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Berlinical

Linie 1

Haste 'mal Kleingeld?


Ohne Mauer, dafür mit Hartz IV. Das Stadttheater Bremerhaven katapultiert Volker Ludwigs 80er-Jahre-Revue über die Odyssee einer jungen Ausreißerin im West-Berliner U-Bahnnetz in die Bundeshauptstadt unter Kanzlerin Angela Merkel. Ein grandioses, spielfreudiges Ensemble trotzt einer schwachen Regie und einer lahmen Band.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:27.09.2008
Rezensierte Vorstellung:09.03.2009
Letzte bekannte Aufführung:14.06.2009


In den schmuddeligen, mit Graffiti-Kritzeleien verzierten Bahnhof rollt ein die gesamte Bühnenbreite einnehmender, zum Publikum hin offener U-Bahnwaggon. Schließen sich die rückwärtigen Türen, erscheinen auf deren milchigen Scheiben bewegte Lichter und Videoprojektionen (Alina Anghel), die die Illusion vermitteln, dass der Zug tatsächlich durch Berlin saust.

Regisseur Andreas Kloos setzt in diesem realistischen Bühnenbild (Marcel Zaba) allerdings weniger auf Authentizität, sondern peppt seine Inszenierung mit allerlei verwirrendem Firlefanz auf. So bevölkert ein zeitungslesender Eisbär Knut ebenso den U-Bahnkosmos wie Österreichs Kaiserin Sisi nebst Ehemann Franz Joseph, die in einer eingeblendeten Video-Traumsequenz ausgiebig über eine Sommerwiese mit wogenden Grashalmen tollen. Statt so alltäglicher Dinge wie Plastikbeutel, Umhängetasche oder Koffer transportieren in Kloos Inszenierung die Passagiere einen Trauerkranz, einen Fresskorb oder eine in Transparentfolie gewickelte, ausgestopfte Möwe. Und wenn die in folkloristische Gewänder gehüllte afrikanische Touristengruppe auf dem Bahnsteig den Fotoapparat zückt, dann posiert Bouletten-Trude in ihrer Imbissbude mit einem Maschinengewehr im Anschlag. Ob die Fastfood-Bräterin allerdings unbedingt von einem Mann gespielt werden muss, ist Geschmacksache.

Andere Figuren, wie die Göre Risi, und ganze Songs (Anmacher-Song, der Touristen-Song Linie 1) fallen dem Rotstift gleich ganz zum Opfer. Dafür kann das ältere Stadttheater-Stammpublikum zu Paul Linckes "Berliner Luft" als Rausschmeißer in die Pause mitklatschen, während die Jugend den Hip-Hopper (Marcel Pietruch) zu Sidos "Meine Stadt, mein Bezirk" einfach nur geil findet. Das passt immerhin zu der Verlegung der Stücks in die Hartz IV-Zeit, wobei dabei kräftig am Text gewerkelt werden musste. So kreisen jetzt Geier über dem Kudamm (Ersatz für die über die Mauer ziehenden Möwen) und die Willmersdorfer Witwen schimpfen über "Wowereit, das schwule Schwein". Auch wenn die U-Bahnlinie 1 ausschließlich den Westteil Berlins befährt, ist es äußerst befremdlich, dass dem im Programmheft nicht namentlich genannten Bearbeiter des Librettos nicht viel mehr als Ghetto-Kids mit "Was guckst du"-Sprüchen eingefallen sind. Gerade den hier um einen kahlköpfigen Anarcho-Schläger ergänzten deutschnationalen Witwen traut man auch Anti-Ossi-Sprüche zu. Außerdem sollten Aktualisierungen besser recherchiert werden: Wenn vom "ehemaligen" Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin geredet wird, dann sollte zumindest seine Dienstzeit verstrichen sein. Tut sie aber erst am 30. April 2009.

Choreograf Sergei Vanev betont in den Tänzen das Revuehafte der Vorlage, wobei die Schrittkombinationen und Hebefiguren im Song "Wenn die Liebe erwacht" wenig zu den rockigen Klängen der Band passen. Immerhin geben die Musiker unter der Leitung von Peter Stolle in dieser Nummer einmal so richtig Gas. Ansonsten erklingt Birger Heymanns Musik wie bei "Du sitzt mir gegenüber" kraftlos in behäbigen Arrangements wie für eine Tanzkapelle.

"Linie 1" ist in Bremerhaven der Abend von Kay Krause. Der Darsteller zeigt facettenreich in einer Vielzahl von Rollen, welch brillanter Schauspieler er ist. Als vom Leben gezeichneter Penner Schlucki ist er ebenso ein Ass wie als frustrierter Ehemann Dieter oder als Willmersdorfer Witwe mit morbidem Charme. Dabei hat er wenig Chancen, im Sologesang zu glänzen. Im Gegensatz zu Krause kann Günter Pirow als rollstuhlfahrender Rentner Hermann stimmlich richtig punkten. Mit kräftigem Bariton schwärmt er trotz kalter Wohnung und Mini-Rente „Es ist herrlich zu leben“. Mit Sonja Dengler als Mädchen wartet die Show mit einer sympathischen Darstellerin auf, der man schon im Auftrittslied „6 Uhr 14 Bahnhof Zoo“ das mit der Metropole zunächst total überforderte Provinzküken perfekt abnimmt. Stark auch die Leistung von Ben Jung, der gemeinsam mit Laina Schwarz in scheußlichen-schönen Achtziger-Jahre-Outfits (Kostüme: Marcel Zaba) eine gekürzte Fassung von „Fahr mal wieder U-Bahn“ zum Besten gibt. Seine Wandlungsfähigkeit beweist Jung als gerissener Dealer Bambi, um in der nächsten Szene als knallharter Kontrolleur die Fahrgäste zu schikanieren.

Wem "Linie 1" in dieser Aufführung zum ersten Mal begegnet, der mag das Stück für einen brandaktuellen Blick auf die Gegenwart halten. Die Qualität von Buch und Musik ist zeitlos, da richten auch krampfhafte Aktualisierungsversuche nur wenig Unheil an.


(Text: kw)






Kreativteam

Inszenierung Andreas Kloos
Musikalische Leitung Christoph Hornischer
Ausstattung Marcel Zaba
Choreografische Mitarbeit Sergei Vanaev
Produktion der Videoeinspielung Alina Anghel


Besetzung

MädchenSonja Dengler
Lola, Frau mit Einkaufswagen, Frau mit Katzenkorb u.a.Heike Eulitz
Lady, Sozialistin u.a.Hella-Birgit Mascus
Lumpi, Rita, Sängerin u.a.Jana Horst
Laina Schwarz
Bisi, Maria u.a.Anika Pinter
Kleister, Johnnie, Kontrolleur u.a.Dominik Breuer
Junge, Verwirrter u.a.Sebastian Brummer
Erich, Mondo u.a.Klaus Ebert
Guido Fuchs
Bambi, Sänger, Kontrolleur u.a.Ben Jung
Schlucki, Bouletten-Trude, Dieter u.a.Kay Krause
Mücke, Hermann u.a.Günter Pirow
Hip-HopperMarcel Pietruch
Die Band

Keyboard Peter Stolle
Nicolai Thein
Bass Stefan Endrigkeit
Gitarre Matthias Straß
Jochen Bens
Drums Olaf Satzer
Saxophon Martin Pawassar



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