sullivan
Liedtexte: Andreas Bisowski, Andreas Unsicker, Bernhard Glocksin

(Text: kw)




Verwandte Themen:
News: PdW: Piraten. Die BeBerlinette (06.10.2008)



Kreativteam

Inszenierung Andreas Gergen
Musikalische Leitung Hans-Peter Kirchberg
Alexander Klein
Ausstattung Andrea Nolte
Choreografie Nini Stadlmann


Besetzung

Edith ZitscheDorothea Breil
Mabel ZitscheAnne Görner
Kate ZitscheNini Stadlmann
RuthApril Hailer
Yvonne Ritz Andersen
IgorUlrich Lenk
MischaGerald Michel
RainerChristoph Reiche
FrederikAris Sas
Dennis Jankowiak
GurkeStephan Wolf-Schönburg
Band

Klavier Hans-Peter Kirchberg
Alexander Klein
Keyboards Markus Mittermeyer
Tobias Bartholmeß
E-Geige Sibylle Strobel
Christin Dross
E-Gitarre Hubertus Hildenbrand
Jo Gehlmann
Bass und E-Bass Ralph Gräßler
Max Nauta
Leon Schurz
Schlagzeug Olaf Taube
Michael Rowalska



Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


1 Zuschauer hat eine Wertung abgegeben:


27176
Toll umgesetzt!

17.11.2008 - Wieder einmal gelt mein unglaublich großer Respekt der Neuköllner Oper. Auch diese Produktion ist wunderbar sozialkritisch, wie man es nur in Berlin erleben kann.
Eine alte Operette so in die Neuzeit zu holen und auch noch absolut klasse zu besetzten - wow!
1996 hatte ich das Original im Theater des Westens gesehen und fand es schon lustig, diese Version aber toppt das nochmal.
Super singen und spielen Aris Sas, April Hailer und Anne Görner mit dem Rest des Ensembles.
Beim nächsten Stück bin ich wieder da!

Hardy (28 Bewertungen, ∅ 3.8 Sterne)


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