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Drama

Der Fliegende Holländer

Wagners Klassiker als Rockoper


Während Richard Wagners Oper "Der Fliegende Holländer" immer wieder Opfer des deutschen Regietheaters und somit völlig modern inszeniert wird, hat das Team der Flying Dutchman Productions um Regisseur Rüdiger Benz und den Musikalischen Leiter Patrick S. Müller alias Paco die Wagner'sche Partitur in einen rockigen Klangteppich gehüllt. Die Inszenierung kommt dabei jedoch eher zeitgemäß daher.

(Text: Dominik Lapp)

Premiere:20.09.2008
Letzte bekannte Aufführung:12.10.2008


"Kinder, schafft Neues", forderte schon Richard Wagner. 165 Jahre nach der Uraufführung seines "Fliegenden Holländers" erklingt eben dieser in Stuttgart als Rockoper, die von einem verfluchten Seefahrer, dem so genannten Holländer, erzählt, der sein Leben auf dem Meer verbringen muss. Nur alle sieben Jahre darf er an Land, um eine Frau zu finden, die ihm ihre Liebe schenkt und ihn damit von seinem Fluch erlöst.

Was auf der Bühne des Theaterhauses zu sehen ist, ist ein Mischung aus Oper, Musical und Rockkonzert. Während die Musik Wagners mit ihren Melodien, Harmonien und Tonarten noch immer gut erkennbar ist, hat der Musikalische Leiter und Arrangeur Paco Schlagzeug, E-Gitarre und Saxophon mit der Originalpartitur verwoben. Dabei herausgekommen ist eine hervorragende Musiktheaterproduktion, die weder in E- noch in U-Musik kategorisierbar ist, was auch das Ensemble deutlich macht. Während mit Martin Berger als Holländer (Foto) und David Moore als Steuermann zwei bekannte Musicaldarsteller verpflichtet wurden, wird die Rolle der Senta von der ausgebildeten Opernsängerin Noémi Schröder verkörpert.

Auch wenn Martin Berger von der Maske her eher Graf von Krolock als dem Holländer ähnelt, kann er in der Titelrolle stimmlich wie schauspielerisch absolut überzeugen. Gesanglich hat er Schwerstarbeit zu leisten - allein sein stimmstark dargebotenes erstes Solo "Die Frist ist um" hat eine Länge von gut zehn Minuten. Während solch ein langer Song für ein Musical eher unüblich ist, merkt man an dieser Stelle schnell, dass sich die Rockbearbeitung des "Fliegenden Holländers" sehr streng an Wagners Originalpartitur orientiert - für seine minutenlangen Arien ist der Komponist schließlich bekannt. Schauspielerisch zeigt Berger einen vom Meer gezeichneten, erschöpften, nach Erlösung suchenden und teilweise mystisch-bedrohlich anmutenden Seefahrer.

Noémi Schröder als Senta sticht mit ihrem klassischen Sopran wunderbar aus den übrigen Solisten hervor. Schauspielerisch kann sie jedoch ihre Liebe und Zuneigung für den Holländer nicht glaubwürdig genug machen - wohl eine vertane Chance der Regie. In dieser dramatischen Liebesgeschichte kommen die intimen, liebevollen Begegnungen zwischen dem Holländer und Senta einfach zu kurz. Während der Holländer Sentas Liebe unbedingt für sich gewinnen will, um von seinem Fluch erlöst zu werden, wird nicht so recht klar, warum sich Senta zu dem verlodderten, alten Kapitän hingezogen fühlt, den sie anfangs nur von einem Bild und aus Erzählungen kennt.

David Moore gibt schauspielerisch einen äußerst sympathischen Steuermann mit leichtem Hang zum Komödiantischen und gestaltet seine Rolle mit kräftiger Stimme. Tanja Gold als Sentas Amme Mary hat zwar nur zwei kurze Auftritte, kann aber mit ihrer exzellenten Gospelstimme punkten. Gino Pommerenke als Sentas Jugendfreund Erik ist ebenfalls nicht oft zu sehen und hat dadurch kaum eine Möglichkeit, seiner Rolle ein Profil zu verleihen. Peter Kellner als Sentas Vater Daland hingegen gibt sehr überzeugend und mit souveräner Bassstimme den geldgierigen, leicht verrückt wirkenden Kaufmann, der von den Schätzen des Holländers beeindruckt ist.

Das Ensemble besteht zum einen aus dem so genannten Featured Ensemble - vier Damen und vier Herren, die links und rechts der Bühne auf Podesten stehen und dort die Chorszenen verstärken - sowie einem aus Amateuren bestehenden Tanzensemble. Das Zusammenspiel von Profis und Amateuren gelingt sehr gut, auch wenn die Tanzszenen am Premierenabend nicht immer ganz synchron sind. Letztendlich ist bei der Premiere aber nur eines zu kritisieren: Die Band ist teilweise zu laut abgemischt, so dass einige Dialoge nicht zu verstehen sind.

Die Kostüme von Christian Horn sind recht zeitgemäß, auch wenn einige Kostümteile wie die Lederhosen von Erik und dem Steuermann wohl eher der Gegenwart entstammen - auf jeden Fall eine schöne Kombination. Dass der Kostümbildner aber auch viel Wert auf Details legt, zeigt sich beim Ensemble, das kleine Fischernetze als Halstuchersatz trägt.

Die Musik wird bestens umgesetzt von der siebenköpfigen Band, die in einer Versenkung in der Bühnenmitte untergebracht ist und somit sozusagen an Deck des Schiffs sitzt, das lediglich durch zwei Segel und ein paar Taue angedeutet wird. Ansonsten arbeitet Bühnenbildner Gerrit Jurda sehr viel mit Licht - vor allem mit Blau, Grün und Rot. Sehr effektvoll gelingt dabei der Auftritt der Geister, die hinter einem rot angestrahlten Gaze-Vorhang ihr Unwesen treiben und entsprechende Schatten werfen. Höhepunkt ist jedoch das Finale, bei dem sich Senta von den Klippen stürzt, die durch einen Metallpfeiler angedeutet werden, anschließend der rückseitige Vorhang unter Einsatz von Feuer fällt und Flutlichter das Auditorium erleuchten, so dass das geblendete Publikum nur noch die Umrisse von Senta und dem Holländer, die endlich zueinandergefunden haben, im Nebel erkennen kann.

Nun mögen eingefleischte Wagner-Liebhaber zwar die Nase rümpfen über die Rockversion des "Fliegenden Holländers", doch sollte dabei eins nicht vergessen werden: Wenn Star-Regisseure im Rahmen der Bayreuther Festspiele Wagners Opern in einem modernen Gewand völlig zweckentfremdet auf die Bühne bringen dürfen, ist es genauso legitim, eine Oper klassisch zu inszenieren und dafür die Musik dem heutigen Zeitgeist anzupassen. Vielleicht gelingt ja gerade mit einer Rockoper wie dem "Fliegenden Holländer", was Theaterpädagogen mit ihren jugendgerechten Programmen an Opernhäusern schon seit Jahren versuchen: Jugendliche auf die klassische Oper vorzubereiten und als Publikum von morgen zu gewinnen. Es dürfte sogar als sicher gelten, dass durch die Rockoper auch Menschen mit dem Stoff des “Fliegenden Holländers“ in Berührung kommen, die bislang noch kein Opernhaus von innen gesehen haben. Rüdiger Benz und sein Stuttgarter Team sind jedenfalls auf einem guten Weg - die Segel sind gesetzt.

(Text: Dominik Lapp)






Besetzung

Holländer Martin Berger
MaryTanja Gold
DalandPeter Kellner
Steuermann David Moore
ErikGino Pommerenke
SentaNoémi Schröder



Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


2 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


26997
Absolut sehenswert!

23.09.2008 - Ich fand den Holländer klasse. Sehr gute Sänger, eine tolle Band...wer natürlich ein echter Wagnerianer ist, der möge diese Show meiden. Es werden sehr unterschiedlichen Stimmen präsentiert, die nicht immer dem klassischen Ideal entsprechen. Die Geschichte des Holländers wird spannend präsentiert und zieht sich nicht so in die Länge, wie einer echte Wagneroper. Sie bringt die Thematik aber, die Wagner beschäftigte, eben vielen Menschen nahe, die sich ansonsten nie mit Wagner beschäftigen würden...eine gelungenes Konzept!

engel77 (erste Bewertung)


26996
Erwartungen nicht erfüllt

22.09.2008 - Die Rockfassung von Wagners Holländer war als grandioser Geniestreich angekündigt. Lebendig waren die Ensembles, die Zusammenarbeit mit jungen Musikschülern hat sich ausgezahlt. Die Profis enttäuschten leider zum Teil, viele der als pfiffig angekündigten neuen Dialoge hatten darstellerisch das Niveau mittelmäßigen Schülertheaters, besonders langweilig die männlichen Hauptdarsteller. Die Band war zu laut ausgesteuert, teilweise waren über der Musik gesprochene Szenen einfach nicht zu verstehen. Der Dirigent führte eine Art Ein-Mann-Ballett auf, anfangs war man geneigt, dass eine Art Dirigierparodie Teil der Show sei, von den hinteren Sitzen sah es aus wie ein Ausschnitt aus der Muppets-Show. Bemerkenswert gut sangen die Sopranistinnen des Chors, stimmlich deutlich präsenter als die weibliche Hauptdarstellerin. Fazit: ohne den jugendlichen Elan der Statisten und Chorsänger wäre es eine etwas steife Show geblieben. Es ist zu hoffen, dass in den künftigen Vorstellungen wenigstens die technischen Probleme - Band leiser, Stimmen besser hörbar - gelöst werden.
(gehört am 21.9.08)

vyvaldi (erste Bewertung)


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